Sechs Monate nach Hanau: Kein Zurück zur Normalität

Am 19. Februar tötete ein Rassist in Hanau neun Menschen. Ein halbes Jahr danach will ein hessischer CDU-Politiker zur Normalität zurückkehren. Wie soll das gehen? Ein Kommentar

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Am 19. Februar 2020 ermordete ein Mann bei einem rassistischen Terroranschlag in Hanau diese neun Menschen. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Blumen, Kerzen und Fotos, von denen die Gesichter junger Menschen aufblicken, umringen das Nationaldenkmal der Brüder Grimm – den bekanntesten Söhnen der Stadt – am Marktplatz in Hanau. Es ist eine tägliche Mahnung dessen, was am 19. Februar hier geschah: Ein Rassist erschießt erst in einer Shishabar in der Innenstadt, später in einem Kiosk und einer weiteren Shishabar im Stadtteil Kesselstadt insgesamt neun Menschen.

Es sterben an diesem Abend Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu.

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Wessen Normalität?

Dass mit Blumen, Kerzen und Fotos am Marktplatz die Erinnerung an diese schreckliche Tat aufrechterhalten wird, gefällt jedoch dem hessischen CDU-Abgeordneten Heiko Kasseckert nicht. In einem Gastbeitrag im Hanauer Anzeiger schrieb er Anfang August, dass die Tat zwar aufgeklärt werden müsse. Doch das Denkmal am Marktplatz, die Statue der Brüder Grimm, will er aus dieser „dunklen Umklammerung“ befreit sehen. Zur Trauer gehöre auch Loslassen, meint Kasseckert. Die Stadt müsse nun zu einer Normalität zurückkehren. Statt des Marktplatzes hält der CDU-Politiker eine Gedenktafel auf dem Friedhof der Stadt für einen angemesseneren Erinnerungsort.

Wenn ein Rassist neun Menschen ermordet, dann gibt es weder ein Zurück, noch eine Normalität. Es darf sie gar nicht geben.

Das Wort „Normalität“ stößt in Kasseckerts Beitrag besonders auf. Man muss sich fragen, wie belastend es für ihn überhaupt sein kann, wenn er an den Bildern und Blumen am Marktplatz entlangläuft, während andere den gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen beweinen, der dort auf einem der Fotos zu sehen ist. Um wessen Normalität geht es hier? Und wer ist in der Position, sie zu fordern?

Vor allem scheint Kasseckert aber eine Sache nicht zu verstehen: Wenn ein Rassist neun Menschen ermordet, dann gibt es weder ein Zurück noch eine Normalität. Es darf sie gar nicht geben. Denn es war diese Normalität, in der sich der rassistische Anschlag ereignete und ereignen konnte.

Viele Fragen sind offen

Bereits vor dem Anschlag hatte es immer wieder Bedrohungen im Hanauer Stadtteil Kesselstadt gegeben. Hat die Polizei diese ernst genug genommen? Warum nahm niemand bei der Polizei ab, als Vili Viorel Păun anrief, während er den Attentäter in seinem Auto auf eigene Faust verfolgte? Warum hatte Tobias R. einen Waffenschein? Warum wurde nicht frühzeitig eingeschritten, obwohl er bereits zwei Wochen vor der Tat sein Manifest im Internet veröffentlichte, obwohl er 2019 sogar die Bundesanwält*innenschaft anschrieb und in einer verschwörungsideologischen Anzeige darum bat, Ermittlungen wegen einer angeblichen Überwachung durch einen Geheimdienst einzuleiten?

Solange Rassismus nicht aktiv bekämpft und verlernt wird, sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, welch tödliche Konsequenzen diese Untätigkeit haben kann.

Wer will, dass sich solche Taten in der Zukunft nicht wiederholen, die*der kann eine Normalität, in der all das möglich war, nicht wollen. Und solange Rassismus in diesem Land nicht aktiv bekämpft und verlernt wird, sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, welch tödliche Konsequenzen diese Untätigkeit – die in Deutschland Kontinuität hat – haben kann.

Zum Glück sehen viele Menschen in Hanau und auch der Oberbürgermeister der Stadt das ähnlich, schreibt die Initiative 19. Februar in einer Antwort auf Heiko Kasseckert. Viele wollen nicht vergessen. Ein Gestaltungswettbewerb für ein eigenes Denkmal für die Ermordeten ist bereits initiiert, auch ein neues Demokratiezentrum soll entstehen und den neun Ermordeten die Goldene Ehrenplakette der Stadt verliehen werden.

Letzteres gefällt Heiko Kasseckert ebenfalls nicht. Bei aller Tragik und Verständnis sei diese Auszeichnung Menschen vorbehalten, die sich um die Stadt verdient gemacht hätten. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) wies die Kritik in einem Interview mit der taz zurück: „Für das, was wir hier auszeichnen wollen, gibt es keine Ehrung in der Stadt, weil wir so etwas nie vorgesehen hatten. Die Botschaft ist: Ihr gehört zu uns. Und deshalb werden wir die Plakette auch so verleihen.“

Die Forderung: Lückenlose Aufklärung

Die Mitglieder der Initiative 19. Februar wissen darum, wie sehr es jeden Tag darauf ankommt, zu erinnern: „Nicht zuletzt, damit das Versagen der Behörden im Vorfeld, während und nach der Tat nicht erneut unter den Teppich gekehrt werden kann.“ Vieles recherchieren sie derzeit selbst. Auch das sollte keine Normalität sein. Tausende Menschen werden am Samstag, dem 22. August, in Hanau zu einer Demo erwartet, um gemeinsam mit ihnen Aufklärung zu fordern.

Und wenn diese Aufklärung tatsächlich lückenlos erfolgt ist, Antworten gegeben wurden und erkennbare Schritte im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus gegangen sind, dann – ganz vielleicht – gehört zur Trauer auch Loslassen. Aber ob und wann es dafür soweit ist, entscheiden allein die Angehörigen.


Update vom 22. August: Am Freitagabend wurde bekannt gegeben, dass die Demo in Hanau am Samstag abgesagt wird. Als Grund nannte die Stadt steigende Corona-Infektionszahlen. Oberbürgermeister Claus Kaminsky kündigte an, das Gedenken nachzuholen, sobald die Infektionsfälle deutlich zurückgegangen seien.

Außerdem auf ze.tt: Diese Fotos zeigen die Angehörigen von Opfern rechter Gewalt