So fühlt es sich an, mit einer Angststörung zu leben

In ihrem Alltag steht Nicola ständig unter Anspannung. Woher kommt die Angst und wie lässt sie sich behandeln?

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Betroffene einer Angststörung malen sich oft die schlimmstmöglichen Szenarien aus. Foto: Chad Madden / Unsplash | CC0

Nicola hat Angst. Schon seit Jahren. Angefangen hat alles wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter. Nicola war damals 25 Jahre alt und erlebte immer wieder das Gleiche: Ihr wurde schwindlig, sie zitterte, hatte Schweißausbrüche und das Gefühl, jeden Moment umzukippen. Wirklich in Ohnmacht gefallen ist sie allerdings nie.

Was Nicola damals erlebte, ist eine klassische Panikattacke. Später tauscht sie sich in Internetforen und Facebook-Gruppen über die Symptome aus. Viele Betroffene beschreiben es dort sehr ähnlich: Sie bekommen Beklemmungsgefühle, Herzrasen und haben das Gefühl, jeden Moment zu sterben. Es ist, als würde man plötzlich keine Luft mehr bekommen, als würde das Herz stehenbleiben oder die Lunge versagen. Es ist Todesangst, die Nicola in diesen Momenten spürt.

Angsterkrankungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen, sagt Arno Deister. Er ist Chefarzt im Zentrum für Psychosoziale Medizin in Itzehoe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. „Wir gehen davon aus, dass jeder fünfte bis siebte Mensch im Laufe seines Lebens eine Angsterkrankung entwickelt. Dabei sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen.“

Die häufigsten, aber am Ende nicht so dramatischen Angsterkrankungen sind Phobien. Hier treten die Ängste nur in bestimmten Situationen oder bei bestimmten Objekten oder Tieren auf – zum Beispiel bei Spinnen. Bei Panikstörungen äußert sich die Angst anfallartig mit Panikattacken. Bei einer generalisierten Angststörung haben Betroffene anhaltende Angstzustände, so wie Nicola.

„Ein Ziehen im Bauch? Ich muss ernsthaft krank sein“

Bei vielen Menschen mit generalisierter Angst beginnt es wie bei Nicola mit einer Panikattacke. Irgendwann kommen andere Symptome hinzu. Nicola hat viele Sorgen und Befürchtungen, die sie kaum kontrollieren kann. Dadurch steht sie ständig unter Strom.

Für Arno Deister ein typischer Verlauf, denn bei einer generalisierten Angststörung gehe es häufig um Kontrollverlust: „Panikattacken wirken deshalb nicht kontrollierbar, weil sie jederzeit auftreten können. Wer Höhenangst hat, der bleibt einfach unten. Panikattacken können einen aber jederzeit überraschen. Dann kommt die Angst vor der Angst und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein. Es ist ein Teufelskreis.“

Ab einem gewissen Punkt verselbstständige sich die Angst, so Deister: „Betroffene haben zum Beispiel Angst davor, dass ihr Herz unregelmäßig schlägt. Sie kontrollieren dann ständig ihren Puls. Mit der Angst steigt aber der Puls, der Herzschlag wird vielleicht wirklich unregelmäßig und damit werden die Befürchtungen bestätigt. Die Angst steigt weiter und die Betroffenen kontrollieren den Puls noch häufiger.“

Wer Höhenangst hat, der bleibt einfach unten. Panikattacken können einen aber jederzeit überraschen. Dann kommt die Angst vor der Angst und das Gefühl, nirgendwo mehr sicher zu sein.

Arno Deister

Die sogenannte frei flottierende Angst kann in so gut wie jeder Situation auftreten. Ein Ziehen im Bauch? Ich muss ernsthaft krank sein. Das Kind ist noch nicht zu Hause? Es muss etwas passiert sein. Der*die Chef*in ruft an? Jetzt wird er*sie mich wirklich feuern. Das ist das Tückische an der Krankheit: Aus Sicht der Betroffenen kann immer etwas passieren. Nur ist es eben fast nie der Fall.

Ihre Kinder leben nicht mehr bei Nicola – sie konnte ihnen nicht gerecht werden

Während andere sich Sorgen machen und nach einer Lösung suchen, enden die Gedanken bei Angstpatient*innen mit der schlimmstmöglichen Situation. Die Intensität der Angst ist aber nicht davon abhängig, wie wahrscheinlich das befürchtete Ereignis ist. Es geht vielmehr um die eigenen Vorstellungen. Das kennen selbst Menschen ohne Angsterkrankung. Wir haben keine Angst davor ins Auto zu steigen, obwohl wir einen Unfall haben könnten, bekommen aber ein beklemmendes Gefühl, wenn wir an einem Platz sind, an dem es einen Terroranschlag gegeben hat.

Solche Gefühle sind normal – krankhaft wird die Angst laut Arno Deister, wenn Menschen nicht mehr so leben können, wie sie wollen. Wenn die Angst das Leben bestimmt, so wie bei Nicola.

Nicola hat vor ihrer ersten Panikattacke Humanmedizin studiert und zwei Kinder großgezogen. Die Arbeit im Krankenhaus nach ihrem Abschluss musste sie wegen der Angst aufgeben. Sie schaffe es im Moment körperlich und psychisch nicht – obwohl sie gern wieder arbeiten würde. Derzeit kommt sie mit Rücklagen über die Runden.

Ich fühle mich wie ein Reh, das vor dem Scheinwerfer steht. Zu keiner Bewegung fähig.

Nicola

Angst kann lähmend sein. Nicola beschreibt es so: „Ich fühle mich wie ein Reh, das vor dem Scheinwerfer steht. Zu keiner Bewegung fähig.“ Sie hat Angst davor, verlassen zu werden oder einen Herzinfarkt zu kriegen. Manchmal ist die Angst aber auch einfach ein allgemeines Gefühl des Unbehagens – wie in einem Horrorfilm: Du weißt, da passiert gleich etwas, du weißt nur noch nicht, was. Es kann sich so unerträglich anfühlen, wie wenn jemand direkt neben dir mit den Fingernägeln über eine Tafel kratzt.

Nicola lebt getrennt vom Vater ihrer insgesamt vier Kinder und auch die Kinder leben aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr bei ihr. Zwei sind bereits erwachsen und ausgezogen, die anderen beiden wohnen beim Vater in einer anderen Stadt. Nicola sieht sie alle paar Wochen. „Ich konnte ihnen nicht mehr gerecht werden. Dafür war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt.“ Doch dadurch hat sie noch mehr Sorgen. Ständig hat sie Angst, dass ihren Kindern etwas passieren und sie nicht schnell genug da sein könnte.

Allein kann Nicola nicht mehr aus dem Haus gehen

Mit den Ängsten gehen auch viele körperliche Symptome einher. Neben Schwindel, Herzrasen, Übelkeit und Kopfschmerzen können sich viele Betroffene schlecht konzentrieren oder entspannen und haben das Gefühl, ständig auf dem Sprung zu sein. Der Körper ist konstant in Alarmbereitschaft. Nicola zittert viel. Mal friert sie, mal schwitzt sie. Und immer ist da dieses Kloßgefühl im Hals. Mittlerweile schaffe sie es nicht mehr, ihren Alltag allein zu bewältigen. „Ich kann alleine nicht das Haus verlassen“, sagt sie. „Generell ist alleine sein ein Problem, besonders nachts. Dann wache ich mit Herzrasen auf und befinde mich mitten in der Panik.“

Arno Deister sagt: „Diese Symptome sind nicht die Folgen der Angst, sondern die Angst selbst. Das Gefühl der Angst, die vegetativen Symptome und der Wunsch, zu flüchten, gehören immer zusammen.“ Die Symptome sind oft aber so unspezifisch, dass es Jahre dauert, bis die Störung erkannt wird. Ein Großteil der Betroffenen merkt gar nicht, dass es sich um eine ernstzunehmende, psychische Erkrankung handelt. Viele gehen wegen der körperlichen Symptome zum Arzt oder begeben sich überhaupt nicht in Behandlung.

Woher kommt eigentlich die Angst …

Dass wir Angst haben, ist ursprünglich der Evolution zuzuschreiben, sagt Deister. „Als sich der moderne Mensch entwickelte, gab es Menschen, die keine Angst hatten und vor Gefahren nicht weggelaufen sind. Sie hatten dann keine Chance, unsere Vorfahren zu werden.“ Angst zu haben ist also auch sinnvoll und schützt uns. „Eine Krankheit wird es erst, wenn sich die Angst von der Auslösesituation löst. Wenn sie zu häufig kommt und zu intensiv ist“, sagt Deister.

Die Entstehung einer solchen Störung kann unterschiedliche Ursachen haben: Erbliche Faktoren, traumatische Erfahrungen, Stress und belastende Lebensereignisse können zur Entstehung einer Angststörung beitragen. Angst kann man auch lernen, sagt Arno Deister. Wer ängstliche Eltern hat, kann sie sich dort abgucken. Wer negative Erfahrungen gemacht hat, wie zum Beispiel in einer Prüfung zu versagen, kann Angst vor ähnlichen Situationen bekommen.

„Wer zu viel Angst hat, wird sich den Problemen nicht stellen. Er oder sie wird in der Angst versinken und nicht die Erfahrung machen, dass die Befürchtungen oft unbegründet sind“, so Deister. Also sollten sich Betroffene einfach ihren Ängsten stellen und alles ist gut? So leicht ist es nicht. Ohne richtige Behandlung können Angstzustände chronisch werden. Sie können mit weiteren Angststörungen und Depressionen Hand in Hand gehen und auch zu körperlichen Erkrankungen wie einer Magenschleimhautentzündung führen – so wie bei Nicola.

Angst zu haben ist auch sinnvoll und schützt uns.

Sie war durch den Aufenthalt in einer Tagesklinik für zwei Jahre fast angstfrei. Aber dann sorgte die Geburt ihres Sohnes mit 27 dafür, dass die Ängste zurückkamen. Der Junge hatte Schlaganfälle, epileptische Anfälle und hat eine schwere Behinderung. Eine große Belastung für die junge Mutter. Zu groß, um sie alleine zu bewältigen. Die Attacken kamen wieder, die Ängste auch. Wieder war Nicola in der Tagesklinik, wieder machte sie eine Therapie.

… und wie lässt sie sich behandeln?

Am Ende halfen Nicola Medikamente und ein Hypnosetherapeut dabei, wieder ins Leben zu finden. In Therapie ist sie heute nicht mehr. Sie nimmt Opipramol, ein beruhigendes Antidepressivum. Ohne Nebenwirkungen, sagt sie. Nicht so wie damals in der Klinik, als sie 20 Kilo zunahm. Richtig gut gehe es ihr noch nicht, doch sie hat sich mit ihrer Störung „arrangiert“, wie sie es nennt.

Medikamente allein können eine Angststörung aber nicht heilen. Laut Arno Deister können sie nur eine Unterstützung sein, wenn der*die Patient*in sich sonst nicht auf eine Therapie einlassen kann. Es geht darum, den Ursachen auf den Grund zu gehen. In einer Verhaltenstherapie können Patient*innen zum Beispiel lernen, Situationen neu zu bewerten und anders mit ihrer Angst umzugehen. Bei einer tiefenpsychologischen Therapie werden Konflikte aufgearbeitet und es wird auf die Kindheit geschaut. Welche Therapieform am besten hilft, ist von Person zu Person unterschiedlich. Zu spät für eine Behandlung ist es allerdings nie. Komplett angstfrei wird zwar niemand, aber das muss auch nicht sein. Es geht vielmehr darum, zu unterscheiden, was Angst machen sollte und was nicht.

Heute ist Nicola 40 Jahre alt und kann ihre Angst zumindest manchmal überwinden. Dann schafft sie es zum Beispiel, trotz Flugangst in den Flieger zu steigen. Auf Reisen mit ihrem Freund habe sie nur noch selten Angstzustände, sagt sie. „Ich bin dann eh viel zu sehr damit beschäftigt, mir alles anzusehen.“ So hat sie zumindest kurzzeitig eine Auszeit von der Angst.

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