Vertuschung, Verärgerung, Verwirrung: Das sind die skurrilsten Polizeimeldungen des Monats

Manche Polizeieinsätze sind so bizarr, dass man sie aufschreiben muss. Hier kommen die drei seltsamsten Meldungen des vergangenen Monats.

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Illustration: © Elif Kücük / ze.tt

Nicht jede*r trifft ständig rationale Entscheidungen. Manchmal werden wir von Gefühlen überwältigt und es kommt zu Kurzschlusshandlungen. Völlig normal. Bei mehr als 83 Millionen Einwohner*innen in einem Land ist das Potenzial hoch, dass irgendjemand mal etwas Schräges anstellt. Um jene, die sich beim Schräge-Dinge-Tun nicht an Gesetze halten, kümmern sich Beamt*innen der Polizei.

1. Vertuschung

Mitte Juni geht ein Anruf bei der Polizei ein. Es meldet sich ein Vertreter der Gemeinde Bruchsal in Baden-Württemberg, der das Anliegen einer Bewohnerin des Ortes an die Beamt*innen weiterleitet. Sie mache sich Sorgen um ihre Nachbarin, eine Dame im Alter von 94 Jahren, die sie schon lange nicht mehr gesehen habe. Und nicht nur sie, auch andere Personen aus der Nachbarschaft hätten laut Anruferin seit Langem keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.

Die Polizei rückt zum Einfamilienhaus der älteren Dame aus, in dem sie mit ihrem Sohn lebt. Der Sohn, 65, öffnet die Tür. Die Mutter sei nicht zu Hause, sagt er, schon lang nicht mehr. Sie werde stationär in einem Krankenhaus behandelt. Um diese Behauptung zu prüfen, rufen die Polizeibeamt*innen im Krankenhaus an. Schnell stellt sich heraus, dass die Geschichte des Sohnes nicht stimmt. „Der 65-Jährige verwickelte sich zunächst in Widersprüche“, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei. Nach einer Weile knickt er ein. Ja, er habe gelogen. Und ja, die Mutter sei zu Hause.

Der Mann führt die Beamt*innen über die Treppen in den ersten Stock des Hauses ins Schlafzimmer. Im Bett finden die Polizist*innen die Leiche seiner Mutter – und der Sohn gesteht: Bereits vor fünf fünf Jahren, im August 2015, sei die damals 89 Jahre alte Frau gestorben. Seitdem liegt sie in diesem Bett. Da der Sohn kein eigenes Einkommen hat, habe er das Ableben der Mutter nicht gemeldet, um von der Rentenzahlungen der Mutter leben zu können, etwas weniger als 700 Euro im Monat.

Zum Zustand des Leichnams macht die Polizei Karlsruhe keine Angaben. Als die Beamt*innen den Sohn an der Wohnungstür befragen, sei ihnen zumindest kein sonderbarer Geruch aufgefallen. Der Leichnam der Mutter wird obduziert. Aufgrund der Verwesung des Leichnams fällt es schwer, die Todesursache der Frau eindeutig zu bestimmen. Der Sohn habe sich nach dem Tod der Mutter jedenfalls „überwiegend in anderen Räumen des Hauses aufgehalten“, sagt ein Pressesprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe zu ze.tt. Die entsprechenden Ermittlungen, auch wegen Verdachts auf Betrug, laufen weiter. Der Sohn befindet sich nicht in Haft.

2. Verärgerung

Am Vormittag des 22. Juni befinden sich in einer Lidl-Filiale im bayrischen Treuchtlingen zwei Polizeibeamt*innen, um einen Ladendiebstahl aufzunehmen. Ihnen fällt ein 32-jähriger Mann auf, der wider die Vorschriften keine Mund-Nasen-Schutzmaske trägt. Er läuft aufgeregt auf und ab und ist, wie auch Zeug*innen später aussagen, bereits in Rage. Auch nach mehrmaliger Belehrung durch das Verkaufspersonal lässt er sich nicht davon überzeugen, eine Maske anzulegen. Der Mann reagiert sofort aggressiv.

Auch das Angebot, für 1,49 Euro eine Maske zu kaufen, lehnt er vehement ab. Er besitze eine Maske, allerdings habe er sie zu Hause vergessen. Die würde aber sowieso nicht helfen, sondern nur nervig sein. „Seid ihr alle dumm? Warum lasst ihr euch das gefallen?“, soll er laut Sprecher der Polizeiinspektion Treuchtlingen geschrien haben. Corona sei ohnehin nur „Schmarrn“ und „Blödsinn“.

In dem Supermarkt sind zwei Mitarbeiterinnen und die Filialleiterin anwesend. Der Wutanfall wirkt offenbar so einschüchternd, dass auch die Kund*innen nicht einschreiten. Lediglich ein älterer Herr versucht, den Aggressor zu beruhigen: Er solle aufhören, die Verkäuferin würde ja nichts für die bestehenden Maßnahmen können. Der Rest der Anwesenden hörte sich das Beschimpfen interessiert an.

Um zu zeigen, dass er nichts von den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hält, leckt der 32-Jährige einmal komplett über den Griff seines Einkaufswagens. An der Stelle haben die Polizist*innen genug. Aufgrund seines aggressiven Verhaltens können sie nicht ausschließen, dass der Mann handgreiflich wird. Sie führen ihn aus dem Laden – wo er gleich weiterleckt. Diesmal über die Oberfläche eines Mülleimers. „Dies sollte offensichtlich zur Demonstration dienen, wie wenig er von den Hygienemaßnahmen hält“, sagt der Sprecher der Polizeiinspektion Treuchtlingen zu ze.tt.

Die Polizist*innen erklären ihm vor dem Laden erneut, dass er gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen habe. Sie nehmen seine Daten auf und erteilen ihm einen Platzverweis. Der 32-Jährige fährt daraufhin mit dem Fahrrad davon. Er muss mit einer Strafe von einer niedrigen dreistelligen Geldsumme rechnen. Der Mann war bereits amtsbekannt und verhielt sich der Polizei gegenüber in der Vergangenheit mehrmals aggressiv.

3. Verwirrung

Es ist etwa 15 Uhr. Ein Mann spielt Golf auf einem Platz in Zweiflingen-Friedrichsruhe in Baden-Württemberg, als ein 28-jähriger Mann auf ihn zukommt und ihn anspricht. Er zeigt Interesse an dessen Golfcart und fragt um Erlaubnis, es probefahren zu dürfen. Der Golfer stimmt zu. Doch statt eine kleine Runde auf dem Platz zu drehen, braust der 28-Jährige auf dem Fahrzeug davon. Der Golfplatz ist nicht eingezäunt.

Die Polizei wird verständigt und begibt sich auf die Suche nach dem Golfcartdieb, kann den Mann allerdings vorerst nicht finden. Zu diesem Zeitpunkt ist nicht klar, ob der Mann für sich oder andere gefährlich sein könnte. Die Polizei geht anhand der Erzählungen des bestohlenen Golfers aber davon aus, dass sich der Dieb in einem „psychischen Ausnahmezustand“ befindet, sagt eine Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Heilbronn zu ze.tt. Deswegen beschließen die Zuständigen, für die weitere Suche einen Hubschrauber einzusetzen.

Polizeibeamt*innen finden das Golfcart schließlich in Zweiflingen am Rand einer Apfelplantage, mit zwei der Räder in einen Graben gekippt. Der Wagen ist beschädigt und das Dach fehlt – genauso wie der Gesuchte. Wie die Polizei später herausfindet, ist dieser bereits auf dem Weg nach Forchtenberg-Ernsbach, wo er mehrfach erfolglos versucht, Kinderfahrräder zu stehlen. Einmal das eines 9-jährigen Jungen, dessen Großeltern den Diebstahl mit Schreien verhindern. Wenige Meter weiter versucht es der Dieb ein weiteres Mal mit dem Fahrrad eines kleinen Mädchens. Auch diesmal gelingt ihm der Diebstahl nicht. „Das Mädchen und ihre Freunde forderten den Mann auf, das Rad stehen zu lassen, weil es ihr gehörte. Und das tat er dann auch“, sagt die Pressesprecherin. Der Mann flüchtet zu Fuß weiter.

Nächster Versuch. Von einem Betriebsgelände in Untermünkheim-Übrigshausen stiehlt der Mann, diesmal erfolgreich, einen Mercedes Sprinter. Mit dem Kleintransporter fährt er nach Künzelsau-Vogelsberg, stellt das gestohlene Auto im Hof einer Familie ab und versucht, deren Auto zu stehlen. „Dieser Versuch scheiterte jedoch am Unvermögen des 28-Jährigen, den Rückwärtsgang einzulegen“, heißt es in der Pressemitteilung. Auf Nachfrage bestätigt das auch das Polizeipräsidium Heilbronn: Der Mann setzt sich in das Auto, dreht den im Zündschloss steckenden Schlüssel, startet den Motor, aber schafft es nicht, den Rückwärtsgang einzulegen, um vom Hof zu fahren.

Also wieder raus aus dem Auto und weiter zum Nachbargrundstück. Dort schlägt der 28-Jährige mit einem Schlagtacker die Scheibe der Terrassentür ein und verletzt sich dabei selbst am Arm. Den Tacker wirft er auf die erschrockene Hausbewohnerin und verletzt damit auch sie am Arm. Wieder sucht der Mann das Weite. Die Frau wird später von einem Krankenwagen in die Klinik gebracht.

Einige Zeit später, um etwa ein Uhr morgens, finden Polizist*innen den Mann schließlich, genau wie das Golfcart Stunden zuvor, in einem Straßengraben liegend zwischen Künzelsau-Vogelsberg und Künzelsau-Kocherstetten. Der Mann ist zunächst nicht ansprechbar. Die Polizei weckt den Mann, er kann sich aber auch jetzt nur schwer artikulieren, ist nicht aggressiv und sieht, abgesehen von seinen Verletzungen, gepflegt aus. Er gibt an, sich nicht an die zurückliegenden Geschehnisse erinnern zu können.

Die Verletzungen des Mannes werden im Krankenhaus behandelt, ihm wird Blut abgenommen. „Der Drogentest war zur Überraschung aller negativ. Der Mann war aber auf jeden Fall auch nicht Herr seiner Sinne“, bestätigt das Polizeipräsidium Heilbronn.

Der Mann ist insgesamt mehr als zehn Stunden auf der Flucht und beschäftigt über diesen Zeitraum mehrere Revier- und Präsidiumsbereiche. Jede seiner Taten wird einzeln von Betroffenen den jeweils zuständigen Polizeirevieren gemeldet und damit auch einzeln bearbeitet. Erst nach den Taten wird klar, dass es sich bei den vielen Anzeigen um denselben Täter handelt. Was der Mann wirklich vorhatte, warum er so gehandelt hat, ist nicht klar. Die Ermittlungen dauern an, mehrere Anzeigen wegen Diebstahls und eine Anzeige wegen Körperverletzung laufen. Der 28-Jährige ist nicht in Haft.

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