So erkennst du, ob ein Leben in der Stadt das Richtige für dich ist

Die Frage, wie wir leben wollen, ist immer auch eine Frage danach, wo wir leben wollen. Wie wir den passenden Ort für uns finden und wann ein Leben in der Großstadt gelingt, erklärt der Psychiater Mazda Adli.

Der Großstadttrubel tut manchen Menschen gut – und macht andere krank. © Fabrizio Verrecchia | Unsplash

Für die einen ist die Großstadt ein Ort der Begegnung und der persönlichen Entfaltung, Zugang zu Bildung, Gesundheit, Kultur und Kunst. Für die anderen ist die Stadt ein Ort der Anonymität und Isolation, wo immer und überall Menschen sind und doch niemand, der wirklich an unserer Seite ist. Dann wird das Stadtleben zur ernsten Bedrohung für unsere Gesundheit. Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli hat herausgefunden, dass das Risiko, an einer Depression oder an einer Angststörung zu erkranken, bei Stadtbewohner*innen größer ist als bei Landbewohner*innen. Dennoch ist Adlis Buch Stress and the City ein Plädoyer für das Leben in der Stadt.

Weshalb es so wichtig ist, den richtigen Platz für sich zu finden und wie ein Leben in der Stadt gelingen kann, erklärt Mazda Adli im Interview.

Mazda Adli plädiert in seinem Buch „Stress and the City“ für das Leben in der Stadt. Foto: Fliedner/Korol

ze.tt: Herr Adli, habe ich es selbst in der Hand, ob das Leben in der Stadt gut für mich ist oder ob es mir schadet?

Mazda Adli: Städte haben beides. Sie haben viele Vorteile, aber für manche Menschen, nicht für alle, bringen sie Risiken mit sich. Wenn wir uns dieser Risiken bewusst sind, haben wir die Möglichkeit, etwas zu tun, um Städte zu lebenswerten Orten werden zu lassen. Das gilt natürlich für verantwortliche Politiker und Stadtplaner, aber auch für jeden Einzelnen, der aus seinem städtischen Umfeld einen Ort machen kann, der gut für ihn ist.

Welche Risiken sprechen Sie da an?

Wir wissen aus vielen epidemiologischen Untersuchungen, dass das Risiko für bestimmte psychische Krankheiten bei Stadtbewohnern größer ist im Vergleich zu Landbewohnern. Dazu gehören Depressionen, Angsterkrankungen, aber auch die Schizophrenien, die bei Stadtbewohnern häufiger vorkommen. Es gibt einige Forscher, die behaupten, dass 30 Prozent des gesamten Schizophrenie-Risikos auf den Faktor Stadt zurückzuführen ist. Es gibt also mit dem Stadtleben verknüpfte Gesundheitsrisiken, die man gerade auch in den Ländern Europas nachweisen kann. Und wenn das so stimmt, und wenn es außerdem stimmt, dass unsere Städte in den nächsten Jahren weiter rasant wachsen werden, dann ist es an der Zeit, diesen Zusammenhang besser zu verstehen und auch zu verstehen, wie man dieses Risiko beeinflussen kann.

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Weiß man, welche konkreten Ursachen zu den Erkrankungen führen können?

Entscheidend verantwortlich dafür ist meiner Meinung nach sozialer Stress. Der Stress, der aus dem Zusammenleben von Menschen herrührt. Vor allem dann, wenn er chronisch auf uns einwirkt, ohne dass wir ihn beeinflussen können und ohne dass es eine Entlastung gibt. Und dieser soziale Stress besteht zum Beispiel aus einer hohen sozialen Dichte oder aus sozialer Isolation. Für beides ist in der Forschung gezeigt worden, dass es bei ganz vielen Spezies, sogar bei Insekten, aber auch bei Tieren und natürlich bei Menschen zu Verhaltensveränderungen und Krankheiten führen kann. Wir kennen dieses Problem aus der Diskussion um artgerechte Stallhaltung bei Tieren.

Wozu führt soziale Isolation?

Das ist ein Faktor, der unsere Gesundheit ganz erheblich beeinflusst. Soziale Isolation führt in stärkerem Ausmaß zu vorzeitiger Sterblichkeit als Fettleibigkeit und auch als Rauchen oder Alkoholmissbrauch. Diese beiden Stresstypen – soziale Dichte und soziale Isolation – sind klassische soziale Stressoren, die in der Stadt häufiger vorkommen. Und wenn beides gleichzeitig auf einen Menschen trifft, ist die Mischung toxisch. Wenn dann noch ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit hinzukommt, wenn man das Gefühl hat, man ist einer bedrohlichen Umwelt ausgeliefert, dann ist diese Konstellation besonders gefährlich.

Sozialer Stress als permanente Belastung

Was wird in der Stadt als bedrohlich wahrgenommen?

Wenn man sich einsam fühlt und das Gefühl hat, das Leben findet um einen herum statt, aber ohne dass man daran beteiligt ist, kann das als bedrohlich empfunden werden. Dieser soziale Stress in der Stadt ist allerdings selten etwas, das man als ganz akute Belastung empfindet. Es ist eher eine permanente Belastung, der man sich häufig nicht bewusst ist, weil man vielleicht soziale Ausgeschlossenheit oder Einsamkeit als alltägliche Lebensbedingung hinnimmt. Ein anderes Beispiel ist die hohe soziale Dichte, wenn man das Gefühl hat, es ist so eng um einen herum und man hat gar keinen eigenen Rückzugsraum mehr, dann wird das auch als bedrohlich empfunden. Wenn jemand unter beengten Bedingungen lebt – dünne Wände, schlecht gemachter Sozialbau und man hört den Lärm der Nachbarn –, dann resultiert das in sozialem Stress, Crowding-Stress. Wenn unsere Städte verdichtet werden, muss das so erfolgen, dass die Bewohner immer noch genug Freiräume und Rückzugsräume finden.

Sie sagen trotzdem, dass Städte gut für uns sind.

Aber ja! Die Stadt bietet ganz viele Vorteile. Deswegen ziehen die Menschen ja in die Stadt. Dazu gehören die besseren Bildungsmöglichkeiten, die besseren individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Chancen auf Wohlstand und eine bessere Gesundheitsversorgung. Dazu gehört aber natürlich auch das kulturelle Angebot. Städte sind die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Motoren unserer Gesellschaften. All das sind Dinge, die Menschen an der Stadt attraktiv finden und darum wachsen die Städte auch.

Und die Kehrseiten der Stadt – Lärm, Autoverkehr, Gedränge – müssen wir in Kauf nehmen?

Natürlich müssen wir in der Stadt den Raum mit vielen anderen Menschen teilen. Dazu braucht es Flexibilität, soziales Verhandlungsvermögen und die Bereitschaft, mit der Komplexität der Stadt umzugehen. Und Teilhabe am Leben und den Möglichkeiten der Stadt. Wir müssen daher dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen möglichst einfachen Zugang dazu haben. Dazu gehört der Zugang zu Bildung und Kultur. Gut durchdachte Stadtplanung kann sozialem Stress und dessen Folgen entgegenwirken, indem sie zum Beispiel für ausreichend öffentliche Plätze sorgt, die auch von den Bewohnern genutzt werden. Die können sehr vielfältig sein: Plätze, lebendige Gehwege, Grünflächen, Theater – all das sind Beispiele für öffentliche Räume, die sozialer Isolation vorbeugen. Sie übernehmen damit eine wichtige Gesundheitsaufgabe in der Stadt.

Passt meine Stadt zu meiner Persönlichkeit?

Ich möchte noch einmal auf die soziale und emotionale Ebene des Stadtlebens zurückkommen. Ist man eigentlich für das Stadtleben oder für das ländliche Leben prädestiniert? Sind wir durch unsere geografische und soziale Herkunft zum Stadtmenschen oder zum Landei bestimmt?

Es gibt Persönlichkeitstypen, die sich eher im Zentrum von Städten wohlfühlen und weniger in Stadtrandlagen, und andere Persönlichkeitstypen, die sich eher in der Peripherie wohler fühlen und das trubelige Zentrum von Innenstädten meiden. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die extrovertiert und gesellig sind, die eine grundsätzliche Offenheit für Neues, Wissbegierde und eine höhere innere Flexibilität mitbringen, eher die Innenstädte bevorzugen und sich dort wohlfühlen. Diejenigen, die sehr auf verlässliche Verhältnisse wert legen und sich durch ein hohes Maß an Gewissenhaftigkeit, aber auch Kooperativität und Verträglichkeit auszeichnen, fühlen sich eher in den Stadtrandlagen wohl.

Trägt es zur Gesundheit und Lebenszufriedenheit bei, sich in einem Wohnumfeld niederzulassen, das dem eigenen Charakter entspricht?

Davon ist auszugehen. Wer das Gefühl hat, an seinem Wohnort richtig zu sein, tut sich leichter damit, sich ihn anzueignen, sich zu Hause und mit seiner Umgebung verbunden zu fühlen. Das gilt übrigens nicht nur für den unmittelbaren Lebensraum – die Straße, der Kiez oder der Bezirk, wo man wohnt. Auch eine ganze Stadt kann mit ihrer sehr spezifischen Mentalität mehr oder weniger gut zur eigenen Persönlichkeit passen. Jede Stadt hat ihre eigene ganz spezifische Kultur, ihren eigenen Wertekanon, der sich darin ausdrückt, wie Menschen miteinander umgehen oder wie sie sich kleiden. Man kann davon ausgehen, dass es Menschen dann besonders gut geht, wenn ihre eigene Mentalität gut zu der Mentalität ihrer jeweiligen Stadt passt, in der sie leben.

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Wie können sich Menschen verändern und entwickeln, wenn Sie das Kleinstadtleben hinter sich lassen und zu Stadtmenschen werden?

Natürlich prägt uns das Lebensumfeld. Ich kenne persönlich viele Menschen, die ein ländliches Leben hinter sich gelassen haben, in die Stadt gezogen sind, meistens, um ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen, und sich gar nicht mehr vorstellen können, aufs Land zurück zu ziehen. Man wächst auch irgendwie mit der Größe der Stadt mit, in der man lebt. Und da Städte nun mal die Eigenschaft haben, unsere persönliche Entwicklung zu befördern und unserer Entfaltung dienlich sind, ist es für viele schwierig, wieder ins alte Format zurückzuschlüpfen. Trotzdem gibt es Menschen, die sich den urbanen Stempel nicht so leicht aufdrücken lassen und froh sind, wenn sie nach ein paar Jahren der Ausbildung wieder in eine ländliche Heimat zurückkehren dürfen.

Sie haben sich mit den gesundheitlichen Folgen und Risiken des Stadtlebens beschäftigt. Und Sie haben sich trotzdem für ein Leben in der Großstadt entschieden.

Absolut. Ich bin ein Großstadtfan und ein überzeugter Stadtbewohner, weil mir die Vorteile behagen und ich sie auch nutze. Insofern bin ich jemand, der sich diesen urbanen Stempel sehr bereitwillig hat aufdrücken lassen. Ich hatte aber auch das Glück, mein ganzes Leben in großen Städten zu leben: Köln, Teheran, San Francisco, Wien, Paris und Berlin gehören dazu. Ich muss aber auch klarstellen: Die Stadt ist dann gut für einen, wenn man Zugang hat zu den Vorteilen, und das ist auch eine ökonomische Frage und natürlich eine Frage von Bildung und sozialen Kompetenzen.