So hat sich das Stadtbild Berlins seit 2008 verändert

Diese Bilder von Google Street View zeigen, wie Berlin vor zehn Jahren aussah. Deine Lieblingsbar gab es damals vielleicht noch nicht. Stattdessen klar zu erkennen: Gentrifizierung.

So hat sich Berlin in den letzten zehn Jahren verändert

Die Gegend nahe des Bahnhof Zoos in Westberlin im Jahr 2008 – und heute. Foto: © Google Street View / Cristina Plett

In ganz Deutschland steigen die Mieten. In keiner Stadt geht das so schnell wie in Berlin: Um 104 Prozent sind die Mietpreise dort in den letzten zehn Jahren gestiegen. Die Hauptstadt ist ein Extrem; die Preise steigen rasant, Verdrängungsprozesse finden schneller statt. Das Stadtbild verändert sich täglich. Wer mal ein paar Monate weg war, findet an jeder Straßenecke etwas anders vor.

Umso frappierender ist dann ein Blick auf Berlin anno 2008. Den gibt es nämlich online: Google Street View konserviert diesen „moment in time“ der Berliner Straßen im Internet. Denn anders als in anderen Ländern, wo man inzwischen die Street View-Aufnahmen verschiedener Jahre vergleichen kann, hat Google den Dienst hier eingestellt. Als die Bilder im Jahr 2010 online gingen, lösten sie eine heftige Debatte um Privatsphäre aus. Es wurde eine Sonderregelung geschaffen, laut der Mieter*innen und Hauseigentümer*innen ihr Haus per Antrag verpixeln lassen konnten – der daraus entstehende Aufwand war Google zu aufwändig.

[Außerdem auf ze.tt: Google Street View zeigt Inkastadt Machu Picchu in 360 Grad]

So bleiben dort lediglich Fotos einer Handvoll deutscher Großstädte, wie Hamburg oder Stuttgart und eben Berlin. Es sind Aufnahmen aus dem Berliner Sommer 2008, die im Vergleich zu heute zeigen, wie viel sich verändert hat. Sie lassen eine positive wirtschaftliche Entwicklung erkennen, denn früher war nicht alles besser. Man sieht mehr Gastronomie, Büros, Shopping Malls. Oft in Stadtteilen mit früher billigen Mieten, die durch die neue Infrastruktur im Begriff sind, aufgewertet zu werden – oder es bereits wurden. Gentrifizierung nennt man diese Veränderungsprozesse in Stadtvierteln, der meist mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht. Die mögliche Kehrseite dessen bleibt unsichtbar: steigende Mieten und infolge dessen Verdrängung der Menschen, die sich das nicht mehr leisten können. ze.tt zeigt acht Orte im Früher-Heute-Vergleich.

Ranz-Passage wird zu Primark

Beginnen wir dort, wo die geneigten Zugezogenen am wenigsten Gentrifizierung vermuten: Im Westen der Stadt, genauer gesagt am Bahnhof Zoo. 2008 stand hier eine ranzige Passage mit Hostel, Leihhaus und dem Erotik-Museum nebenan. Wo sich in den 1980er-Jahren noch Christiane F. rumtrieb, ist nun eine Mall mit einem Primark, der mit dem gegenüberliegenden Luxushotel Waldorf Astoria um die Wette glänzt. Selbst in eigentlich teureren Gegenden ist also Aufwertung möglich.

Cocktailbar statt Dartkneipe

Ein klassisches Beispiel für Gentrifizierung ist Neukölln: Früher eher für soziale Probleme bekannt (eine Boulevardzeitung zeigte 2008 gar sogenannte No-Go-Areas auf der „Neukölln-Karte der Angst“), ist der Bezirk im Südosten Berlins nun schwer angesagt. Von No-Go-Areas nichts zu spüren, Bars und Restaurants schießen nur so aus dem Boden. So auch an dieser Ecke an der Boddinstraße: 2008 war da die Rockscheune des Dartvereins 44er-Bulls, inklusive Motorrad vor der Tür. Seit 2014 serviert die Bar Twinpigs hier stilvolle Cocktails zwischen unverputzten Wänden. Und statt Motorrad fahren die Kund*innen Fahrrad.

Altersheim weicht Investor*innenträumen

In Mitte findet sich ein nahezu absurdes Beispiel von Investor*innenaktivitäten. Der Hackesche Markt ist schon lange eine beliebte und teure Shoppinggegend mit zahlreichen internationalen Läden. Wie eine Bastion hielt sich dort jedoch das Altersheim Pro Seniore, dessen Bewohner*innen nicht selten vom Eingang neben dem Dönerladen aus das Treiben auf der Straße beobachteten. In diesem Frühjahr mussten alle Mieter*innen aus dem 20 Jahre alten Haus ausziehen. Das Gebäude wird abgerissen, an seine Stelle kommen Wohnungen und Gewerbeflächen. Denn das Ziel der Investorenfirma DC Values sei laut deren Website schließlich Wertsteigerung.

Aus Nix wird Sex

Gleich um die Ecke, an der Oranienburger Straße, sieht man, was in Berlin gar nicht so selten ist: Vor zehn Jahren war da noch eine Brachfläche, nun steht an der Stelle ein Haus. Ein Hersteller für Sexspielzeuge hat hier seinen Showroom. Aus nix wird Sex.

Von der Brache zum Büroviertel

Ein ähnliches Nichts war lange Zeit die Gegend zwischen East Side Gallery und den innerstädtischen Bahngleisen. Der perfekte Ort für die Mehrzweckhalle o2-World, die im Spätsommer 2008 eröffnet wurde. Auf dem Foto von Google Street View sind noch einige Bagger zu erkennen, großzügige Parkplätze umgeben die Arena. Nun ist das Gebiet zu einem Stadtviertel mit einheitlicher Fassade geworden. Zalando hat hier Büros, Mercedes Benz auch. So heißt jetzt übrigens auch die Mehrzweckhalle: Mercedes-Benz-Arena. Von der East Side Gallery aus ist die heute nicht mehr zu sehen.

Früher Italiener, heute Cocktailbar

Ein weiteres typisches Neukölln-Beispiel ist die Fulda- Ecke Weserstraße. Die Weserstraße hat als heutige Barmeile sowieso eine starke Veränderung durchlebt. An dieser Ecke war früher ein etwas heruntergekommen wirkender Kiez-Italiener. Das Warsteiner-Zeichen wurde zum Leuchtobjekt umfunktioniert, die Terrasse ist nun minimalistisch. Drinnen gibt es keine Pasta, sondern hochwertige Drinks. So hochwertig, dass die Besitzer*innen sich dem Rummel der Weserstraße selber ein Stück weit entziehen möchten: Gruppen ab sechs Leuten sind nicht erwünscht.

Undercover-Edelrestaurant statt Schlecker

Hochwertige Gastronomie hat auch an der Charlottenburger Kantstraße Einzug gehalten. Wobei die Veränderung raffiniert daher kommt. Heute sieht das Gebäude fast noch heruntergekommener aus als zu Zeiten, in denen noch die mittlerweile nicht mehr existente Drogeriemarktkette Schlecker im Erdgeschoss untergebracht war. Doch der Eindruck trügt: Die Graffiti sind absichtlich dort und die Scheiben verspiegelt. So sieht man nicht, wie im Inneren dieses edlen Restaurants mit japanischer Fusionsküche auch mal der Promifriseur Udo Walz diniert. Hier wird geschickt mit Berlins Image als „abgefuckter“ Stadt gespielt.

Gerüste werden zu Stein

Der Potsdamer Platz war zu Zeiten der Berliner Teilung Grenzgebiet – ergo eine einzige Riesenbrache. Der daran angrenzende Leipziger Platz teilte lange Zeit das gleiche Schicksal. Davon zeugen die Gerüstattrappen, die eine mögliche Bebauung des Platzes simulieren sollten. Zehn Jahre später ist die Vision wahr geworden und nicht nur der Leipziger Platz, sondern die gesamte Leipziger Straße dahinter bebaut. Die Einkaufspassage Mall Of Berlin nimmt den größten Teil davon ein. Darin befinden sich, wenig überraschend, die gleichen Ladenketten wie in anderen Teilen der Welt auch.