Schwangerschaftsabbruch: Diese Ärztin kämpft vor Gericht dafür, dass sich Frauen informieren dürfen

Kristina Hänel könnte einen Präzedenzfall schaffen: Weil die Gießenerin online über Schwangerschaftsabbrüche informiert, steht sie am 24. November vor Gericht. Ein Porträt

Kristina Hänel würde im Zweifel bis vors Verfassungsgericht ziehen. © Kristina Hänel

23 Buchstaben – mehr brauchte es nicht, um Kristina Hänel vor Gericht zu bringen. Wer auf der Website der Ärztin auf das Wort Schwangerschaftsabbruch klickt, bekommt Informationen dazu per E-Mail geschickt. Gegner*innen haben sie deswegen angezeigt.

Sie berufen sich auf Paragraf 219a des Strafgesetzbuches. Unter der Überschrift Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft verbietet dieser, für einen Vermögensvorteil oder in sogenannter anstößiger Weise Dienste „zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs“ anzubieten. Am 24. November könnte Hänel deswegen verurteilt werden, zu bis zu zwei Jahren Haft oder einer Geldstrafe. 

Man kann für einen Schwangerschaftsabbruch nicht werben.“ – Kristina Hänel

Werbung klingt nach Lifestyle, nach Fashion, nach Pop. Aber nicht nach Kristina Hänel. Sie sagt: „Man kann für einen Schwangerschaftsabbruch nicht werben. Das ist für mich eine völlig absurde Vorstellung. Für die meisten Frauen, die diesen Weg gehen, ist der Abbruch die letzte Möglichkeit.“

Im Zweifel bis vors Verfassungsgericht

1981 hat Hänel sich dem Ärzt*innenberuf verschrieben, führt mit Herzblut eine ganzheitliche Praxis in Gießen. Sie ist Notärztin im Rettungsdienst und bietet seit 20 Jahren therapeutisches Reiten für traumatisierte und körperlich beeinträchtigte Kinder an. Und doch ist die 61-Jährige für manche der Inbegriff des Bösen.

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Auf Seiten wie babykaust.de wird ihre Arbeit als „Steigerungsform der grausamen Verbrechen“ der Nazis verunglimpft. Dahinter steht die Initiative Nie wieder!, die reihenweise Ärzt*innen anzeigt, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen und darüber informieren. Zweimal schon war auch Hänel darunter. Warum es diesmal tatsächlich zur Anklage kam und die Ärztin sich in den kommenden Tagen vor dem Amtsgericht Gießen verteidigen muss, kann sie sich nicht erklären: „Ich bin aus allen Wolken gefallen, als die Ladung zum Prozess kam.“

Hänels Stimme ist sanft aber bestimmt. Ihre Antworten wählt sie mit Bedacht. Manchmal zieht sie einen Satz wieder zurück. Das Wort Feministin etwa bereitet ihr Unbehagen. Das rufe bei manchen eine Abwehrhaltung hervor, sagt sie. Und die kann die Ärztin gerade nicht gebrauchen.

Ich will die breite demokratische Öffentlichkeit für meine Sache gewinnen.“ – Kristina Hänel

Ihre Sache, das ist ein Informationsrecht für Frauen zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Hänel hat eine Petition auf change.org gestartet, die zu Beginn der Woche schon über 70.000 Menschen unterzeichnet haben. „Es geht hier nicht allein um mich“, sagt sie mit Blick auf die kurz bevorstehende Verhandlung, „Ich will etwas verändern.“

Ein Freispruch würde einen Präzedenzfall bedeuten, der wegweisend für kommende Urteile sein könnte. „Wenn ich verurteilt werde, gehe ich in die nächste Instanz. Ich habe meiner Anwältin eine Vollmacht gegeben, notfalls Verfassungsbeschwerde einzulegen“, sagt sie entschlossen.

Solidarität von allen Seiten

Seit ein paar Wochen ist Hänels Leben nicht mehr dasselbe. Zwischen den Behandlungen und nach Feierabend beantwortet sie jeden Tag 50 bis 80 E-Mails. Für ihre Enkel oder das Triathlon-Training bleibt kaum Zeit. Ein Pressetermin folgt auf den nächsten.

Ihre neue Rolle hat Hänel sich nicht ausgesucht. Und doch schöpft die 61-Jährige daraus Kraft. Menschen schicken ihr Blumen und Karten. Die Zahl der Anfeindungen ist dagegen verschwindend gering.

Dass sie nach 30 Jahren in der Schmuddelecke, wie Hänel es nennt, eine so breite Anerkennung und Unterstützung finde und dass so offen über das Thema Schwangerschaftsabbruch gesprochen werde, sei enorm. Zwei Kundgebungen sind für den Verhandlungsmorgen am 24. November vor dem Gerichtsgebäude angemeldet. Viele Kolleg*innen zeigen sich solidarisch: mit einem offenen Brief oder mit dem Bekenntnis Wir machen Schwangerschaftsabbrüche auf der Titelseite der taz. Als sie die Zeitung zum ersten Mal in Händen hält, hat Hänel Tränen in den Augen.

Nur wenige informieren online über Schwangerschaftsabbrüche

In den 1980er-Jahren, als Kristina Hänel mit ihrem Beruf begonnen hat, sah das anders aus. Schon damals hat sie Kampagnen von Schwangerschaftsabbruchgegner*innen über sich ergehen lassen müssen. Innerhalb der Ärzt*innenschaft fühlte sie sich häufig wie eine Außenseiterin. Noch heute führt sie als einzige in Gießen Schwangerschaftsabbrüche durch, immerhin eine Stadt mit fast 84.000 Einwohner*innen. Selbst die Uniklinik nimmt nur in den seltensten medizinischen Ausnahmefällen einen Abbruch vor.

Was in Großstädten wie Hamburg oder Berlin unvorstellbar scheint, ist in anderen Teilen Deutschlands Realität: Frauen, die ungewollt schwanger sind, müssen oft stundenlange Fahrten auf sich nehmen – wenn sie denn eine geeignete Praxis gefunden haben. Nur wenige Ärzt*innen informieren wie Hänel online darüber.

„Das führt dann dazu, dass die Frauen in dieser ohnehin schon schwierigen Lage regelmäßig auf solch verstörenden Seiten wie babykaust.de landen. Das möchte ich beenden“, sagt sie. Sie wünscht sich Austausch und Information, ohne dieses Schmutzige daran, ohne diffamierende Kampagnen. „Einfach mit einem sachlichen Hintergrund.“

Niemand ist für einen Abbruch.“ – Kristina Hänel

Wie die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland geführt wird, findet Hänel absurd. „Es geht nicht um die Frage: Ist man dafür oder dagegen. Niemand ist für einen Abbruch. Man ist für die Freigabe von Informationen und die medizinisch korrekte Versorgung von Frauen.“

Die Gründe für einen Abbruch seien vielfältig, sagt die Ärztin. Zu den häufigsten Gründen gehörten unsichere Beziehungen oder Jobsituationen und daraus resultierende finanzielle Sorgen. Auch gesellschaftliche Verhältnisse und sexualisierte Gewalt spielten eine Rolle, ebenso wie eventuelle kranke Angehörige. Eine Geschichte, die Hänel besonders geprägt hat, war die einer jungen Frau, die ihren Mann bei einem Autounfall verloren hat. „Sie war schwanger und wusste nicht, was sie machen soll: Bekommt sie ein Kind von einem Mann, der nicht mehr lebt? Den sie geliebt hat? Oder sagt sie: Ich gebe das Letzte, was mir von ihm bleibt, auch noch her. In so eine Situation zu geraten, das wünscht man niemandem.“

[Außerdem auf ze.tt: Wie es ist, ein Kind von jemandem zu kriegen, den man gerade erst kennengelernt hat]

Schicksale wie dieses auszuhalten, fällt Kristina Hänel schwer. Trotzdem lässt sie jedes einzelne an sich heran: „Auf professioneller Ebene. Das gehört ja zu meinem Beruf – diese menschliche Seite.“ Zu ihrem Beruf gehört nun mehr denn je auch der Einsatz für Frauenrechte. „In dem Moment, wo Frauen schlecht behandelt, unterdrückt, diskriminiert werden, da bin ich Kämpferin.“ 

Nächstes Jahr möchte die Ärztin bei der Triathlon-Europameisterschaft antreten. „Über den Sport habe ich gelernt, dass man weitermachen muss. Auch wenn man denkt, es geht nicht mehr. Von daher weiß ich, dass ich durchhalte. Das ist für mich gar keine Frage. Ich halte so lange durch, bis ich eine Veränderung erreicht habe.“ Doch im Gegensatz zum Triathlon ist Kristina Hänel im Kampf für frei zugängliche Informationen zum Schwangerschaftsabbruch nicht auf sich allein gestellt. „Inzwischen ist das eine ganze Bewegung“, sagt sie. „Und die ist nicht mehr aufzuhalten.“


Info

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland nur in bestimmten Situationen straffrei: bei medizinischen oder kriminologischen Indikationen oder nach den Vorgaben der sogenannten Beratungsregelung. Nicht immer zahlt die Krankenkasse für den Eingriff. Laut statistischem Bundesamt lag die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im ersten Halbjahr 2017 bei 52.000.