So findet sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz digital statt

In den eigenen vier Wänden fühlen wir uns sicher. Doch auch virtuell kann es sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz geben. Was da passiert und was du dagegen tun kannst.

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Sexualisierte Belästigung kann auch virtuell geschehen. Foto: cottonbro / Pexels | CC0

Auf dem Sommerfest nahm einer der Gründer eines neuen Berliner Lieferservices seiner Mitarbeiterin das Handy aus der Hand und rief sich selbst an. „Als er daraufhin meine Nummer hatte, hat er mich fortan regelmäßig auf WhatsApp belästigt“, schreibt sie über Tellonym. „Auch auf meine Hinweise, dass ich einen Freund und er wohlgemerkt eine Freundin hatte, ließ er es sich nicht nehmen, mir zu sagen, dass er mich gerne ’näher‘ kennenlernen würde.“ Die Belästigung lief so lange, bis sie gekündigt hat: „Erst danach hatte ich den Mut, seine Nachrichten zu ignorieren und ihn zu blockieren.“

Sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz findet nicht ausschließlich bei physischer Anwesenheit statt, sondern zunehmend auch digital. Dazu gehören unter anderem Dinge wie aufdringliche Annäherungsversuche in sozialen Netzwerken, unangemessenes Bildmaterial, Emojis mit sexuellem Bezug, unerwünschte, belästigende Nachrichten oder sogar Drohungen – per Mail, SMS, über Slack, WhatsApp oder andere Chat- und Videokonferenz-Software wie Skype oder Zoom.

Von WhatsApp bis Zoombombing

Die von EU-Parlamentarier*innen ins Leben gerufene Initiative MeTooEP hat unlängst eine Studie in Auftrag gegeben, die das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz im Digitalen speziell während der Corona-Krise untersucht. Von den 5.000 Befragten haben 16 Prozent angegeben, dass sie während der Pandemie im Homeoffice belästigt worden sind. Die Hälfte der Teilnehmenden hatte demnach außerdem zu große Angst, um offiziell gegen die Belästigenden vorzugehen oder sich Hilfe zu suchen.

Ein in diesem Kontext bis dato noch relativ unbekanntes Phänomen ist das sogenannte Zoombombing. Dabei schalten sich entweder Unbeteiligte von außen in Videokonferenzen und stören Meetings mit zum Teil strafrechtlich relevantem Foto- und Videomaterial sowie Hassbotschaften; eine andere Form kann aber auch kontinuierliches, unerwünschtes Kontaktieren einer Person auf der Plattform sein.

Das US-Unternehmen bemüht sich nach eigenen Angaben darum, Sicherheitslücken zu schließen. „Wir sind zutiefst bestürzt, von dieser Art von Vorfällen zu hören. Unsere Benutzerrichtlinien verbieten ausdrücklich jegliche Form obszöner, unanständiger, illegaler oder gewalttätiger Handlungen oder Inhalte auf der Plattform“, sagte eine Zoom-Sprecherin auf ze.tt-Anfrage. „Zoom hat vor Kurzem eine Reihe von Standardeinstellungen aktualisiert und Funktionen hinzugefügt, damit Gastgeber ihr Meeting noch leichter absichern können, darunter die Kontrolle der gemeinsamen Bildschirmnutzung, das Entfernen und Melden von Teilnehmern und das Sperren von Meetings, um nur einige Beispiele zu nennen.“

Doch das ist alles weder einfach noch wirklich nützlich, wenn es sich bei den Belästigenden um die eigenen Vorgesetzten oder Teammitglieder handelt.

Das macht es im Homeoffice so schlimm

Oft gehe es bei sexualisierter Belästigung vor allem um Machtausübung, meint die Psychologin Eva Haberkern vom Caidao-Institut für Betriebsratsberatung, da unterscheidet sich der virtuelle nicht vom analogen Raum.

„Sexualisierte Belästigung kann auch auf allen digitalen Wegen stattfinden“, bestätigt sie und erklärt noch mal im Detail, was alles dazugehört: „Verbale Formen wie sexuell anzügliche Bemerkungen und Witze, aufdringliche und beleidigende Kommentare über die Kleidung, das Aussehen oder das Privatleben während einer Videokonferenz, oder Fragen mit sexuellem Inhalt, beispielsweise über das Privatleben oder die Intimsphäre, in einer Vieraugenbesprechung.“

Erschwerend kommt hinzu, dass die sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz im Homeoffice über die digitalen Kanäle ins eigene Zuhause vordringt – an den Ort, an dem wir uns geschützt, geborgen und sicher fühlen sollen. Hier werden gleich mehrere Grenzen überschritten.

Im Homeoffice fehlt zudem die Unterstützung durch Kolleg*innen, um das Unbehagen unter vier Augen zu thematisieren und das Erlebte besser einordnen und verarbeiten zu können. Auch die Hürde, sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe zu suchen, sei von zu Hause aus höher, erklärt Eva Haberkern.

Folgenlos bleibt digitale sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz übrigens nicht. „Möglich sind sozialer Rückzug, ernsthafte psychische Anpassungsschwierigkeiten, je länger die Belästigung andauert – wie Schlafstörungen, Angststörungen oder Depressionen durch die erlebte Hilflosigkeit bis hin zur Arbeitsunfähigkeit“, sagt Eva Haberkern.

Und Coachin Jana Reppert, die sich schwerpunktmäßig mit den Themen Mobbing und Anti-Diskriminierung befasst, ergänzt: „Gerade in Zeiten der Unsicherheit, wie der aktuellen Pandemie-Problematik, erleben wir, dass Mitarbeiter*innen unter großem Druck stehen. Zusätzlich traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt zu sein – wie der Erfahrung der sexualisierten Belästigung – kann psychische und psychosomatische Spuren hinterlassen.“

Was du gegen sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz tun kannst

Im ersten Schritt lässt sich das Problem zumindest teilweise von der technischen Seite her angehen. Die Datenschutzexpertin Ina Schöne rät zum Beispiel dazu, die Kamera ausgeschaltet zu lassen: „Für die Kommunikation reichen Screensharing und Audio.“ Zusätzlich kannst du laut Expertin die Kamera auch abkleben oder einen Kameraschutz anwenden: „Das schützt, falls man sich mal nicht richtig aus der Konferenz ausloggt.“

Außerdem können Unternehmen auch Sicherheitstests durchführen. „Dabei prüft eine unabhängige Person regelmäßig den Ablauf von Videokonferenzen“, erklärt Ina Schöne.

Unternehmen sollten für ihre Angestellten auch unbedingt Richtlinien oder einen Verhaltenskodex für Videokonferenzen entwickeln und das klar kommunizieren. „Dazu gehört, klarzustellen, dass unerlaubte Videoaufzeichnungen und sexuelle Belästigungen untersagt sind und arbeitsrechtliche Konsequenzen haben, wenn sich nicht daran gehalten wird“, so die Datenschutzexpertin. Falls es zu sexualisierter Belästigung kommt, sollte man Protokoll führen und unbedingt Screenshots machen.

Dazu rät auch Psychologin Eva Haberkern und betont, dass Betroffene nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) Anzeige erstatten können: „Dafür hast du aber nur zwei Monate Zeit. Führe dafür ein Tagebuch über die Belästigung mit Zeugen oder Zeuginnen und Zeiten, damit du Beweise hast.“

Das Allerwichtigste ist: Sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz ist definitiv verboten. „Egal, ob die verursachende Person die Belästigung beabsichtigt hat“, macht Coachin Jana Reppert deutlich. Und auch egal, ob analog oder digital.

Sie empfiehlt, klar und sachlich zu sagen, dass so ein Verhalten absolut unerwünscht ist und bei Wiederholung sofort gemeldet wird: „Gib eindeutig zu verstehen, dass dieses Verhalten die eigene Intimsphäre angreift und Grenzen überschreitet, für das eigene Wohlbefinden und die Zusammenarbeit schädlich ist.“

Wer nach Anlaufstellen und weiteren Handlungsmöglichkeiten sucht, wird unter anderem hier bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes fündig.

Niemand muss Übergriffigkeit und Würdeverletzung von sexualisierter Belästigung am Arbeitsplatz abtun oder akzeptieren, weil sie „nur“ im virtuellen Raum stattfindet. Die Auswirkungen sind sehr real. Genau wie die Konsequenzen.

Außerdem auf ze.tt