Schutzmaske: Die eine Sache, die uns alle eint

Die Mund-Nase-Maske hat sich zu einem wertvollen Gegenstand zum Selbst- und Fremdschutz entwickelt. Fotograf Thomas Kierok stellt ihre Träger*innen vor.

Aktuell ist sie das Must-have-Zubehörteil. Ein Accessoire, trendiger als jeder Fidget Spinner – auch wenn uns der Trend von einem Virus aufgezwungen wurde. In allen deutschen Bundesländern gilt mittlerweile in unterschiedlich strengem Ausmaß eine Maskenpflicht. Die Bundesregierung hatte kürzlich das größte Frachtflugzeug der Welt losgeschickt, um die erste Ladung von insgesamt 25 Millionen Schutzmasken von China nach Deutschland zu transportieren. Es scheint, als würde uns die Maske noch eine längere Zeit begleiten.

Es gibt sie in verschiedensten Ausführungen, mit bunten Mustern und verschiedenen Stoffen. Websites veröffentlichen Videoanleitungen, wie man sie selbst herstellt. Designer*innen erweitern ihr Sortiment, drucken ihr Logo auf und besetzen sie mit Strass. Im Park versuchen Menschen nun, statt Bier selbstgenähte Masken zu verkaufen. Der Mund-Nase-Schutz ist zum Symbol der Corona-Pandemie geworden, eines Ereignisses, das für die Weltbevölkerung bisher einzigartig ist. In den Geschichtsbüchern der Zukunft wird neben der Aufarbeitung der Situation ein Mensch mit Mundschutz abgebildet sein. Und die Bildunterschrift wird so etwas wie „Im Jahr 2020 war der Mundschutz in manchen Ländern ein zwingendes Accessoire, um das Haus zu verlassen“ sagen.

Zurzeit sind wir angehalten, uns sozial so isolieren. Wir sollen Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts meiden und wenn das nicht geht, dann brauchen wir dafür sogenannte triftige Gründe. Wer zum Beispiel in Berlin in öffentliche Verkehrsmittel steigt oder einen Supermarkt betritt, ist gezwungen, sich eine Maske anzulegen. Wer keine hat, darf nicht hinein. Türsteher*innen stehen nicht mehr wie früher vor den Clubs, sondern entscheiden heute, ob du in Aldi, dm und Co. reinkommst.

Der Mund-Nase-Schutz ist demnach auch ein Zeichen der Isolation. Wir müssen uns hinter einem Stück Stoff verstecken. Jemanden auf der Straße anzulächeln, ist damit nicht mehr möglich. Ein spontanes Gespräch mit einem fremden Menschen zu starten, bekommt einen bitteren Beigeschmack. Doch paradoxerweise ist der Schutz genauso ein Zeichen der Verbundenheit. Wir tragen ihn nicht nur, um uns selbst zu schützen. Wir tragen ihn auch, um auf andere Rücksicht zu nehmen und sie nicht anzustecken. Damit wir Alte und Erkrankte sowie Menschen mit einem schwächeren Immunsystem vor dem Virus bewahren.

Die Ambivalenz der Maske

Diese ambivalente Symbolik wollte Thomas Kierok darstellen. Der Berliner Fotograf hat für sein Projekt One Menschen mit Mundschutz porträtiert und jeweils zwei Fotos geschossen: einmal mit geschlossenen, einmal mit geöffneten Augen. Das erste Foto soll für Selbstisolation und das In-sich-kehren stehen, für das Bedürfnis, den Fokus auf sich selbst zu legen und sich zu schützen. Die offenen Augen haben hingegen eine gegenteilige Bedeutung: Sie sollen für die Solidarität der Menschen untereinander stehen, dem Sich-gegenseitig-zuwenden und Hilfe zu leisten. Dafür ging er auf Berlins Straßen und suchte nach Teilnehmer*innen, was sich anfangs als gar nicht so leicht erwies. Kierok startete sein Projekt in der Osterzeit, als die Stadt Berlin noch keine Maskenpflicht eingeführt hatte. Viele der Menschen trugen noch „oben ohne“. Der Flughafen Tegel war menschenleer, Bahnhöfe ebenso. Fündig wurde er schließlich auf Plätzen und Märkten der Kieze.

Bei seiner Tour bemerkte Kierok Verhaltensunterschiede. In Neukölln um den Richardplatz tummelten sich die Menschen dicht an dicht. Masken waren selten gesehen, der empfohlene Mindestabstand noch weniger. Am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg fand er das Gegenteil vor. Menschen mit Mundschutz kamen sich nicht zu nahe, mindestens zwei Meter von Nase zu Nase. Was ungewohnt gewesen sei: Die Menschen, die er für sein Fotoprojekt ansprach, nahmen ohne zu zögern teil. Normalerweise würden gerade Passant*innen schnell misstrauisch sein, diesmal war das nicht so. „Vielleicht, weil sie sich durch die Masken ein bisschen anonymer, geschützter fühlen“, sagt Kierok.

Einmal vor die Linse gestellt, gab Kierok keine weiteren Anweisungen, außer dass sie einmal die Augen schließen sollten. Die Teilnehmenden wurden nicht geschminkt oder zurechtgemacht, die Masken waren ihre eigenen. Die meisten trugen sie aus Angst vor dem Virus oder weil sie bereits vorerkrankt waren. Der Fotograf meint, erkannt zu haben, dass kaum eine*r der Teilnehmenden während des Shootings hinter der Maske gelächelt hat. „Ich bin überzeugt, die meisten Menschen haben neutral in die Kamera geschaut. Der Mund war zwar verdeckt, aber die Augen hätten ein Lächeln verraten.“ Für Kierok war das anfangs sogar irritierend. Menschen würden dazu tendieren, aufzulachen, sobald sie in eine Kamera gucken.

Das Alter der Menschen auf Kieroks Fotos reicht von fünf bis 106 Jahren. Männer, Frauen, Kinder unterschiedlicher Herkunft, mit selbst verzierten Masken oder schlicht gehalten. Doch sie alle hatten eines gemein: die Sorge um ihre Gesundheit, die anderer Menschen und die Hoffnung, irgendwann keine Maske mehr tragen zu müssen.

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