Sie schreibt die Bewerbung – andere kriegen den Job

Ihre Texte verändern Leben: Melanie Steckelberg ist Bewerbungs-Ghostwriterin. Uns verrät sie, warum Einstellungsprozesse noch immer nicht fair sind, wie sie arbeitet und woran du seriöse Anbieter*innen erkennst.

Bewerbung Ghostwriting

Schreibblockade bei der Bewerbung? Kein Problem! Quelle: Startup Stock Photos | CC0

Neben dem Ausfüllen von Anträgen und der Steuererklärung ist es das wahrscheinlich meist gehasste To-do in unserem Leben: Bewerbungen schreiben. Allein Google spuckt zu dem Thema fast 20 Millionen Ergebnisse aus, darunter unzählige Tipps, Beispiele und Mustervorlagen. Wer blickt da noch durch? Wer weiß, was richtig und was falsch ist? Und wie erfolgreich ist wohl so eine aus dem Netz gefischte Bewerbungsvorlage?

Eine, die das wissen muss, ist die Wirtschafts- und Personalpsychologin Melanie Steckelberg. Sie schreibt seit 2013 Bewerbungen – für andere. Davor hat sie sich jahrelang wissenschaftlich mit Bewerbungsprozessen beschäftigt, Schüler*innen und Studierenden das Bewerben beigebracht und unter anderem erforscht, nach welchen Gesichtspunkten Personaler*innen entscheiden. Dabei stellte sie fest, dass Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen: „Die derzeit praktizierte Personalauswahl berücksichtigt kaum, was eigentlich zählen sollte: die berufliche Eignung.“

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Statt Bewerbungen auf fachliche Kompetenz zu prüfen, würde erst mal aussortiert. Und zwar oft nach dem berüchtigten ersten Eindruck anhand von Fehlern, Design, Foto, aber auch Alter, Geschlecht oder Herkunft. „Es gibt genügend Studien, die zeigen, dass die besten Kandidaten dann ausgewählt werden, wenn man diese Punkte außen vor lässt“, sagt die 33-Jährige. Und doch entscheiden sie darüber, ob ein*e Bewerber*in überhaupt eine Chance bekommt. „Das ist ein Grund, warum ich die Seiten gewechselt habe – um eben zumindest einem Teil der Bewerber durch diesen nicht unbedingt fairen Prozess zu helfen.“

Orientierungslos im Bewerbungsdschungel

Zu Melanies Kund*innen gehören Schüler*innen, Studierende und Young Professionals unterschiedlichster Fachrichtungen, Frauen und Männer sind zu gleichen Teilen vertreten. Die einen wollen Zeit sparen und ihre Nerven schonen und lassen sich die komplette Bewerbung von ihr schreiben. Andere wünschen sich eine neutrale Einschätzung, ein offenes Ohr oder Hilfe bei der Umsetzung von Deckblättern, Anschreiben oder Lebensläufen. Eins haben alle gemeinsam: Sie suchen nach Orientierung im oft undurchsichtigen Bewerbungsdschungel.

„Die meisten sind sehr unsicher – sowohl was aktuelle Richtlinien und Kriterien bei Bewerbungen angeht als auch die eigene Einschätzung ihrer Fähigkeiten“, berichtet Melanie. Eine objektive, positive Beschreibung ihrer Kompetenzen empfänden viele schon als Lobhudelei. Ihr selbst ginge es nicht anders: Als sie sich einmal ein Zeugnis schreiben sollte, erwischte sie sich dabei, wie sie Aussagen über ihre Kenntnisse relativierte, weil sie ihr als too much erschienen.

Ich verhelfe Menschen nicht nur zu Vorstellungsgesprächen und vielleicht zur Wunschstelle. Oft sehen sie im Austausch mit mir zum ersten Mal, was sie wirklich können.“

„Über sich selbst zu schreiben ist nichts, was Freude macht. Es fühlt sich merkwürdig an, sich selbst anzupreisen“, gesteht sie. Schon früher ist sie deshalb lieber für Familie und Freund*innen in die Bresche gesprungen, wenn die an der Bewerbung verzweifelten. Ihr Hobby hat sie zum Beruf gemacht. Mit Erfolg: Während sie davon erzählt, trudelt die Nachricht einer Kundin ein, die mit ihrer Hilfe den Traumjob ergattert hat und Melanie will kurz gratulieren. „Für diese Momente mache ich meinen Job. Ich verhelfe Menschen nicht nur zu Vorstellungsgesprächen und vielleicht zur Wunschstelle. Oft sehen sie im Austausch mit mir zum ersten Mal, was sie wirklich können. Das ist klasse und macht mir viel Freude.“

Standard ist out, Persönlichkeit in – auch bei Bewerbungen

Für das berufliche Glück ihrer Kund*innen arbeitet Melanie nicht selten bis zu 60 Stunden die Woche und gibt schmunzelnd zu: „Reich wird man so nicht. Es ist schon viel Idealismus und auch eine Spur Helfersyndrom dabei, auch wenn ich das eigentlich ablegen sollte.“ Doch ihr geht es um mehr als um das Vermeiden von typischen Bewerbungsfehlern – wie zum Beispiel fehlerhafte Lebensläufe, Standardphrasen aus Mustervorlagen, Behauptungen über Kenntnisse, ohne sie zu belegen, oder ausgenudelte Einstiege wie „Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige in Portal xyz gelesen und möchte mich daher bewerben“, die sie lachend „Sätze aus der Hölle“ nennt.

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Durch den Austausch mit Kolleg*innen von der Uni ist sie immer up to date und weiß, worauf Personaler*innen bei Bewerbungen anspringen: „Wichtig sind Persönlichkeit und Authentizität. Deswegen bringt es auch nichts, sich irgendwelche Standardschreiben aus dem Netz zu ziehen. HR-Profis wollen im Lebenslauf von Fähigkeiten erfahren und im Anschreiben Persönlichkeit entdecken – und zwar in Bezug auf das Unternehmen und die ausgeschriebene Stelle.“ Einen individuellen Eindruck können Bewerber*innen nicht nur über den Text, sondern auch über die Gestaltung hinterlassen. Gerade mit Deckblättern lassen sich Unterlagen aufwerten und heben sich so von anderen ab.

Nein, Ghostwriting von Bewerbungen ist kein Betrug

Auch wenn Melanie aufgrund ihres akademischen Backgrounds als Ghostwriterin vom Fach ist: Eine Erfolgsgarantie gibt es bei ihr nicht, denn die hält sie für unseriös. Schließlich hat sie auf viele Entscheidungskriterien keinen Einfluss. Auch sagt sie Kund*innen gerade heraus, wenn sie eine Stelle für unrealistisch hält. „Ich sehe mich eigentlich nicht als Ghostwriterin, sondern als Beraterin, die auch Formulierungshilfe gibt. Ghostwriting bedeutet für mich die Reduzierung auf das reine Schreiben, ohne dass der Bewerber mitarbeitet.“

Dennoch wird sie häufig mit wissenschaftlichen Ghostwriter*innen in einen Topf geworfen und sieht sich mit dem Vorwurf des Betrugs konfrontiert. Dabei ist es legal, sich eine Bewerbung schreiben zu lassen, solange die genannten Fakten der Wahrheit entsprechen. Ganz im Gegensatz zum Fremdschreiben von Haus- oder Abschlussarbeiten, bei denen Studierende eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie die Arbeit selbst verfasst haben.

Wenn es nach Fähigkeiten ginge, wäre mein Job überflüssig.“

„Die Personalauswahl bewertet heutzutage vor allem ‚Selbstvermarktungskompetenz‘. Wenn es nach Fähigkeiten ginge, wäre mein Job überflüssig. Meine Arbeit ist daher kein Betrug, sondern der nötige Türöffner, damit Menschen die Chance bekommen, sich fachlich zu beweisen. Betrug wäre es dann, wenn Unternehmen jemanden nur aufgrund der Bewerbung einstellen würden, ohne sich ihn vorher anzuschauen. Und das ist ja nicht der Fall“, stellt Melanie klar.

Nix für Faule: Gute Bewerbungen sind Arbeit, auch wenn andere sie schreiben

Auch ihre Kund*innen fragen, wie sie auf die Frage reagieren sollen, ob sie die Unterlagen selbst erstellt haben. Dass sich jemand Unterstützung holt, ist für die Bewerbungsexpertin jedoch kein Grund zur Scham, sondern zeugt vielmehr von der Bereitschaft, sich für die Stelle richtig ins Zeug zu legen und damit von Motivation und Wertschätzung.

Dass Kund*innen die Entstehung ihrer Unterlagen tatsächlich preisgeben, kommt allerdings so gut wie nie vor. Denn Melanie achtet neben den passenden Inhalten auch auf den richtigen Ton. Ihr Ziel: Es soll eine „eigene“ Bewerbung herauskommen, mit der die Bewerber*innen sich wohl fühlen. Deswegen sind für sie persönliche Gespräche unerlässlich. Anfragen, bei denen sich Menschen zurücklehnen und erwarten, dass sie „einfach irgendetwas schreibt, was gut klingt“, lehnt sie ab. Denn selbst an den von ihr formulierten Bewerbungen sind die Kund*innen immer beteiligt – auch, weil sie sich nicht in jedem Berufsfeld perfekt auskennen kann.

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Bekommt sie eine Anfrage, sichtet sie nicht nur die eingereichten Unterlagen und gleicht diese mit der Stellenanzeige ab, sondern spricht mit ihren Kund*innen auch über die Hintergründe der Bewerbung und ihre Motivation. So erfährt sie mehr über die Persönlichkeit. „Damit vermeide ich, dass ich einer Bewerbung eine Hallo-hier-bin-ich-Attitüde verpasse, obwohl der Bewerber eher zurückhaltend ist“, erklärt sie und betont, dass sie gern in die Tiefe geht. Etwas, was Anbieter*innen, die ausschließlich online arbeiten, nicht leisten können.

Doch auch deren Leistungen können einer Bewerbung mehr Qualität verleihen. Es kommt darauf an, was die*der Bewerber*in tatsächlich braucht. Gerade in Branchen, in denen großer Personalmangel herrscht, seien Feinheiten oft nicht wichtig: „Leute, die sich zum Beispiel in der Pflege bewerben oder auch den ersten Praktikumsplatz suchen, sage ich gern, dass sie sich ihr Geld sparen können.“

Checkliste: So findest du seriöse Bewerbungsschreiber*innen

Du willst dir Unterstützung für deine nächste Bewerbung holen? Hier eine Checkliste, woran du seriöse Anbieter*innen erkennst:

    • „Bewerbungsservice“ oder -Coaching/-Beratung: Überleg dir, was du brauchst – jemanden, der lediglich deine Unterlagen erstellt oder der dich ganzheitlich beim Thema Bewerbung unterstützt und Hilfe zur Selbsthilfe anbietet, von der du nachhaltig profitierst.
    • Persönlicher Kontakt zur*m Ghostwriter*in: Fehlt diese Möglichkeit, geht es der*dem Anbieter*in eher um Masse statt Klasse. Du gehst das Risiko ein, eine Standardbewerbung zu bekommen, die deiner Persönlichkeit nicht gerecht wird. Kleinere Anbieter*innen bieten oft den individuelleren Service, sind jedoch nicht so schnell auffindbar, weil sie weniger Werbung schalten und in den Suchergebnissen weiter unten erscheinen.
    • Berücksichtigung deiner Motivation, Wünsche und Erwartungen: Situation und Anforderungen sind je nach Bewerber*in individuell. Willst du zum Beispiel nur ein Anschreiben, solltest du dich nicht genötigt fühlen, ein Gesamtpaket zu kaufen. Die*der Anbieter*in sollte auf persönliche Wünsche eingehen.
    • Persönlicher Eindruck vor Preis: Auch wenn sich seriöse Preise nicht pauschal beziffern lassen – du solltest aus Geldnot nicht die*den billigste*n Anbieter*in wählen, schon gar nicht, wenn dich die Webseite nicht überzeugt. Mach dir bewusst, dass es bei Bewerbungen um deine berufliche Zukunft geht, also um einen wesentlichen Teil deines Lebens. Das Ticket dorthin bekommst du nicht beim Discounter. Zumal du die Kosten steuerlich geltend machen kannst.
    • Detailliertes maßgeschneidertes Angebot: Je allgemeiner und anonymer ein Angebot formuliert ist, desto eher erhältst du eine 08/15-Bewerbung nach Baukastensystem. Ein gutes Angebot geht konkret auf Punkte ein, die in deinen Unterlagen optimiert werden können. Die*der Ghostwriter*in geht quasi für dich in Vorleistung – ablehnen kannst du trotzdem.
    • Offene Daten: Die fertigen Bewerbungsunterlagen solltest du als bearbeitbare Dateien (zum Beispiel in Word) erhalten, sodass du sie später weiter verwenden und anpassen kannst.
    • Impressum: Mach kein Geschäft mit Unbekannten. Wie bei allen Internetangeboten solltest du checken, ob die Webseite ein vollständiges, vertrauenswürdiges Impressum hat.