So ist Arbeiten in Deutschland, wenn du aus dem Ausland kommst

Pünktlich Feierabend und Bürokratie überall? Wir haben fünf Menschen aus dem Ausland gefragt, welche Unterschiede ihnen zwischen der Arbeitswelt in ihrer Heimat und hier aufgefallen sind.

„Mahlzeit!" Bauarbeiter in Duisburg bei der Mittagspause im Jahr 1961 Foto: © dpa - Report

João, 30, Brasilien, seit sieben Jahren in Hamburg

In Deutschland gibt es genaue Ausbildungen für genau definierte Berufe. Wenn du diese Ausbildung nicht hast, wird es schwer, den Job zu bekommen. Ich habe in Brasilien an einer staatlichen Uni Klarinette studiert und habe später, als ich nach Hamburg gezogen bin, Jobs gesucht. Ein Musikladen brauchte eine Person, die Blasinstrumente verkauft. Ich dachte, dass ich perfekt geeignet wäre für diesen Job, immerhin habe ich zehn Jahre lang als Musiker gearbeitet und in Orchestern gespielt. Aber im Laden sagten sie mir: „Ihnen fehlt die kaufmännische Ausbildung, sie können die Kassensysteme nicht bedienen.“

Bei einem anderen Job, für den ich mich beworben habe, ging es darum, Partituren für klassische Musik zu verkaufen. Auch hier dachte ich, ich wäre geeignet, weil ich mich gut mit dieser Musik auskenne. Aber es hieß wieder: „Dir fehlt die Ausbildung zum Notenverkäufer.“

Das hat mich schon erstaunt, wie unflexibel der Arbeitsmarkt hier ist. In Brasilien gibt es diese klassischen Ausbildungsberufe wie in Deutschland nicht. Die Leute studieren meistens oder arbeiten direkt irgendwo. Und es zählt eher, wo du studiert hast und nicht mal unbedingt was. Dass du studiert hast, zeigt, dass du in der Lage bist, dich in etwas einzuarbeiten.

Mich hat erstaunt, wie unflexibel der Arbeitsmarkt hier ist.“

In Brasilien habe ich mich bei einem Callcenter beworben und die Leute haben zu mir gesagt: „Was wollen sie hier? Mit Ihrem Abschluss können Sie überall arbeiten.“ Als ich mich in Hamburg bei einem Callcenter beworben habe, wurde mir gesagt: „Können Sie das denn? In Ihrem Lebenslauf steht nichts über Callcenter.“

In Deutschland bist du genau in der Lage das zu tun, wofür du ausgebildet wurdest. Wenn du dich aber umentscheidest, bist du verloren.

Ich studiere hier jetzt noch mal, um einen deutschen Abschluss zu haben. In Teilzeit mache ich Musikwissenschaften und habe einen Job in der Verwaltung der Uni – unbefristet.

Trotz der Unflexibilität und der Bedeutung von Zetteln auf den ein genauer Titel steht, gefällt mir der Arbeitsmarkt in Deutschland besser. Man hat hier viel mehr Rechte und die Hierarchien sind flacher. In Brasilien ist es militärischer, es wird wenig diskutiert. Wenn die Chefs etwas sagen, dann wird es auch so gemacht.

Fatima, 27, Marokko, seit vier Jahren in Deutschland

Ich war in Marokko Finanzanalystin und bin für meinen Master of Business Administration nach Deutschland gekommen. Bis vor Kurzem habe ich in München gearbeitet – für die gleiche Firma, bei der ich auch in Marokko angestellt war. Seit einigen Wochen lebe und arbeite ich in Frankfurt am Main. Das Arbeitsleben in Deutschland gefällt mir besser als das in Marokko.

Hier sagt der Chef zu dir: „Willst du nicht nach Hause gehen? Die Zeit, in der du länger bleiben wirst, kommt schon noch.“ In Marokko gehst du heim, wenn der Chef geht. Und das war meistens irgendwann zwischen 22 und 24 Uhr. Trotzdem verdiene ich hier viel mehr.

Hier sagt der Chef zu dir: ,Willst du nicht nach Hause gehen?'“

Über Privates wurde bei der Arbeit In Marokko wenig gesprochen. Niemand würde dich fragen, wie dein Wochenende oder dein Urlaub war.

In Deutschland läuft dafür alles etwas langsamer und bürokratischer als in Marokko. Dort helfen dir Kontakte viel mehr. Mein neuer Arbeitgeber in Frankfurt brauchte die Arbeitserlaubnis meiner Bluecard. Ich habe beim Amt in Frankfurt angerufen und mich erkundigt und sie sagten, solange ihre Akte nicht aus München geschickt wurde, können wir nichts machen. Das hat mich schon gewundert. Ich hätte gedacht, das sei längst alles elektronisch.

Eddie, 36, Hongkong, seit zwei Jahren in Berlin

Ich arbeite als digitaler Produktdesigner. Zuerst 15 Jahre in Australien, dann drei in Dublin und jetzt bin ich seit gut zwei Jahren in Deutschland. Ich finde nicht, dass es sehr große Unterschiede zwischen den Ländern gibt, aber das kann auch an der Branche liegen. Die Softwarebranche ist vermutlich recht locker und international. Auch die Firma, für die ich in Berlin arbeite, ist nicht typisch deutsch. Auf der Arbeit sprechen alle Englisch, wir haben flexible Arbeitszeiten.

Ein paar Unterschiede gibt es dennoch: In Deutschland habe ich drei oder vier Tage mehr Urlaub als in Irland. Dort sind wir öfter nach der Arbeit noch auf einen Drink gegangen, das passiert hier eher selten und wenn, dann am Freitag.

Ich musste erst mal Wörter wie Schufa, Krankenversicherung und Meldebescheinigung lernen.“

Und in Deutschland ging zu Beginn alles langsamer und bürokratischer als in Dublin, was aber bei mir natürlich auch ein wenig an der Sprachbarriere lag. Für Dublin habe ich kein Visum gebraucht, ich habe mich kurz angemeldet, mir eine WG gesucht und das war’s. Hier hatten wir eine externe Firma, die uns bei allen Formalitäten geholfen hat. Ich musste erst mal Wörter wie Schufa, Krankenversicherung oder Meldebescheinigung lernen. In den ersten zwei, drei Monaten war das schon ganz schön viel, aber seit das alles geklärt ist, gefällt es mir sehr gut hier.

Sarah, 30, USA, lebt seit sieben Jahren in Tübingen

Ich hatte in meinem Leben 16 verschiedene Jobs. In den USA habe ich mit 15 Jahren neben der Schule angefangen zu arbeiten. Erst habe ich Sandwiches verkauft, dann in einem Altersheim gearbeitet, im Callcenter, in einem Hotel, als Teaching Assistant und noch ein paar Jobs mehr. In den USA arbeitest du dich eher hoch und deine Erfahrungen zählen viel mehr als Scheine und Abschlüsse – nicht wie hier in Deutschland.

Ich habe in Oregon Sprachwissenschaften studiert und Deutsch gelernt, so bin ich auch in Deutschland gelandet. Jetzt arbeite ich bei zwei verschiedenen Sprachinstituten und einem Austauschprogramm. Davor hatte ich aber auch andere Jobs in Deutschland. Es gibt natürlich auch hier verschieden Arbeitskulturen, aber ein paar Dinge sind doch im allgemeinen anders als in den USA.

In den USA gibt es immer noch Komplimente-Sahne obendrauf.“

Dort haben wir zum Beispiel eine viel ausgeprägtere Feedbackkultur. Es wird übertriebener und auch öfters Rückmeldung gegeben, aber Fehler werden viel indirekter angesprochen. In den USA kommt immer noch Komplimente-Sahne obendrauf. Das fehlt mir ein wenig in Deutschland. Ich frage mich schon manchmal „Arbeite ich gerade gut, wo stehe ich?“ Dann geh ich selbst zum Chef und frage nach Feedback.

Was mir viel besser gefällt, ist die Sicherheit am Arbeitsplatz. In den USA kannst du deinen Job viel schneller verlieren. Ich ertappe mich manchmal noch, dass ich hier jemandem erzähle „Das habe ich auf der Arbeit nicht so gut gemacht, ich werde bestimmt gefeuert.“ Die andere Person beruhigt mich dann immer und sagt: „So leicht geht das hier nicht.“

Auch der Anspruch auf eine gesetzliche Krankenversicherung und Urlaubstage gefallen mir in Deutschland besser. Wenn man krank ist, schleppt man sich in den USA auch zur Arbeit. Wenn ich hier mit Husten ins Büro komme, sagt meine Chefin: „Mädle, bist du krank? Geh nach Hause und ruh dich aus.“

Alastair, 28, Großbritannien, seit 1,5 Jahren in Berlin

Ich arbeite seit einem halben Jahr als Marketing Manager bei einem Unternehmen für Musikproduktion. Es wahrscheinlich kein typisch deutsches Unternehmen, eher etwas britisch vom Stil her. London habe ich vor allem wegen des Brexits verlassen. Ich mag die deutsche Sprache und Kultur, deshalb bin ich hierher gekommen. In London habe ich als Motion Graphic Designer in verschiedenen Büros gearbeitet. Die Arbeitsatmosphäre dort war zwangloser als hier. Bei der Arbeit lief Musik und die Leute kamen in den Klamotten zur Arbeit, auf die sie Lust hatten.

Oft sind wir nach der Arbeit direkt in den Pub, das fehlt mir ein wenig an Deutschland. Es war schön, mit dem Chef und den Kollegen bei einem Bier zu quatschen. Ungewohnt war für mich auch die Umgangsweise bei Meetings. Hier sagen dir die Leute direkt: „Das funktioniert nicht“ oder „Ich finde die Idee nicht gut“. Am Anfang dachte ich, dass das ganz schön unhöflich ist. In Großbritannien würden die Leute eher sagen: „Interessanter Ansatz, aber vielleicht könnten wir dieses Detail noch mal überdenken.“ Aber die Menschen hier sind einfach direkter, es ist ja nicht böse gemeint.

In Großbritannien würde die Leute eher sagen: ,Interessanter Ansatz, aber vielleicht könnten wir dieses Detail noch mal überdenken.'“

Was mir in Deutschland besser gefällt, ist dass die Leute meist pünktlich nach Hause gehen. In London wurde eher erwartet, dass du Überstunden machst. Zudem essen viele Leute in der Mittagspause vor dem Computer – oft einen Meal Deal, das ist ein Sandwich, Chips und ein Softdrink. Das gemeinsame Mittagessen mit Kollegen hat hier auf jeden Fall einen höheren Stellenwert, es ist sozialer.