So durchschaust du die Bullshit-Floskeln von Vorgesetzten

Um Unangenehmes leichter verdaulich zu machen, flüchten sich Vorgesetzte oft in unnötige Floskeln. Wir sagen dir, was sie bedeuten und wie du am besten auf sie reagierst.

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Jede Floskel lässt sich leicht übersetzen – und entsprechend darauf reagieren. Foto: rclassen / Photocase

„Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen!“ Ein beliebter Satz, nicht nur in der Politik bei roten oder schwarzen Nullen. Auch manche Chef*innen verkünden ihn in regelmäßigen Abständen. Doch wer richtig hinhört, weiß: Damit meint er*sie mitnichten alle, sondern die Belegschaft. Bonuszahlungen für die Führungsebene sind nämlich von derartigen Schnallungen erstaunlich oft ausgeschlossen.

Konkret heißt das meist, dass befristete Verträge nicht verlängert, Abteilungen zusammengelegt, Standorte geschlossen oder offene Stellen nicht besetzt werden – während gleichzeitig die Arbeit nicht weniger, sondern tendenziell eher mehr wird.

Da klingt ein zünftiges „Tja, ihr müsst jetzt eben mehr schuften, damit meine Excel-Tabelle stimmt und ich weiterhin im Porsche nach Sylt brettern kann“ natürlich wenig erbaulich und motivierend. Also, nur mal als Beispiel. Unter anderem deshalb kleiden Vorgesetzte unangenehme Aussagen bevorzugt in Bullshit-Floskeln.

„Aalglatte Dampfplauderer“

Oft haben Manager*innen spezielle Trainings durchlaufen, um genau diese Fähigkeit zu meistern, wie die Diplom-Psychologin und Beraterin Madeleine Leitner weiß: „Man muss sich nur Interviews mit Politikern und Fußballern anschauen – eine ganze Riege von PR-Beratern hat sie zu stromlinienförmigen, aalglatten und nichtssagenden Dampfplauderern dressiert. Ich kenne Berater, die geradezu ‚Verpackungskünstler‘ sind.“

So sieht es auch die Karriere-Beraterin Petra Barsch: „Ein Teil der Vorgesetzten ist so arrogant wirklich zu glauben, dass die Angestellten es nicht merken. Dem anderen Teil ist es egal, ob es die Angestellten merken, weil ihnen die Menschen egal sind und somit auch, ob sie das Gesagte glauben oder nicht.“

Blabla aus dem BWL-Handbuch

Bullshit-Floskeln sind unter anderem daran zu erkennen, dass sie überbetont positiv sind. „Genau wie beim Fussball – wenn gesagt wird ‚Wir stehen hinter dem Trainer‘ weiß jeder, dass der Trainer bald weg ist. So läuft es auch in Unternehmen. ‚Wir müssen den Gürtel enger schnallen‘ heißt: Ihr müsst das“, bestätigt Petra Barsch.

Dabei kommen neben Floskeln und Phrasen aus dem BWL-Handbuch insbesondere Körpersprache und Stimme zum Einsatz. „Man muss halt nur selbstbewusst und mit fester Stimme auftreten. Was man sagt, ist letztlich ziemlich egal“, meint Madeleine Leitner. Der unschöne Inhalt kommt folglich sonor und mit angemessenen Sorgenfalten vorgetragen in den typisch glatten Bullshit-Floskeln daher und scheint im ersten Moment plausibel.

Dabei ist es laut Madeleine Leitner allerdings entscheidend, sich bewusst nicht von der verbalen Verpackung täuschen zu lassen und stattdessen über den Inhalt nachzudenken. Und in der Tat ist das Fußvolk zuweilen gar nicht allzu ahnungslos.

Hier sind 11 Bullshit-Floskeln, die du sofort durchschaust:

1. „Gute Nachricht! Ab jetzt macht hier offiziell niemand mehr Überstunden.“
Du weißt: Ab jetzt werden hier Überstunden schlicht nicht mehr bezahlt.

2. „Gehaltserhöhungen sind momentan nicht drin, wir müssen sparen.“
Du weißt: Die Aktionär*innen wollen ihre wohlverdiente Ausschüttung. Die 600 Euro teure Fußmatte für das Boss-Büro fällt allerdings nicht unter die Sparmaßnahmen.

3. „Wir wollen die Prozesse noch weiter optimieren und die Performance steigern.“
Du weißt: Ihr müsst fortan viel mehr arbeiten, aber ihr bekommt dafür selbstverständlich keinen Cent mehr Geld.

4. „In diesen Zeiten könnt ihr froh sein, überhaupt noch einen Job zu haben.“
Du weißt: Da hat offenbar jemand aufgemuckt und jetzt werden Angst und Schrecken verbreitet, damit derartige Renitenz nicht um sich greift.

5. „Ich habe großes Vertrauen in eure Fähigkeiten, da ist Multitasking gefragt!“
Du weißt: Es hagelt Arbeit, dass es nur so knattert – und dem*der Chef*in ist es ziemlich wumpe, wie ihr das regelt.

6. „Wir werden künftig noch ergebnisorientierter denken.“
Du weißt: Die coolen Projekte werden dicht gemacht, kreative Kaffeepausen gestrichen und wehe, die Zahlen stimmen am Ende nicht!

7. „Bestimmte Prozesse müssen wir aus strategischen Gründen outsourcen.“
Du weißt: Hier fliegen demnächst die Kündigungen tief.

8. „Im kommenden Quartal erwarten wir kurzzeitig negatives Wachstum.“
Du weißt: Oh, oh. Ihr rauscht ab und zwar so richtig.

9. „Wir müssen uns wieder verstärkt auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren.“
Du weißt: Das war zwar alles innovativ mit den modernen Methoden, aber mit Design Thinking und Brainstorming und so ist bald wieder Sense.

10. „Wir gehen dafür eine strategische Partnerschaft ein.“
Du weißt: Die Führungsebene hat auf einem Gebiet kläglich versagt und jemand anders soll sie raushauen.

11. „Diese Abteilung wird sich ab jetzt vermehrt um kritische Sonderprojekte kümmern.“
Du weißt: Der*die Vorgesetzte stellt euch kalt – mit Aufgaben, denen jede Wurzelbehandlung lachend vorzuziehen wäre.

Und das sind nur ein paar Beispiele.

Mutige machen den Mund auf

Aber was tun, wenn dein*e Chef*in regelmäßig Bullshit-Floskeln raushaut? Laut Madeleine Leitner hängt das sowohl von den Umständen als auch von deinen eigenen Zielen ab: „Offen ansprechen, da macht allerdings der Ton die Musik, oder sachlich diskutieren. Es stellt sich ja grundsätzlich die Frage, was man durch eine Reaktion erreichen will und kann. Manchmal kann auch Schweigen eine Antwort sein.“

Nur, wer besonders mutig ist, macht den Mund auf. „Nachfragen und nachbohren wäre gut“, sagt auch Petra Barsch. „Den Kern hinter der Botschaft aufdecken und aussprechen. Das traut sich aber kaum jemand.“ Ja, der Druck, kontinuierlich Gewinne zu machen, ist enorm hoch. „Die meisten Vorgesetzten wissen, dass das eigentlich unmöglich ist“, sagt Petra Barsch. Und trotzdem oder gerade deshalb halten sie an Bullshit-Floskeln fest.

Fragen, reden – gehen

Wenn du in einem Unternehmen arbeitest, in dem es Bullshit-Floskeln statt offener und transparenter Kommunikation gibt, in dem Sparmaßnahmen als wirtschaftlich notwendig verkauft werden, während an anderer Stelle das Geld mit vollen Händen ausgegeben wird, in dem immer weniger Leute immer mehr Arbeit machen müssen und in dem du dich einfach nicht wohlfühlst, weil diese Firmenpolitik zu hart mit deinen Wertvorstellungen kollidiert, dann bleibt am Ende nur die Kündigung.

So sieht es auch Petra Barsch: „Auf Dienst nach Vorschrift setzen – also Arbeitszeiten einhalten, nein sagen zu Sonderaufgaben, Überstunden öfter mal ablehnen und abends sowie am Wochenende Handy und Laptop ausschalten. Oder eben gehen.“ Wie du das deinem*deiner Chef*in erklären kannst? Na, mit einer von seinen*ihren eigenen Bullshit-Floskeln: „Nach meiner extrem erfolgreichen Zeit hier habe ich mich schweren Herzens entschieden, neue Challenges zu suchen und meinen persönlichen ROI zu optimieren. Tschaui!“