Schnitzel vom Knastkocher: Roberts geheime Haftraumküche

Insgesamt 28 Jahre saß Robert* (59) im Gefängnis. In seiner Zelle richtete er sich heimlich eine kleine Küche ein – mit Fritteuse und Herdplatte. Ein Protokoll

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Aschenbecher, Tee und Schnitzel. Foto: © privat

Selbst kochen und backen ist im Gefängnis nicht unbedingt nötig. Die Haftanstalten sind verpflichtet, den Insass*innen drei Mahlzeiten am Tag zur Verfügung zu stellen. Auch Robert beschäftigte sich zu Beginn seiner Haftzeit wenig mit Kochen und Backen. ze.tt hat er erzählt, warum sich das geändert hat, welchen Stellenwert Essen im Gefängnis hat und wie er zum inoffiziellen Auftragsbäcker der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel wurde. 

Insgesamt war ich 28 Jahre im Gefängnis. Vor der Wende saß ich in Stücken ein paar Jahre im Osten, danach zwei Jahre im Westen – wegen Diebstahl und Betrug. Von 1991 bis 1998 war ich draußen. In dieser Zeit war ich selbstständig und habe eine Familie gegründet. Dann saß ich wegen eines Gewaltdelikts 14 Jahre in Tegel. Nachdem ich frei war, bin ich in eine dumme Sache geraten und war dann nochmal fünfeinhalb Jahre in Tegel. Mehr will ich dazu nicht sagen. Seit Dezember 2019 bin ich wieder frei.

Anfangs habe ich im Gefängnis viel gelesen. Ich habe mich viel mit dem Christentum und Buddhismus auseinandergesetzt. Mit Kochen und Backen habe ich während meiner 14-jährigen Haftstrafe angefangen. Das sind zwei der sinnvollsten Dinge, die du im Knast machen kannst. So bekommst du die Zeit rum. Essen war für mich nach dem Schlafen das Wichtigste. Du hast ja sonst keine großen Highlights im Gefängnis. Vieles ist verboten. Beim Kochen hast du Gestaltungsspielraum. Du kannst Dinge kontrollieren und entscheiden. Das ist im Gefängnis selten. Außerdem hast du bessere Laune, wenn du etwas Vernünftiges zu essen hast.

In Teilanstalt 3 der JVA Tegel kamen 30 Knackis auf einen Herd.

Grundsätzlich musst du im Gefängnis nicht kochen – es gibt drei Mahlzeiten am Tag, die du alleine in deinem Haftraum zu dir nimmst. Die Qualität des Anstaltsessens schwankt aber stark. Es gab Tage, da konntest du das Essen über die Reling kippen. Am schlimmsten war der Kohlrabi-Eintopf. Es gab vielleicht zwei Mahlzeiten in der Woche, die ich als guten Durchschnitt bezeichnen würde. Sonntags ist immer Fleischtag oder zumindest ein Tag, an dem sie sich in der Küche Mühe geben.

Der Zustand der öffentlichen Küchen

In Tegel gibt es in jeder Teilanstalt eine Küche. Ich war in der Teilanstalt 3. Dort kamen 30 Knackis auf einen Herd mit Backofen. Kochen und Backen kannst du dort nur während der Aufschlusszeiten, also den Teilen des Tages, in denen du nicht arbeitest und nicht eingeschlossen bist. Die Grundreinigung der Küchen übernehmen die Hausarbeiter. Das sind Knackis, die von der Anstalt eingesetzt werden. Aber sonderlich sauber sind die Küchen nicht. Manche lassen das Zeug lange stehen, bevor sie es aufräumen oder putzen nicht richtig.

Außerdem kannst du dich in den öffentlichen Küchen nicht darauf verlassen, dass du in Ruhe zu Ende kochen oder backen kannst. Ein Beispiel: In deiner Teilanstalt prügeln sich ein paar Leute. Dann wird Alarm ausgelöst und alle müssen zurück in die Zellen. Du hast aber noch deinen Kuchen im Ofen. Der verbrennt dann. Meistens konnte ich den Justizwachtmeistern noch sagen: Macht mal den Ofen aus. Dann war er eben nicht ganz durch. Ich hab ihn dann immer Alarmkuchen genannt.

Der Knastkocher

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Robert* im Juni 2020. Foto: © Manuel Bogner

Im Gefängnis hängt viel von deinen Beziehungen und deinem Verhältnis zu den Beamten ab. Die schauen sich an, mit wem sie es zu tun haben. Unterm Strich wussten sie bei mir: Der macht keinen Stress. Ich saß in meiner Zelle und hab keinem Menschen was getan. Also hatte ich gewisse Freiheiten und konnte in meiner Zelle kochen. Das ist eigentlich verboten, aber meistens haben mich die Beamten eben in Ruhe gelassen. 

Der einfachste Weg, etwas zu erhitzen, ist der sogenannte Knastkocher. Du füllst Öl in eine leere Dose und steckst ein paar Dochte rein. Das können zum Beispiel Schnürsenkel sein. Das rußt ziemlich, aber ist besser als nix. Ich hatte eine zeitlang sogar eine Herdplatte und eine Fritteuse. Wie ich da rangekommen bin, will ich nicht sagen. Die Generationen nach mir sollen ja auch eine Chance haben. Wenn hier die Details stehen, wird die Gefängnisleitung das unterbinden.

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Schnitzel aus der Haftraumküche. Foto: © privat

Wenn ich einen Obstkuchen gemacht habe, konnte der schon teuer werden. Für einen mit Kirschen ging nix unter zwei Päckchen Tabak. 

Ich habe zum Teil Spritzkuchen und Schnitzel frittiert. Natürlich riecht man das und wenn die Beamten gewollt hätten, hätten sie mir alles wegnehmen können. Du solltest die Sachen nicht offen im Haftraum stehen haben. Nach dem Kochen habe ich alles weggeräumt und etwas bedeckt. So habe ich den Beamten die Chance gegeben, es absichtlich übersehen zu können. Wenn die Herdplatte oder Fritteuse offensichtlich auf meinem Tisch gestanden hätte, hätten sie keine Wahl gehabt und es mitnehmen müssen. Die haben da auch ein bisschen Ermessensspielraum. Und natürlich haben sie ab und zu von mir auch ein Stück Kuchen bekommen.

Woher die Lebensmittel kommen

Inhaftierte dürfen zweimal im Monat Lebensmittel bestellen. Es gibt Einkaufslisten, auf denen du Sachen ankreuzen kannst. Die Lieferung übernimmt Edeka. Natürlich gibt es Beschränkungen. Alkohol ist verboten, aber auch Tiefkühlkost, weil man sie nicht vernünftig lagern könnte. Die Nahrungsmittel behältst du entweder im Haftraum oder außerhalb in verschließbaren Kühlschrankfächern. Bezahlt wird mit deinem Taschengeld oder deinem Lohn. Wer nicht arbeitet, bekommt 32 Euro in der Woche. Die Arbeiter erhalten je nach Lohnstufe ein Gehalt, das von 180 bis 500 Euro im Monat variiert. Davon dürfen sie 3/7 für Einkäufe ausgeben. Der Rest kommt auf ein anderes Konto, das zum Beispiel auch gepfändet werden kann. Ich würde sagen, dass die Lebensmittel teurer als draußen sind und die Qualität der frischen Lebensmittel schlechter. Wenn du ein Netz Zitronen kaufst, ist die Hälfte am nächsten Morgen schon verschimmelt. Zutaten wie Mehl, Butter oder Eier halten länger. Deswegen hab ich mich auf Kuchen spezialisiert.

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Selbstgebackenes. Foto: © privat

Die Rezepte hab ich mir aus Kochbüchern aus der Bibliothek geholt und mit dem Smartphone aus dem Internet. Handys sind zwar offiziell verboten, aber viele haben eins. Ich sage dazu nur, dass Beziehungen helfen – wie draußen auch.

Oft habe ich in meiner Zelle das aufgewertet, was aus der Anstaltsküche kam. Wenn es Pellkartoffeln gab, hab ich sie in Scheiben geschnitten und gebraten. Wenn das Gemüse in schlechten Soßen schwamm, hab ich es gewaschen, neu gewürzt und nochmal gebraten. Bei mir hieß das dann Mischkost.

Wie ich zum Knastbäcker wurde

Wir Knackis haben uns untereinander auch geholfen. Wenn es zum Beispiel für jeden einen Apfel gab, haben vier oder fünf Leute zusammengelegt und ich habe dann daraus einen Apfelkuchen für alle gebacken. Oder wenn ich nachts nicht schlafen konnte, habe ich Spritzkuchen in meiner Zelle frittiert. Die konnte ich dann zum Beispiel mit Kiffern gegen Gras tauschen. Im Gefängnis hat sich natürlich rumgesprochen, dass ich backe. Da kamen dann manchmal auf Aufträge. Bezahlt wurde dann in Tabak. Das ist die Knastwährung. Die Preise haben variiert. Wenn ich einen Obstkuchen gemacht habe, konnte der schon teuer werden. Für einen mit Kirschen ging nix unter zwei Päckchen Tabak. 

* Name geändert