Schlimmste humanitäre Krise weltweit: Wie sich die Lage im Jemen durch Corona verschärft

Im Jemen herrscht laut der UN die schlimmste humanitäre Krise weltweit. Wir erklären dir hier kurz und bündig, was sich im Land durch die Verbreitung von Sars-CoV-2 verändert.

Disinfection works at the old city of Sanaa
Am 13. April gab das jemenitische Gesundheitsministerium den ersten Corona-Fall bekannt. Foto: © picture alliance/Hani Al-Ansi/dpa

Im Jemen herrscht Krieg und das schon seit fünf Jahren. Hinzu kommt eine starke Ausbreitung infektiöser Erkrankungen wie Cholera, Malaria, Denguefieber und mittlerweile steigen auch die Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten. Da es an medizinischem Personal, Ausrüstung und sogar sauberem Trinkwasser mangelt, befindet sich das Land nach Angaben der UN in der schlimmsten humanitären Krise weltweit.

Was passiert eigentlich im Jemen?

Beginnen wir ganz am Anfang: Wo liegt eigentlich der Jemen? Die Republik befindet sich im Süden der Arabischen Halbinsel und ist etwa anderthalbmal so groß wie Deutschland.

Seit Jahrzehnten ist der Jemen eine politisch unruhige Region, in der Machtkämpfe immer wieder eskalieren. Abdullah Saleh regierte die Republik 30 Jahre lang. Er selbst ist Zaidit – eine Sonderform unter den Schiit*innen. Während des arabischen Frühlings musste er zurücktreten und der sunnitische Abed Rabbo Mansur Hadi folgte ihm nach. 2014 stürmten die Huthi-Rebell*innen die Hauptstadt und zwangen die Regierung ins Exil.

Aber nur die Religion verantwortlich für den Krieg zu machen, wäre zu einfach. Screenshot Youtube
Grundsätzlich ist der Konflikt ein Stellvertreterkrieg zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien, aber eben nicht nur. Screenshot: Youtube

Um den Konflikt zu verstehen, muss man wissen, dass fast alle Einwohner*innen des Jemens muslimisch sind. Der größte Teil davon sunnitisch, jedoch 30 bis 45 Prozent schiitische Zaidit*innen. Seit Jahrhunderten werden Kriege auf der ganzen Welt zwischen Schiit*innen und Sunnit*innen geführt.

Doch den Krieg im Jemen nur auf die Religion herunterzubrechen, wäre falsch. Schließlich war Abdullah Saleh selbst Zaidit und ging trotzdem gegen die zaiditischen Huthi-Rebell*innen vor. Tatsächlich aber wird der Bürgerkrieg durch mehrere, quer verlaufende Konfliktlinien bestimmt.

Im Februar 2017 schlossen sich außerdem die USA und Großbritannien dem Konflikt an, indem sie die saudische Allianz mit Waffen und Know-how unterstützten. Und auch die deutsche Bundesregierung genehmigte Waffenexporte.

Terrorgruppen und Geflüchtete

Als wäre das nicht schon kompliziert genug, versuchten auch extremistische Gruppen wie Al-Kaida und der sogenannte Islamische Staat, den Konflikt für sich zu nutzen, um ihre Macht im Land auszubauen. Zusätzlich flüchteten Tausende Menschen über das Meer nach Jemen. „Trotz des andauernden Konflikts schätzen die UN, dass pro Monat 10.000 Migranten in den Jemen kommen“, sagte Olivia Headon von der Internationalen Organisation für Migration im Jahr 2017.

Auf Krieg folgt humanitäre Krise

Der Krieg hat den Jemen zu einer fruchtbaren Umgebung für Cholera gemacht, eine bakterielle Infektion, die sich durch mit Fäkalien verunreinigtes Wasser verbreitet. Aufgrund von Müll und nicht funktionierenden Abwassersystemen verbreitete sich die Infektion im Trinkwasser. Im April 2017 folgten zudem starke Regenfälle und kurbelten die Kontamination der Brunnen an.

Eigentlich ist Cholera keine tödliche Krankheit und kann mit Antibiotika relativ schnell in den Griff bekommen werden. Durch die starke Unterernährung von Kindern im Land und fehlende Behandlungsmöglichkeiten breitet sich Cholera aber wie eine Epidemie aus und fordert zahlreiche Todesopfer.

Wie beeinflusst die Corona-Krise den Jemen?

Seit der Ausbreitung von Sars-CoV-2 hat sich die Lage im Jemen zusätzlich verschlechtert. Offiziell sind im Jemen knapp 900 Infizierte gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen, da der von den Huthi-Rebellen beherrschte Norden kaum Angaben zu seinen Corona-Fällen macht. Dem Huthi-Gesundheitsminister Taha al-Motawakel zufolge, habe es bisher nur vier Fälle und keine Todesfälle in ihrer Region gegeben. Auch behauptete er, der Jemen könne bald einen Impfstoff gegen das Virus entwickeln, wie der Spiegel berichtet.

Wie steht es zurzeit um die medizinische Versorgung?

Einer Untersuchung der Hilfsorganisation Handicap International zufolge, sind mittlerweile bereits mehr als die Hälfte der medizinischen Einrichtungen im Land nicht mehr betriebsfähig. UN-Sprecher Rupert Colville berichtete vergangenen Freitag in Genf von Krankenhäusern, die Menschen mit hohem Fieber und Atembeschwerden abwiesen. Es gäbe kaum Betten in den Krankenhäusern, kaum medizinische Gerätschaften, wenig Personal und so gut wie keine Medizin. Zudem gäbe es kaum Zugang zu sanitären Einrichtungen und sauberem Wasser. Colville betonte, ohne weitere internationale Finanzhilfen müssten mehr als 30 von 41 UN-Hilfsprogrammen ihre Unterstützung einstellen.

Was muss getan werden?

Um die benötigte Hilfe für den Jemen leisten zu können, benötigen die UN und ihre Partnerorganisationen aktuell 2,4 Milliarden US-Dollar (2,12 Milliarden Euro). UN-Angaben nach sind 80 Prozent der 30 Millionen Einwohner im Jemen auf Hilfe zum Überleben angewiesen. Anfang Juni, auf einer von den UN und Saudi-Arabien organisierten Geberkonferenz, kamen immerhin bereits Zusagen von 1,35 Milliarden US-Dollar (1,19 Milliarden Euro) zusammen. Bislang seien davon aber erst 637 Millionen US-Dollar (563 Millionen Euro) überwiesen worden, wie das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe dem Nachrichtendienst epd mitteilte.

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