Schulwahl: „Es geht immer um die Angst der weißen Mittelschicht“

Einige Schulen in Berlin-Neukölln haben einen schlechten Ruf. Aber woher kommt er eigentlich – und welche Rolle spielt dabei Rassismus?

„Die Qualität einer Schule hängt nicht davon ab, wer eine Schule besucht." Foto: Frank Molter/dpa

„Wenn man auf dem Spielplatz Theodor-Storm-Schule oder Elbe-Schule sagt, geht erst mal ein Raunen rum“, sagt Karin L. Als Mutter einer sechsjährigen Tochter und eines zehnjährigen Sohnes ist sie oft auf Spielplätzen in Neukölln unterwegs. Vor allem über die Theodor-Storm-Schule hat Karin L. in den vergangenen Wochen viel geredet. Im Frühsommer fischte sie einen Brief aus dem Postkasten: die Zuweisung ihrer Tochter für die Einzugsschule, die Theodor-Storm-Schule. Eine der Schulen, bei deren Namen alle raunen, die Karin L. so kennt. Die anderen Eltern, mit denen sie sich umgibt: weiße Eltern aus der Mittelschicht im gentrifizierten Nord-Neuköllner Kiez.

Eigentlich hatte Karin L. ihre Tochter für die Schule angemeldet, auf die auch ihr Sohn geht. Ein Weg, kein doppelter, bekannte Lehrkräfte und Eltern. Den Schulplatz hätte sie sicher in der Tasche, dachte sie als engagierte Elternvertreterin. Das dachte wohl auch die Schulleitung der Theodor-Storm-Schule. „Sie wollen ja eh auf den Rütli-Campus“, sagte diese zu L. und ihrer Tochter zur Begrüßung. In Berlin muss die Schulanmeldung immer in der Einzugsschule stattfinden – selbst wenn Eltern sich eine andere Schule für ihr Kind wünschen.

„Schon als wir reinkamen, sagte uns die Sekretärin, wir bräuchten den Ummeldebogen“, erzählt Karin L. Sie trägt das hellblonde Haar im gleichen Bobschnitt wie ihre ebenso hellblonde Tochter. Sowohl die Sekretärin als auch die Schulleiterin, die zufällig zu dem Gespräch dazu kam, gingen direkt davon aus, dass die Familie L. nur zur Ummeldung in die Theodor-Storm-Schule gekommen waren. Die Rütli-Schule liegt auch in ihrem Kiez – früher Brennpunkt-, heute Vorzeigeschule. Eine Schule, die mittlerweile nicht mehr für Raunen auf dem Spielplatz sorgt.

Ein schlechtes Zeichen der Schule

„Das wirkte jetzt auch nicht so, als würde sie die Schüler haben wollen, die sie hat“, beschreibt Karin L. ihren Eindruck von der Schulleiterin der Theodor-Storm-Schule. Direkt davon auszugehen, dass für die Familie L. die Theodor-Storm-Schule nicht in Frage kommt, hält Karin L. für wenig strategisch – und für ein schlechtes Zeichen. „Das kann sie ja denken, aber uns doch nicht sagen“, meint die 40-Jährige.

Im gleichen Kiez wie die Theodor-Storm-Schule, ein paar hundert Meter entfernt, liegt die Elbestraße. Große Bäume spenden sommerlichen Schatten, nur ab und zu fährt ein Auto über die Kopsteinpflasterstraße. In der Mitte der ruhigen Straße steht die Elbe-Schule, ein großes, altes Gebäude aus rotem Backstein. Vor der Schule stehen ein paar Fahrräder von Kindern und Eltern. Heute findet der Elternabend für die neuen Schulkinder der ersten Klasse statt. Im ersten Stock der Schule, im Hausflur, ist ein Stuhlkreis aufgebaut. „Es gibt gerade keinen Raum, den wir nutzen können“, entschuldigt sich Schulleiterin Sabine Weber gleich zu Beginn.

Etwa 15 Familien sind gekommen, Eltern mit ihren Kindern. Schulleiterin Weber erklärt an diesem Abend, welche Materialien die neuen Schulkinder brauchen, und beantwortet Fragen der Neu-Eltern. „Ich habe von der Elterninitiative Elbe-Schule gehört“, sagt eine Mutter. „Besteht denn die Möglichkeit, dass weitere Plätze für diese Kinder geschaffen werden?“ „Zu Plätzen kann ich nichts sagen, das macht das Bezirksamt.“ „Das Bezirksamt ist offenbar überfordert“, sagt die Mutter. Dann wird es kurz unruhig. Wer auf welche Schule kommt, wie viele Kinder in eine Klasse kommen und vor allem welche, das ist ein sensibles Thema für Eltern.

Die anschließende Besichtigung der Schule sparen sich zwei Mütter, sie gehen die Treppe zum Ausgang herab. „Für mein Kind ist das hier nichts“, sagt die eine. „Mein Kind würde hier untergehen,“ meint die andere und fügt hinzu: „Die haben ja hier jetzt einige Jahre damit verbracht, den Kindern erstmal Deutsch beizubringen. Die sind doch überfordert mit der Förderung von deutschen Kindern.“

Im Spannungsfeld der Gentrifizierung

„Uns ist bewusst, dass wir uns im Spannungsfeld eines gentrifizierten Kiezes befinden, dessen Grundschulangebot bisher hauptsächlich von bildungsbürgerlichen, hinzugezogenen Eltern im Großen und Ganzen ignoriert wurde. Stattdessen schicken Eltern ihre Kinder lieber in angrenzende Bezirke auf Schulen, die einen besseren Ruf genießen“, so schreibt es die Elterninitiative Elbe-Schule auf ihrer Webseite. Die Initiative möchte dafür sorgen, dass die Elbe-Schule „für alle Kinder im Kiez eine tolle Schule ist“. Das steht nicht nur auf der Webseite, sondern auch auf Flyern, die überall im Kiez zu sehen sind. Am Spielplatz, in Cafés, an Kita-Türen.

Doch was bedeutet das eigentlich, ein schlechter Ruf? Warum haben ihn Schulen wie die Theodor-Storm-Schule und die Elbe-Schule und andere nicht? „Eltern glauben, dass mit einem hohen Anteil von Kindern mit nicht-deutscher Herkunftssprache eine schlechte Schulqualität einher geht“, erklärt Juliane Karakayali. Sie ist Professorin für Soziologie, Migration und Rassismus und beschreibt diese Theorie als gedanklichen Kurzschluss. „Die Qualität einer Schule hängt nicht davon ab, wer eine Schule besucht.“ Dass Eltern die beste Schule für ihr Kind suchten und dabei auch rechtliche Schlupflöcher nutzten, halte sie für ein „weißes Mittelschichtsphänomen“.

Juliane Karakayali beschreibt es als eine kompromisslose Form, die eigenen Ressourcen zu sichern, um dem Kind Zugang zum Allerbesten zu ermöglichen. Und verweist auf Forschungsergebnisse, die belegen, dass gerade diese Eltern sich eigentlich gar keine Sorgen machen müssen. „Denn das sind Eltern, deren Kinder eh die besten Chancen haben.“ Um Ressourcen geht es auch, wenn es um den Kampf von Eltern um die richtige Schule für das eigene Kind geht. Sich von einer Anwältin beraten lassen, einen Widerspruch einlegen; für all diese Bürokratie braucht man Geld, Zeit – und das Wissen, dass dieser Weg überhaupt möglich ist.

Woher kommt der schlechte Ruf?

Karin L. ist diesen Weg gegangen. „Wir konnten uns wirklich nicht vorstellen, unsere Kinder auf zwei verschiedene Schulen zu geben – schon allein wegen der doppelten Wege“, sagt sie. Die Eltern reichten einen Widerspruch ein. Gleichzeitig fing Karin L. an, sich selbst zu hinterfragen. Warum wäre es eigentlich so schlimm, wenn mein Kind auf diese Schule gehen würde, abgesehen von den Wegen? Wovor habe ich Angst? Wie viel davon ist rassistisch?

„Mir wurde klar, dass es bei mir selbst um ganz viele Vorurteile geht. Ich kenne keine Kinder von der Schule, keine Eltern, auch nicht die Schule. Das wollte ich ändern“, sagt Karin L. Und vereinbarte eine Hospitation in der Theodor-Storm-Schule. Auch, um dem Raunen auf dem Spielplatz etwas entgegenzusetzen. Vielleicht auch, um sich selbst etwas zu beweisen.

Am Hospitationstag sitzt Karin L. ganz hinten im Klassenraum, vor ihr eine Grundschulklasse im Deutschunterricht. „Wow, die sind gut ausgestattet hier“, sagt Karin L. und deutet auf das Smartboard an der Wand. Die Klasse wird aufgeteilt, die Lerngruppe ist klein. 13 Kinder üben für die Einschulungsfeier das Bärenlied und den Tabellenrap. „G wie Gabel, F wie Feder, R wie Radio, das weiß jeder“, sprechen die Kinder im Chor. Anschließend üben sie Buchstaben schreiben am weißen Smartboard.

Das Raunen vom Spielplatz sieht Karin L. an diesem Tag nicht bestätigt. Im Gespräch sagt die Klassenlehrerin zu ihr: „Wir haben einen Ruf, von dem wir nicht wissen, woher er kommt“ und beschreibt die guten Bedingungen, unter denen sie hier den Unterricht gestalten kann. Dass so viele Eltern Angst vor ihrer Schule haben, kann sie nicht verstehen. Doch um welche Angst handelt es sich dabei überhaupt? Angst vor sozialem Abstieg? Angst vor Stigmatisierung? Angst vor schlechter Beschulung?

Wenn es um Angst geht, geht es immer um die Angst der weißen Mittelschicht

Juliane Karakayali

„Wenn es um Angst geht, geht es immer um die Angst der weißen Mittelschicht“, sagt die Soziologin Karakayali. Doch eine gute Schule für ihre Kinder, das wünschen sich alle. So wie Seçkin B., die ihre älteste Tochter vor sieben Jahren im Nachbarbezirk Kreuzberg einschulte. Ihr Auswahlkriterium war vor allem die Nähe zur Schule, damit ihre Tochter den Schulweg selbst meistern kann. Selbstständigkeit war der Erzieherin wichtig. Bei der Einschulung stellte sie in der Klasse ihrer Tochter fest: „Da waren nur Türken und Araber.“ Damals sei ihr das egal gewesen, sagt Seçkin B. heute.

„Geil, endlich haben sich mal Deutsche getraut!“

Bei der Einschulung ihres Sohnes, ein Jahr später, war sie dann überrascht. „Da waren ganz viele deutsche Kinder mit Schultüten.“ Seçkin B. freute sich und erinnert sich an ihre Gedanken: „Geil, endlich haben sich mal Deutsche getraut!“ Die deutschen Kinder suchte sie dann aber in der Klasse ihres Sohnes vergeblich. Die Schule hatte eine Klasse für deutschsprachige Familien eingerichtet und eine für Kinder mit nicht-deutscher Herkunftssprache. Zusammen mit anderen Eltern protestierte Seçkin B. – und war erfolgreich. Die Klassen wurden anschließend aufgelöst und gemischt.

„Seitdem fühle ich mich als Ausländerin“, sagt Seçkin B. heute. Dabei sieht die 43-Jährige das Problem bei den Eltern und den Lehrer*innen, nicht bei den Kindern. „Kinder sind Kinder“, sagt die Erzieherin und erzählt von den Freund*innen ihrer Kinder, die deutscher, türkischer und arabischer Herkunft seien, ganz selbstverständlich. „Für mich sind alle Kinder gleich“, sagt sie. „Wenn das bei anderen anders ist, hat das doch was mit Ausländerfeindlichkeit zu tun.“

Heute gibt sie ihren Freund*innen, die ihre Kinder an Kitas oder Schulen anmelden wollen, einen Tipp: „Gib immer Deutsch an auf dem Anmeldeformular, dann hast du bessere Chancen. Wenn du NdH ankreuzt, bist du immer Ausländerin.“ Die Kinder von Seçkin B. sprechen Deutsch genauso gut wie Türkisch. „Perfekt“, sagt sie. Warum gilt das als Stigmatisierung und nicht als Vorteil?

NdH als Stigma

„Das Merkmal nicht-deutsche Herkunftssprache ist sehr unscharf“, findet Juliane Karakayali. Es gibt für diese Erhebung gar keine richtige Definition. Es heißt nur, dass die Kinder zu Hause eine zweite Sprache neben Deutsch sprechen. Auch gibt es keine Überprüfung des Merkmals – häufig wüssten die Eltern gar nicht, dass ihre Kinder als NdH (nicht-deutsche Herkunftssprache) gelten. Das Kreuz mache die Schulsekretärin bei der Anmeldung. Es sage also überhaupt nichts darüber aus, ob und wie die Kinder Deutsch sprechen würden. „Es ist nichts anderes als eine neue Markierung von Nicht-Zugehörigkeit“, so Karakayali. „Der institutionelle Rassismus geht hier Hand in Hand mit dem privat-persönlichen.“

Dem Vorwurf des Rassismus ist sich auch die Elterninitiative der Elbe-Schule bewusst, die ihn direkt auf der Webseite von sich weist: „Wir wollen, dass die Zusammensetzung der Schule so vielfältig wird, wie es auch der Kiez heute ist. Wir wollen keine segregierten weißen oder bildungsbürgerlichen Klassen an der Elbe-Schule. Niemand soll durch unsere Initiative ausgeschlossen oder verdrängt werden. Wir sind offen für alle. Jede Form von Rassismus und Ausgrenzung lehnen wir entschieden ab.“ Bei einem der Treffen, die öffentlich auf der Webseite der Initiative angekündigt werden, kommen dennoch ausschließlich weiße Mittelstandseltern zusammen. Journalist*innen sind hier nicht erwünscht, es gäbe in Absprache mit der Schulleiterin der Elbe-Schule ein Presse-Embargo.

Diese sagt auf Nachfrage am Telefon, davon wüsste sie nichts. Die Bemühungen der Elterninitiative sieht Schulleiterin Weber ambivalent. Einerseits sei das Engagement positiv, andererseits sehe sie auch die Gefahr, dass die Eltern, die bereits an der Schule sind, sich ausgegrenzt fühlen könnten. Woher die Gerüchte auf Spielplätzen kämen, kann sie sich nicht erklären. „Ich habe hier nicht den täglichen Polizeieinsatz, wie man sich das vielleicht auf dem Spielplatz vorstellt.“ Den Alltag an ihrer Schule beschreibt sie als ruhig und gemeinschaftlich. Wie die Eltern, die bereits mit ihren Kindern an der Elbe-Schule sind, die Bemühungen der Initiative finden? Die meisten hätten davon noch gar nicht so viel mitbekommen, meint Weber, weil sie eher polnisch, türkisch oder arabisch sprechen.

Auf das Engagement von Elterninitiativen geht auch Karakayali in ihrem Artikel Grundschule in der postmigrantischen Gesellschaft. Zum Zusammenhang von Rassismus, Klassenverhältnis und Bildungserfolg ein: „Ratlos frage ich mich, warum man fremde Eltern per Aushang sucht und glaubt, mit diesen mehr gemeinsam zu haben, als mit den Eltern, auf die man bei der Einschulung sowieso stößt.“

Was genau bedeutet diese „Mischung“?

Immer wieder betonen Eltern, sie suchten eine Schule mit der „richtigen Mischung“. Auch Karin L. wünscht sich für ihre Kinder eine Schule, die „gemischt“ ist. Aber was genau bedeutet diese „Mischung“? „Der Diskurs um die ‚richtige Mischung‘ speist sich aus einer Art neoliberaler Bildungspanik“, erklärt Karakayali. Derzeit erlebten wir, dass dieser Mischungsdiskurs Schüler*innen mit Migrationshintergrund entwertet und als Problem stigmatisiert. Migrationshintergrund würde mit so genannter ‚Bildungsferne‘ gleichgesetzt.

In ihrem Artikel zitiert Karakayali einen Lehrer aus Neukölln: „Man tut so, als wären biodeutsche Kinder in einer Klasse notwendig, um guten Unterricht zu machen, als könnten Migranten ohne deutsche Kinder in der Klasse nicht Deutsch lernen. Anstatt endlich pädagogische Konzepte umzusetzen, die sich an den Kindern orientieren, die da sind.“

Aylin Karabulut beschäftigt sich als Ungleichheitsforscherin mit Rassismus an Schulen und sieht die Verantwortung ebenfalls in den Konzepten und in der Ausbildung der Lehrkräfte. „Lehrerinnen und Lehrer werden darauf vorbereitet, eine weiße, bürgerliche, akademische Mittelschicht zu unterrichten.“ Die Realität in den Klassenzimmern sehe aber ganz anders aus. „So wie Schule aktuell funktioniert, ist sie überhaupt nicht darauf ausgerichtet, als Schule in der Migrationsgesellschaft zu funktionieren“, so Karabulut.

Auch der Neuköllner Kiez scheint, zumindest im Bereich Schule, noch nicht bereit zu sein für die Realität der Migrationsgesellschaft. Karin L.s Tochter geht mittlerweile auf die gleiche Schule wie ihr älterer Bruder, die Wunschschule. Seit dem Hin und Her rund um die Einschulung ihrer Tochter und der Hospitanz im Unterricht der Theodor-Storm-Schule sieht sie die Statistik auf den Webseiten des Senats skeptisch. Wie eine Schule dann wirklich Unterricht gestaltet, sei nicht an Zahlen ablesbar.

Auch Juliane Karakayali fordert die Abschaffung der NdH-Kategorie und die Löschung dieser Zahlen von den Senatsseiten. Stattdessen müssten Einzugsgebiete so strukturiert werden, dass benachbarte Schulen die gleiche Schüler*innenklientel hätten. Noch wichtiger sei es, die Qualität der Schulen zu verbessern. Eklatante Qualitätsunterschiede dürfe es nicht geben. „Natürlich gibt es Gründe, sich gegen eine Schule zu entscheiden“, sagt Karakayali. „Aber die müssten sich langsam mal lösen von der Frage der Herkunft der Kinder.“

 


Die Nachnamen der Protagonistinnen wurden auf ihren Wunsch verkürzt.