So gehst du mit Konkurrenz im Job um

Konkurrenz im Job belebt das Geschäft, munkelt der Volksmund. Aber was ist da wirklich dran? Und vor allem: Was macht man, wenn’s ins Negative umschlägt?

Photocase 2043048

Konkurrenzkampf bei der Arbeit kann motivieren, aber im schlimmsten Fall das Klima komplett zerstören. Foto: criene / Photocase

Die E-Mail landete nur durch ein Versehen in Jennifers* Postfach. Darin schrieb ihre Kollegin Jule* an ihren gemeinsamen Chef: „Ich finde echt, dass ich endlich mehr verdienen sollte als Jennifer. Schließlich habe ich studiert und sie nicht. Außerdem …“ Den Rest las Jennifer nicht mehr. Jennifer und Jule teilten sich einen Job, an den seltenen gemeinsamen Tagen machten sie zusammen Mittagspause und jede Menge Witze. Und jetzt so was? Puh.

Klar hatte es immer einen gewissen Wettbewerb zwischen ihnen gegeben, aber Jennifer hatte das bisher als sportlich-freundschaftlich empfunden, ihre Arbeit dadurch eher noch besser gemacht. Für sie waren sie ein Team; zwei Ponys vor einer Kutsche, wenn man so will. Jennifer fühlte sich ein Stück weit von Jule verraten.

Logisch: Wo gearbeitet wird, wo unterschiedliche Menschen zusammenkommen und nach ihrer Leistung bewertet werden, gehört ein gewisses Maß an Vergleich und Wettbewerb dazu. Doch Konkurrenz im Job kann auch richtig stressig, ungesund und problematisch werden und das Arbeitsklima vergiften.

Wenn Konkurrenz im Job kippt

„Solange Konkurrenz zu höheren, besseren Leistungen anspornt und offen ausgetragen wird – solange Konkurrenz als Wettbewerb gilt, ist sie okay“, erklärt die Berliner Karriereberaterin Petra Barsch. „Konkurrenz im Job kippt, wenn sie den Klang von Rivalität bekommt, wenn der Neidfaktor in den Vordergrund drängt und wenn dann zu unfairen Mitteln gegriffen wird.“ Das passiert zum Beispiel, wenn sich eine*r der Beteiligten für besser hält, aber seine*ihre Chancen schwinden sieht oder sich benachteiligt fühlt.

Ungesunde Konkurrenz im Job kann sich laut Petra Barsch dann, je nach Persönlichkeit, unter anderem in vermeintlich verschwundenen Unterlagen, nicht mitgeteilten Terminen, Zurückhalten von Informationen, öffentlicher Kritik und offenen Angriffen, Schuldzuweisungen oder dem Verbreiten von Gerüchten äußern. Oder eben in E-Mails wie der von Jule.

„Konkurrenz ist kein Naturgesetz“

Gründe für ausgeprägte Konkurrenz im Job gibt es viele. Bestimmte Branchen sind insgesamt einfach grundsätzlich stärker wettbewerbsgetrieben als andere, dazu gehören bekanntermaßen Banking oder Werbung. Einige Berufsfelder sind eventuell auch zeitweise von wirtschaftlichen Notlagen oder vorübergehenden Trends geprägt, sodass das Angebot an Arbeitskräften die Anzahl der verfügbaren Jobs übersteigt. Das erhöht natürlich die Konkurrenz im Job.

Doch auch innerhalb einzelner Unternehmen kann es, zum Beispiel aus organisatorischen Gründen, zu Konkurrenz im Job kommen. „Manche Abteilungen arbeiten aneinander vorbei, sodass bestimmte Aufgaben parallel laufen – beabsichtigt oder nicht“, sagt die Diplom-Psychologin und Beraterin Madeleine Leitner. So entsteht künstliche Konkurrenz. Die sei nicht immer gewollt, manchmal allerdings schon: „Es gibt Firmen, die den ständigen Vergleich zwischen Mitarbeitern forcieren und prämieren.“ Das bringe zwar kurzfristige Erfolge, langfristig könne es jedoch zu Verschleiß und Burn-out führen.

Dabei ist das alles durchaus verhandel- und wandelbar. „Konkurrenz ist kein Naturgesetz“, stellt Madeleine Leitner klar. „Das ist eher ein Modell aus dem US-amerikanischen Kontext. Dort werden Leistung, Konkurrenz, der Drang nach oben und ‚der unbedingte Wille zum Erfolg‘ vorausgesetzt.“ Je nach vorherrschendem gesellschaftlichen Leitbild gab es laut Leitner Zeiten und Kulturen, in denen Konkurrenz verpönt war, weil Solidarität ganz oben stand und ein anderes Wertesystem herrschte.

Es gibt auch Unternehmen, die auf Kollaboration statt Konkurrenz im Job setzen. Zu den Vorteilen einer solchen Kultur gehören laut Petra Barsch ein „respektvoller Umgang, gute Kommunikation, positives Arbeitsklima, gute Work-Life-Balance“. Nachteile könnten allerdings unter Umständen „weniger Leistungsanreize, möglicherweise weniger Innovation, teilweise längere Entscheidungszeiten“ sein.

Zwischen Sportsgeist und brennendem Ehrgeiz

Nicht zuletzt ist Wettbewerbsorientierung auch eine Frage der Persönlichkeit. „Wer kompetitiv ist, fühlt sich vielleicht angespornt, wenn Konkurrenz droht, und wird noch eine Schippe drauflegen. Im positiven Sinne wäre das eine Art Sportsgeist“, erklärt Madeleine Leitner. Brennender Ehrgeiz könne jedoch krank machen.

Besonders Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl neigen demnach dazu, sich zu vergleichen und in Konkurrenz zu gehen. „Da geht es nicht um irgendetwas, sondern eigentlich um das Ego“, sagt Leitner. „Sie suchen ständig nach Bestätigung und müssen beweisen, dass sie besser sind.“ Dabei finden sie häufig kein Ende, nichts reicht oder ist genug.

Außerdem mag sich längst nicht jede*r dauernd mit anderen messen müssen. „Menschen mit Versagens- und Leistungsängsten leisten in Konkurrenzsituationen weniger oder versagen ganz“, so Leitner. „Das hat unter anderem mit frühen Erfahrungen zu tun – der Geschwisterkonstellation, der Erziehung.“ Konkurrenz im Job als stressig und unangenehm zu empfinden, ist okay und genauso berechtigt wie innere Wettbewerbsorientierung.

Wo liegt das eigentliche Problem?

Was also tun, wenn am Arbeitsplatz das Thema Konkurrenz aktuell und vielleicht sogar zum Problem wird? „Das Gespräch suchen. Erst mit den Konkurrenten und, wenn das nichts bringt, mit den Vorgesetzten“, rät die Karriereberaterin Petra Barsch. „Nicht sofort einen Rückzieher machen. Lieber auf sich selbst und die eigenen Stärken konzentrieren.“ Denn wer sich permanent vergleicht, erhöht den Druck.

Dabei kann es hilfreich sein, in sein Inneres zu schauen und sich zu fragen, wo das eigentliche Problem liegt und was genau die Situation mit der Konkurrenz im Job so stressig und bedrohlich macht.

Liegt dahinter die Angst vor Jobverlust, allgemeine Versagensangst oder der Gedanke, immer der*die Beste sein zu müssen, um gemocht zu werden? „Diese Dinge haben oft biografische Gründe“, sagt Madeleine Leitner. „Wenn man erst einmal herausgefunden hat, welche alten Ängste auftauchen, kann man sie einer Realitätsprüfung unterziehen. Oft erkennt man dann, dass die subjektive oder objektive Realität sich doch sehr unterscheiden.“ So könne man eine gelassenere Haltung zum Problem entwickeln.

Die Geschichte mit der E-Mail hat sich übrigens vor vielen Jahren zugetragen. Und Jule hat kein höheres Gehalt bekommen.

*Namen von der Redaktion geändert