So erleben Menschen in anderen Ländern die Corona-Krise

Die totale Gleichzeitigkeit der Pandemie zeigt uns, wie nah wir uns sind – selbst wenn die halbe Erdkugel zwischen uns liegt. Wir haben mit acht Menschen in Griechenland, der Türkei, Frankreich, Spanien, England, Brasilien und den USA gesprochen.

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Noch hat sich nicht viel im Alltag geändert, erzählt Karen. Foto: © privat

Das Coronavirus schrumpft die Welt zusammen. Wer mit Freund*innen in anderen Ländern spricht, erlebt derzeit, wie sich unser aller Alltag vielerorts angenähert hat, wie sich Sorgen und Ängste überlagern, welche Hoffnungen uns einen. Ob in Istanbul oder Paris: Menschen fühlen sich bedroht, aber sind zugleich entschlossen, das Beste aus der Situation zu machen.

Wir haben acht Menschen gefragt, wie es ihnen gerade geht. Hier sind ihre Antworten:

Istanbul: Greta, 22

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Greta ist seit ein paar Wochen in Istanbul. Foto: © privat

Greta ist seit ein paar Wochen in Istanbul, die 22-Jährige besucht dort ihre Freundin. Doch nun wird aus dem geplanten Besuch ein längerer Aufenthalt: „Heute [am 18. März, Anm. d. Red.] sind die letzten Flieger ab Istanbul gen Deutschland gestartet, die mich im nächsten Monat nach Hause bringen könnten. Ich sitze nicht in einem dieser Flieger. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung, denn zu Hause würden mich eine 22-Quadratmeter-Wohnung erwarten und all das, was ich an meinem Berliner Alltag schätze, fände nicht mehr statt. Stattdessen komme ich nach drei Wochen Urlaub in Istanbul inklusive Frühlingswetter und der besten queerfeministischen Party, auf der ich je war, nun in Istanbuls Everyday-life an. Nur ist nichts wie sonst; alle Cafés, Bars, Clubs und Kulturstätten sind geschlossen. Gehamstert werden Instantsuppen und grüne Linsen statt Toilettenpapier und Nudeln. Konnte ich vor vier Tagen noch eher von einem ‚zügigen durch die Menge schreiten‘ reden, bin ich heute nur wenigen Leuten beim Joggen am Bosporus begegnet.“

Die Stimmung ist gedrückt

Noch halten sich die Corona-Fälle in der Türkei in Grenzen, aber eine grundsätzlich gedrückte Stimmung hat Greta schon vor der Pandemie gespürt: „Der sukzessive Rechtsstaat-Abbau, die Finanzkrise und die patriarchalen Strukturen sorgen für ein hohes Stresserleben bei den Türk*innen generell, jetzt kommen noch Sorgen um Krankheit und Existenz hinzu.“

Greta fühlt sich niedergeschlagen, auch wenn sie selbst von den Problemen wenig spürt: „Meine Bachelorarbeit kann ich von zu Hause aus schreiben, meinen Job von hier ausführen. Ich bin total verliebt in meine Freundin und kann die Zeit mit ihr wunderbar auskosten. Hätte ich meinem 14-jährigen Ich gesagt, dass ich in acht Jahren auf unbestimmte Zeit mit einer sehr schönen Frau, die auch noch gerne FIFA spielt, eingesperrt sein würde, hätte ich auch damals mein Glück nicht fassen können.“

Doch wenn Gretas Visum ausläuft, wird sie das Land wohl verlassen müssen, sie und ihre Freundin können sich dann nicht mehr sehen: „Wie lächerlich random Grenzen sind, wird mir noch mal mehr bewusst. Es werden Unterschiede geschaffen, wo ich keine spüre. Während wir nebeneinandersitzen, wird mein Geld im Vergleich zu ihrem mehr wert. Ich verstehe nicht, wie Währung berechnet wird, aber eine Sache ist ganz klar: Corona verstärkt die Ungerechtigkeit.“

Was, wenn die eigenen vier Wände bei vielen Menschen nun auch den eigenen Horizont einengen? 

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Und die Krise verstärkt auch den Nationalismus, sorgt sie sich. Was ist, wenn autokratische Regierungen die Schließung von Kulturstätten nicht mehr rückgängig machen? Was, wenn die eigenen vier Wände bei vielen Menschen nun auch den eigenen Horizont einengen?

Nichtsdestotrotz hofft Greta auch, dass die Krise irgendetwas Positives mit sich bringt. Lernprozesse in Gang bringt, beispielsweise. Greta fängt bei sich selber an: Wie bewerte ich eine Situation neu, um meine Angst zu mildern? Welche Art zu arbeiten, erfüllt mich? Sie hofft auf ein Umdenken beim Thema Umgang mit sich selbst, Nachhaltigkeit und Arbeit, auf individueller, auf gemeinschaftlicher Ebene.

Frankreich: Margaux, 30

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Margaux in ihrer Wohnung. Draußen in Paris sind die Straßen leer. Foto: © privat

Margaux hat gerade ihre Doktorarbeit abgegeben. Die 30-jährige Pariserin wäre eigentlich gerade auf der Suche nach einer Post-Doc-Stelle, aber alle offenen Ausschreibungen seien wegen der Krise gerade auf Eis gelegt, erzählt sie. Statt in der Bibliothek sitzt sie also derzeit zu Hause, wie fast alle in Paris, denn dort wurde vor einigen Tagen eine Ausgangssperre verhängt. Wer trotzdem das Haus verlässt, braucht gute Gründe dafür und muss einen entsprechenden Zettel mit sich führen. Wer auf der Straße angetroffen wird muss beweisen, dass er oder sie auf dem Weg zur Arbeit ist, einkaufen geht, aus gesundheitlichen oder familiären Gründen unterwegs ist oder alleine kurz unterwegs, um beispielsweise einen Hund Gassi zu führen. Mindestens zwei Wochen soll diese Ausgangssperre noch andauern.

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Diesen Zettel muss jede*r ausfüllen, der*die derzeit in Paris das Haus verlässt.

In den Straßen patrouilliert die Polizei und verteilt bei Verstößen Bußgelder. Doch die schickeren Viertel der französischen Hauptstadt würden kaum kontrolliert, erzählt Margaux. Die Polizei sei hauptsächlich in Gegenden, in denen viele PoC lebten, unterwegs.

Margaux und ihre Freund*innen, erzählt sie, hätten sich mit den Maßnahmen abgefunden und würden viel miteinander skypen, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen und um sich abzulenken. Sie hätten jetzt einen Online-Buchclub gegründet: „Ich sage immer: ‚Putzt nicht jetzt schon alles!‘ Es wird ja sicher noch eine Weile so weitergehen. Dann lesen wir lieber Bücher gemeinsam.“

England: Louise, 39

Louise lebt in der Nähe von London und hat gerade ein Kind bekommen. Die Kleine sei jetzt sieben Wochen alt und sie wäre gerade jetzt so bereit, endlich mal wieder nach draußen zu gehen. Doch stattdessen sitzt sie nun mit Baby und Kleinkind zu Hause und lässt – es ist Mittagszeit – schon den dritten Kinderfilm für ihre ältere Tochter laufen: „Und es ist erst Tag zwei! Wie soll das nur weitergehen?“

Ihr Mann sitzt im Nachbarzimmer und macht Homeoffice, endlich, wie Louise sagt. Denn Großbritannien hat sehr spät Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus ergriffen, auch die Kita ihrer Tochter sei noch offen, aber sie hätte sie nicht mehr hingeschickt, erzählt sie. Louise ärgert sich über Boris Johnson und seine Kehrtwende in der Krise, Großbritannien hätte viel früher reagieren sollen, aber die meisten Menschen – auch viele in ihrem Umfeld – würden das alles noch nicht ernst nehmen und davon ausgehen, dass in zwei bis drei Wochen alles wieder normal abliefe.

Griechenland: Lea, 26

Lea ist 26 Jahre alt und lebt in Athen. In Griechenland seien bereits etliche Schulen und Kitas geschlossen worden, berichtet sie. Auch Restaurants, Bars und Läden hätten vielerorts dicht gemacht.

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Lea lebt in Athen. Foto: © privat

„Die Supermärkte sind voll, aber menschenleer. Unsere Familie sagt Kindergeburtstage ab, um einander zu schützen. Ich lasse meinen bereits gebuchten Deutschlandbesuch verfallen und warte ab.“ Sie sei dankbar und froh über das große Glück, das sie habe und den Komfort, in dem sie lebe. Doch zugleich sei sie wahnsinnig wütend: „Das Coronavirus zeigt, dass unsere Grenzen niemanden schützen. In Deutschland – aber nicht nur dort – geht man extrem egoistisch und unverantwortlich mit der Sache um, ohne daran zu denken, dass man überprivilegiert ist, dass ältere Leute und die mit Vorerkrankungen auch nicht sterben wollen, genau so wenig wie Leute, die an der Grenze zu Europa gestrandet sind.“

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Diese Nachricht wurde an alle griechischen Handynutzer*innen verschickt.

Spanien: Nadine, 31

Nadine lebt in Barcelona, auch dort gibt es eine Ausgangssperre. Gemeinsam (selbst zu zweit) spazieren gehen, Fahrrad fahren – alles derzeit verboten. Alle öffentlichen Einrichtungen wurden geschlossen; Bars, Restaurants, Kinos, Buchläden, Theater – alles, wie auch in Deutschland, derzeit zu. Die 31-Jährige sieht die Maßnahmen etwas zwiespältig: „Einerseits finde ich es grundsätzlich gut, dass der Staat den Ernst der Lage erkannt hat und nun handelt. Andererseits wurden die Massnahmen hier kurzfristig, ohne jedwede Warnung eingeführt, und ohne die Gesellschaft richtig über das Virus und den Umgang damit zu informieren und ohne über die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen nachzudenken.“

Nadine sorgt sich um die Wirtschaft im Land und das Einkommen vieler Menschen: „Vermutlich werden hierdurch tausende Geschäfte in den Ruin getrieben, tausende Angestellte in ohnehin bereits prekären Lagen werden ihren Job verlieren und ihre Familien nicht mehr ernähren können. Mütter und Väter in dienstleistungsnahen Branchen sitzen mit ihren Kindern zu Hause und verlieren ihre Jobs, weil sie nicht zur Arbeit können oder weil ihre Arbeitgeber, z. B. kleine Cafés im Viertel, geschlossen haben und sie sich nun nicht mehr leisten können.“

Zumindest tut es dem Haushalt und dem Geldbeutel gut.

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Trotzdem versucht jede*r Einzelne, das Beste aus der Lage zu machen, meint Nadine. Diejenigen, die ohne Probleme von zu Hause aus arbeiten könnten, seien gerade natürlich privilegiert. Manche ihrer Freund*innen, werden aber wahrscheinlich ihre Jobs verlieren. „Meine Freizeit verbringe ich nun mehr als je mit Brettspielen, Aufräumen, Streamingdiensten, Ausmisten und Sport zu Hause – zumindest tut es dem Haushalt und dem Geldbeutel gut.“

Brasilien: Gabriela, 27 und Karen, 31

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Gabriela betreibt in Recife einen Imbiss. Foto: © privat

Gabriela lebt in Recife, sie regt auf, dass viele Ladenbesitzer*innen derzeit die Preise für Desinfektionsmittel verdreifachen. Ein bisschen Verständnis hat sie dennoch, schließlich sei der Umsatz gerade überall rückläufig: „Ich bin auch selbstständig und betreibe einen kleinen Imbiss. Den werde ich demnächst schließen, weil ich sonst auf meinen Produkten sitzenbleibe. Es kommen zur Zeit immer weniger Gäste. Es gibt durchaus Menschen, die sich sorgen, viele nehmen es aber auch nicht richtig ernst. Viele haben auch nicht die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben, weil sie arbeiten müssen und darüber hinaus hier in Brasilien auch andere existentielle Sorgen haben. Wir kämpfen dieses Jahr zum Beispiel wieder mal gegen schlimme Hochwasser und Überschwemmungen. Ich weiss auch noch nicht, wie ich die nächsten Wochen ohne Einkommen bewältigen soll, wenn das Ganze noch schlimmer wird.“

Die Regierung hilft nicht wirklich, das möglich zu machen.

Karen

Karen ist 31, auch sie lebt in Recife. Im Nordosten Brasiliens seien die Menschen noch lange nicht so besorgt wie in Europa, Geschäfte haben noch ganz normal geöffnet, auch wenn empfohlen wird, größere Menschenmengen zu meiden und sich oft die Hände zu waschen: „Aber die Regierung hilft nicht wirklich, das möglich zu machen. Bei uns fällt ständig das Wasser aus. Wie soll das also gehen? Unsere öffentlichen Verkehrsmittel wie Busse oder die Metro sind ständig überfüllt. Wie sollen wir da den Kontakt zu Menschenmassen meiden, wenn wir trotzdem zur Arbeit fahren müssen, um Geld zu verdienen?“

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Noch hat sich nicht viel im Alltag geändert, erzählt Karen. Foto: © privat

Der Alltag nehme noch seinen Gang wie immer, meint Karen: „Mal ’ne Woche kein Wasser. Überfüllte Busse. Es ist das übliche Chaos also. Wir sagen uns deshalb auch: Wir haben ständig gegen so schlimme Krankheiten mit unzureichender medizinischer Versorgung zu kämpfen, vor allem Gruppen, die von Armut betroffen sind, sodass sich viele auch ein wenig drüber lustig machen: ‚Wenn wir Dengue, Chikungunya oder andere Viren und Erkrankungen überleben, dann überleben wir Corona auch noch.‘ Wir versuchen aber trotzdem, auf uns zu achten, soweit es eben möglich ist.“

Libanon – USA: Dayna

Dayna lebt im Libanon, aber derzeit steckt sie in den USA fest, wie sie berichtet. Sie war für eine Preisverleihung in die Staaten geflogen, dort kommt sie nun nicht mehr weg. Frühestens am 29. März wird es wieder Flüge in den Libanon geben, aber auch das hält sie für eher unwahrscheinlich. „Ich kann nicht wirklich das Haus verlassen, mein ganzes Einkommen bricht gerade weg und ich habe große Sorge um meine Familie, mein Vater ist in einem sehr gefährdeten Gebiet und gehört zur Risikogruppe.“

Das einzig Schöne an dieser Situation, wenn man das überhaupt so sagen darf, ist die Solidarität und Stärke, die Menschen zeigen.

Dayna

Das Schlimmste sei, so Dayna, dass sich überhaupt nicht abschätzen lässt, wann die Krise vorbei ist. „Und sie betrifft einfach alles, ich habe Angst, die Miete bald nicht mehr zahlen zu können. Wir dürfen sowieso nicht mehr als eine kleine Summe Geld auf einmal abheben und ich komme nun aus dem Ausland an gar kein Geld mehr dran.“ Alles sei ein großes Chaos, erst im Oktober hatte es eine Revolution im Libanon gegeben, das Land steckt in einer wirtschaftlichen Krise, die Regierung sei mehr oder weniger handlungsunfähig.

„Das einzig Schöne an dieser Situation, wenn man das überhaupt so sagen darf, ist die Solidarität und Stärke, die Menschen zeigen. Im Libanon unterstützen junge Menschen die Alten, sie spenden Geld und kaufen Essen und Desinfektionsmittel.“ Diese Solidarität, meint Dayna, sollte aber auch gezeigt werden, wenn es nicht nur uns selbst betrifft.

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