So gelingt die Rückkehr aus dem Homeoffice ins Büro

Ganz allmählich werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gelockert, nach und nach kehren einige Angestellte zurück ins Büro. Doch das verläuft nicht einfach so reibungslos.

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Auch im Büro gilt: Möglichst Abstand halten. Foto: cottonbro / Pexels | CC0

Eins mal vorab: Sich wieder jeden Tag eine richtige Hose anzuziehen, ist das kleinste Problem. Jetzt, wo in Deutschland vorsichtig und Schritt für Schritt die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie wieder gelockert werden, müssen einige Angestellte zurück ins Büro. Das heißt: Aus dem Homeoffice wieder an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz. Nach Wochen oder gar Monaten voller Videokonferenzen, nervenzerfetzendem Homeschooling oder einer langsam zerbröselnden Work-Life-Balance ist das durchaus eine enorme Veränderung.

„Im Homeoffice, das belegen Studien, kann man effektiver und produktiver arbeiten, da viele Störquellen wie ablenkende Geräusche oder der tägliche Bürotratsch einfach wegfallen. Dennoch darf man sich die Rückkehr ins Büro nicht wie die Rückkehr aus dem Urlaub vorstellen“, erklärt Change-Managerin Andrea Kern. „Im Homeoffice arbeiten wir in der Regel mehr und intensiver als im Büro.“ Das führe dazu, dass viele von uns nicht etwa tiefenentspannt, sondern komplett überarbeitet zurückkehren. „Zudem hat die unsichere Situation durch das Virus uns alle psychisch belastet“, betont Andrea Kern.

Noch ist die Pandemie nicht vorbei. Von Erleichterung und Normalität kann also keine Rede sein. Doch um die schwierige Umstellung und das Zurück ins Büro besser hinzubekommen, können ein paar Dinge helfen. Ein bisschen zumindest.

Was jede*r Einzelne tun kann

Auch wenn genau das momentan schwer fällt: Ein erster Schritt ist mutwilliger Optimismus. Sowohl das Homeoffice als auch der Arbeitsplatz haben jeweils gute und weniger gute Seiten. „Am besten gelingt jede Umstellung, wenn wir uns auf das konzentrieren, was uns gut gefällt und nicht auf die Nachteile“, sagt Business- und Life-Coachin Katrin Seifarth. Deshalb sei es wichtig, den Fokus auf das zu richten, worauf wir uns freuen – zum Beispiel nette Kolleg*innen, gemeinsames Mittagessen.

Zweitens ist es sinnvoll, den Übergang von Homeoffice ins Büro nach Möglichkeit langsam umzustellen. „Wenn es das Unternehmen erlaubt, sollte man in den ersten Wochen Arbeit im Büro mit Homeoffice abwechseln“, rät Andrea Kern. „Auch die To-do-Liste sollte angepasst werden, denn wir werden zu Anfang im Büro nicht das gleiche Pensum schaffen wie zu Hause.“ Eine tageweise Rückkehr in Schichten kann beispielsweise in Großraumbüros sehr sinnvoll sein.

Wie jede größere Veränderung erfordert auch die Rückkehr ins Büro eine mentale und emotionale Anpassungsleistung – in diesem Fall an neue, alte Umstände. Und die kostet nun mal Kraft. „Vielleicht haben wir uns zu Hause einen etwas anderen Rhythmus angewöhnt, weil wir die Fahrzeit ins Büro gespart und somit länger geschlafen haben“, sagt Katrin Seifarth. „Dann sollten wir die Chance ergreifen, die Fahrtzeit bewusster zu gestalten, vielleicht ein gutes Buch zu lesen oder ein Hörbuch oder einen Podcast zu hören.“ Auch das ist etwas, was gegebenenfalls einen Funken Freude bringt – zwischen all den Menschen mit Masken.

Doch nicht nur der Weg ins Büro ist eine Veränderung, sondern auch der Arbeitsplatz selbst. „Dazu zählt Abstand halten am Kaffeeautomaten genauso wie das Hinterfragen der Notwendigkeit und der Größe von Meetings, denn ausreichend große Besprechungsräume werden Mangelware sein“, meint Katrin Seifarth. All das ist ungewohnt, all das sorgt dafür, dass die Bedrohung durch Corona immer präsent ist. Und sei es auch nur im Hintergrund.

Besonderes Augenmerk beim Zurück ins Büro sollte deshalb auf Rücksicht und Verständnis für uns selbst und Kolleg*innen liegen. „Am wichtigsten ist nun eine gewisse Flexibilität und Achtsamkeit“, sagt Coachin Katrin Seifarth. „Statt auf meinem Standpunkt oder Platz zu beharren, sollte ich mich bemühen, eine gute Lösung für alle zu finden.“

Wir müssen uns erst wieder an unsere Bürofamilie gewöhnen.

Andrea Kern

Warum unter anderem Verständnis und Flexibilität so entscheidend sind, erklärt Change-Managerin Andrea Kern: „Es kann sein, dass wir uns im Miteinander verändert haben und uns jetzt anders verhalten als zuvor. Manche sind ungeduldig, manche leicht gereizt und aufbrausend. Damit sollten wir tolerant umgehen und offen darüber sprechen.“

Und nach Wochen oder Monaten allein oder nur mit der Familie in den eigenen vier Wänden können herumwuselnde Kolleg*innen eine Herausforderung sein – auf unterschiedlichen Ebenen. „Wir müssen uns erst wieder an unsere Bürofamilie gewöhnen“, sagt Andrea Kern. „Auch die Kolleg*innen haben eine schwere Zeit durchgemacht, von der wir nichts wissen.“

Klar, zu zweit in der Kaffeeküche oder beim Mittagessen werden eher private Probleme besprochen als in der Videokonferenz oder über Slack. „Dieses Wissen voneinander muss nachgeholt werden, denn in den Zoom-Meetings ist meistens kein Platz für den persönlichen Austausch“, sagt die Expertin und schlägt vor: „Dafür könnte das Unternehmen in den ersten Wochen Zeit einräumen.“

Denn nicht nur jede*r Einzelne ist gefragt, auch der*die Arbeitgeber*in muss sich um- und auf die Angestellten einstellen.

Was Unternehmen tun können

Neben neuen Regeln für Mindestabstände können – wie erwähnt – abwechselnde Homeoffice-Büro-Schichten eine Maßnahme sein. Hierbei sollten Unternehmen laut Katrin Seifarth versuchen, möglichst gerecht vorzugehen und niemanden zu benachteiligen oder auszuschließen. Angestellte mit Kindern, Vorerkrankungen oder vorerkrankten Familienmitgliedern verdienen besonderen Schutz.

Eine spezielle Herausforderung dabei ist es, zu verhindern, dass zwischen den Angestellten eine Kluft entsteht. „Vor allem ist es wichtig, die Brücke zu den Kolleg*innen zu schlagen, die nach wie vor im Homeoffice bleiben“, sagt Katrin Seifarth. „Hier gilt es, transparente und faire Regeln zu finden und Mitarbeiter*innen in wechselnden Konstellationen im Büro und von zu Hause arbeiten zu lassen. So etablieren wir endlich New Work, ohne zwei feste Lager zu schaffen.“

Mindestens ebenso maßgeblich jedoch ist Verständnis für die Konsequenzen, die diese diversen Umstellungen und Veränderungen auf menschlicher und beruflicher Ebene mit sich bringen. So wird beispielsweise die Leistung nicht auf Knopfdruck ans Prä-Corona-Niveau heranreichen – dass sollten Vorgesetzte und Unternehmen im Kopf haben und berücksichtigen.

Aber was, wenn wir nicht mehr zurück ins Büro wollen?

Für einige mag die Zeit im Homeoffice Raum und Abstand zum Nachdenken mit sich gebracht haben, einhergehend mit der Schlussfolgerung: Ich will nicht mehr zurück. Auf keinen Fall.

Dann ist die alles entscheidende Frage: Woran genau liegt das? Was stört auf einmal am Job, das vorher nicht aufgefallen ist? Handelt es sich zum Beispiel nur um die Ruhe zum Arbeiten und Nachdenken, gibt es möglicherweise Lösungen, die nicht direkt mit einer Kündigung zusammenhängen.

„Wenn der Job grundsätzlich Spaß macht, wir aber gerne die Flexibilität des Homeoffices wahren möchten und einfach nur nicht zurück ins Büro wollen, dann war die Gelegenheit noch nie günstiger, diesen Wunsch zu thematisieren“, sagt Coachin Seifarth. „Viele Unternehmen haben gesehen, wie gut das Arbeiten von zu Hause funktionieren kann.“ Sie rät zu einer gründlichen Bestandsaufnahme dessen, was am Arbeitsplatz nervt und was wir im Homeoffice schätzen gelernt haben: „Dann haben wir mehr Klarheit, wo die Reise hingeht.“

Für den Fall, dass im Homeoffice die unverrückbare Erkenntnis dämmern sollte, wie furchtbar der Job ist und dass die Rückkehr Bauchschmerzen macht, ist trotzdem erstmal Füße stillhalten angesagt. Aus rein pragmatischen Erwägungen. „Wenn sich ein Wunsch nach beruflicher Veränderung abzeichnet, sollte man im Moment nichts überstürzen“, meint Change-Managerin Andrea Kern. „Durch die Corona-Krise strauchelt die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt ist schlecht.“ Schlauer wäre es, noch ein paar Monate durchzuhalten, ein paar Tage Homeoffice zu vereinbaren und einen Jobwechsel in Ruhe zu planen.

Wer gar nicht ins Büro kann

Die Zahl der Menschen, die teilweise oder komplett von zu Hause aus arbeiten, hat während der Corona-Pandemie unbestreitbar zugenommen; ihre Arbeitszeit auch – wie unter anderem Daten eines VPN-Anbieters belegen. Diese Flexibilisierung wird Folgen haben, unsere Arbeitswelt wird nicht mehr so sein wie vorher.

Doch was keinesfalls unerwähnt bleiben darf: Davon abgesehen gibt es etliche Menschen, die nicht im Homeoffice arbeiten können oder konnten – dazu zählt in erster Linie logischerweise medizinisches und Pflegepersonal. Aber auch Bus- und Bahnfahrer*innen, Reinigungskräfte, Verkäufer*innen, Post- und Paketzusteller*innen. Kurz: Menschen in tendenziell unterbezahlten Berufen und prekären Arbeitsverhältnissen. Menschen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten.

Außerdem haben in Haushalten mit Kindern in den allermeisten Fällen die Mütter die Betreuung und Beschulung übernommen – unentgeltlich, auf Kosten ihrer Arbeitszeit und beruflichen Sichtbarkeit, bis zur absoluten Erschöpfung und darüber hinaus. Ein Großteil unserer Wirtschaft basiert auf kostenloser Arbeit von Frauen. Bittere Details finden sich unter dem Hashtag #CoronaEltern. Und da Schulen und Kitas, anders als die Bundesliga, noch nicht wieder wie vor der Pandemie laufen, bleibt das wohl auch erstmal so.

Dass das Virus unsere Art zu leben und zu arbeiten nachhaltig verändert und nicht alles einfach wieder wird wie davor, dürfte klar sein. Dass diese Veränderungen uns auf unterschiedliche Weise (be)treffen, auch. Es ist okay, sich völlig fertig zu fühlen. Es ist okay, um das Vorher zu trauern, wütend zu sein. Hilfreich kann es jedoch sein, dass wir uns mit der Bedeutung der Veränderungen auseinandersetzen. Was heißt das denn für jede*n Einzelne*n, die Familie, den Job?

Diejenigen unter uns, die schon jetzt oder ab demnächst wieder zurück ins Büro müssen, sollten sich überlegen, wie sie den Übergang möglichst umsichtig gestalten. Und vor allem bedenken, dass sie Rücksicht auf sich selbst und Kolleg*innen nehmen sollten. Oder wie Andrea Kern sagt: „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir eine sehr herausfordernde Zeit erlebt haben und immer noch erleben.“

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