So hat sich mein Leben verändert, seit ich Yoga unterrichte

Weg vom stressigen Job, Gutes für sich selbst und andere tun – viele Menschen wollen Yogalehrer*innen werden. Was treibt sie an und wie hat sich ihr Leben seitdem verändert?

So hat sich mein Leben verändert, seit ich Yoga unterrichte

Und tief ausatmen! Pieters / Unsplash | CC0

Finger spreizen und in die Matte drücken, Rücken gerade, Ohren und Schultern auf einer Höhe, Po nach oben und hinten ziehen, Beine strecken, Fersen Richtung Boden schieben. Fertig ist der herabschauende Hund, ein Asana, das wohl alle Yogapraktizierenden kennen. In Deutschland sind es 3,4 Millionen Menschen, die regelmäßig Yoga machen. Das geht aus einer repräsentativen Untersuchung hervor, für die der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland im vergangenen Jahr gut 2.000 Menschen ab 14 Jahren befragen ließ. Im Jahr 2014 waren es noch 2,6 Millionen Menschen gewesen.

Die Zahl der Yogapraktizierenden steigt also – und mit ihr vermutlich auch die Zahl derer, die Yoga unterrichten. Wie viele genau, lässt sich nicht erheben, da der Zugang zum Beruf kaum geregelt ist. Der Titel Yogalehrer*in ist nicht geschützt, die Ausbildung auch nicht staatlich anerkannt. Angebote gibt es viele – in Deutschland oder auf der ganzen Welt –, meist sind es mehrere Wochen, die sich Menschen in Ausbildung begeben. Manche Kurse sind nach 200 Stunden abgeschlossen, bei anderen erst nach über 700 Stunden, die Ausbildungszeit variiert sehr häufig, ebenso wie die Kosten und Qualität. Laut Schätzungen sollen aber etwa 20.000 Menschen als Yogalehrende arbeiten.

Meist eint die Auszubildenden der Wunsch, etwas in ihrem Leben zu ändern. Denn egal wie und wo man sich ausbilden lässt, die indische philosophische Lehre des Yoga lernt man nicht einfach so nebenbei. Es braucht viel Übung und Geduld. Wir haben anlässlich des Weltyogatages mit Lehrenden gesprochen, warum sie diesen Schritt gemacht haben, und wie die Yoga-Ausbildung ihr Leben verändert hat.

Karl, 32: „Jeder Beruf hat mich irgendwann gelangweilt“

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Foto: privat

„Die Zeit, in der ich die Ausbildung zum Bikram-Yoga-Trainer gemacht habe, waren die neun anstrengendsten Wochen meines Lebens. Mein Leben hat sich um 180 Grad gewendet. Ich habe viele Freund*innen fürs Leben kennengelernt und durfte in einer Art Yogablase leben, in der sich alles nur um Yoga drehte. Die Ausbildung und das Praktizieren haben mich gelehrt, keine Erwartungen zu haben – jeden Tag und jede Yogaeinheit aufs Neue. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu sein und offen zu bleiben, für das, was gerade kommen will.

Ich habe seither mehr Geduld mit meinem Körper und dadurch mehr Geduld mit mir im Ganzen als Mensch.

Karl

Super spannend finde ich auch zu beobachten, wie sehr Körper und Geist tatsächlich zusammen spielen. Viele körperliche Probleme haben einen psychischen Ursprung und viele mentale Dysbalancen sind mit körperlichen Blockaden verbunden. Ich habe jahrelang in den verschiedensten angestellten Verhältnissen gearbeitet: von Fluglinien-Sales-Agent, Model-Booker, im Einzelhandel oder als organisatorische Leitung einer Kreativagentur. Jeder Beruf wurde mit der Zeit langweilig und ich habe mich immer in meiner Entwicklung gehemmt gefühlt. Jetzt arbeite ich als selbstständiger Yogalehrer, tue was ich liebe und helfe nebenbei noch meinen Mitmenschen.“

Naemi, 26: „Ich lebe seither vegan“

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Foto: © Andreea-Elena Mercurean

„Nach einer sehr energieraubenden Zeit während meines Studiums und einer intensiven Beziehung wollte ich etwas Gutes nur für mich tun. Die Yogamatte war für mich immer ein Ort, an dem kein Leistungsdruck und kein Stress herrscht, und genau das habe ich in der Zeit gesucht. Ich habe die Yogalehrenden-Ausbildung in Rishikesh in Indien gemacht. Die Hitze und Luftfeuchtigkeit brachten mich an meine Grenzen. Dazu die anstrengende körperliche Praxis, aber auch die zahlreichen Auseinandersetzungen mit mir selbst waren mühsam. Seither praktiziere ich jeden Tag.

Durch die Ausbildung konnte ich lernen, meinen Körper als das zu sehen, was er ist: ein Vehikel.

Naemi

Aktuell bin ich wegen einer Weisheitszahn-OP nicht im Stande, Yoga zu machen, meditiere dafür jeden Tag. Auch alle anderen Prinzipien des Yoga versuche ich, in meinen Alltag zu integrieren, bewusster und achtsamer mit mir und meiner Umwelt zu sein – selbst wenn ich lediglich aufmerksam abwasche oder spazieren gehe. Ich ernähre mich mittlerweile vegan, diese Entscheidung hängt mit Ahimsa, dem Prinzip der Gewaltfreiheit und dem Umweltschutz zusammen. Durch die Ausbildung konnte ich lernen, meinen Körper als das zu sehen, was er ist: ein Vehikel, ein Werkzeug, mit dem ich mich auf der Welt bewege. Das hilft, ihn so zu akzeptieren und dankbar dafür zu sein.“

Kerstin, 25: „Ohne Yoga wär ich mega gestresst, unrund und zickig“

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Foto: privat

„Seit ich 16 war, wollte ich Yogalehrerin werden. Nach der Schule habe ich mit geringfügigen Jobs Geld für meine erste Ausbildung angespart und dann mit 20 meine erste Yogaausbildung gemacht. Leider war die Ausbildung dann sehr enttäuschend. Ich hatte davor schon viel Yogaerfahrung und konnte nicht so viel dazulernen. Der Stoff wurde nur sehr oberflächlich angekratzt. Um Yoga wirklich zu verinnerlichen und zu verstehen, benötigt es eine jahrelange Eigenpraxis und Studium der Philosophie und Anatomie. Mich hat geärgert, dass das Zertifikat eigentlich gar nichts wert ist, weil es eh jeder bekommt, der dafür zahlt. Auch wenn die Ausbildung nicht so war wie erhofft, hat es mein Leben dahingehend verändert, dass ich danach wirklich zu unterrichten begonnen habe. Zuerst als Vertretung für eine bekannte Yogalehrerin und danach gleich meinen eigenen Kurs, und sehr bald gleich in einem der größten Yogastudios Wiens. Ich habe zahlreiche Workshops und Weiterbildungen besucht und mich weitergebildet.

Um Yoga wirklich zu verinnerlichen und zu verstehen, benötigt es eine jahrelange Eigenpraxis und Studium der Philosophie und Anatomie.

Kerstin

Ich sehe die Auswirkungen dieser Schulung täglich in meinem Leben. Ich weiß, dass ich ohne meine Yogapraxis nicht so eine geduldige und gelassene Mutter für mein Baby wäre. Es kann mich so schnell nichts aufregen, und ich kann über viele chaotische Situationen lachen, in der viele sehr gestresst reagieren würden. Und zwar nicht, weil ich so toll bin, sondern weil die Yogapraxis so toll ist. Ohne Yoga wär ich mega gestresst, unrund und zickig. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie andere Menschen das schaffen, ohne Yoga zu machen.“

Julia, 32: „Vor Yoga war mein Alltag nur Nervosität“

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Foto: privat

„In Deutschland waren mir die Yogaklassen immer irgendwie zu esoterisch. Ich wollte aber lernen, wie Yoga richtig geht und machte eine 200-Stunden-Intensivausbildung in Dharamsala in Indien. Das war auch wirklich intensiv: Vier Wochen lang Montag bis Samstag 12 Stunden, davon vier Stunden Asana-Training, dazwischen Anatomie, Philosophie, Yoga-Pädagogik und Meditation. Seither mache ich jeden Morgen wenigstens 20 Minuten Yoga. Es fühlt sich einfach richtig an, als hätte ich eine Tür geöffnet, für die mir lange der Schlüssel gefehlt hat. Dieses Gefühl begann ein paar Wochen vor der Ausbildung und hat sich seitdem gesteigert. Ab und zu laufe ich noch, aber im Grunde hat Yoga für mich alle anderen Sportarten ersetzt. Ich arbeite als freie Journalistin und reise viel. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, ob ich unterwegs Raum und Zeit zum Laufen finde. Eine Yogamatte kann man fast überall ausrollen.

Es fühlt sich einfach richtig an, als hätte ich eine Tür geöffnet, für die mir lange der Schlüssel gefehlt hat.

Julia

Mir wurde durch Yoga auch klar, wie aufgeladen ich durch meinen Alltag gerannt bin, am Abend dann noch durch den Park gelaufen bin, um völlig erschöpft ins Bett zu fallen. Es fällt schwer, einfach nur still zu sitzen und die Gedanken im Moment zu halten. Denn meistens machen wir viele Dinge gleichzeitig: Wir essen, telefonieren, gehen aus, trinken, gucken Netflix und hören immer und überall Musik. Als wäre unser Alltag nur Nervosität, auf die wir irgendwie reagieren. Es hat eine Weile gedauert, aber mittlerweile meditiere ich auch regelmäßig und habe gelernt, Nervosität und Erschöpfung dadurch aufzufangen.“

Jakob, 33: „Ich trinke keinen Alkohol mehr und urteile weniger über andere“

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Foto: © Jolly Schwarz

„Ich war knapp vierzehn Monate auf Weltreise und gerade in Kalifornien zu Besuch bei Freunden, als ich an einem Tiefpunkt angelangt war – mental und emotional. Ich war unzufrieden mit mir selbst. Ein Freund hat mir dann Yoga empfohlen. Ich konnte davor nichts damit anfangen. Als ich mit Yoga begann, hat das nicht nur mein Körperbewusstsein und meine Gefühle zu mir selbst verändert, sondern auch den weiteren Verlauf meiner Reise. Denn ich habe die Reise in Indien mit einer Yogalehrerausbildung beendet. Die Ausbildung hat mir die Türe in die Welt des Yoga weit geöffnet. Darüber schreibe ich auch in meinem Buch Weltnah – Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben recht ausführlich. Seit ich Yoga mache, bin ich viel entspannter geworden, ich urteile weniger über andere, gestehe mir selbst Fehler eher zu und dadurch auch anderen.

Die Ausbildung hat mir die Türe in die Welt des Yoga weit geöffnet.

Jakob

Ich kann mir immer wieder mal eine Pause aus meinem Kopf gönnen, bin dadurch konzentrierter und klarer in den Gedanken. Ich habe meine Ernährung auf vegan umgestellt und im August 2018 aufgehört, Alkohol zu trinken. Zunächst für ein Jahr, mal schauen, wie das weitergeht. Mittlerweile unterrichte ich wöchentlich. Yoga hat meine Prioritäten verändert und mein Leben gleich mit.“

Raphaela, 32: „Ich hab die Ausbildung nicht gemacht, um später damit Geld zu verdienen“

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Foto: privat

„Zum Yoga bin ich vor etwa neun Jahren gekommen, weil ich Rückenschmerzen hatte und mir mein Arzt empfohlen hat, es auszuprobieren. Ich bin dann zweimal die Woche zum Yoga und die Schmerzen ließen nach. Da habe ich gemerkt, dass ich mehr darüber erfahren will und mein Lehrer sagte zu mir: ‚Am besten lernst du es, wenn du eine Ausbildung machst.‘ Zuerst war ich wegen der hohen Kosten nicht sicher, aber vor zwei Jahren habe ich dann entschieden, eine Ausbildung zu machen. Es war Blockunterricht, meist an den Wochenenden und hat acht Monate gedauert und gut 3.500 Euro gekostet. Ziel der Ausbildung war für mich nicht, später damit Geld zu verdienen, ich hab das für mich gemacht.

Die Ausbildung hat mich gelehrt, nicht alle Dinge zu bewerten und Sachen auch einfach mal hinzunehmen.

Raphaela

In einem Studio, das ich selbst besuchte, habe ich auch angefangen zu unterrichten und gemerkt, dass es mir Spaß macht. Meinen Lebensunterhalt will ich damit nicht verdienen, aber ich habe meine Arbeitszeit als Zahntechnikerin reduziert und gebe bald einen Kurs pro Woche und einmal im Monat einen am Wochenende. Die Ausbildung hat mich gelehrt, nicht alle Dinge zu bewerten und Sachen auch einfach mal hinzunehmen. Früher habe ich viel geplant und wollte immer gleich wissen, wie Dinge ablaufen. Diesen Druck mache ich mir jetzt nicht mehr. Genauso ist es mit meinem Lebenswandel. Ich will weniger rauchen und trinken, aber es muss nicht alles sofort passieren. Es ist für mich ein Prozess, ich reduziere es langsam – ohne mich selbst zu stressen.“

Anna, 36: „Für mich war die Ausbildung wie eine Therapie“

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Foto: © Chris Schmid

„Ich arbeite als Art Directorin und sitze viel am Computer, muss schnell sein und immer Ideen raushauen. Abends habe ich mich oft ausgebrannt gefühlt und durch Yoga, die Kombination von Atmung und Bewegung habe ich gemerkt, wie schnell ich wieder aus meinem Kopf kommen kann. Vor fünf Jahren habe ich mich für meine erste Ausbildung entschieden.

Wenn man die Hände auf die Schultern legt, spürt man richtig, wie viel Stress bei manchen abfließt und wie sie sich gesehen fühlen.

Anna

Danach habe ich begonnen, in Yogastunden zu assistieren. Ich bin in der Klasse rumgelaufen, habe Leute unterstützt und ihre Asanas korrigiert. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Es ist erstaunlich, wie viel kleine Berührungen ausmachen können. Wenn man die Hände auf die Schultern legt, spürt man richtig, wie viel Stress bei manchen abfließt und wie sie sich gesehen fühlen. Mir gefiel, dass man mit so kleinen Dingen einen großen Effekt erzielen kann. Die Ausbildung war für mich wie eine Therapie und hat mein Leben komplett verändert. Es klingt kitschig, aber Yoga hat mich gelehrt, dass ich gut bin, wie ich bin. Du gehst immer weiter nach innen, und was da ist, versuchst du, in dein Leben zu integrieren. Yoga ist für mich deshalb auch kein Sport, sondern ein Weg.“