Schüsse in Hanau: 9 wichtige Gedanken zum mutmaßlichen Terroranschlag

Wenn rassistisch motivierte Morde in Deutschland geschehen, bleibt oft der große Aufschrei aus. Auf Twitter weisen Nutzer*innen darauf hin, wie die Gesellschaft mit solchen Ereignissen besser umgehen sollte.

Dead by gunfire in Hanau
Beim mutmaßlich rechtsradikalen Terroranschlag im hessischen Hanau sind neun Menschen erschossen worden. Foto: © Andreas Arnold / dpa

Mittwochabend hat ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen erschossen. Bei den Tatorten in der Innenstadt und im Stadtteil Kesselstadt handelte es sich um eine Shishabar und einen Kiosk. Die Polizei fand zwei weitere Tote in einer Wohnung, bei denen es sich um den mutmaßlichen Täter und dessen Mutter handeln soll.

Je mehr Details des Attentats an die Öffentlichkeit gelangen, umso mehr verhärtet sich der Verdacht, dass die Tat rassistisch motiviert war. Die meisten Opfer sollen türkischer Abstammung sein. Im Internet veröffentlichte eine Person unter dem gleichen Namen, den der mutmaßliche Täter trägt, ein 24-seitiges Schreiben, in dem er sich „an das gesamte deutsche Volk“ wendet – es wird angenommen, dass Täter und Verfasser dieselbe Person sind. Das Dokument soll kein Bekenntnis, sondern Verschwörungstheorien beinhalten.

Wie ZEIT ONLINE berichtet, war der mutmaßliche Täter den Behörden nicht als Extremist bekannt, seine Daten liegen dem nachrichtendienstlichen Informationssystem der Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern nicht vor. Nach Angaben der Polizei gebe es keine weiteren Täter*innen, die Ermittlungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen.

Auf Twitter zeigten sich viele Nutzer*innen geschockt und sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Insbesondere rassifizierte Menschen, die von rechter Gewalt betroffen sind, sprachen gesellschaftliche Missstände an.

1. „Shishabars sind eine Art Safe space“

So wies der Journalist Malcolm Ohanwe darauf hin, welche Bedeutung Shishabars insbesondere für marginalisierte Menschen hätten. Es seien Orte, die für diese Community einen Safe space darstellten.

2. „Rechter Terror greift gezielt bestimmte Menschen an“

Auf Twitter wurden Kommentare laut, in denen weiße Menschen schrieben, dass es sich um einen Angriff auf die ganze Gesellschaft handele. Die Journalistin Teresa Bücker widersprach dem: Es handele sich eben nicht um einen Anschlag auf alle, sondern auf rassifizierte Menschen. Sie bemängelt, dass für den Schutz dieser Communitys zu wenig getan werde.

3. Es gab noch keine ausreichenden Ermittlungen

Die Polizei spricht von einem Einzeltäter, der das Attentat in Hanau begangen habe. „Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor“, heißt es. Die Journalistin Carolin Emcke kritisiert, dass dies nach der kurzen Ermittlungszeit kaum feststehen könne.

4. Victim blaming

Mehrere Medien und Politiker*innen sprachen in Zusammenhang mit dem Attentat von einem „fremdenfeindlichen Motiv“. Der Aktivist Zuher Jazmati wies darauf hin, dass dies falsch sei. Dieser Begriff stelle einen Zusammenhang zwischen rassifizierten Menschen und Fremdheit her, als seien diese nicht Teil unserer Gesellschaft. Ein solches Denken kehre das Opfer-Täter-Schema um: Schuld an dem Attentat seien demnach aufgrund ihrer vermeintlichen Fremdheit die rassifizierten Menschen und nicht der rassistische Täter.

5. AfD nicht in Talkshows einladen

Die Journalistin Şeyda Kurt forderte Medienmachende auf, AfD-Politiker*innen nicht zu Polittalkshows zu dem Attentat einzuladen. Sie seien der parlamentarische Arm des Rechtsterrorismus. Stattdessen solle man rassifizierte Menschen einladen: „Sprecht endlich mit (potenziellen) Opfern von rechter Gewalt und rechtem Terror, mit rassifizierten Menschen, mit jenen, die sich engagieren. Hört ihnen zu, fragt, was sie brauchen.“

6. „Das Gefühl, in #Hanau mitgemeint zu sein, sitzt tief“

Der Grünen-Politiker Ario Mirzaie twitterte über seine persönlichen Gefühle, die er – als Mensch mit familiärer Einwanderungsbiographie – nach Hanau habe: nämlich, mitgemeint zu sein.

7. „Der zweitgrößte rechte Terroranschlag“

Seit der Wende wurden laut Recherchen der Antonio-Amadeu-Stiftung 198 Menschen Todesopfer rechter Gewalt – diese Statistik muss nun um mindestens neun Menschen erhöht werden. Der Journalist Martin Eimermacher erinnerte daran, dass das gestrige mutmaßlich rechte Attentat das größte seit dem Oktoberfest-Attentat 1980 sei. Er weist darauf hin, wie wichtig in diesem Zusammenhang antifaschistische Arbeit sei.

8. „Der Schutz Marginalisierter ist einen Müll wert“

Die Studentin und Journalistin Yasmine M’Barek kritisierte Medienmachende für ihre verfehlte Schwerpunktsetzung. Statt über rechte Symbolpolitik wie das Burkaverbot oder das vermeintliche Problem des Linksextremismus zu sprechen, solle man den Schutz marginalisierter Menschen ernster nehmen.

9. Verschwörungstheorien sind nicht „verrückt“, sie sind rechts

In einigen Berichten über das Attentat wurde von einem „wirren Schreiben“ des Täters berichtet. Die Journalistin Katharina Nocun wies darauf hin, dass man bei Verschwörungstheorien nicht ausblenden könne, dass diese von der extremen Rechten zur Radikalisierung benutzt würden.

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