Sexszenen im Film: So werden Schauspieler*innen bei intimen Drehs geschützt

Julia Effertz ist Schauspielerin und Intimitätskoordinatorin – sie sorgt dafür, dass die Grenzen von Schauspieler*innen beim Drehen intimer Szenen eingehalten werden.

Intimitätskoordinator*innen helfen Schauspieler*innen dabei, bei intimen Szenen nicht über ihre Grenzen zu gehen. Foto: Chris Hondros/Newsmakers

2017 war das Jahr, in dem die Filmszene in Sachen sexueller Belästigung und Missbrauch aufgerüttelt wurde – durch die mutigen Geschichten unzähliger Menschen, die ihre Erfahrungen teilten. Der Hashtag #metoo öffnete die Debatte über Machtmissbrauch in der Filmbranche und Grenzüberschreitungen. Und über gleiche Chancen für weibliche Kreative und eine gerechte Bezahlung in der Filmbranche wird heute intensiver diskutiert als je zuvor.

Auch am Filmset verändert sich etwas: Das Thema Intimitätskoordination wird immer relevanter. Dabei geht es darum, eine professionell ausgebildete Person ans Set zu holen, die in intimen Szenen allen Beteiligten dabei hilft, sich wohl in ihren Rollen zu fühlen und beim Schauspiel nicht über die persönlichen Grenzen hinauszugehen.

Wo darf der*die Schauspieler*in angefasst werden?

Was darf vom Körper gezeigt werden? Wer darf am Set dabei sein, wenn explizite Nacktszenen gedreht werden? Mit solchen und weiteren Fragen setzt sich ein*e Intimitätskoordinator*in auseinander. Seit #metoo gibt es mehr Versuche in der Filmbranche, Lösungen für diese Problematiken zu finden. HBO hat sich etwa entschieden, Intimitätskoordinator*innen standardmäßig bei Drehs einzusetzen.

Wir haben mit der deutschen Schauspielerin Julia Effertz gesprochen, die sich zur Intimitätskoordinatorin hat ausbilden lassen.

Julia, hast du dich persönlich mal in Situationen am Set wiedergefunden, wo du eine*n Intimitätskoordinator*in gebraucht hättest?

Julia Effertz: Ich persönlich hatte bisher das Glück, immer mit einem sehr professionellen Team zu arbeiten. Das ging aber vielen meiner Schauspielkolleg*innen nicht so. Ich könnte einen Roman darüber schreiben, wie oft ich schon von unpassendem Verhalten am Set gehört habe.

Eine Kollegin erzählte beispielsweise, dass sie und ihr Schauspielkollege bei dem Dreh einer Liebesszene die Anweisung bekamen, ‘einfach mal zu machen’. Zwar hatten sie unter sich einen ungefähren Verlauf abgesprochen. Während des Takes begann der Kollege dann aber zu improvisieren, seine Hand rutschte an Stellen, wo es für sie nicht okay war.

Er wurde unabgesprochen körperlich sehr heftig und intensiv, was bewirkte, dass die Szenenpartnerin aus ihrer Rolle und aus dem Körper der Figur in ihren privaten Körper gedrängt wurde. Das ist natürlich eine fatale Grenzüberschreitung die nicht passieren darf. Die Schauspielerin hat den Take zwar durchgezogen, aber sie hat sich furchtbar gefühlt und diese Übergriffigkeit hing ihr noch lange nach.

Warum hast du dich für eine Ausbildung zur Intimitätskoordinatorin entschieden?

Der Schritt kam durch #metoo und den Skandal um Harvey Weinstein und den Machtmissbrauch in der Branche. Vor #metoo wurde die Verletzlichkeit von Schauspieler*innen am Set noch nicht groß thematisiert. Letztes Jahr habe ich dann auf dem Filmfestival in Cannes Ita O’Brien getroffen, die führende Intimitätskoordinatorin in der Branche, die dort die von ihr erarbeiteten Intimitätsrichtlinien für die Arbeit am Set und im Theater vorstellte.

Ich weiß noch, wie ich dort mit meinen Schauspielkolleg*innen saß und dachte: Genau das brauchen wir. Ich wollte das Handwerk nicht nur für mich selbst erlernen, sondern diese Fürsorge auch anderen Schauspielkolleg*innen am Set bieten. Deshalb entschloss ich mich, die einjährige Ausbildung bei Intimacy on Set und Ita O‘Brien in London zu machen.

Was sind die Aufgaben einer Intimitätskoordinatorin bei der Umsetzung einer Szene?

Bei der Intimitätskoordination ist das wichtigste Ziel, dass die Schauspieler*innen ihren privaten Körper aus der professionellen Arbeit heraushalten und Rolle und Szene innerhalb einer professionellen Struktur erarbeiten.

Es geht darum, die körperlichen Grenzen sicher abzustecken, zwischen denen man dann künstlerisch arbeiten kann. Die Schauspieler*innen müssen klar sagen, wo ihr Nein ist. Erst dann kann man das Ja sehen und anfangen, eine Szene körperlich und choreografisch auszuarbeiten und emotional zu füllen.

Das hört sich so an, als sei die Zusammenarbeit zwischen Intimitätskoordinator*in und Regisseur*in bei der Ausarbeitung der Szenen sehr eng.

Im Idealfall ja, natürlich ist das auch eine Budget- und Zeitfrage. Die Abläufe am Set sind eng getaktet. Normalerweise werde ich bereits in der Vorproduktion in den Prozess mit eingebunden. Wir setzen uns für die intimen Szenen zusammen und besprechen diese mit Schauspieler*innen und Regisseur*innen. Eine offene, respektvolle Kommunikation über die Inhalte ist das A und O.

Die psychische Verletzungsgefahr für Schauspieler*innen in intimen Szenen ist hoch.

Julia Effertz

An den Filmschulen wird den späteren Regisseur*innen noch nicht beigebracht, wie man solche exponierten Szenen inszeniert und wie man das Thema respektvoll mit Cast und Crew bespricht. Jede*r von uns hat für den privaten Bereich eine Vorstellung von Sex, an Sets galt vielleicht auch deshalb die Annahme, dass über inszenierte Sexszenen nicht mehr groß gesprochen werden muss.

Das muss man jedoch. Denn die psychische Verletzungsgefahr für Schauspieler*innen in intimen Szenen ist hoch. Der*die Regisseur*in soll erklären, wie er*sie sich die Szene vorstellt und die Schauspieler*innen müssen sagen, wo ihre Grenzen liegen – zum Beispiel, was Nacktheit betrifft.

Was passiert, nachdem man diese Grenzen abgesprochen hat?

Dann geht es in die Choreografie. Dabei nutzen wir die Agreement-and-Consent-Methode, es geht also um Vereinbarung und Einwilligung. Das heißt, die Szenenpartner*innen stecken präzise ab, welche Teile ihres Körpers berührt werden dürfen und welche nicht. Mit diesem bewussten Ja der Schauspieler*innen formen wir dann die körperliche Choreografie und den emotionalen Bogen der Figuren in der Szene.

In einer simulierten Sexszene berühren sich nie die Genitalien.

Julia Effertz

Von außen sieht das zunächst fast ein wenig mechanisch und hölzern aus, dieses Mapping ist aber der wichtigste Schritt, um zu wissen, wie weit man bei seinem*seiner Szenenpartner*in gehen darf. Was außer Frage steht: In einer simulierten Sexszene berühren sich nie die Genitalien, dafür gibt es choreografische Tricks und Kostüme.

Welche wären das?

Ein choreografisches Hilfsmittel ist das Anchoring, also die Bewegung über andere Körperstellen. Das kann man sich zum Beispiel so vorstellen: klassische Missionarsstellung, der Mann liegt über der Frau. Die Genitalbereiche berühren sich hierbei nicht, sondern der Schauspieler ankert seinen Oberschenkel an dem seiner Szenenpartnerin. Stoßbewegungen können dann über diese Ankerstelle ausgeführt werden.

Je nachdem wie viel Nacktheit vereinbart ist, wird mit verschiedenen Kostümen gearbeitet. Das wären hautfarbene Slips oder sogenannte Genitaltaschen für Männer, in denen sie alles gut verpacken können.

Intimität im Film wird ja nicht nur über Sexszenen vermittelt. In welchen anderen Szenen wird ein*e Intimitätskoordinator*in aktiv?

Intimität fängt schon bei Kussszenen an. Jeder Kuss erzählt eine andere Geschichte, ist eine intime Berührung. Was auch sehr intim sein kann, ist eine Szene, in der eine Schauspielerin eine gebärende Frau spielt. Das ist mitunter sehr exponierend für die Schauspielerin.

Inwieweit könntest du sie hier unterstützen?

Wie bei jeder intimen Szene arbeite ich mit der Schauspielerin körperlich, stimmlich und emotional. Das Ziel ist auch hier, dass ihr privater Körper geschützt ist und sie mit ihrem Körper die Rolle und ihre Geschichte erzählen kann.

Ich sorge dafür, wie auch bei anderen intimen Szenen, dass es der Schauspielerin am Set gut geht, dass sie etwa zwischen den Takes nicht entblößt daliegt, sondern dass ihr sofort nach dem ‚Danke‘ der Bademantel gereicht wird. Im Idealfall sollte auch hier ein Closed-Set-Protokoll mit minimaler Crew eingehalten werden.

Gehen deine Aufgaben auch über die eigentlichen Szenen am Set hinaus?

Ja, nach dem Dreh mache ich beispielsweise einen Check-in, sowohl mit der Regie als auch mit den Schauspieler*innen. Das ist besonders dann unverzichtbar, wenn es sich um eine extreme Szene handelt, in der etwa sexualisierte Gewalt dargestellt wird. Derartige Szenen bedürfen besonderer Fürsorge und Kommunikation.

Insbesondere bei Szenen sexualisierter Gewalt muss es schwierig sein, zu erkennen, wann es dem*der Schauspieler*in zu viel wird.

Deshalb ziehen wir für solche Szenen Sicherheitsnetze ein, angefangen mit einer professionellen Erarbeitung und Choreografie der Szene. Geht es den Beteiligten zu weit, können sie mittels Codewort, welches wir im Vorfeld immer vereinbaren, ein Time-out setzen. Es ist wichtig, dass die Schauspieler*innen wissen, dass sie einen laufenden Take jederzeit abbrechen dürfen.

Normalerweise macht das nur der*die Regisseur*in. Bei solchen Szenen lautet jedoch die Ansage: Sicherheit kommt zuerst. Während des Drehs gucke ich nach Anzeichen, die zeigen, dass sich die Schauspieler*innen nicht wohl fühlen. Die Vorbesprechung und Vorbereitung der Szene schaffen die Grundlage, um diese Anzeichen zu erkennen.

„Choreografie“ hört sich eingeübt an, als würde es keine Improvisation geben?

Ganz genau. Es darf – genauso wie bei einem Kampf oder einem Stunt – keine Improvisation geben, sonst verletzen sich Menschen.

Nimmt man Sexszenen nicht die Leidenschaft und Authentizität, wenn man sie bis ins kleinste Detail vorher bespricht?

Das ist ja genau die Kunst der Illusion, die dann nachher beim Publikum als glaubwürdig ankommen soll, egal was man erzählt. Die Leidenschaft einer Sexszene ist eine Illusion, man kann sie genauso choreografisch darstellen wie man einen hitzigen Faustkampf durch eine exakte Choreografie authentisch rüberbringen kann. Das ist die Kunst der Schauspieler*innen, eine Szene glaubhaft zu vermitteln.

Wo stehen wir in Sachen Intimitätskoordination in Deutschland?

Die USA und Großbritannien haben bereits Branchenstandards für die Inszenierung von intimen Szenen vorgelegt. Ich wünsche mir, dass es in Deutschland in ein paar Jahren Standard ist, Intimitätskoordinator*innen am Set zu haben.

Es darf – genauso wie bei einem Kampf oder einem Stunt – keine Improvisation geben, sonst verletzen sich Menschen.

Julia Effertz

Genauso wie Stuntkoordinator*innen Teil der Crew sind, um körperliche Verletzungen zu vermeiden, sollte es auch eine*n Intimitätskoordinator*in geben, der*die emotionale Verletzungen vermeidet. Das Thema psychische Gesundheit findet mittlerweile in der öffentlichen Debatte viel mehr Beachtung. Auch Sicherheit und Diversität am Arbeitsplatz werden mehr diskutiert.

Im Zuge der Weinstein-Affäre engagieren sich Produktionsfirmen nun mehr denn je, sexuelle Übergriffe zu verhindern. Viele dieser Vorfälle geschehen jedoch jenseits des Sets. Was kann die Branche tun, um dagegen vorzugehen?

Ein wichtiger Schritt ist es, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen, wir brauchen viel mehr Regisseurinnen und Produzentinnen. Aber das Problem betrifft ja nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Wir brauchen ein ausgeglichenes Klima der Machtverteilung und den Willen aller Beteiligten zu offener Kommunikation und einem respektvollen, fürsorglichen Umgang miteinander.

Hast du auch schon persönlich erlebt wie es ist, von einem*einer Intimitätskoordinator*in betreut zu werden?

In meiner Ausbildung mussten wir viele verschiedene Szenen choreografieren und durchspielen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich die Aufgabe hatte, den männlichen Part in einer Sexszene zu spielen. In der Nacht vor der Probe war ich so nervös, dass ich nicht schlafen konnte. Wie sollte ich in der Lage sein, eine männliche Figur beim Sex zu spielen?

Eine Mitschülerin erarbeitete und choreografierte dann als Intimitätskoordinatorin mit mir und meiner Szenenpartnerin die Figuren und die Szene – und ich konnte nicht glauben wie wohl ich mich im Arbeitsprozess fühlte. Ich hatte richtig Spaß an der Umsetzung und beim Dreh.

Als wir nach dem Dreh das Material sichteten, sah ich zwar meinen Körper, also mein ‘Instrument’, das die Geschichte der Figur erzählte, ich konnte mich als Privatperson aber nicht erkennen. Mein privater Körper war durch die Intimitätskoordination völlig geschützt, mein Schauspielkörper füllte die Rolle ganz aus.

Da habe ich verstanden: Die Intimitätskoordination funktioniert. Sie sichert mich nicht nur ab, sie eröffnet mir auch absolute künstlerische Freiheiten.“


Von Mandoline Rutkowski auf EDITION F.

Hier könnt ihr EDITION F auf Facebook folgen.