Schön mit Bart – Diese Frau möchte Schönheitsideale überwinden

Harnaam Kaur ist eine Frau und hat einen Bart. Lust darauf, ihn zu rasieren, hat sie keine. Denn die Zeit, die sie lange mit Haarentfernung verbrachte, nutzt sie lieber, um die Vielfalt unterschiedlicher Körper zu zelebrieren.

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Jede*r sollte sich in der eigenen Haut wohlfühlen, findet Harnaam Kaur. Foto: Harnaam Kaur / Collage: Elif Kücük / ze.tt

In den Spiegel hat Harnaam schon immer ganz genau geschaut. Früher, um auch das letzte Haar mit dem Rasierer zu erwischen. Heute, um sich zu vergewissern, dass sie nicht nur träumt, dass sich ihr Leben gewandelt hat. Mit elf Jahren wuchs der Engländerin ein Bart. Das Polyzystische Ovar-Syndrom bescherte ihr die gleiche Haarpracht wie den pubertierenden Jungs aus ihrer Klasse. Der Unterschied zu ihren Mitschülern: Sie wurde dafür gemobbt. Harnaam schämte und versteckte sich so lange bis sie verstand, dass die Wurzeln ihrer Probleme nicht unter ihrer Haut liegen, sondern in dem beschränkten Denken ihrer Mitmenschen. Mit 16 legte sie den Rasierer beiseite.

Heute ist Harnaam 27 Jahre alt und laut Guinessbuch der Rekorde die jüngste Frau mit Vollbart. Ihre wahre Spitzenleistung ist jedoch, die Menschen zu stärken, die sich nicht in einer Schublade der Gesellschaft verordnen können – und vor allem genau das nicht wollen. Mit langen Texten auf in ihren Social-Media-Kanälen und normbrechenden Bildern zeigt sie, wie liebenswert und wunderschön Vielfalt ist. Anstatt sich und ihre Körperhaare zu verstecken, feiert Harnaam einfach den Menschen, der sie ist und will, dass andere die Party mitfeiern. Wir haben die Aktivistin getroffen und mit ihr über Beautyprodukte und Anfeindungen gesprochen.

zett: Wie lange hast du heute im Bad gebraucht?

Haarnam Kaur: Ungefähr eine halbe Stunde. Mit meinem Make-up bin ich schnell fertig, dann noch ein bisschen naturbelassenes Öl in meinen Bart – das war’s. Alle Produkte, die in meinem Badschrank sind, stehen dort, weil sie mich glücklich machen. Make-up ist für mich kein Muss, aber ich mag es, mein Aussehen zu betonen. Als Teenager war das anders. Jeden Morgen habe ich meinen Bart rasiert, gewachst oder Haare gebleicht, abends bin ich mit Suizidgedanken ins Bett. Glückliche Blicke in den Spiegel gab es nicht.

Jeden Morgen habe ich meinen Bart rasiert, gewachst oder Haare gebleicht, abends bin ich mit Suizidgedanken ins Bett.“  – Harnaam Kaur

Heute steckst du dir Blumen in den Bart, stehst in verschiedenen Ländern auf der Bühne und trägst deine Haare stolz zur Schau. Bist du eines Tages einfach selbstbewusst aufgewacht?

Natürlich ging das bei mir nicht über Nacht. Die Veränderung bei mir hat damit angefangen, dass ich mir selbst gesagt habe: „Ich will glücklich sein.“ Ich hatte die Schnauze voll davon, traurig und müde von mir selbst zu sein. Ich hatte genug von den Meinungen anderer Leute. Mit 16 habe ich über die Sommerferien meinen Bart wachsen lassen. Ich habe mich so befreit gefühlt, denn ich habe mir endlich selbst erlaubt, glücklich zu sein. Ich habe aufgehört, mich zu verstecken.

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Du hast also den Rasierer beiseite gelegt. Wie ging es weiter?

Ich habe mich der Welt geöffnet. Eine Journalistin wurde auf mich aufmerksam und hat meine Geschichte niedergeschrieben. Als die viral ging, war das erstmal total komisch für mich. Aber ich erinnere mich noch an dieses schöne Gefühl, das bald darauf einsetzte: Ich spürte eine tiefe Verbundenheit zur Menschheit. Ich hatte davor keine Freund*innen und dachte nicht, dass sich irgendjemand für meine Geschichte interessieren würde. Aber als ich mich der Welt geöffnet habe, hat sie sich mir zurückgeöffnet. Auf einmal war ich mit ganz vielen Menschen verbunden, die die gleichen Probleme hatten wie ich: Mobbing, Bodyshaming, Ausgrenzung. Aber ich habe kapiert: Je mehr man über ein Thema spricht, desto mehr hilft es den Leuten – sowohl mir als auch anderen.

Was für Reaktionen hast du bekommen?

Alles Mögliche. Die Mehrheit war erst einmal negativ. Doch ich habe auch so viele Nachrichten von Menschen aus der ganzen Welt erhalten, die sich bei mir bedankt haben. Ein Mädchen hat mir geschrieben, dass ihr meine Geschichte so viel Selbstbewusstsein gegeben hat, dass sie nicht mehr an Suizid denkt. Nachrichten wie diese bestärken mich ungemein. Es ist großartig, jemandem emotional helfen zu können, obwohl er tausende Kilometer weg ist.

Manche Nachrichten brechen mir das Herz, weil ich weiß, wie es ist, depressiv im Bett zu liegen. Manchmal würde ich die Leute so gerne vom Boden aufheben, aber leider kann ich nicht mehr machen, als sie mit meinen Erfahrungen zu unterstützen. Denn wahre Selbstliebe kann nur von einem selbst kommen. Du musst selbst aufstehen und die Veränderung angehen.

Wie schafft man es, seinen Körper so anzunehmen, wie er ist?

Sei nett zu dir selbst! Als ich gemobbt wurde, hatte ich den ganzen Tag nur die Schimpfwörter und Beleidigungen im Kopf. Aber als ich angefangen habe, mir selbst schöne Namen zu geben, wurde das präsent. „Du bist hübsch, du kannst dich gut artikulieren, du bist stark“, habe ich mir selbst gesagt. Mein Gehirn hat das aufgenommen und mein Herz hat es geglaubt. Die Art, wie wir mit uns selbst sprechen, ist sehr wichtig. Mit einer guten Freundin redest du doch auch nicht schlecht. Warum solltest du es dann mit dir selbst machen?

Was bedeutet Schönheit für dich?

Das fragen mich die Leute oft. Es ist für mich weder das Eine noch das Andere, weil in allem irgendwie etwas Bewundernswertes steckt. Schönheit muss nicht nur äußerlich und körperlich sein. Einfühlvermögen, Intelligenz und eine sorgfältige Ausdrucksweise beeindrucken mich – oder die Art wie jemand geht. Vor allem aber finde ich Vielfalt schön, und dass kein Körper gleich ist wie der andere. Deine unterschiedliche Körperform ist deine Geschichte, das bist du.

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Selbst wenn du dich selbst schön findest, gibt es immer noch Menschen, die meinen, dir das Gegenteil an den Kopf werfen zu müssen. Wie gehst du mit Gemeinheiten um?

Ich bin ein netter Mensch, aber wie alle habe ich mein Limit. Manchmal erreicht es einen Punkt, da kann ich es auch nicht mehr aushalten. Es gibt viele Leute, die starren extrem, stoßen ihrer Wegbegleitung mit dem Ellenbogen in die Seite und fangen an zu lachen. Ich schlucke das nicht einfach runter. Würde ich die Konfrontation meiden, würde ich mir selbst nicht gerecht werden. Also frage ich, warum sie gerade so reagieren. Dann sind sie meisten ganz schnell ruhig. Eskaliert ist es noch nie, aber Leute können wirklich sehr gemein sein.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen eine Bühne bekommen, die anders sind.“ – Harnaam Kaur

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen eine Bühne bekommen, die anders sind. Die Gesellschaft stempelt uns Label auf: Wenn du ein Mann bist, musst du stark und maskulin sein, wenn du eine Frau bist, musst du emotional sein und unschuldig. Ich passe nicht in diese Norm und das liebe ich. Das ist auch der Grund, warum ich mich selbst bärtige Lady nenne, denn die Wörter passen eigentlich nicht zusammen. Die Leute verwirrt das und das finde ich großartig. Denn es bedeutet, dass sie nachdenken. Es entsteht ein Raum für Gespräche und nur dadurch lernen wir dazu.

Was mache ich, wenn es mal nicht so mit der Selbstliebe klappt?

Wir alle haben diese Tage. Aber das Beste was wir machen können, ist zu akzeptieren, dass es sie gibt. Ich habe diese Tage auch. Dann bin ich eben nicht selbstbewusst, fühle mich nicht gut und habe keine Lust auf andere Leute. Sich diese Gefühle einzugestehen, macht einen schlagartig selbstbewusster. Es ist okay, nicht okay zu sein, aber da rauszukommen, sollte immer die Motivation sein. Deine Gedanken sind sehr kraftvoll. Die Wörter, die du über dich selbst benutzt, sind sehr kraftvoll.

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Ich erinnere mich immer wieder selbst daran, nicht zu hart zu mir zu sein. Ich bin vielleicht ein bisschen außergewöhnlich und fremd in der Welt, aber ich bin immer noch ein Mensch. Deswegen zwinge ich mich nicht auf Krampf zur Selbstliebe. Das lädt nur unnötig mentalen Druck auf.

Viele von uns haben Freund*innen, die mit sich selbst hadern. Wie können wir uns gegenseitig unterstützen?

Erst einmal mit einer dicken Umarmung. Du kannst deine Freund*innen stärken, indem du ihnen positive Dinge vor Augen führst. Lass es nicht zu, dass sie sich in den negativen Gedanken ausbreiten. Ansonsten kommt man ganz schnell in einen Teufelskreis voller schlechter Energie, die einen runterzieht und aus dem man nicht mehr rauskommt. Ermutige deine Liebsten zu einer Self-Care-Routine. Auch ich nehme mir einmal in der Woche dafür Zeit, da mache ich keine Kompromisse.

Wie sieht deine Self-Care-Routine aus?

Manchmal sind es nur kleine Dinge, wie meine Nägel zu machen oder einen Film zu schauen. Ich liebe Musik und singen. Das kann ich zwar nicht, aber egal. Außerdem koche ich gerne und gehe in der Natur spazieren. Das sind die Dinge, die mich glücklich machen – und natürlich meine Familie, vor allem mein kleiner Bruder. Auch wenn ich mir jetzt gerade während wir hier reden, Sorgen machen muss, dass er schon wieder an meinem Badschrank ist und mein Bartöl heimlich benutzt (lacht).

Danke, dass du dir trotzdem Zeit genommen hast.


von Aline Spantig auf EDITION F

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