Sechs Gründe, warum Studio Ghibli perfekte Kinderfilme für Erwachsene macht

Netflix hat die meisten der Filme des japanischen Studio Ghibli ins Programm aufgenommen. Warum sind die Animes eigentlich so beliebt? Ein Kommentar

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Die Filme des Studio Ghibli funktionieren bei Jung und Alt. Filmstill: Netflix/Studio Ghibli

Ein Vergleich, den das japanische Animationshaus schon seit seiner Gründung begleitet, ist der zu Walt Disney. Und auch wenn die frühen Disney-Filme eine große Inspiration für Ghibli waren, gibt es große Unterschiede.

Denn wenn man als japanische*r Animator*in einfach den westlichen Stil kopieren würde, dann „riecht das nach Butter“. Das hat Isao Takahata in einem seiner letzten Interviews gesagt. Takahata war einer der beiden großen Köpfe hinter Studio Ghibli und eher für die geerdeteren Ghibli-Filme (Die letzten Glühwürmchen, Only Yesterday) verantwortlich. „In Japan reden wir, ohne große Gesten. Wenn du dann diese großen Gesten in deinen Filmen benutzt, dann riecht das nach Butter, dann ist das zu westlich.“

Und trotzdem verbindet Studio Ghibli etwas mit Disney: Beide Studios machen hauptsächlich Filme, die sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen geschaut werden können. Insbesondere die Disney-Tochterfirma Pixar steht dafür wie kaum ein anderes Studio. Die Formel geht normalerweise so: Quietschbunte Zauberwelt mit witzigen Charakteren, tragisches Ereignis, clevere popkulturelle Referenzen, die Kinder nicht verstehen und Erwachsene zum Lachen bringen – fertig ist der Pixar-Film.

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Hayao Miyazaki, der für die fantastischeren Ghibli-Filme (Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland, Mein Nachbar Totoro) verantwortlich ist, mochte den Titel „japanisches Disney“ nie und das ist verständlich, denn wo Ghibli und Disney sich in der Opulenz der Animation ähneln, so unterscheiden sie sich stark in ihrer Aussage und Charakterzeichnung. Studio Ghibli verfolgt ein anderes Geheimrezept. Und für viele übertrifft Ghibli deshalb auch Pixar und Disney darin, die perfekten Kinderfilme für Erwachsene zu produzieren. Hier sind sechs Gründe, wieso:

1. Auch das Fantastische kann echt sein

“Der Zeichner muss eine Lüge kreieren, die so real wirkt, dass die Zuschauer denken, sie könnte existieren.” Das schreibt Hayao Miyazaki in seiner Essaysammlung Starting Point und er trifft es hier genau: Die Filme von Studio Ghibli strotzen nur so vor kleinen Details, sodass auch das Fantastische real wirkt.

Diese Lüge, von der Miyazaki spricht, ist vielleicht die der unbekümmerten Kindheit. Wenn sich Kinder in Ghibli-Filmen anziehen, durch die Gegend rennen, Halt machen, staunen, wütend werden und schreien, dann sind sie immer auch Teil ihrer Umwelt. Sie verheddern sich, der Wind umspielt ihre Kleidung, sie stampfen in Pfützen und wälzen sich durch den Dreck.

Dieses taktile Verhältnis zur Umwelt verliert man irgendwann als Erwachsener. Das passiert sehr schleichend. „Wir geben dir etwas zurück, was du vergessen hast“ war der Spruch, mit dem Mein Nachbar Totoro 1988 beworben wurde.

Deswegen kann man schon sagen, dass diese detaillierte Darstellung der Umwelt zwar einerseits etwas Fantastisches hat, das Kinder sofort begeistern kann, gleichzeitig wirkt sie auf Erwachsene melancholisch. Wir wissen noch genau, wie es bei Oma gerochen hat, wie das erste Eis im Sommer geschmeckt hat. Dieser sinnliche Zugang zur Welt geht irgendwann verloren, man kann ihn wiederfinden, wenn man eine Zeit mit kleinen Kindern verbringt, oder einen Ghibli-Film schaut.

2. Erwachsene geben Kindern Raum, sich zu entfalten

Die böse Stiefmutter, der verständnislose Vater: In Disney-Filmen und den grimmschen Märchen, auf denen viele von ihnen basieren, werden Kinder oft von ihren Aufsichtspersonen unterjocht und müssen ausbrechen. Bei Ghibli ist das anders.

Es gibt da eine bemerkenswerte Szene in Stimme des Herzens. Die junge Shizuku hat sich frisch verliebt. Ihr Problem: Ihr neuer Freund weiß genau, was er mit seinem Leben anfangen will, er möchte Geigen bauen und wird dafür zwei Wochen nach Italien ziehen. Shizuku hingegen hat ihr ganzes (kurzes) Leben lang nur gelesen. Sie fühlt sich minderwertig. Also fasst sie den Entschluss, in diesen zwei Wochen ihr erstes Buch zu schreiben – und sich deshalb nicht mehr um die Abschlussprüfungen an der Schule zu kümmern.

Als ihren Eltern das auffällt, passiert etwas Wunderbares: Die Sache wird am Küchentisch ausdiskutiert. Den Eltern fällt auf, dass sie früher auch gerne Mal ausgebrochen wären und schließlich lassen sie ihre Tochter machen. Dass Shizuku sich später dann doch für die Schule entscheidet: geschenkt.

Ghibli-Filme zeigen so oft, dass Erwachsene ihre Kinder ernst nehmen und ihnen Raum zur Entfaltung geben. Das kann sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene beruhigend wirken.

3. Die Erwachsenen sind nicht perfekt

Trotzdem sind die Erwachsenen in Ghibli-Filmen nicht perfekt. Aber gerade das macht sie so unfassbar sympathisch. In Ponyo lebt der kleine Sōsuke mit seiner Mutter auf einer Klippe am Meer. Die Mutter ist voll berufstätig in einem Altenheim und kann sich meist nur im Augenwinkel um ihren Sohn kümmern.

Sie kommt jeden Tag zu spät zur Arbeit und rast wie eine Bescheuerte die Serpentinen in die Hafenstadt hinab. Manchmal will man ihr zurufen: Halte doch mal inne, schau dich doch mal um. Aber wie alle Ghibli-Charaktere ist sie vollkommen in ihre Umwelt eingebettet.

Wo Eltern in anderen Kinderfilmen entweder idealisiert oder distanziert sind, hat man es bei Ghibli-Filmen mit echten Menschen zu tun, die Fehler machen und kleine Eigenheiten haben. So können Kinder hier ihre eigenen Eltern erkennen, und Eltern sich selbst.

4. Der Hustle ist hart

Denn: Die Charaktere in Ghibli-Filmen müssen halt auch einfach arbeiten gehen. In fantastischen Kinderfilmen werden Arbeitswelt und Erziehungsfragen oft ausgeblendet. Meist zeigt sich nur am Anfang kurz das „langweilige Leben“, bevor das Abenteuer beginnt. Bei Ghibli sind viele Filme sogar Allegorien aufs Arbeitsleben.

Kikis Kleiner Lieferservice ist ein Kommentar auf das Leben als Freiberuflerin, in Prinzessin Mononoke finden diskriminierte Prostituierte und Leprakranke Arbeit in der Eisenstadt und bei Ponyo erleben wir den Alltag einer (fast) alleinerziehenden Mutter, die auch ordentlich sauer ist, wenn ihr Mann, ein Seefahrer, schon wieder eine Nacht auf dem Meer verbringen muss. In Chihiros Reise ins Zauberland muss Chihiro die Arbeitswelt sogar selbst erleben. Von ihren Eltern verlassen, wird sie selbst zur Arbeiterin in einem großen Badehaus. Aus dem Kind wird eine junge Frau.

Die Fokussierung auf die Arbeitswelt hat mit Sicherheit auch etwas mit der sehr arbeitszentrierten japanischen Kultur zu tun. Dass Ghibli-Filme diesen Teil der Realität aber nicht ausblenden, egal wie fantastisch ihr Setting auch sein mag, trägt dazu bei, dass sich die Filme so echt anfühlen.

5. Es werden große moralische Fragen aufgeworfen

Während bei Disney oft die Guten gegen die Bösen kämpfen, ist die Welt bei Ghibli komplexer. Am Schönsten zeigt sich das vielleicht an Prinzessin Mononoke.

Eine Waldgottheit wird von einer Eisenkugel angeschossen und fällt den jungen Ashitaka an. Ashitaka wird durch diesen Vorfall vergiftet und hat nur noch wenige Wochen zu leben. Er soll der Herkunft des Geschosses nachspüren und muss dafür sein Dorf verlassen. Die Dorfälteste gibt ihm eine Botschaft mit: „Du musst mit Augen sehen, die ungetrübt von Hass sind.“

Ashitaka wird im Laufe des Filmes dem erbitterten Kampf der Menschen gegen die Natur beiwohnen und sich am Ende auch auf die Seite der Natur schlagen. Trotzdem wird den Zuschauenden auch die Argumentation der Menschen klargemacht und wie Ashitaka können wir selbst überlegen, welche Entscheidung wir treffen würden. Auch in den anderen Filmen tauchen immer wieder moralische Fragen auf, die gar nicht so leicht zu beantworten sind.

6. Frauen spielen die Hauptrolle

Meisteranimator Hayao Miyazaki kann wie der große Patriarch wirken, der das traditionelle Animationsstudio unter seiner Fuchtel hält. Aber nicht nur viele Zeichner*innen bei Ghibli sind weiblich, auch in Miyazakis Filmen spielen meist Frauen die Hauptrollen. Von den Mädchen bei Totoro über Nausicaä, Chihiro und Mononoke bis zur kleinen Nixe Ponyo. Während im japanischen Film weibliche Charaktere auch gerne mal zu Nebenfiguren verdammt wurden, können sie bei Ghibli glänzen und sind selten klischeebeladen.

In Filmen wie Prinzessin Mononoke sind Frauen Herrscherinnen und Dorfälteste, ohne, dass es forciert wirkt. Meistens bewahren sie einen kühlen Kopf, während die Männer an ihrer Seite durchdrehen.

Deshalb eignen sich die Filme von Studio Ghibli perfekt dafür, um Kinder früh mit starken Frauenfiguren zu konfrontieren, die nie aufgesetzt oder fehl am Platz wirken.

In ihrem Buch Miyazakiworld schreibt die Biografin Susan Napier: “In der Miyazakiwelt wird die Kindheit ein utopischer Ort. Sie erinnert uns daran, was wir sein könnten, wenn wir diese Unschuld irgendwie wiedererlangen könnten.”

Auf Netflix sind jetzt die meisten Filme des Studio Ghibli verfügbar. Zeit, sie sich noch mal anzuschauen.

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