So inszenieren sich junge Menschen auf Instagram und Co.

In einer neuen Studie der MaLisa-Stiftung wurde untersucht, wie sich Selbstinszenierung auf Social-Media-Kanälen auf junge Nutzer*innen auswirkt.

But first ... Foto: rawpixels / Unsplash

Geburtstag, neuer Job, neue Wohnung – ein Post dazu ist schon fast Pflicht geworden, um Familie und Freund*innen auf dem Laufenden zu halten. Soziale Medien sind ein Teil des Alltags, bilden jedoch noch lange nicht die Realität ab. Nur wenige können wohl von sich behaupten, auf Anhieb den richtigen Winkel für ein Selfie zu finden und zufrieden mit dem ersten geschossenen Bild zu sein. Fünf, zehn, fünfzehn Versuche, bevor ein Foto in die Social-Media-Welt entlassen wird, sind keine Seltenheit.

Die MaLisa Stiftung, welche von der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth gegründet wurde, hat in einer Studie untersuchen lassen, welche Kluft sich in den sozialen Medien zwischen Inszenierung und Wirklichkeit auftut. Wir haben uns die Ergebnisse der Studie genauer angeschaut und mit den Netzaktivist*innen Julia Wenzel und Tarik Tesfu darüber gesprochen, wie wir Medien diverser gestalten können.

Frauen bekommen nicht die Bühne, die sie verdienen

Die wichtigsten Erkenntnisse: Knapp 70 Prozent der 2.000 untersuchten Videos auf YouTube stammen von Männern. Andere Geschlechter sind in den Clips weniger sichtbar. Männer zeigen sich vor allem in fachmännischen Kontexten und deklarieren ihre Inhalte größtenteils als professionell: Sie betiteln sich selbst nicht als Hobby-Gamer oder Musikliebhaber, sondern als Profisportler oder Musikexperte. Die Studie kam auch zu dem Ergebnis, dass Männer ein größeres Themenspektrum bedienen: Entertainment-, Games-, Musik- und Lehrvideos werden von ihnen dominiert.

Frauen tun im Gegensatz zu Männern ihre Inhalte oftmals als Hobby ab. Bei einem Video über tierversuchsfreie Kosmetika wird nicht herausgestellt, wie viele Stunden Arbeit es gekostet hat, die Zutatenliste der Hersteller*innen zu durchforsten. Bei einem Backvideo wird verschwiegen, wie viel Übung es gebraucht hat, bis die Glasur in der perfekten Konsistenz über das Backwerk gekippt werden kann. Erfolgreiche YouTube-Produktionen sind inzwischen alles andere als schnell mal im heimischen Wohnzimmer fertig gedreht. Sie kosten Mühe und Aufwand, fordern Wissen und Können, so die Studie.

Spontanes, natürliches Foto nach 20 Versuchen

Unterm Strich sind es fast immer die gleichen Posen, in die sich Frauen für ein Foto auf Instagram werfen. Den angeblich zufälligen Blick über die Schulter oder das zufällig überkreuzte Bein haben die Forscher*innen als die am meisten gewählten Haltungen identifiziert. So aussehen wie die Influencer*innen – das ist der Wunsch, der bei vielen hinter diesen Posen steckt. Dafür nehmen viele User*innen gerne Strapazen auf sich: Sie reisen an die exakt gleichen Orte, um den gleichen tollen Hintergrund für einen Instagram-Post zu erhaschen; sie geben auch nach dem zehnten Klick auf den Auslöser nicht auf, um einen noch besseren Winkel zu finden und investieren anschließend eine Menge Zeit in die Filterauswahl und die Hautausbesserung. 63 Prozent der Studienteilnehmer*innen gaben an, dass sie größeren Wert darauf legen, schlank zu sein, sobald sie Influencer*innen folgen.

Das Nachahmen der Vorbilder auf Social Media führt laut der Studie dazu, dass Inhalte immer gleichförmiger werden. Vielfalt gehe verloren. So hellen sich etwa 69 Prozent der Studienteilnehmer*innen, die Heidi Klum folgen, die Zähne genauso auf, wie sie es im Instagramfeed des Topmodels gesehen haben. 100 Prozent der Personen, die Dagi Bee folgen, optimieren ihre Haut, genauso wie es die YouTuberin in ihren Videos vormacht.

Inhalte diverser gestalten

Doch was können wir tun, um die sozialen Medien vielfältiger zu gestalten? Dazu haben wir nach der Präsentation der Studie mit den Netzaktivist*innen Julia Wenzel und Tarik Tesfu gesprochen. Julia von dem feministischen Talkformat Auf Klo weist darauf hin, dass „Likes und Shares die Währung in den Sozialen Netzwerken sind“. Denn auch wenn die gekünstelt-inszenierten Bilder glänzend schön in unseren Timelines erscheinen, könnten wir immer noch selbst entscheiden, wem wir folgen. Julia, der auf Instagram über 22.000 Personen folgen, hat so zum Beispiel ihren Feed umsortiert. Sie abonniert vielfältige Künstler*innen, Aktivist*innen und Menschen mit unterschiedlichen Aussehen, Hintergründen und Lebensrealitäten.

Auch Tarik wünscht sich, dass wir uns einmal mehr umschauen, was für großartige Inhalte Menschen in unserem nahen Umfeld produzieren. „Die meisten haben so viele Leute im Bekannten- und Freund*innenkreis, die geilen Content machen“, sagt der Netzaktivist. „Da muss es nicht immer der Blick nach oben zu den großen Influencer*innen sein“, führt er fort.

Die Ergebnisse der Studie lassen darauf schließen, dass vielen jungen Mediennutzer*innen ein Verständnis dafür fehlt, dass das, was Influencer*innen in den neuen Medien präsentieren, zu einem großen Teil inszeniert ist. Der Blick auf das eigene Spiegelbild und die Bildergalerie mit Selfies fällt demnach kritischer aus. Apps, um optisch die Beine zu verlängern oder den Bartwuchs dichter erscheinen zu lassen, nehmen mehr Speicherplatz auf den Smartphones ein als all die lustigen, peinlichen, unperfekten Schnappschüsse. Dabei hätte die normiert inszenierte Social-Media-Welt gerade diese so dringend nötig.


Von Alina Spantig auf EDITION F.

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