„Sing On! Germany“: Wer diese Karaoke-Show durchguckt, muss viel Langeweile haben

Bei Sing On! Germany sollen wir 40 Minuten pro Episode Gesangsamateur*innen beim Karaoke-Singen zuhören. Das klappt nur mit viel Ausdauer. Eine Kritik

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Palina Rojinski moderiert die neue Netflix-Karaoke-Show Sing On! Germany. Filmstill: © Netflix / YouTube

Kandidat*innen treten auf eine bunt ausgeleuchteten Bühne und singen Pop-Hits mit Party- oder Trash-Potenzial. No Angels, Ricky Martin, Adele, sowas. Runde um Runde fliegt ein*e Gesangsamateur*in raus, bis am Ende ein*e Gewinner*in feststeht.

Was wie eine stinknormale Samstagabendshow auf ProSieben aussieht, läuft stattdessen auf Netflix. Sing On! Germany heißt die neue Karaoke-Sendung, die Netflix zuvor bereits in Spanien vermarktet hat und jetzt nach Deutschland bringt. Die erste Staffel umfasst sieben Folgen mit je 40 Minuten Länge – und die sind schwer durchzuhalten.

Palina peitscht vergeblich die Stimmung an

Sing On! Germany ließe sich auf den ersten Blick wunderbar ins Privatfernsehen-Reality-Programm einfügen. Junge Erwachsene aus unterschiedlichen Lebenswelten (der Job wird am Anfang eingeblendet) messen ihre Stimmen, Palina Rojinski versucht als Moderatorin, die Stimmung anzupeitschen, das Publikum flippt regelmäßig aus.

Auf den zweiten Blick merkt man aber, dass hier an einigen Ecken gespart wurde. Zwar kommen die Songs nicht vom Band, sondern es spielt immerhin eine Liveband. Aber die Episoden wurden vor relativ kleiner Crowd in den Pinewood Studios in London aufgezeichnet, dem Applaus fehlt entsprechend die Energie. Mit den Kandidat*innen finden keine Backstage-Gespräche statt, die aufwendige Lichtshow bleibt aus, die Tanzperformances sind mau. Das Ganze wirkt eher wie eine moderne Version von Kinderquatsch mit Michael als Deutschland sucht den Superstar. Privatfernsehen kann Shows dieses Stils deutlich besser.

Von wegen beste Homies!

Wenigstens bietet Sing On! Germany beim Selektionsprozess der Kandidat*innen ein spannendes Element. Nach jeder Runde kommt die*der definitiv weiter, die*der am meisten Töne getroffen hat. Das entscheidet wie bei Singstar ein Computer. Gleichzeitig fliegt aber auch in jeder Runde eine Person raus – und wer das ist, entscheiden die Kandidat*innen, indem sie sich gegenseitig rausvoten.

Die Begründungen, warum man jemanden rauswählt, sind das komödiantische Highlight der Show: „Ja, also ich hab einfach gemerkt, dass du den Song nicht so fühlst“, „Also ich finde, du bist hier meine härteste Konkurrentin, darum habe ich dich gewählt“, „Also ich liebe euch alle so krass, aber einen musste ich ja wählen.“

Das Voting bildet das Leben in der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft ganz gut ab: Alle im Job tun den ganzen Tag so, als seien sie die besten Homies und zögen am selben Strang – aber sobald es hart auf hart kommt, lässt man man sich gegenseitig über die Klinge springen.

Hat der Computer wirklich recht?

Doch das Voting allein reicht nicht, um eine*n zu fesseln. Während man von Sing On! Germany Episode um Episode schaut, beschleicht eine*n stattdessen mehr und mehr das Gefühl, dass der Karaoke-Computer ein Update gebrauchen könnte. Mal gibt es Kandidat*innen, die zwar roboterhaft den Rhythmus und die Töne treffen, deren Gesang dadurch aber völlig unpersönlich wirkt. Andere spielen ein bisschen mit dem Einsatz herum und liefern eine tolle Performance ab, werden vom Computer aber für ein paar vergeigte Töne abgestraft.

Man beginnt dem Computer zu misstrauen und verliert nach wenigen Episoden das Interesse am Auswahlprozess. Gleichzeitig ist Sing On! Germany eine so unschuldig-oberflächliche Show, dass man sich immer wieder dabei ertappt, Daylight mitzusummen und zu Get Lucky zu wippen. Und zumindest an ganz furchtbar langweiligen Tagen reicht ja schon das als Unterhaltung aus.

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