So gehen Menschen mit und ohne Hund am besten miteinander um

Wer sich einen Hund zulegt, ist auch für sein Verhalten in der Öffentlichkeit verantwortlich. Regel Nummer eins: Nicht jeder liebt deinen Hund so sehr wie du.

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"Der tut nix" ist keine sinnvolle Aussage. Foto: © Eva Blanco / plainpicture

Picknick bei Sonnenschein im Park. Eine kleine Menschengruppe sitzt im Kreis, unterhält sich angeregt über ein paar Drinks und selbstgemachtem Essen, als auf einmal ein fremder Hund angeschnüffelt kommt. Auf der Suche nach Futter stößt er einen Becher mit Weinschorle um, schnappt sich eine Bulette und trottet zufrieden und schwanzwedelnd davon. Zurück bleiben eine verhaarte Decke, ein bisschen Chaos und verdatterte Menschen. Wem der Hund gehört? Unklar.

Was die einen als liebenswürdig erachten, empfinden die anderen als abstoßend. Während die einen jauchzend Fotos von dem Vierbeiner schießen, verfluchen die anderen den unerzogenen Köter. Wie passen die Erwartungen von Hundeliebhaber*innen mit jemandem überein, der*die Hunde für stinkende, laute Nervensägen hält oder sogar Angst vor ihnen hat? Was ist ihnen und ihren Halter*innen erlaubt, was ist geduldet und was gilt es zu verhindern?

Wie müssen sich Hundebesitzer*innen verhalten?

Wie sich Hundehalter*innen zu verhalten haben, ist vielerorts gesetzlich geregelt. Die bundesweite Tierschutz-Hundeverordnung beinhaltet überwiegend Regeln zum Wohl des Tieres, wie groß beispielsweise ein Zwinger mindestens sein muss und wie eine Schutzhütte ausgestattet sein muss. Konkrete Verhaltensregeln hingegen, wie Maulkorb- oder Leinenzwang, oder ob Hunde melde- oder versicherungspflichtig sind, sind Sache der Länder, teilweise sogar der Kommunen. Dementsprechend viele und unterschiedliche Hundegesetze gibt es im ganzen Land.

In Berlin etwa gilt im gesamten öffentlichen Raum Leinenzwang mit Ausnahme von explizit gekennzeichneten Hundeauslaufgebieten. Ein generelles Hundeverbot gibt es nur auf Kinderspielplätzen und Badeanstalten, eine generelle Maulkorbpflicht gibt es, abgesehen für sogenannte Kampfhunde, nicht. In Bremen und Niedersachsen hingegen gilt beispielsweise ein pauschaler Leinenzwang für Hunde in der freien Landschaft während der Brut- und Setzzeit von Ende März bis Mitte Juli. Sachsen-Anhalt wiederum sieht keine grundsätzliche Leinenpflicht vor. Hunde müssen hier so geführt werden, dass “keine öffentliche Gefahr besteht”. Wer sich das alles merken will, muss im Zweifelsfall in den kommunalen Ordnungsbehörden nachfragen.

An derartige Gesetze ist sich unbedingt zu halten, da gibt es kein Drumherum. Der Ärger beginnt allerdings meist da, wo es keine juristischen Vorgaben mehr gibt.

Wie sollen sich Hundebesitzer*innen verhalten?

Im Sinne der Höflichkeit und Rücksichtnahme gibt es eine Grundregel, sagt Julia Dittmers, erste Vorsitzende des Berufsverbandes zertifizierter Hundetrainer e.V.: Ein Hund soll zu jedem Zeitpunkt von seinem*seiner Halter*in kontrollierbar sein. Er solle niemals einen Grund liefern, die Ruhe oder Sicherheit eines Treffens zu stören. Egal, wo es stattfindet und wie viele Personen oder andere Hunde teilnehmen. Jemand, der sich entschieden hat, einen Hund zu halten, hat sich gleichzeitig auch dazu entschieden, die gesellschaftlichen Erwartungen, die damit einhergehen, zu erfüllen. Kurz: Er soll niemanden belästigen.

Klar, ich liebe meinen Hund, aber das muss nicht heißen, dass alle anderen meinen Hund genauso lieben.

Julia Dittmers

Eine Person in der U-Bahn soll ungestört ihr Buch lesen und die Gruppe Jugendliche ihr Picknicken im Park abhalten können. “Ich muss schauen, dass mein Hund bei mir bleibt. Ich muss antizipieren, ob mein Hund womöglich auf diese Picknickdecke laufen könnte, um jemandem den Keks zu klauen”, sagt sie. “Klar, ich liebe meinen Hund, aber das muss nicht heißen, dass alle anderen meinen Hund genauso lieben.”

Solange es das Gesetz nicht untersagt, dürfen Hundehalter*innen ihren Hund überallhin mitnehmen, sei es in Bus und Bahn, genauso wie an den See oder ins Restaurant. Einem Hund muss auch geduldet sein, seine Meinung kundzutun, meint Dittmers. Kommt ihm etwas ungeheuer vor, und das kann schon eine Person mit langem Wallermantel sein, darf der Hund das anzeigen. Es ist in Ordnung, wenn er ein bisschen bellt oder knurrt, um zu kommunizieren, solange niemand gefährdet ist, sagt die Hundetrainerin.

Warum lassen Hundebesitzer*innen ihren Hunden so viel durchgehen?

Nicht alle Hundebesitzer*innen haben ihre Hunde so gut im Griff. Viele sehen kein Problem darin, wenn ihr Hund im Park andere Menschengruppen besuchen geht und nicht beim ersten Rückruf reagiert. Dass manche ihren Hunden mehr Freiheiten einräumen, als es anderen lieb ist, hänge mit der starken Bindung zwischen den Tieren und ihren Besitzer*innen zusammen, sagt Peter Walschburger, Biopsychologe und emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin. Hunde würden nicht nur als Ersatz für Lebenspartner*innen dienen, sondern für manche die Rolle der Lebenspartner*innen regelrecht selbst einnehmen. “Sie füllen eine ganz wesentliche Lücke in den menschlichen Sozialbeziehungen, etwa bei Einsamkeit, Krankheit oder Verlust einer nahestehenden Person”, sagt Walschburger. Er denke dabei zum Beispiel an eine alleinstehende, vielleicht verwitwete Rentnerin ohne Kontakte. Für sie ersetzt ihr Hund wichtige Bezugspersonen.

Hunde füllen eine ganz wesentliche Lücke in menschlichen Sozialbeziehungen.

Peter Walschburger

“Die größten Konflikte mit Hundebesitzern gleichen mitunter denen von Familien mit Kleinkindern und außenstehenden Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören”, sagt Biopsychologe Walschburger. Eltern würden ein ähnlich enges, vertrautes Verhältnis zu ihren Kindern pflegen wie Hundehalter*innen zu ihren Hunden. “Sie sind ganz stark aufeinander bezogen, es entsteht eine sehr enge emotionale Bindung”, sagt Walschburger.

Deswegen seien Besitzer*innen oft blind für die Fehler ihrer Hunde und vergäßen, dass nicht jede*r beliebige Passant*in dasselbe Verhalten für angebracht hält. Ein Hund, der ständig bellt oder über fremde Picknickdecken trabt, wird von anderen als Störfaktor wahrgenommen, der Besitzer hingegen verzeiht derartiges Verhalten leichter.

Wie sollen sich Nicht-Hundebesitzer*innen verhalten?

Der Biopsychologe empfiehlt Nicht-Hundebesitzer*innen in Situationen, in denen sie sich gestört fühlen, sich deeskalierend zu verhalten: positiv bleiben, sich annähern, dem*der Hundebesitzer*in Fragen stellen, den Hund kennenlernen. “Der Konfliktpunkt besteht meistens darin, dass beide Seiten sich nicht hinreichend in die Perspektive des anderen hineinversetzen. Menschen sollten frühzeitig aufeinander zugehen, bevor Frust und aggressive Gegentendenzen zu stark werden”, sagt Walschburger.

Hunde können sich im moralischen Sinne nicht falsch verhalten.

Peter Walschburger

Außerdem sollte man nicht zur Gänze die Hunde für ihr Verhalten verantwortlich machen. Der Hund könne sich nicht fehlverhalten, jedenfalls nicht im moralischen Sinne. “Er ist für seine ‘Fehler’ unschuldig, weil er – anders als wir Menschen – sein Verhalten nicht aus der Sicht der anderen beurteilen kann.” Ein Hund hat demnach kein Verständnis von richtig oder falsch, sondern ist höchstens auf ein bestimmtes Verhalten konditioniert. Er verhält sich im höchsten Maße abhängig gegenüber seinem*seiner Halter*in. Ein Hund pinkelt an den nächsten Blumentopf, weil er muss – und ihm das Wissen über Blumentöpfe oder über Eigentum fehlt.

So ein vermeintliches Fehlverhalten ist oft beim Spielen mit Wurfgegenständen zu beobachten. Viele Hundehalter*innen bringen zum Apportieren Bälle oder Frisbees mit in den Park. Das Spielen mit Wurfgegenständen kann allerdings die Jagdbereitschaft des Hundes triggern. “Da bewegt sich etwas, da muss ich hinterher. Diesen Reiz können Hunde auf andere Bewegungen übertragen, wie zum Beispiel Fahrradfahrer oder Jogger”, sagt Dittmers.

Alles, was sich schnell vom Hund wegbewegt, könnte den Jagdreiz auslösen. Alles, was sich schnell auf den Hund zubewegt, könnte der Hund als Angriff auffassen. Den meisten Fahrradfahrer*innen und Jogger*innen sei das bewusst, sagt Dittmers. Sie empfiehlt in diesem Fall, selbst Rücksicht zu nehmen und sich nicht automatisch gänzlich auf den*die Hundehalter*in zu verlassen. Man könnte vermeiden, zu nahe zu kommen, einen Bogen laufen oder vom Fahrrad absteigen und ein paar Meter schieben. Wer zu nahe an eine*n Hundehalter*in komme, oder sogar zwischen Hund und Besitzer*in durchlaufe oder -fahre, gehe in diesem Fall ein Risiko ein.

Nicht-Hundehalter*innen sollten verstehen, wie wichtig die Rolle ist, die Hunde für ihre Besitzer*innen einnehmen. Wer Kontakt zu fremden Hunden sucht, sollte zuerst immer die Erlaubnis des*der Besitzer*in erfragen.

Was, wenn ich richtige Angst habe?

Menschen, die Angst vor Hunden haben, sollten wissen, wie sensibel Hunde im Erspüren unserer Gefühle sind. “Mit einer ängstlichen Haltung bin ich prädestiniert, von einem Hund, der aus irgendwelchen Gründen gerade seinen Halter verteidigt, der mich anknurrt oder dessen Jagdinstinkt gerade von einem Fahrradfahrer geweckt wurde, angegriffen zu werden”, sagt Walschburger. Ängstliche sollten sich daher überlegen, wie sie in Situationen mit Hunden reingehen. Man könnte frühzeitig die Straßenseite wechseln, sich in der U-Bahn wegstellen oder anderweitig aus dem Weg gehen, um ein Aufeinandertreffen zu vermeiden. Man könnte lernen, die Tiersprache besser zu verstehen und zum Beispiel den Unterschied zwischen einer spielerischen, freundlichen und einer bedrohlichen Annäherung zu erkennen.

Wenn es keine Möglichkeit des Ausweichens gebe, spreche laut Hundetrainerin Dittmers auch nichts dagegen, Hundehalter*innen aus der Ferne zuzurufen: “Könnten Sie Ihren Hund bitte an die Leine nehmen, ich habe Angst!” Das sei in jedem Fall gerechtfertigt und Hundebesitzer*innen sollten dieser Aufforderung unbedingt folgen. Angst muss für eine*n Hundehalter*in erkenntlich gemacht werden, damit er*sie reagieren kann. Antworten wie “Der tut nix” bringen nicht nur nichts, sondern sind im schlimmsten Fall auch noch falsch. Gerade phobische Personen bewegen sich womöglich schreckhaft, schreien oder verhalten sich auf eine Weise, die Hunde befremdlich finden und eine brenzlige Situation eskalieren lassen.

Es funktioniert nur, wenn alle zusammenarbeiten

Ein*e Passant*in, der*die einem Hund begegnet, weiß nicht, wie gut er erzogen ist und wie er sich bei Kontakt mit Fremden verhält. Umgekehrt wissen Hundebesitzer*innen nicht, wie ein fremder Mensch auf Hunde reagiert. Ob er ängstlich ist, Hunde liebt oder ob sie ihn vielleicht sogar abstoßen. An all das sollte man denken, aus Rück- und Vorsicht gegenüber anderen. Der Kontakt zu anderen sollte jedenfalls nie vom Hund selbst ausgehen.

Der größte Teil der Verantwortung liegt aber nach wie vor bei den Hundehalter*innen. Sie haben sich dafür entschieden, einen Hund in ihr Leben zu lassen. Für diese Entscheidung sind sie nun der Gesellschaft gegenüber verantwortlich. Sie haben die Aufgabe, die eigene Sensibilität dafür zu schärfen, dass nicht jede*r Hunde mag und müssen dementsprechend vorausschauend handeln.


Die Härten des Lebens lassen sich besser ertragen, wenn zu Hause eine Katze auf dem Sofa döst, ein Hund im Flur wartet oder man sich eine Schlange um den Hals legen kann. Wer ein Haustier hat, ist weniger allein und oft sogar gesünder. In unserem Schwerpunkt „Das Tier und wir“ ergründen wir die vielschichtige Beziehung zwischen Menschen und ihren Lieblingstieren.