„Sex Education“: Keine Serie beschreibt sexuelle Lust und Bedürfnisse so einfühlsam

Mit viel Witz sowie dem nötigen Ernst stellt die britische Netflix-Serie die Vielfalt sexueller Bedürfnisse dar. Und wird darin in Staffel zwei noch besser. Eine Kritik

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Während Otis in Staffel eins noch der große Sexratgeber an seiner Schule war, plagt er sich in der zweiten mit eigenen sexuellen Problemen herum und lässt sich schon mal von seinem Freund Eric reinreden. Filmstill: © Netflix

Achtung, Spoiler! Diese Kritik beinhaltet ein paar kleine Spoiler.

Sie zählte zu den Serien-Highlights im vergangenen Jahr: Sex Education erreichte laut Netflix-Angaben bereits im ersten Monat nach der Veröffentlichung 40 Millionen Zuschauer*innen. Klar, dass der Streaming-Dienst eine Fortsetzung beauftragte – die nun erschienen ist.

Die zweite Staffel startet mit einer Veränderung des Protagonisten: Hatte sich Otis (Asa Butterfield) bisher erfolgreich dem Sex versagt, packt ihn die Lust nun besonders intensiv. Alles turnt Otis an: Nacktszenen in einem Film, die Reibung seiner Cordhose, die Abbildung einer Frau auf der Shampooflasche. Das muntere Onanieren bedeutet aber nicht nur Spaß: Die ständige Geilheit erschwert Otis den ohnehin nicht einfachen Schulalltag erheblich und führt zu peinlichen Situationen.

Gleich zu Beginn kann Otis nicht an sich halten, während er auf seine Mutter Jean (Gillian Anderson) im Auto wartet. Weil sie ihr Portemonnaie vergessen hat, kommt Jean zurück und erwischt den Sohnemann beim Onanieren. Als wäre das Otis nicht schon peinlich genug, reagiert Jean – Sexualtherapeutin und daher völlig schamlos – nicht geschockt, sondern beglückwünscht ihren Sohn dazu, endlich in dieser Phase seiner Pubertät angekommen zu sein.

Er wichst mich voll!

Aimee

Auch unangenehm für Otis wird, dass seine Mutter in Staffel zwei von Sex Education den Aufklärungsunterricht an seiner Schule übernimmt. Das hat schwere Folgen für das Geschäft, das er in Staffel eins mit Maeve (Emma Mackey) aufgebaut hat: War es bisher Otis, der seine Mitschüler*innen in Sexangelegenheiten beriet, übernimmt nun Expertin Jean und schädigt das Business.

Viel los in Otis‘ Leben. Noch spannender sind in der zweiten Staffel von Sex Education allerdings die Geschichten der übrigen Darsteller*innen, die diesmal mehr Raum erhalten: So kann sich Otis‘ bester Freund Eric (keiner lacht so schön mitreißend wie Ncuti Gatwa) nicht zwischen seinen beiden Lovern entscheiden: Mit Rahim (Sami Outalbali) erlebt er zum ersten Mal, wie schön es ist, sich als homosexueller Teenager öffentlich zueinander zu bekennen – doch dann kommt sein eigentlicher Schwarm, Rektorssohn Adam (Connor Swindells) zurück in die Stadt.

Fingern im Uhrzeigersinn

So viel Witz Sex Education in all diesen Konflikten hat, schrecken die Macher*innen vor ernsteren Themen nicht zurück: Aimee (Aimee Lou Wood) wird im Bus sexuell belästigt, bekommt aber von keiner*m der übrigen Mitfahrenden Hilfe. Bei Sätzen wie „Er wichst mich voll!“ bleibt zwar der komödiantische Ton auch in dieser Situation nicht aus. Dennoch wird die traumatische Erfahrung keineswegs ins Lächerliche gezogen. Die Serie beschreibt vielmehr, wie unterschiedlich Reaktionen auf eine sexuelle Belästigung sein können.

Du scratchst also auf ihrer Mumu wie ein DJ?

Ruthie

Sex Education-Erfinderin Laurie Nunn und ihr Autor*innenteam beweisen in jedem Moment ein sicheres Gespür für ihre Themen. Einfühlsam und völlig unverklärt stellen sie die Vielfalt der sexuellen Bedürfnisse junger Menschen dar. „Sex folgt keinen Regeln“, sagt Jean zu einer Schülerin, die keine sexuelle Anziehung empfindet. Von gleichgeschlechtlicher Liebe, über bi- und heterosexuelle Anziehung bis hin zur Asexualität wird jeder Neigung Raum gegeben und sie alle mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandelt.

Fetische werden entstigmatisiert, das Benutzen einer Analdusche grafisch veranschaulicht und über die Komplexität des weiblichen Orgasmus aufgeklärt. Das lernt der angebliche Sexmeister Otis, nachdem er seine Freundin Ola (Patricia Allison) mit der Uhrzeigertechnik versucht zu befriedigen. „Du scratchst also auf ihrer Mumu wie ein DJ?“, kann eine Mitschülerin nur ungläubig fragen, als Otis sich Rat bei ihr einholt.

Zu den kulturell und sexuell diversen Rollen gesellen sich in dieser Staffel auch verschiedene Körpertypen. Neben der dicken Schülerin Viv (Chinenye Ezeudu), die sich Flirt-Tips von Schulschwarm Jackson (Kedar Williams-Stirling) holt, rückt Isaac (George Robinson), der sich in Maeve verliebt und im Rollstuhl sitzt, gegen Ende der Staffel in den Fokus. Wünschenswert wäre es, dass die Serienmacher*innen auch hier wieder fortschrittlich denken und rund um Isaac eine Liebesgeschichte spinnen. An Staffel drei wird bereits gefeilt .


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