Sexualpsychologe über Zoophilie: „Von Einvernehmlichkeit kann keine Rede sein“

Wenn über die Legitimität von Zoophilie gesprochen wird, fällt oft die Frage nach der Einvernehmlichkeit. Sexualwissenschaftler und -psychologe Christoph Ahlers erklärt, warum das Konzept in seinen Augen keinen Sinn ergibt. Ein Protokoll

Zoophilie ist in Deutschland, und nicht nur hier, ein Tabuthema. Tierschutzorganisationen setzen die sexuelle Neigung von Menschen zu Tieren mit Tierquälerei und Misshandlung gleich, viele bezeichnen Zoophile als pervers. Für Betroffene dagegen ist ihre Beziehung zu Tieren vor allem eins: eine einvernehmliche Liebesbeziehung.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet die sexuelle Präferenz für Tiere als „Störung der Sexualpräferenz“. Rechtlich war der sexuelle Kontakt zwischen Mensch und Tier ab 1871 verboten – mit tiefgreifenden Bestrafungen. Es gab Gefängnisstrafen, auch der „Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte“, wie es in Paragraf 175b des damaligen Strafgesetzbuches hieß, waren denkbar. Dieses Gesetz wurde 1968 in der DDR und 1969 in der Bundesrepublik aufgehoben. Seit Juli 2013 ist es in Deutschland verboten, „ein Tier für eigene sexuelle Handlungen zu nutzen oder für sexuelle Handlungen Dritter abzurichten oder zur Verfügung zu stellen und dadurch zu artwidrigem Verhalten zu zwingen“ (Paragraf 3 Satz 1 Nummer 13 des Tierschutzgesetzes). Ein Verstoß wird als Ordnungswidrigkeit verfolgt. Darunter fallen, so antwortete das Bundesverfassungsgericht auf eine Beschwerde des zoophilen Vereines ZETA 2015, Handlungen unter Zwang. Zoophile argumentieren, es würde in den Beziehungen zu ihren Tieren kein Zwang stattfinden.

Kann es in der Beziehung zwischen Mensch und Tier überhaupt Einvernehmlichkeit geben, wie zoophile Menschen behaupten? Der Sexualwissenschaftler und -psychologe Christoph Ahlers antwortet im Protokoll.

Christoph Ahlers, Sexualwissenschaftler und -psychologe: „Wir sind weit davon entfernt, sagen zu können, wie viele Menschen in sexuellen Beziehungen mit Tieren leben“

Zoophilie zählt zu den sexuellen Neigungen, nicht zur sexuellen Orientierung. Die Sexualwissenschaft ordnet Zoophilie als eine Vorliebe ein, die es menschheitsgeschichtlich immer gab. Wir haben kulturgeschichtlich eine zurückreichende Tradition von Vermählungen, Beziehungen und Paarungen zwischen Menschen und Tieren, auch als Gegenstand von Fabeln, Mythen und Sagen. Darunter die Befassung mit Mischwesen: halb Pferd, halb Mensch, der Rossmann – viele kennen das heute noch aus dem Logo der Drogeriekette. Das heißt also, das hat es immer gegeben.

Es gibt Erhebungen und Studien, die versucht haben, das Thema Zoophilie zu erhellen. Die sind nicht bevölkerungsrepräsentativ – wir sind weit davon entfernt, sagen zu können, wie viele Menschen in sexuellen Beziehungen mit Tieren leben. Wir kennen nur Tendenzen aus der klinischen Erfahrungswelt. Zum Beispiel, dass es ein starkes Stadt-Land-Gefälle gibt, dass es starke transkulturelle Gefälle gibt. Im vorderasiatischen orientalischen Raum gibt es auf dem Land, nach dem was man weiß, häufig sexuelle Kontakte zwischen jugendlichen Männern und Tieren, meistens Nutzvieh. Wogegen es in Städten vorwiegend sexuelle Kontakte zwischen Frauen und Hunden gibt. Das sind so die häufigsten Konstellationen, die sich aus den Studien ergeben.

Ansonsten sind es oft die Aspekte, die sich in den Volksmund getragen haben. Der Begriff Schoßhund zum Beispiel, entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, als große Teile der männlichen Bevölkerung kriegsbedingt versehrt, abhanden oder getötet waren. Viele Frauen lebten alleine, in Städten entstand die Mode, Hunde zu halten. Da ging die Mär, dass diese Frauen mit den Hunden auch innigere Beziehungen eingingen und die Formulierung „Schoßhund“ nicht nur dafür sprach, dass sie den Hund auf ihrem Schoß sitzen hatten. Gedacht aus der Vorstellung: Wenn die Männer weg sind, muss an ihre Stelle etwas anderes rücken. Das ist natürlich nicht der Hintergrund. Vielmehr ist es die besondere Beziehungsdynamik, die zwischen domestizierten Tieren und Menschen entstehen kann. Das betrifft vor allem Pferde und Hunde, die stammesgeschichtlich engste Begleiter der Menschen waren und zu denen Menschen ein außerordentliches Beziehungserleben erfahren können, das diejenigen mindestens in einer vergleichbaren Intensität beschreiben wie menschliche Beziehungen.

Der einzige Grund, warum Menschen mit Tieren sexuelle Kontakte haben, ist: weil diese Menschen das wollen.

Christoph Ahlers

Von Einvernehmlichkeit beim sexuellen Kontakt zwischen Mensch und Tier kann aber keine Rede sein. Tiere sind nicht vernunftbegabt und reflexionsversehen. Nur wir haben als Nacktaffen die angeschwollene Großhirnrinde, die dazu führt, dass wir über uns und die Welt, unser Verhalten und dessen ethische Richtigkeit nachdenken. Das können Tiere nicht, wir können bei ihnen von den durchschnittlich erwartbaren Grundbedürfnissen ausgehen. Und diese sind, nach allem, was wir aus der Verhaltensbeobachtung wissen: Zugehörigkeit, Witterungsschutz, Nahrung, auch Bindung. Dazu wird nicht der sexuelle Kontakt mit Menschen zählen. Woraus wir nicht den Rückschluss ziehen können, dass jeder sexuelle Kontakt zwischen Mensch und Tier einem Missbrauch gleichkommt. Die Heranziehung des Konzeptes der Einvernehmlichkeit ist in diesem Kontext schlicht absurd.

Viele Menschen sind eng an ihre Tiere gebunden und haben mit ihnen engere körperliche Kontakte als mit anderen Menschen. Das ist alles erklärbar, verstehbar und menschlich. Dafür braucht es keine Konstruktion einer Einvernehmlichkeit. Der einzige Grund, warum Menschen mit Tieren sexuelle Kontakte haben, ist: weil diese Menschen das wollen. Ein Willen des Tieres ist daran nicht beteiligt. Damit will ich nicht sagen, dass alle Tiere, die sexuelle Kontakte mit Menschen haben, traumatisiert oder missbraucht sind, das ist ein unzulässiger Umkehrschluss. Aber ich kann das Konzept der Einvernehmlichkeit nicht teilen, weil es nicht zum Thema gehört.

Es existieren keine Beziehungsanforderungen, die über Futter, Witterungsschutz und Wasser hinausgehen.

Christoph Ahlers

Es ist selten, dass Personen, die sexuelle Kontakte zu Tieren haben, gleichermaßen sexuelle Kontakte mit Menschen haben. Häufig liegen hinter dem Kontakt zu Tieren sogenannte Ersatzhandlungen. Die Sehnsüchte nach Nähe, Intimität und Geborgenheit, die wir als Grundbedürfnisse alle in uns tragen, können manche Menschen mit anderen Menschen schlecht verwirklichen, Beziehungen gelingen nicht so gut. Und dann ist da plötzlich ein Tier, das ist bedingungslos hingegeben. Wenn ich nach Hause komme, ist da jemand, der richtig aus dem Häuschen ist. Wenn ich dem Tier Futter gebe, bin ich der Größte. Es ist eine hoch asymmetrische Beziehung, weil das Tier nichts fordern kann. Das ist der zentrale Diskriminierungsfaktor zu Menschenbeziehungen: Es existieren keine Beziehungsanforderungen, die über Futter, Witterungsschutz und Wasser hinausgehen.

All das führt dazu, dass bestimmte Menschen, häufig Menschen mit schmerzhaften oder schlechten Erfahrungen mit Menschenbeziehungen, diese Überbindung an Tiere erleben. Häufig sind das Ersatzpartner. Daraus speist sich die ganze Pet Industry: Ein Milliardenmarkt, in dem in westlichen Industrienationen Haustiere wie Menschen behandelt und versorgt werden – manchmal besser als eigene Kinder und Partner. Was oft ein Abbild des Ausmaßes ist, in dem die Grundbedürfnisse in menschlichen Beziehungen unerfüllt sind. Darum werden diese Tiere überversorgt. Wenn dann ein Hund da ist, der sich im Bett ankuschelt, der den Kontakt sucht, der warm und weich und niedlich ist, kommen alle Gefühle und alle Sehnsüchte mit unter die Bettdecke.

Daran merkt man: Es ist ein Kontinuum von der durchschnittlichen Haustierhaltung zur sexuellen Interaktion beziehungsweise sexuellen Konditionierung des Tieres. Das Tier hat einen instinktgesteuertes Zuwendungsverhalten, Lecken zum Beispiel ist eine angeborene Verhaltensweise von Hunden zur Beziehungspflege und -etablierung. Das ist also schon da. Man kann das angeborene Verhalten in einer Lust bringenden Art und Weise befördern. Wichtig ist: Wir haben nicht auf der einen Seite eine Gruppe von Menschen, für die liegt das fern, die haben mit Tieren nichts zu tun, und auf der anderen Seite eine merkwürdige Minderheit, die absonderliche und verurteilenswürdige sexuelle Kontakte mit Tieren hat. Wir haben es stattdessen mit einem Kontinuum zu tun. Auf diesem Kontinuum sind alle Menschen, die Beziehungen mit Tieren kennen. Ein Teil dieser Beziehungen reicht eben ins Sexuelle mit hinein. Andere enden davor, sind aber hoch libidinös und amorös besetzt und wiederum andere sind eher sachlich oder sogar zweckmäßig, bis hin zur Tiernutzung und Tierhaltung.

Zoophilie ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern Sex mit Tieren. Das dient dem Zwecke, dass kein Mensch für sein ‚So-Sein‘ bestraft, diskriminiert und ausgegrenzt werden darf.

Christoph Ahlers

Bei Massentierhaltung und industrieller Tierproduktion ist mittlerweile – Gott sei Dank – auch Empörung da. Das liegt auch an der medialen Transparenz, die dazu in den letzten 20 Jahren entstanden ist. Zoophilie, die früher als Sodomie bezeichnet wurde – auf ein biblisches Konzept zurückgehend, auf die Orte Sodom und Gomorra, wo Verderbnis und Verwahrlosung verwaltet –, ist dagegen eine kulturgeschichtlich lang andauernde Entwertungsgeschichte. Ganz analog zu der Geschichte zur Pädophilie, die in dem Kontext früher in einem Atemzug mit der Päderastie (Anmerkung der Redaktion: die sogenannte Knabenliebe) und der Sodomie genannt wurde. Das war sogar kirchenrechtlich in einem Paragrafen gefasst. Daran kann man sehen: Es gibt ein starkes Entwertungsbedürfnis einer Mehrheitsgesellschaft gegenüber einer Minderheit, die eine Präferenzbesonderheit hat. Ich ordne mich der Mehrheitsgesellschaft zu, indem ich Verachtung gegenüber der Minderheit ausgieße. Das führt dazu, dass ich mich besser fühle und im sicheren Bereich der sauberen Mehrheit. Das ist soziologisch menschheitsgeschichtlich immer so gewesen.

Sexuelle Minderheiten oder Personen mit sexuellen Präferenzbesonderheiten eignen sich dafür in besonderer Weise, womit ich natürlich nicht Zoophilie und Pädophilie gleichsetzen oder in einen Topf werfen möchte. Trotzdem ist die Entwertungsgeschichte analog, auch die Verhaftung an das Konzept der Einvernehmlichkeit finden wir in identischer Weise im Bereich der Pädophilie, gleiche Gründe wie im Bereich der Zoophilie. Es geht immer um die Selbstlegitimation der Protagonist*innen.

Ich würde gerne dafür werben, den Unterschied zwischen sexuellem Kontakt mit Tieren und Zoophilie zu würdigen. Nicht Zoophilie ist seit 2013 (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist Paragraf 3 Satz 1 Nummer 13 des Tierschutzgesetzes) verboten, sondern der sexuelle Kontakt. Es ist eine zivilisationskulturelle Errungenschaft in unserer Kultur, dass nicht die Wesensart pönalisiert wird. Pädophilie ist keine Straftat, sondern sexueller Kindesmissbrauch. Zoophilie ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern Sex mit Tieren. Das dient dem Zwecke, dass kein Mensch für sein „So-Sein“ bestraft, diskriminiert und ausgegrenzt werden darf, sondern ausschließlich sein Verhalten, wenn es selbst- und/oder fremdgefährdende Qualität aufweist. In unserem Kulturkreis geht man davon aus, dass die Beziehungsinteressen von Tieren nicht darauf gerichtet sind, für die sexuelle Stimulation von Menschen zur Verfügung zu stehen. Darum ist der Gesetzgeber der Auffassung: Wer mit Tieren Sex macht, schädigt potenziell Tiere.