Schlagersänger*in zu sein ist ein mühsamer Job – aber diese beiden lieben ihn

Egal, ob bei Dorffesten, Betriebsfeiern oder Hochzeiten: Ständig sorgen Schlagersänger*innen auf kleinen Bühnen für Partystimmung. Wie sieht so ein Musiker*innendasein aus? Wir haben zwei junge Schlagersänger zwei Monate lang begleitet.

„Shalalalala, I love you, honey“ – Schritt, Schritt, Sprung, sehnsuchtsvolle Geste Richtung Publikum – „diese Nacht ist perfekt für uns beide gemacht!“ Eine Dreiviertelstunde vor ihrem Auftritt gehen Justin Winter und Christopher Held ein letztes Mal die Choreographie zu ihrem Song durch. Im finsteren Flur einer Mehrzweckhalle tanzen sie über die Fliesen, führen imaginäre Mikros an den Mund und singen Playback ins Nichts: „Kannst du das Fieber spür’n? Kannst du’s spür’n?“ Manager Lothar Franke kommentiert ihre Performance: „Jetzt ist eh nüscht mehr zu retten.“ Dann läuft er mit seinen Schützlingen die Treppe hinab. Zur Bühne, dem Licht entgegen. Showtime.

In Vilshofen an der Donau findet am letzten Samstag im Oktober die Schlager-Trophy 2018 statt. 500 Zuschauer*innen werden zu dem Wettbewerb erwartet. Per Votingzettel dürfen sie gemeinsam mit Online-Abstimmenden und einer Jury darüber entscheiden, welcher von 14 Acts die Trophäe abräumt. Wer gewinnt, darf sich „Stimme des Jahres“ nennen; eine Geldprämie gibt es in diesem Jahr nicht. Dafür etwas, das in der hoffnungsfrohen Welt des Schlagernachwuchses fast ebenso viel Wert besitzt: Aufmerksamkeit. In ein paar Wochen wird die Aufzeichnung des Wettbewerbs auf Spartensendern im DACH-Raum sowie in Kanada ausgestrahlt.

Wer das Publikum in Vilshofen begeistert und den Kameras eine gute Show liefert, steigert seine*ihre Chancen, in der Branche aufzufallen. Ein Sieg kann für mehr Buchungen sorgen, er kann die Saat für schillernde Karrieren sein. Ein verpatzter Auftritt mag hingegen den Hinweis liefern, ob man den Traum vom Schlagersänger*innendasein überdenken sollte.

Die Publikumsränge sind voll besetzt, der Applaus ist dröhnend. Justin und Christopher warten am Rand auf ihren Einsatz. Auf der Bühne wettstreiten nicht nur Newcomer*innen, sondern auch Künstler*innen, denen der große Durchbruch jahrelang verwehrt blieb. Mit 25 und 24 Jahren gehören Justin und Christopher zu den jüngsten Teilnehmer*innen, unter den Duos sind sie das unerfahrenste. Die einmalige Kollaboration zwischen Justin und Christopher hat ihr gemeinsamer Manager Franke erst vor wenigen Monaten eingefädelt. Normalerweise treten die zwei als Einzelkünstler auf – Justin hat sich bereits mit TV-Auftritten einen Namen als Gute-Laune-Sänger gemacht, Christopher startet zurzeit eine Karriere mit eher gefühligeren Songs. Umso größer ist jetzt die Anspannung.

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Nachschminken vor dem großen Auftritt. Foto: © Mark Heywinkel / ze.tt

Christopher macht am meisten zu schaffen, dass er Playback singen muss. „Es ist viel schwerer, nur so zu tun, als würde man singen.“ Justin tippelt von einem Bein aufs andere. Er belegte im Vorjahr den dritten Platz, diesmal soll mehr gehen. „Wir sind dran.“ Schulterklopfen von den Kolleg*innen, kurzes Nachschminken. Raus auf die Bühne.

Wen Auftritte vor Möbelhäusern nerven, kommt nicht weit

Eine Karriere im Schlager erträumen sich viele. Und der Bedarf an Sänger*innen scheint zunächst groß zu sein: Laut einer YouGov-Umfrage stehen 55 Prozent der Deutschen auf Schlager. Die Menschen feiern dazu auf Malle, beim Après-Ski, auf Dorffesten, in Berliner Arenen und auf Hochzeiten. Besonders beliebt ist die Musik bei Älteren, 77 Prozent der Schlagerfans sind über 55-Jährige. Das ist eine Zielgruppe, mit der sich Geld verdienen lässt, weil sie noch CDs kauft. Doch die große Konkurrenz an Künstler*innen erschwert den Job.

„In Deutschland sind Tausende unterwegs, die sich im selbst gemachten Outfit in Festzelten oder auf Hochzeiten ihr Publikum erspielen“, sagt Ken Otremba, Chef des Musiklabels Telamo. In Otrembas Münchner Büro trudeln wöchentlich circa zehn Demotapes von Nachwuchskünstler*innen ein. „Um aus der Masse herauszustechen, braucht man einen wirklich außergewöhnlichen Song und Ausstrahlung“, sagt er. „Und man muss glaubhaft Leidenschaft vermitteln können. Die Leute merken schnell, ob jemand es ernst meint oder nur halbherzig bei der Sache ist.“ Gute Laune und Wohlfühlen ist Programm.

Isabel Krämer gehört zu denen, die für gute Laune sorgen können. Mit einem breiten Lächeln und ihrem Partytitel 100. 000 Farben gewann sie im vergangenen Jahr die Schlager-Trophy. „Mit der Siegprämie konnte ich mein nächstes Musikvideo finanzieren“, berichtet die Hannoveranerin. Auch hilfreiche Kontakte habe sie bei der Veranstaltung geknüpft. „Durch meinen Sieg hat sich dann auch die Zusammenarbeit mit meinem derzeitigen Produzenten ergeben.“ Im Sommer trat Krämer wiederholt bei Immer wieder sonntags im Ersten auf, zurzeit arbeitet sie erstmals an eigenen Songs. In einem mit ihrem Konterfei beklebten Viertürer klappert sie Feuerwerkswettbewerbe, Karnevalsfeiern und Betriebsfeste ab.

Wenn man um 13 Uhr vor einem Möbelhaus auftritt und die Leute ansieht, die davor stehen, dann muss man das mögen.

Ken Otremba

Viele Auftritte absolvieren, Stimmung machen, Fans gewinnen: Das ist essenziell, um es eines Tages in die Riege einer Helene Fischer oder wenigstens eines Micky Krause hinaufzuschaffen. „Der Vorteil im Schlager ist, dass es für diese Musik noch Plattformen gibt“, stellt Ken Otremba fest. TV-Sendungen wie der ZDF Fernsehgarten, Immer wieder sonntags, Nachwuchswettbewerbe wie die Schlager-Trophy oder Schlagerradiosender – im Vergleich zum Rock und Pop könne man sich bei vielen Gelegenheiten einen Namen machen.

Entscheidend sei dabei das Durchhaltevermögen. „Auch Künstler wie Andrea Berg, die Amigos oder die Flippers sind jahrelang unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgetreten“, sagt Ken Otremba. Das liege nicht jedem. „Wenn man in dieses Genre hinein will, dann muss man sich bewusst machen, in welche Lebenswelt man eintaucht. Wenn man um 13 Uhr vor einem Möbelhaus auftritt und die Leute ansieht, die davor stehen, dann muss man das mögen.“

Senior*innen mampfen Würste, Kinder lassen sich Arme eingipsen

Justin und Christopher bestreiten in Vorbereitung für die Schlager-Trophy möglichst viele Veranstaltungen. Vergangenen August reisen die beiden ins brandenburgische Wittenberge. Beim Landfest wollen sie ihr Duett Ich will mit dir tanzen und ihre dafür erdachte Choreographie erstmals live vor Publikum testen. Ein Schlagerradiosender hat die zwei für sein Programm gebucht.

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In Wittenberge ist das Wetter am Vormittag noch trist, später klart es auf. Foto: © Mark Heywinkel / ze.tt

Im hinteren Bereich der Bühne mustern Justin und Christopher gemeinsam mit drei weiteren Künstler*innen argwöhnisch den Himmel. Zwar zeigt das Thermometer 20 Grad Celsius an. Doch ein kühler Wind treibt gegen die Bühne, die Wolkenwand wird dichter. An 26 Biertischen sitzen den Künstler*innen ein Dutzend Senior*innen gegenüber. Ein paar trinken Bier und essen Bratwürstchen von den Ständen nebenan. Sie sehen nicht so aus, als würden sie bei dem Wetter lange ausharren wollen. „Verdammt“, flucht einer der Sänger, als die ersten Tropfen fallen, „ich habe fünf Sonnenscheinsongs mitgebracht. Und jetzt das.“

Justin und Christopher ist das Wetter egal, sie konzentrieren sich auf ihren ersten gemeinsamen Auftritt. Ihre Outfits sind aufeinander abgestimmt: Justin ist komplett in Weiß mit schwarzer Fliege gekleidet, Christopher trägt eine weiße Krawatte zu seinem neuen schwarzen Hemd vom Herrenausstatter. Outfit, Anreise, Übernachtung: Jedem Auftritt geht eine Kosten-Nutzen-Kalkulation voraus. „Wäre ich allein gebucht worden, hätte sich die Anreise aus Lingen nicht gelohnt“, sagt Christopher. „Aber wir müssen uns kennenlernen und einspielen, das ist es wert.“

Der Auftritt vergeht wie im Flug, den Applaus der wenigen Zuschauer*innen trägt der Wind davon. Zum Glück klart es am Nachmittag auf, die zwei dürfen ihren Song erneut performen. Diesmal gucken mehrere Hundert Menschen zu. Danach steht Autogrammeschreiben und Smalltalk auf dem Programm. Am nächsten Tag müssen Justin, ausgebildeter Hotelfachmann, und Christopher, Intensivpfleger im Krankenhaus, wieder ihrem Brotjob nachgehen. „Fürs nächste Mal kaufst du dir aber schwarze Schuhe, Christopher?“, mahnt Manager Franke noch. „Dunkelblau zu Schwarz, das passt nicht.“

Man darf sich nicht zu sehr kategorisieren, sonst schränkt man seinen Horizont ein.

Christopher Held

Zwei Wochen später hat sich Christopher die gleichen Sneakers wie Justin zugelegt. Diesmal bespielen die Sänger eine kleine Bühne beim Fest eines Krankenhauses. Das Wetter in Berlin-Zehlendorf ist sommerlich. Neben Senior*innen sitzen auch einige Familien vor der Bühne. Kinder mit eingegipsten Armen spielen Fangen, den Gipsarm haben sie an einem der Stände als Attraktion verpasst bekommen.

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Beim Publikum in Berlin kommen die Schlagersongs gut an. Foto: © Mark Heywinkel / ze.tt

Der Bühnenmoderator reißt Sprüche über das Gewicht eines Technikers. Die Leute lachen. Justin und Christopher kümmern sich nur um Justin und Christopher. „Dieser Rhythmus ist wie heiße Glut“, singen sie, „love is in the air, ich liebe das Leben.“ Diesmal wirkt die Choreographie sicherer, ihr Song kommt beim Berliner Publikum gut an. „Tolle Jungs“, kommentieren eine Mutter und ihre Tochter den Auftritt. „Sehen gut aus, können toll tanzen und der Text ist super zum Mitsingen.“

Ich tu‘ mich nicht schwer mit Texten. Unter zwei Stunden schaff ich’s immer.

Sabina Reithofer

Die Musik zu Ich will mit dir tanzen stammt von Franco Ferraro, der auch schon mit Stefanie Hertel und Ross Antony arbeitete. Sabina Reithofer hat den Text dazu geschrieben. 40 Minuten hat die Österreicherin für die Zeilen gebraucht. „Ich konnte mit vier lesen und mit sechs habe ich meine ersten Gedichte geschrieben“, erzählt sie. „Ich tu‘ mich nicht schwer mit Texten. Ich liebe das Spiel mit Worten. Unter zwei Stunden schaff ich’s immer.“ Vor allem, wenn es sich um Songs „mit Wumf“ handele, wie sie sagt.

Justin liebt Gute-Laune-Schlager. „Ich will die Leute einfach unterhalten“, sagt er nach dem Auftritt in Berlin. Statt tiefsinnige Verse zu singen, steigt er lieber zum Publikum auf den Biertisch. „Anders als im Pop, Rock und Rap sind Schlagersongs nicht besonders persönlich. Die Songs müssen Spaß machen. Es geht im Schlager darum, dieses Heile-Welt-Produkt zu verkaufen“, sagt Justin. Christopher steht privat nicht auf Partyschlager. Nun selbst so einen Song zu singen, schiebt er auf seine musikalische Neugier. „Man darf sich nicht zu sehr kategorisieren, sonst schränkt man seinen Horizont ein. Das alles ist ein Abenteuer, weil die Umstände ganz neu für mich sind.“

Wer nicht buhlen kann, kommt nicht weiter

Bei der Schlager-Trophy in Vilshofen erreicht das Abenteuer der beiden Sänger seinen vorläufigen Höhepunkt. „Shalalalala, I love you, honey“ – Schritt, Schritt, Sprung, sehnsuchtsvolle Geste Richtung Publikum – „ich will mit dir tanzen, bis der neue Tag erwacht!“ Für die Abschlusspose sinken sie auf die Knie. Der Applaus donnert unter die Decke der Mehrzweckhalle. Aus einer der hinteren Reihen geben zwei Fans sogar grölend Standing Ovations.

In der Pause vor der finalen Entscheidung kommen die lauten Fans Julia und Achim auf die Sänger zu, sie tragen Shirts mit der Aufschrift „Justin-Winter-Fanclub Bayern“. 70 Mitglieder umfasse der Club zurzeit. Die zwei sind aus Franken angereist, andere Zuschauer*innen haben eine zehnstündige Fahrt von Bremen hinter sich, um bei der Schlager-Trophy ihre Stars zu sehen. Justin und Christopher stehen in der Eingangshalle hinter einem Tisch, schäkern mit dem Publikum, unterschreiben Autogramme und preisen CDs und Wandkalender an.

Die Zuschauer*innen laufen von Stand zu Stand, essen Stullen mit Käse und Lachs und knipsen Fotos. Es herrscht Flohmarktstimmung. Ein Schlagersänger bewirbt lautstark seine neuen Schlüsselanhänger. Ein Duo spielt a cappella zwei Songs auf der Gitarre. Marktschreierei gehört auch zum Schlagersänger*innendasein. Justin kann das gut, tanzt mit Senior*innen, posiert für Fotos.

Eine halbe Stunde später stehen alle 14 Acts der Schlager-Trophy wieder auf der Bühne. Eine Jurorin trägt den Umschlag mit dem Votingergebnis nach vorne, der Moderator bauscht die Spannung künstlich auf. Justin und Christopher stehen Arm an Arm in der Mitte der Bühne und fiebern bei der Platzvergabe mit. Dritter, zweiter, erster.

Falls sie enttäuscht sind, nicht gewonnen zu haben, lassen Justin und Christopher es sich nicht anmerken. Nur ein paar Stimmen fehlten am Ende für den Einzug in die Top drei. „Schwamm drüber“, sagt Justin. Sie gratulieren dem Gewinnerduo Salvatore e Rosario mit einem breiten Lächeln. Auch Salvatore e Rosario sind erst seit etwas mehr als einem Jahr aktiv, aber ihre Karriere hat bereits an Fahrt aufgenommen. Ihre Single landete in Schlagerhitparaden, bei der Versteckten Kamera wurden sie von Stefan Mross reingelegt. Das hat für Aufmerksamkeit und Fans gesorgt.

Nach der Schlager-Trophy nehmen Salvatore e Rosario in der Eingangshalle der Mehrzweckhalle Abschied. „Ihr habt euch das verdient“, sagt Justin. „Du hättest es auch verdient“, geben Salvatore e Rosario zurück, während ihre Handys surren. Die nächsten Termine warten schon. Die Künstler*innen verschwinden in der Nacht. Das Ringen um Aufmerksamkeit geht weiter.