Seelenverwandt geboren: Niemand ist so stark verbunden wie eineiige Zwillinge

Wenn du einen eineiigen Zwilling hast, kannst du stolz sein. Du gehörst damit zu einem besonderen Club, den nur wenige Menschen verstehen, aber wohl alle faszinierend finden.

Habt ihr schon mal Rollen getauscht? Könnt ihr gegenseitig eure Gedanken lesen? Könnt ihr fühlen, wenn der andere Schmerzen hat? Typische Fragen, über die sich Zwillinge wohl regelmäßig freuen oder ärgern. So oft haben sie diese Fragen schon gehört und zu beantworten versucht. Denn Zwillinge faszinieren uns seit je her. Nicht ohne Grund ist das Zwilling-Dasein Gegenstand von Mythen, Aberglaube, Literatur und Forschung. In der Filmindustrie wird es dazu gerne übertrieben und fetischiert. In den Handlungen geht es um falsche Identitäten, um Gut gegen Böse, um geteilte Liebschaften. Sie werden als nicht unterscheidbar dargestellt, als ein- und dieselbe Person in zwei Körpern oder wie im Falle von Stanley Kubrick’s The Shining als Horrorfiguren.

In einigen Kulturen außerhalb der fiktiven Welt hat die Geburt von Zwillingen tatsächlich eine besondere Bedeutung. Dann gilt sie als über- oder widernatürlich. In Madagaskars ländlichen Gegenden wird von der Mutter erwartet, ihre Zwillinge kurz nach der Geburt abzustoßen, damit der restliche Stamm nicht von Unglück oder bösen Flüchen befallen wird. Der nigerianische Stamm Bassa-Nge sieht die Geburt von Zwillingen hingegen als göttlichen Segen, der Glück und Reichtum mit sich bringt. Generell ist die Geburtenrate von Zwillingen in Westafrika etwa viermal höher als in der restlichen Welt. Das Zentrum dieses Zwillingsgipfels ist dabei in Igbo-Ora, ein kleines Dorf im Südwesten Nigerias: das sogenannte Twin Capital of the World. Hier werden mehr Zwillinge geboren als irgendwo sonst. Warum das so ist, ist zwar bis heute nicht vollends geklärt. Studien legen aber nahe, dass es an den speziellen Essgewohnheiten der Frauen liegen könnte.

Der unsichtbare Faden

Abseits des Aberglaubes bleiben Zwillinge etwas Besonderes, vor allem die Verbindung zueinander. Schon in der Gebärmutter, nach 14 Schwangerschaftswochen, strecken sie die Hände nacheinander aus. Nach 18 Wochen berühren sie sich einander öfter als ihren eigenen Körper. Das fanden Forscher*innen der Universität Padua in Italien heraus, nachdem sie 3D-Videos von Zwillingen in der Gebärmutter analysierten. Die DNA eineiiger Zwillinge ist zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich. Kein Wunder also, dass sie sich so ähneln. Berichten zufolge seien eineiige Zwillinge bereits zum selben Zeitpunkt taub geworden, haben gespürt, als es dem jeweils anderem nicht gut ging, oder sind gegen einen Spiegel gerannt, weil sie dachten, das Zwillingsgeschwister winkte ihnen zu.

Die Faszination von Zwillingen hat auch vor Peter Zelewski keinen Halt gemacht. Das erste Mal kam er in der Grundschule mit eineiigen Zwillingen in Kontakt. Sein Lehrer stellte der Klasse die neuen Schüler Eric und Tim vor, und Zelewksi bekam große Augen: „Es war so offensichtlich, dass diese beiden irgendetwas Besonderes an sich hatten. Sie waren so voller Selbstbewusstsein, redeten gleich, kleideten sich gleich. Ich wurde sogar ein bisschen eifersüchtig, als ich diese starke und spezielle Verbinden der beiden sah“, erinnert er sich. Eine derart außergewöhnliche Verbindung habe er sich mit seinem älteren Bruder auch gewünscht. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass er so eine Einheit, eine Freundschaft, die im Mutterleib beginnt und das restliche Leben hält, wie mit einem unsichtbaren Faden verknüpft, niemals haben kann.

Von ihr zu du

Als der erwachsene Zelewski Jahre später in London als Fotograf zu arbeiten begann, erinnerte er sich an diesen Moment. Und sofort war ihm klar: Das nächste Fotoprojekt wird um eineiige Zwillinge handeln. Über insgesamt vier Jahre fotografierte er daraufhin mehr als 50 identische Zwillingsgeschwister und hörte sich ihre Geschichten an. Die Teilnehmenden machten ihm dabei schnell bewusst, dass viele Menschen idealtypische Vorstellungen über das Zwillingsdasein haben. Nicht alles ist als Zwilling besser. Sie erzählten davon, wie schwer es sei, während des Aufwachsens eine eigene Identität zu entwickeln und nicht automatisch in denselben Topf geworfen zu werden. Wir schwer es sei, von anderen nicht immer nur als ihr, sondern auch mal als du wahrgenommen zu werden und auch das eigene Denken vom Wir zu trennen und durch ein Ich zu ersetzen.

Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass zwei Personen zusammen aufwachsen, meist im selben Haushalt, sich im selben Entwicklungsstadium befinden, zusammen dieselben Kindergartengruppen, Schulklassen und Sportkurse besuchen, das Leben auf ähnliche Art und Weise begreifen, sich vertrauen und sich noch dazu so ähnlich sehen. Trotz dieser Herausforderungen seien sich alle von Zelewski fotografierten Zwillingsgeschwister in einer Sache einig gewesen: Sie fühlten sich privilegiert, ein Zwilling zu sein, und würden es sich unter keinen Umständen anders wünschen. Ein Zwilling beschreibt seine Beziehung zu ihrer Schwester folgendermaßen: „Es ist so, als hätte man seinen besten Freund, seinen Seelenverwandten bereits in die Wiege gelegt bekommen. Wir müssen nicht nach dieser Person suchen, wir haben sie von Anfang an bei uns.“