Schwul, kurdisch und Migrant – Wie Ciwan auf den Frühling wartet

Der Fotograf Ciwan Veysel verließ die Türkei in der Hoffnung auf eine Zukunft in Europa. Doch als Migrant kämpft er auch hier weiter. Unsere Autorin hat ihn ein Jahr lang begleitet. 

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Ein junger Mann auf dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, Diyarbakır im März 2019. Um seinen Kopf trägt er ein Band mit den kurdischen Nationalfarben. Im Hintergrund weht die Regenbogenfahne. Foto: Ciwan Veysel / Bearbeitung: Elif Küçük / ze.tt

Immer wenn Ciwan Veysel von diesem Tag erzählt, leuchten seine dunklen Augen. Ein gleichsam unendliches Fahnenmeer aus Rot, Grün und Gelb sei es gewesen: Auf dem zentralen Platz in Diyarbakır, einer Stadt im südostanatolischen Teil der Türkei, feiern mehr als zwei Millionen Menschen das kurdische Neujahrsfest Newroz. An dem sonnigen Märztag tragen manche von ihnen Trachten, singen und tanzen Hand in Hand. Es sind historische Zeiten im Jahr 2013: Die türkische Regierung hat einen Friedensprozess mit den Kurd*innen angestoßen. Zum ersten Mal wird eine Botschaft des inhaftierten Anführers der verbotenen kurdischen Arbeiter*innenpartei PKK verlesen. Die Menge jubelt. Historisch ist der Tag für Ciwan auch aus einem anderen Grund. Aus der Menge erhebt sich plötzlich eine bislang unbekannte Fahne. Orange, Blau und Lila gesellen sich zu den kurdischen Nationalfarben, die den Platz bereits allseits bedecken. Es ist die Regenbogenfahne.

„Ich weiß genau, dass uns andere queere Menschen aus der Ferne beobachteten. Unsere Fahne gab ihnen Kraft. Manche kamen später auf uns zu und fanden den Mut, sich zu outen.“ An dem Tag hätten er und seine Freund*innen den einzigen LGBTIQA-Verein der Stadt, Keskesor LGBT, gegründet, erzählt Ciwan Veysel. Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Der 25-Jährige sitzt im Juni 2018 in Berlin-Schöneberg in einem Café, Tausende Kilometer von der Stadt entfernt, vor der er am Ende floh und doch immer wieder zurückkehrt, sei es, um seine Familie zu besuchen, oder um in seinen Erzählungen dorthin zu wandern.

Diyarbakır, Wien, Berlin – die Geschichte von Ciwan ist die Geschichte eines steten Ankommens, Kämpfens und Weiterziehens.

Damals, in jenem Sommer in Berlin, hilft er manchmal in einem türkischen Geschäft aus. Die Besitzer*innen mögen nicht, dass Ciwan an Ramadan nicht fastet, dass er Tattoos trägt auf seinen zierlichen Armen und Händen, die aus seinen weißen T-Shirts herausragen. In seinem zarten Gesicht trägt er einen dunklen Bart. Ciwan erzählt, er wolle stattdessen nun einen Deutschkurs besuchen, ankommen in Berlin, in der Stadt, in der er sich zum ersten Mal geborgen fühle. Diyarbakır, Wien, Berlin – die Geschichte von Ciwan ist die Geschichte eines steten Ankommens, Kämpfens und Weiterziehens. Doch zurück zum Anfang, zurück nach Diyarbakır.

„Das war ein Krieg“, sagt Ciwan

Antike Kirchen, Moscheen, mittelalterliche Häuser und Befestigungsanlagen prägen das Stadtbild von Diyarbakır. Es ist eine Stadt mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte. Der Großteil der vier Millionen Menschen, die hier leben, ist kurdisch. „Amed, die Hauptstadt von Kurdistan“ wird Diyarbakır von vielen Kurd*innen genannt. Sie ist auch die Heimat von Ciwans Familie. Hier lebt sie, bis ihr Dorf im Jahre 1980 vom türkischen Militär geräumt und niedergebrannt wird, wie so viele andere kurdische oder linke Dörfer in der Türkei, die systematisch vernichtet wurden. Die Familie zieht in den Westen des Landes, der mehrheitlich von Türk*innen bewohnt wird. Sie haben fünf Kinder und das sechste wird hier geboren: Ciwan. Die Eltern wollen nicht, dass die Kinder auffallen. Seine Muttersprache Zazaisch lernt Ciwan nicht. Er erzählt stets auf Türkisch, bei ihm klingt das weich und vornehm. Der Name „Ciwan“ hingegen ist Kurdisch, und bedeutet „jung“. Es ist ein Pseudonym, das der Fotograf aus Selbstschutz gewählt hat.

Geborgenheit und Frieden, das hat sich Ciwans Familie wohl auch erhofft, als sie Jahre später nach Diyarbakır zurückkehrt. Ciwan, damals ein Teenager, merkt, dass es auch in der sogenannten Hauptstadt von Kurdistan gefährlich ist, kurdisch zu sein. Bei der Parlamentswahl im Jahr 2015 verfehlt die regierende AKP von Recep Tayyip Erdoğan nach 13 Jahren erstmals die absolute Mehrheit, weil die prokurdische HDP in vielen südostanatolischen Städten große Wahlerfolge feiert, besonders in Diyarbakır. Für die Regierung ist das eine Provokation. Das Militär marschiert wieder in kurdische Städte ein. Zusätzlich schwappen um das Jahr 2015 Kämpfe zwischen dem IS und syrisch-kurdischen Milizen über nach Diyarbakır, bei einem Anschlag des IS im Nachbarort sterben mehr als dreißig Jugendliche. Die kurdische PKK verübt daraufhin mehrere Attentate auf türkische Polizist*innen, weil sie die Regierung mitverantwortlich macht. Im selben Jahr fangen die Kämpfe im Stadtbezirk Sur in Diyarbakır an, ab 2016 herrscht hier für ein Jahr eine Ausgangssperre. „Wir durften die Wohnung tagelang nicht verlassen“, berichtet Ciwan: „Vor unserer Haustüre standen bewaffnete Soldaten, überall waren Militärpanzer, und es hat nach Pfefferspray gerochen.“ Wie viele Menschen in diesen Tagen sterben, ist bis heute unklar. Medien berichten immer wieder von Familien, die ihre Toten wegen der Ausgangssperre nicht begraben können. „Das war ein Krieg“, sagt Ciwan. Seine Stimme zittert, wenn er davon erzählt.

Seine erste Fotoserie zeigt die, die am meisten unter dem Krieg leiden: Kinder

In Sur entsteht Ciwans erste Fotoserie, mit einer Kamera, die ihm seine Schwester schenkt, als er fast 18 Jahre alt ist. „Sur gehörte zu meinem Zuhause. Und dort gab es nun einen Krieg. Ich dachte, wenn ich beginne zu fotografieren, dann hier“, sagt er. Die Bilder wurden 2017 in Paris ausgestellt, dann in einem Fotoband veröffentlicht. In Berlin hat sie Ciwan Anfang 2018 erstmals in einer Einzelausstellung gezeigt. Er hat Szenen aus dem vollständig zerstörten Stadtteil mit seiner Kamera festgehalten, darunter die dunkle Silhouette eines spielenden Kindes, im Hintergrund zieht sich Stacheldraht durch das Bild. „Ich wollte die Kinder fotografieren. Denn sie sind es, die am meisten unter einem Krieg leiden. Sie werden von ihrem Zuhause, von ihren Schulen getrennt, ohne wirklich zu begreifen, was vor sich geht.“

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Das spielende Kind, im Hintergrund der Stacheldraht. Ciwans Fotos sind auch auf Instagram zu sehen. Foto: Ciwan Veysel
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Die Kinder von Sur beim Baden im See. Dieses trägt eine Henna-Verzierung auf dem linken Schulterblatt. Foto: Ciwan Veysel

Wenn er sich an seine eigene Kindheit erinnere, sagt Ciwan, falle ihm auf, dass er schon sehr früh die traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit nicht erfüllt habe. „Es war offensichtlich, dass ich nicht heterosexuell war, und ich habe es immer gespürt.“ Ciwan kämpft mit sich, er fragt sich immer wieder, wie das passieren konnte, ob er damit alleine ist auf der Welt. Im konservativen, islamisch geprägten Diyarbakır kennt er keine offen homosexuell lebenden Menschen.

Morde an queeren Menschen in der Türkei werden selten dokumentiert

Der einzige Mensch, dem Ciwan sich in dieser Zeit öffnen kann, ist ein Lehrer. „Das ist etwas vollkommen Normales“, hätte ihm dieser damals gesagt: „Das musst zuallererst du akzeptieren. Wenn dir das gelingt, wird das Leben genießbar für dich.“ Ciwan schöpft Mut. Über das Internet schließt er Bekanntschaften mit anderen queeren Menschen, mit 19 Jahren besucht er eine Veranstaltung einer LGBTIQA-Gruppe. Als er den Raum mit den rund 20 Menschen betritt, denkt er sich „Meine Güte, wie viele wir sind!“ Es ist gleichsam ein neues Zuhause, doch eins, das oft die Öffentlichkeit meiden muss, viele der Aktivist*innen müssen unbekannt bleiben, darunter auch Ciwan. Wenn er auf Demonstrationen die Regenbogenfahne schwenkt, gibt er sie gleich weiter, um nicht beobachtet zu werden. Bis heute ist er vor seiner Familie nicht geoutet. „Es gab Freund*innen, die mich bei dem Newroz-Fest mit der Fahne sahen und daraufhin den Kontakt abbrachen“, berichtet er.

Das Demokratische Türkeiforum hat für die Jahre 2007 bis 2009 insgesamt 22 Morde an queeren Menschen gezählt. Der Verein KAOS GL hat für das Jahr 2017 58 Mordversuche verzeichnet. Die Dunkelziffer wird weitaus größer geschätzt. Die Fälle werden selten von offiziellen Stellen dokumentiert, stattdessen bezeichnen Politiker*innen der regierenden AKP Homosexuelle öffentlich als „krank“ oder „pervers“. Täter*innen werden oftmals freigesprochen. Die Dokumentations- und Aufklärungsarbeit übernehmen dafür die zahlreichen queeren Vereine und Organisationen, die es in der Türkei gibt. So auch Ciwan und seine Freund*innen mit ihrem Verein Keskesor LGBT.

Er kümmert sich damals um die anonymen Aktivitäten in der Gruppe, organisiert Filmabende und Vorträge, schreibt Flyer, tauscht sich mit Parteien aus. Vor dreieinhalb Jahren beschließt Ciwan dennoch, Diyarbakır zu verlassen. Er habe das Leben im Krieg, die Bomben, die Gewehre, die Toten nicht mehr ertragen. Und auch nicht mehr, sich wegen seines Schwulseins verstecken zu müssen. Er habe Angst gehabt, wie viele befreundete Aktivist*innen im Gefängnis zu landen. „Schwul und kurdisch zu sein, sind zwei Seiten meiner Identität, die ich nicht voneinander trennen kann, und die ich stets verteidigen musste“, sagt er. Ciwan will nach Europa, er will eine Zukunft. Als er Freund*innen in Wien besucht, findet er ein kleines Gymnasium in Linz, das bereit ist, ihn aufzunehmen. So kommt er an ein Schülervisum.

Ein österreichischer Albtraum beginnt

Seine Mutter und er hätten viel geweint beim Abschied. Doch an seiner Entscheidung habe Ciwan nicht gezweifelt. Auch nicht, als er in Wien von der Schule fliegt, weil er den Anforderungen nicht genügt. Vier Monate später kann er sein Visum nicht verlängern, doch er lernt seinen späteren Partner kennen. Sie gehen eine eingetragene Partnerschaft ein. Ciwan sagt: „Da begann ein Albtraum“. Mehr als ein Jahr habe er um seinen Aufenthaltstitel bangen müssen. Unzählige Male sei er zum Amt gegangen, niemand sei bereit gewesen, ihm Auskunft zu erteilen, manchmal habe man ihn rausgeschmissen, oder ihm „Hier wird nicht Englisch geredet, sondern nur Deutsch“ entgegnet. Die Behörden hätten nicht an die Rechtmäßigkeit der Ehe geglaubt, sagt Ciwan, hätten regelmäßig unangekündigte Kontrollen durchgeführt, den Partner mit Fragen gelöchert: Ob er Geld bekommen habe für die Heirat? Ob er sicher sei, dass Ciwan schwul ist?

Nun spielte es keine Rolle, dass ich in einer gay-freundlichen Stadt lebte, dass ich nicht mehr von physischer Gewalt bedroht war, wenn ich mich als Schwuler auf der Straße zeigte. Jetzt war ich nur noch ein Migrant.

Ciwan Veysel

Ciwan hängt in einem luftleeren Raum, der sich mit Angst um seine Zukunft füllt, je länger er wartet. Tage und Wochen streift er ziellos durch Wien. Nicht einmal arbeiten darf er. Erst eineinhalb Jahre später bekommt er den lang ersehnten Aufenthaltstitel. Da beschließt er, die Stadt zu verlassen. „Für mich ist Österreich ein rassistisches Land“, sagt Ciwan im Sommer 2018. Ein Jahr zuvor, 2017, hat bei der Nationalratswahl die rechtsradikale FPÖ rund 26 Prozent der Stimmen erhalten. Gemeinsam mit der konservativen ÖVP wird sie in einer Koalition die nächsten Jahre das Land regieren. Der Verein Zivilcourage und Antirassismus-Arbeit dokumentierte im Jahr 2018 fast 2.000 rassistische Übergriffe in Österreich. „Ich habe mich in Wien nie sicher gefühlt. Wenn ich die Straße betrat, wusste ich: Für die bin ich ein Fremder“, erzählt Ciwan. „Nun spielte es keine Rolle, dass ich in einer gay-freundlichen Stadt lebte, dass ich nicht mehr von physischer Gewalt bedroht war, wenn ich mich als Schwuler auf der Straße zeigte. Jetzt war ich nur noch ein Migrant.“

Berlin ist 2018 für kurze Zeit eine Heimat für Ciwan. In den letzten Jahren ist die Stadt für viele politisch verfolgte und progressiv denkende Menschen aus der Türkei zum Exil geworden. Man kennt sich, man versteht sich. Ciwan hat viele Freund*innen hier, bei einem wohnt er übergangsmäßig. Im Sommer beginnt er jedoch nach einem Job zu suchen, nach einem WG-Zimmer, einer Wohnung – erfolglos. Ciwan beginnt wieder in der Stadt umherzuwandern, rast- und ratlos. Im Frühjahr 2019 beschließt er dann, nach Wien zurückzukehren.

Ciwan will weiter kämpfen, auch dafür, fotografieren zu können

In Wien sei die Wohnungssuche einfacher, erzählt Ciwan im April dieses Jahres. Es ist ein Gespräch über Skype, der Bildausschnitt der Webcam zeigt einen kahlen Raum. Vor zwei Wochen hat Ciwan Berlin verlassen. Er trägt ein dunkelgrünes T-Shirt und scheint unverändert, er dreht wie immer in filigranen, flinken Bewegungen seinen Tabak. Doch es hat sich eine Abgeklärtheit in seinen Ton geschlichen. „Wichtig ist, dass ich jetzt meine Rechte habe. Letztendlich habe ich hier meine Aufenthaltserlaubnis. Vielleicht kann ich nächste Woche schon mit einem Job in einem Café beginnen“, sagt er. Ob die Vorstellung, in Wien zu leben, ihm keine Angst mehr mache? „Ich weiß, dass Österreich von einer faschistischen Partei mitregiert wird. Selbstverständlich ist Rassismus etwas Grauenvolles. Doch es macht mir keine Angst, weil ich irgendwie für mich zu kämpfen weiß.“

Als queerer Kurde wollte ich in meinen Bildern andere queere Kurd*innen sichtbar machen.

Ciwan Veysel

Dennoch lässt sich erahnen, dass Ciwan zwischen den Stühlen steht. Besorgt sei er irgendwie doch, fügt er hinzu, was sei, wenn er auf der Jobsuche Rassismus erfahre? Wenn er in Wien ganz angekommen ist, will Ciwan weiter kämpfen, dann dafür, fotografieren zu können, die Möglichkeit zu haben, Kunst zu machen. Er will an einer Akademie studieren, weiter an seinem neuen Fotoprojekt Queerdistan arbeiten. „Als queerer Kurde wollte ich in meinen Bildern andere queere Kurd*innen sichtbar machen.“ Doch wie erzählt man die unsichtbaren Geschichten von Menschen, deren Sichtbarkeit für sie lebensbedrohlich ist? Bei seinem Besuch im letzten Sommer in Diyarbakır fotografierte Ciwan manche seiner Freund*innen und schrieb ihre Geschichten auf. Er ließ ihre Gesichter im Verborgenen, Konturen werden von dem dunklen Wald um sie herum verschluckt. Ciwan ist gleichsam wie diese Fotos. Es scheint manchmal so, als lasse er sein Gegenüber im Unwissen, als wolle er die Verborgenheit, die ihn schützt, nicht aufgeben.

Was Ciwan in diesen Tagen im April dieses Jahres erfreut und Kraft spendet: die Ergebnisse der Kommunalwahlen in der Türkei, die Ende März abgehalten wurden. In Istanbul wurde – so schien es zumindest in diesem Moment – nach rund 25 Jahren die konservativ-islamische Stadtregierung, zuletzt unter der Regierungspartei AKP, von einem Bürgermeister der Oppositionspartei CHP abgelöst. Die prokurdische HDP hatte an vielen Orten des Landes auf eigene Kandidat*innen verzichtet, war ein informelles Bündnis mit den anderen Oppositionsparteien eingegangen, hatte ihre Wähler*innen aufgefordert, die Kandidat*innen mit den besten Aussichten auf den Sieg zu wählen. Anfang Mai wurde jedoch nach Einspruch der AKP für Ende Juni eine Neuwahl in Istanbul angesetzt.

Eine Schutzmauer aus Menschen für den Frühling

„Der Wandel hat sich dank der kurdischen Stimmen vollzogen“, sagt Ciwan im April. Und auch wenn die CHP eine nationalistische, weiß-türkische Partei sei, mache das Hoffnung auf einen progressiven Wandel in der Türkei. Für die Kurd*innen ändere sich erst einmal nichts. Aber dennoch könne sich die Türkei öffnen. „Ich bin fast beflügelt. Es gibt Hoffnung.“ Es sei, als wäre ein Frühling eingekehrt, wie es Ciwan nennt. Ob er sich vorstellen könne, in die Türkei zurückzukehren? Nein, er habe noch immer keine Zukunft in dem Land, weder als Kurde noch als schwuler Mann. Hinzu komme die Wirtschaftskrise, unter der viele Menschen leiden. „Wenn es irgendwann eine Revolution gäbe, würde ich zurück gehen. Wenn die Türkei für alle lebenswert wäre, wenn alle frei wären.“ Ciwan lacht vorsichtig, als beschreibe er eine zerbrechliche Utopie.

Es ist eine Utopie, die allseits bedroht scheint. Auch in diesem Jahr wurde auf dem zentralen Platz in Diyarbakır während der Newroz-Feierlichkeiten die Regenbogenfahne gehisst. Ciwan war dabei. „Es gab ein paar Leute, die uns angegriffen haben“, erzählt er, „Sie wollten, dass wir die Fahne hinunter nehmen“. Doch andere hätten sich schützend in den Weg gestellt, eine Schutzmauer errichtet um die Gruppe junger Menschen, die Hand in Hand tanzten. Auch das hat Ciwan mit seiner Kamera festgehalten. Es sieht nach Frühling aus.

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Foto: Ciwan Veysel