Warum Schwarze Frauen in der Black-Lives-Matter-Bewegung kaum sichtbar sind

In den letzten Wochen hat sich der Hashtag #SayTheirNames und #SayHisName im Zusammenhang mit dem Tode George Floyds weltweit rasant verbreitet. Der Sinn des ursprünglichen Hashtags #SayHerName gerät dabei in Vergessenheit.

Breonna Taylor-BLM-Proteste-USA
#SayHerName: Breonna Taylor wurde im März im Schlaf von Polizisten erschossen. © Jason Connolly / AFP / Getty Images

In der Nacht zum 13. März 2020 töteten drei Polizisten die Afroamerikanerin Breonna Taylor in ihrem Bett. Sie stürmten ihre Wohnung, weil sie dachten, es handle sich um den Aufenthaltsort eines Verdächtigen in einem Drogenfall. Der gesuchte Mann war zu diesem Zeitpunkt aber bereits in Haft.

Nachdem Breonnas Lebensgefährte, Kenneth Walker, der einen Waffenschein besitzt, das Feuer gegen die unrechtmäßigen Eindringlinge eröffnete, schossen die Beamten achtmal auf die Schwarze Rettungssanitäterin. Sie selbst war unbewaffnet und starb am Tatort. Bis heute ist keiner der Polizisten für die Tat belangt worden. Im Gegenteil, bis vor ein paar Wochen saß Kenneth Walker wegen versuchten Mordes an einem Polizisten noch in Untersuchungshaft. Der Fall Breonna Taylor ereignete sich bereits im März, in den Medien fand die Geschichte aber erst nach dem gewaltvollen Tod George Floyds im Mai Gehör.

Auch in der deutschen Medienlandschaft wurde Breonna Taylors Name im Vergleich zu dem George Floyds nicht oft genannt. Erst als sich die Sängerin Beyoncé zu dem Thema äußerte und öffentlich die Verhaftung der Polizisten forderte, wurde ihr Fall hier wirklich registriert. Es stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass viele Menschen auch in diesem Land die Namen von Trayvon Martin, Mike Brown und jetzt George Floyd kennen, aber die von Sandra Bland, Deborah Danner, Yvette Smith und Breonna Taylor nicht.

#SayHerName

Für Fälle wie den von Breonna Taylor gründete die Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw in Zusammenarbeit mit dem African American Policy Forum 2014 die #SayHerName-Bewegung. Crenshaw wollte damals die Erfahrungen mit Polizeigewalt von Schwarzen Frauen sichtbar machen. Gleichzeitig sollte mit der Bewegung auch klar werden, dass Schwarze Frauen nicht nur von staatlicher Seite rassistische Diskriminierung erfahren, sondern auch innerhalb ihrer Communitys und der Protestbewegungen mit patriarchalen Strukturen zu kämpfen haben. Crenshaw war aufgefallen, dass viele Menschen zwar die Namen der männlichen Schwarzen Opfer von Polizeigewalt kannten, die der Frauen aber meist nicht.

Bei #SayHerName ging es deshalb ursprünglich um genau das: Die Namen derer zu nennen, die oft untergehen und dabei auch auf die Gewalt aufmerksam zu machen, die sie erleben, weil sie keine cis-Männer sind. So hat Polizeigewalt gegen Schwarze Frauen beispielsweise oft etwas mit sexualisierter Gewalt zu tun. Diese richtet sich vor allem gegen dark-skinned Schwarze Frauen, die einer noch größeren strukturellen Diskriminierung ausgesetzt sind, als light-skinned Schwarze Frauen. Stichwort: Colorism. Eine Unterscheidung, die im öffentlichen Diskurs in Deutschland noch überhaupt nicht angekommen, die aber ungemein wichtig ist, um die verschiedenen Diskriminierungsmechanismen zu verstehen, gegen die Schwarze Frauen weltweit kämpfen.

#SayHisName und #SayTheirNames

Die Schriftstellerin Camryn Garrett erklärt auf Twitter, dass es problematisch sei, dass inzwischen überall in den sozialen Medien und auf Demonstrationen die Hashtags SayHisName und SayTheirNames verbreitet würden. Der ursprüngliche Sinn hinter der Bewegung würde hiermit übergangen. Anstatt die Stimmen Schwarzer Frauen zu stärken, würden ihre geschlechtsspezifischen Kämpfe unsichtbar gemacht.

Die Black-Lives-Matter-Aktivistin Ashley Yates gibt für diese Unsichtbarmachung auch den Medien die Schuld. Im Gespräch mit ze.tt erklärt sie, dass es nach dem Tode Breonna Taylors in ihrer Geburtsstadt Louisville Demonstrationen gegen Polizeigewalt und für mehr Gerechtigkeit gegeben habe. Nach dem gewaltsamen Tod George Floyds seien verschiedene Medienhäuser angereist und hätten die Proteste später als Proteste für George Floyd in die Welt getragen.

Schwarze Frauen kämpfen an mehreren Fronten gleichzeitig

Ein Zitat vom Schwarzen Widerstandskämpfer Malcolm X aus dem Jahr 1962 geistert dieser Tage viel durch die sozialen Medien:

Die Person, die in Amerika am wenigsten respektiert wird, ist die Schwarze Frau. Die Person, die in Amerika am wenigsten geschützt wird, ist die Schwarze Frau. Die Person, die in Amerika am meisten vernachlässigt wird, ist die Schwarze Frau.

Im Englischen gibt es dafür einen Begriff: Misogynoir, den die queere Schwarze Feministin Moya Bailey prägte. Ein Zusammenspiel aus dem Begriff Misogynie, also einer extremen Form von Frauenfeindlichkeit, und dem französischen Wort Noir, das Schwarz bedeutet. Er beschreibt, welcher Mischung aus sexualisiertem Rassismus, Sexismus und anti-schwarzem Rassismus Schwarze Frauen weltweit ausgesetzt sind. Welche Konsequenzen Misogynoir haben kann, hat der tragische Fall der ermordeten Black-Lives-Matter-Aktivistin Oluwatoyin „Toyin“ Salau gezeigt. Über Twitter hatte sie am sechsten Juni berichtet, dass sie sexuell genötigt worden sei. Am selben Tag wurde sie als vermisst gemeldet. Toyin hatte ihren Angreifer bei der Polizei angezeigt. Diese nahm die Anzeige zwar auf, bot ihr aber keinen weiteren Schutz. Wenige Tage später wurde sie tot aufgefunden. Das Model Miski Muse drückte ihre Trauer mit folgenden Worten aus und bekräftigte damit noch einmal die Aussage von Malcolm X:

Schwarze Lebensrealitäten, insbesondere die von Schwarzen Frauen, nicht binären und trans Personen müssen stets intersektional gedacht werden, da sich die Diskriminierung gegen sie auf unterschiedlichen Ebenen abspielt. Sie müssen sich im öffentlichen sowie im privaten Raum gegen Unterdrückung wehren und werden bei diesem Kampf oft alleingelassen.

Schwarze trans Personen sind besonders betroffen

Schwarzen trans Personen wird im medialen Narrativ meist nur eine kleine, unbedeutende Rolle zugestanden. Dabei sind sie es, die besonders von rassistischer und cis-sexistischer Diskriminierung betroffen sind. Sie erfahren Gewalt vonseiten der Polizei, aber beispielsweise auch von Schwarzen cis-Männern. Allein in diesem Jahr wurden laut Human Rights Watch bereits 14 trans Personen in den USA getötet. Im Jahr 2019 waren es 26, von denen die meisten Schwarze trans Frauen waren. Die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher. Diese Woche kamen mit Riah Milton und Dominique „Rem’mie“ Fells zwei weitere Opfer hinzu. Der Hashtag #SayHerName, er gilt auch für sie.

Auch der Tod von Tony McDade, einem Schwarzen trans Mann, wurde in vielen öffentlichen Diskursen lange nicht thematisiert. Er wurde zwei Tage nach George Floyds Tod in Tallahassee, Florida, von der Polizei erschossen. Vonseiten der Beamten heißt es, Tony McDade sei bewaffnet gewesen und habe seine Waffe auf sie gerichtet, deshalb hätten sie sich genötigt gesehen, ihn zu erschießen. Nachbar*innen und Anwohner*innen widersprechen diesem Tathergang und prangern einen weiteren Fall tödlicher Polizeigewalt an.

Queere Schwarze Personen sind Vorreiter*innen

Die Unsichtbarmachung von queeren Schwarzen Frauen ist besonders zynisch, wenn man bedenkt, dass alle emanzipatorischen Schwarzen Bewegungen maßgeblich von queeren Schwarzen Frauen getragen wurden. Das gilt für die USA sowie auch in Deutschland. So wurde die Afro-Deutsche Bewegung unter anderem von den queeren Aktivistinnen Katharina Oguntoye, Peggy Piesche und Audre Lorde gegründet. Queere Schwarze Frauen haben immer schon Pionierarbeit geleistet und Schwarze Bewegungen weltweit vorangetrieben.

Bei #SayHerName geht es nicht darum, die Gewalt an und Gefahr für Schwarze Männer zu negieren, sondern den Lebensrealitäten von Schwarzen Frauen einen Platz einzuräumen. Im Interview mit der New York Times erklärt die Autorin Andrea Ritchie dazu: „Wir wollen nicht mit George Floyds Geschichte konkurrieren. Wir versuchen, die Geschichte zu vervollständigen.“

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