So beschwerlich war meine Kindheit mit Asthma

Bei unserer Autorin wurde als Kind Asthma Bronchiale diagnostiziert. Sie schreibt davon, wie schwierig die ständige Atemnot damals für sie war und wie es ihr heute mit der Krankheit geht.

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Tief durchatmen können ist keine Selbstverständlichkeit. Foto: Natalie Figueredo / Unsplash.com | CC0

Ich bin kein Morgenmensch, das war ich nie. Bis ich richtig wach bin, können durchaus mehrere Stunden vergehen – außer ich werde von einem heftigen Hustenanfall aus dem Schlaf gerissen: dann fährt sich mein System blitzschnell von null auf hundert hoch. Letzten Sommer kam das leider sehr oft vor; ich hatte mir einen Virus eingefangen und mit so schlimmen Hustenanfällen zu kämpfen wie zuletzt als kleines Kind. Als ich mich eines Nachts deshalb sogar übergeben musste, dachte ich: Diesmal war’s das.

Es war nicht das erste Mal, dass mir ein Hustenanfall fast zum Verhängnis wurde. Mit vier Jahren wurde bei mir Asthma festgestellt. Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, begleitet mich schon mein Leben lang. Etwa jedes zehnte Kind unter 15 Jahren leidet in Deutschland an Asthma, es ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter; weltweit sind 30 Prozent der Menschen betroffen.

Atemnot tut auch emotional weh

Meine ständige Atemnot hat mir als Kind auch emotional zugesetzt. Wegen wiederholter Kuraufenthalte und Krankheit verpasste ich einen Großteil meiner Kindergartenzeit. Während meine Freund*innen lernten, wie man an einer Linie entlang schneidet oder Formen präzise ausmalt, lernte ich, mich vor dem Ersticken zu bewahren. Meine Eltern ließen nichts unversucht, um meine Atemwege so gut es geht zu heilen. Weil Salzluft bei Asthma gut sein soll, saß ich in Inhalationskammern, spazierte mit Mama ums Gradierwerk und verbrachte die Sommer an der Nordsee. Das einzig Gute daran war, dass es in den Kurherbergen Kabelfernsehen gab: Ich wurde Fan von Mila Superstar, die Geschichte vom kranken, blassen Mädchen, das über seine körperlichen Einschränkungen hinauswächst und trotz aller Rückschläge lächelt „wie die Sonne über‘m Fujiyama“, fand ich damals unglaublich inspirierend.

Trotz allem erkrankte ich immer wieder an Bronchitis, die sich mehr als einmal in eine Lungenentzündung verwandelte. Mein Brustkorb fühlte sich jedes Mal an, als stünde er in Flammen. Mehrmals mussten meine Eltern nachts eine*n Ärzt*in rufen oder mich ins Krankenhaus bringen. Den schönsten Krankenhausaufenthalt hatte ich in einer Kinderklinik in Ludwigsburg; dort schmeckte der Hustensaft nach Erdbeere und zum Frühstück gab es Nutella-Toast.

Was im Körper vor sich geht

In der Oberstufe habe ich eine Seminararbeit über meine Krankheit verfasst. Ich wollte verstehen, was in meinem Körper vor sich geht, wenn ich Luftnot bekomme: Bei Asthmatiker*innen sind die Bronchien dauerhaft verengt – beim Ausatmen kann nicht alle Luft entweichen und somit beim nächsten Einatmen nicht genug sauerstoffhaltige frische Luft eingeatmet werden. Wer sich schon einmal schlimm verschluckt hat, oder als Kind im Schwimmbad „getunkt“ wurde, weiß, wie furchtbar es ist, wenn man verzweifelt um Luft ringt, aber trotzdem nicht genug bekommt. Und genau so fühlt sich ein Asthmaanfall an. Was in so einem Fall zu tun ist, habe ich in der Atemschule gelernt, als ich gerade fünf Jahre alt war. Denn wenn die Bronchien zu sehr entzündet sind, reichen Kortisonsprays allein oft nicht aus.

Nachdem ich mich diesen Sommer nachts vor lauter Husten übergeben hatte, wusste ich: Wenn alles andere nichts hilft, mach das Hängebauchschwein! Ich kniete mich also mit beiden Beinen auf den Boden, stützte die Ellbogen vor mir auf und hielt mein Gesicht mit beiden Händen; dann begann ich die Luft beim Ausatmen zwischen den fast geschlossenen Lippen vibrieren zu lassen. Die Übung entlastet den Körper und heißt zwar Hängebauchschwein, aber hört sich so an, als schnaube ein Pferd.

Zum Glück muss ich mich nicht mehr oft in ein Hängebauchschwein verwandeln. Wie bei vielen Kindern hat sich mein Asthma mit der Pubertät ziemlich gut verwachsen. Ich bin nicht auf Sprays angewiesen, aber ich meide Situationen, in denen meine Atemwege gereizt werden könnten: Diskotheken (Nebelmaschinen), Parkhäuser (Abgase) und Bushaltestellenhäuschen (irgendwer raucht immer) zum Beispiel.

Abgesehen davon schränkt mich meine Krankheit im Alltag nicht ein. Im Studium habe ich sogar angefangen zu joggen. Nach einer Zeit konnte ich sogar eine Stunde lang laufen, ohne eine Atempause machen zu müssen.

Mila wäre stolz auf mich.