So einsam sieht Mallorca abseits von Ballermann und Sangria-Eimern aus

Der Fotograf Tomeu Coll stammt aus einem mallorquinischen Dorf, in das sich selten Tourist*innen verirren. Seine Bilder zeigen die Ödnis der Inselmitte.

Der Mann, der mit weißem Rauschebart und wilden Haaren gedankenverloren auf dem Mäuerchen sitzt, heißt Morgan. Als Morgan jung war, war er einer der besten Gitarrenspieler Mallorcas, heißt es. Jimi Hendrix spielte 1969 ein Konzert auf der Insel und der Mythos besagt, dass Morgan dort zusammen mit dem US-Gitarrenstar auf einer Bühne stand. „Er war der Jim Morrison meiner Zeit“, sagt Fotograf Tomeu Coll. „Morgan war der erste Freigeist, den ich jemals traf.“

Morgan und Tomeu Coll stammen aus demselben Ort: Sant Jordi, ein kleines Nest im Niemandsland Mallorcas, ganz in der Nähe des Flughafens von Palma. Coll nennt die Gegend „Badlands“ – das Ödland. „Es ist ein Ort, den Touristen nie besuchen würden“, sagt Coll. „Es gibt dort nichts für sie zu sehen, es gibt keine Fünfsternehotels oder private Strände.“ Zehn Jahre lang dokumentierte Coll seine Heimat mit der Kamera. Seine Fotos erschienen nun in einem Bildband mit dem Namen Badlands.

Die Schönheit des Alltäglichen

Das Buch beginnt mit einem Zitat des Filmregisseur Jonas Mekas: „Keep looking for things in places where there is nothing“ – suche dort nach Dingen, wo nichts ist. Es ist die Überschrift, die über allen Fotos von Coll stehen könnte. In Badlands findet man nichts von dem, was man von einem Fotobuch über Mallorca erwarten würde: keine sonnenverbrannten Deutschen, die Sangria aus Eimern trinken, keine Bilder von der großartigen Architektur der Stadt Palma, nicht mal die wunderschöne Natur der Insel ist abgebildet.

Stattdessen zeigen Colls Fotos Dinge, die er mit seinem Heimatort verbindet: Marschland, rostige Zäune, Hausruinen, bellende Hunde, Skelette von toten Tieren. Und immer wieder Menschen, mit denen Coll aufgewachsen ist. Menschen wie Morgan oder Colls Opa. „Auf einer Insel zu leben ist, als würde man der Gesellschaft oder sogar dem gesamten Rest der Welt den Rücken zukehren“, beschreibt Coll das Gefühl, das die mallorquinischen Bewohner*innen miteinander verbindet. „Die Isolation macht uns glauben, dass alles, was außerhalb unserer Grenzen geschieht, Dinge von fremden Planeten sind.“

Auf einer Insel zu leben ist, als würde man dem Rest der Welt den Rücken zukehren.

Tomeu Coll

Colls Fotos wirken düster, auch wenn er das nicht so sagen würde. Der Fotograf betont, dass er die Insel lediglich so zeige, wie er sie wahrnehme. Kurze, poetische Tagebucheinträge unterstreichen das Gefühl des Verfalls, den auch die Fotos ausstrahlen. So notiert Coll beispielsweise um Juni 2009: „Es ist der fünfte nebelverhangene Tag. Man kann das Bellen der Hunde durch die Fenster hören. Es ist ein guter Tag, um ins Marschland zu gehen.“ Oder im Mai 2016: „In letzter Zeit sind Tierknochen in der Nähe der Stelle aufgetaucht, wo die meisten Drogenabhängigen fixen. Vielleicht bringen sie die Knochen, oder die Tiere gehen zum Sterben dorthin.“

Die Bilder sind eine Ode an den Glanz des Destruktiven, die Ästhetik des Verfalls. Coll verbindet diesen Ansatz mit der Geschichte Mallorcas: „Noch vor einem Jahrhundert war dieses Land mit Brackwasser überflutet und nur von wilder Natur und Malariamücken belebt“, schreibt Coll in der Einleitung zu Badlands. „Nicht einmal Piraten wagten sich in dieses Marschland, das sich noch heute in Sumpf zurückverwandeln würde, wäre da nicht der Asphalt, der es im Zaum hält. Und dennoch findet sich Schönheit sogar in ihrer Zerstörung.“


„Badlands“ von Tomeu Coll ist 2019 beim Kehrer Verlag erschienen.