So hat 9/11 euer Leben verändert

Kündigung, Angst vor Flugzeugen, die Entdeckung eines neuen Lebensziels: Wir wollten von euch anonym wissen, wie der 11. September 2001 eurer Leben beeinflusst hat.

September 11 Retrospective

Ein Bild, das im Kopf geblieben ist Foto: Robert Giroux/Getty Images

Innerhalb von 17 Minuten trafen am 11. September 2001 zwei Flugzeuge die Türme des World Trade Centers in New York. Ein weiteres flog ins Pentagon, das vierte stürzte in Pennsylvania ab. Ungefähr 3.000 Menschen fanden durch die Terroranschläge den Tod. Der damalige US-Präsident George Bush sprach von einem „offensichtlich terroristischen Angriff auf unser Land“ und rief aufgrund der traumatischen Ereignisse wenig später den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ aus.

Umstritten ist, ob der 11. September wirklich ein Wendepunkt in der Geschichte ist. Klar ist jedoch, dass die ungeheure Bildgewalt, die Einzigartigkeit der Anschläge, die vielen Toten und das große mediale Echo Dinge verändert haben, politisch und für manche auch privat. Heute jährt sich der Anschlag zum 17. Mal. Wir wollten von euch wissen, ob und wie 9/11 euer Leben verändert hat.

Erzähl es uns hier anonym: https://zeit.to/2wKSJe1

Gepostet von ze.tt am Mittwoch, 5. September 2018

Hier sind eure Antworten:

„Ich verlor einen Job, den ich noch gar nicht angetreten hatte. Sollte am 1. Oktober 2001 anfangen, Vertrag war unterschrieben. Vorher hatte ich Urlaub und sah im TV die aktuelle Berichterstattung. Kurz vor Ende des Monats wurde ich ins Personalbüro gebeten und erhielt die Kündigung. Weltweiter Einstellungsstopp im gesamten Unternehmen, inklusive aller Neurekrutierten. Danach war ich ein halbes Jahr arbeitslos.“

Ich kann kein tieffliegendes Flugzeug mehr sehen, ohne sofort zu denken: ‚Es stürzt ab oder irgendwo rein.'“

„Ich saß als kleines Kind vor dem Fernseher auf dem Teppich, kaum sieben Jahre alt, habe dort immer Lego gespielt, während meine Eltern Fernsehen schauten. Aber ich erinnere mich vage an die Bilder bei RTL Aktuell. Schon komisch irgendwie, dass das so präsent ist, obwohl man ja noch kein politischer Mensch war.“

„Beeinflusst hat es mich in dem Sinne nicht. Ich war seit sechs Uhr arbeiten, dachte dann, die anderen sabbeln über irgendein blödes Computerspiel. Als eine Kollegin sagte, worum es ging, dachte ich, es ist irgendwie ein Missverständnis oder voll übertrieben. Abends vor den Nachrichten: entsetzt gesessen und geheult. Diese Bilder von den fallenden Menschen habe ich heute noch vor Augen, wenn ich daran denke. Reell merke ich die Änderung nur, wenn ich wohin fliege. Meine Cousine hatte mit Familie an dem Tag das WTC besuchen wollen und waren wegen einer Autopanne nicht da. Schicksal … puh.“

„Mein Leben hat sich nicht verändert… Ich habe das ganze Ereignis ehrlich gesagt auch nicht wirklich mitbekommen. Ich verfolge auch keine Medien. Ich gucke mir nicht mal die Werbung im TV an. Habe mich etwas später mal bisschen erkundigt und die Bilder gesehen. Es ist zu grausam, um es abzutun, aber dennoch zu weit weg, um es an sich ranzulassen. Es ist eben für mich nichts Persönliches.“

Reisen wurde lästig wegen der Terroristenhysterie auf den Flughäfen.“

„Ich war damals elf Jahre alt und hatte mich zuvor soviel für Politik interessiert, wie für klassische Musik (also in anderen Worten überhaupt nicht). Ich habe dann aber mehr oder weniger zufällig jeden Tag die RTL 2 News gesehen, die nach einer Serie liefen, die ich damals immer geschaut habe. Durch den großen Raum, den die Anschläge auch noch Wochen, Monate und Jahre danach einnahmen, habe ich mich zuerst vom um sich greifenden Antiamerikanismus anstecken lassen, da ich der Meinung war und auch immer noch bin, dass angesichts der vielen tausenden Toten die es weltweit jeden Tag durch Gewalt, Krieg und Armut gibt, den Amerikanern viel zu viel Aufmerksamkeit gegeben wurde. Ich glaube, in meiner Klasse wurde am nächsten Tag sogar eine Schweigeminute abgehalten, bei der ich mich enthielt (mein erstes politische Statement). Weiters konnte ich dem Bedürfnis der Amerikaner nach Rache nur Abscheu entgegenbringen, da ich damals, wie viele meiner Generation, wirklich dachte, wir Europäer wären besser und fähig, in so einer Situation besonnener zu agieren (später habe ich gelernt, dass dies keineswegs so ist). Für mich persönlich hat sich dadurch ein völlig neues Kapitel in meinem Leben eröffnet, da ich sonst wohl nie angefangen hätte, mich für Politik zu interessieren. Vorher interessierte ich mich nur für naturwissenschaftliche Themen, aber die Politik war für mich der Einstieg in viele andere Wissensgebiete wie zum Beispiel gesellschaftliche Themen, Geschichte, Kultur, Wirtschaft, Kunst und so weiter.“

[Außerdem auf ze.tt: 9/11 – Wie habt ihr den Terroranschlag auf das World Trade Center erlebt?]

Mehr Unsicherheit in der Großstadt.“

„Aufgrund der extensiven Berichterstattung zu 9/11 und dem fahrlässigen Außerachtlassens der restlichen Geschehnisse auf dieser Welt, hatte ich meinen Nachrichtenkonsum beendet und später nur noch auf ausgesuchte Printmedien oder andere Formate zur Informationsbeschaffung gesetzt, um meine Mündigkeit zu erhalten.“

„Ich wollte danach immer gegen Hass auf Andersgläubige, gegen Rassismus und für das Helfen sein und etwas halbwegs Sinnvolles in meinem Leben machen – heute bin ich Notfallsanitäterin.“

„Ich war neun Jahre alt. Und zum ersten Mal für unsere Generation bekam das Wort ‚Terror‘ ein Gesicht, was uns bis heute begleitet. Bei jedem Flug, bei jedem Besuch großer Veranstaltungen, bei jedem Stadtbummel sind die Vorkehrungen gegen ‚Terror‘ sichtbar.“