So ist das Leben auf den Straßen Berlins: „Ich würde lieber ins Gefängnis“

Gabriel und Sašo leben mit ihren Hunden tagsüber auf der Straße. Nachts schlafen sie im Kältezelt. 

Gabriel wird um 4.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Ein Geräusch hat ihn geweckt. Benommen blickt er sich in seinem Zimmer im Kältezelt in Berlin-Friedrichshain um. Die anderen Obdachlosen, mit denen er sich das circa zehn Quadratmeter große Zimmer teilt, schlafen alle noch. Doch dort hinten in der Ecke kann er die Umrisse einer Person erkennen. Normalerweise hätte einer der Hunde angeschlagen, doch diesmal schlafen auch sie tief und fest. Der Unbekannte scheint sich an irgendwas zu schaffen zu machen. Mit einem Ruck setzt Gabriel sich im Bett auf. Dadurch wird auch sein Hund Timon wach und fängt an zu bellen. Der Eindringling schreckt zusammen und flüchtet. Offensichtlich hat mal wieder einer der anderen Obdachlosen versucht, nachts etwas zu klauen.

An Schlaf ist in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Anderthalb Stunden später kommt ein Mitarbeiter der Security und weckt die Obdachlosen. Gabriel schläft mit sechs weiteren Obdachlosen in einem Zimmer, darunter ist auch Sašo. Der 44-Jährige lebt seit August 2018 mit seinem Hund Chilli auf der Straße. Vor viereinhalb Jahren kam er aus Slowenien nach Deutschland, um hier als Handwerker zu arbeiten. Der Job und die Bezahlung sagte ihm jedoch nicht zu, weshalb er kündigte. Er wollte wieder in seinem ursprünglichen Beruf als Kraftfahrer arbeiten. In dieser Zeit erlitt Sašo einen Schlaganfall, der sein Leben veränderte.

Ein Jahr lang lag er im Krankenhaus, später wohnte er dann bei seiner Halbschwester. „Ich war eine große Belastung für meine Halbschwester. Sie hat auch oft darüber geschimpft und die Geduld verloren“, sagt Sašo. Als es ihm allmählich besserging, zog er bei seiner Halbschwester aus und lebte von nun an auf der Straße. Bis Oktober schliefen Sašo und sein Hund noch im Freien, dann wechselten sie in das Kältezelt in Friedrichshain. Hier lernte Sašo auch den 35-jährigen Gabriel kennen. Gabriel machte sich in der Silvesternacht von Aschaffenburg aus auf den Weg nach Berlin. Zuvor hatte er seine Firma, seine Wohnung und sozialen Kontakte verloren und monatelang in einer Pension in Bayern gelebt. „Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich wusste, ich kann es mir nicht mehr leisten. Und dann hatte ich die Wahl zwischen Obdachlosigkeit in Bayern oder halt irgendwo anders. In Aschaffenburg gab es nur eine Suppenküche und sonst gar keine anderen Hilfsangebote“, sagt Gabriel.

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„Irgendwann kam dann der Tag, an dem ich wusste, ich kann es mir nicht mehr leisten. Und dann hatte ich die Wahl zwischen Obdachlosigkeit in Bayern oder halt irgendwo anders“, sagt Gabriel. Foto: ze.tt / Jessica Heyer

Er entschied sich dann dafür, dass sein „irgendwo anders“ in Berlin sein sollte, da er sich zuvor online über die vielen Hilfseinrichtungen informiert hatte. Von seinem letzten Geld kaufte Gabriel sich in der Silvesternacht ein Zugticket nach Berlin. Am 01. Januar 2019 um halb sechs Uhr stand er mit seinem Hund Timon am Berliner Hauptbahnhof und wusste erstmal nicht so recht wohin. „Ich kannte mich nicht aus und bin einfach stundenlang gelaufen. Irgendwann bin ich bei der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten gelandet.“ Doch mit Hund darf man dort nicht rein. Die erste Nacht in Berlin verbrachte er im S-Bahn-Durchgang neben der Bahnhofsmission.

Bis ich das erste Mal schlafen konnte, waren 48 Stunden um.

Gabriel

Viele der anderen Obdachlosen warfen Böller, sein Hund zitterte die ganze Nacht und man versuchte, ihm seine Tasche zu klauen. Am nächsten Morgen begab sich Gabriel also wieder auf die Schlafplatzsuche. An diesem Tag beobachtete er, wie der Schäferhund eines Polizisten einen kleinen Zwergpinscher angriff. Der Zwergpinscher gehörte zu einem Obdachlosen im Rollstuhl, der machtlos dabei zusehen musste. Der Schäferhund hatte sich auf den kleinen Zwergpinscher gestürzt und schleuderte diesen umher. Der Polizist musste mit einem Knüppel auf seinen Hund einschlagen, bis dieser von dem kleineren Hund abließ. Erst später erfuhr Gabriel, dass es sich bei dem Rollstuhlfahrer um Sašo handelte.

Gabriel berichtet auf Instagram von seinem Alltag

Vor der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten lernte Gabriel einen anderen Obdachlosen namens Karl* kennen. Dieser zeigte ihm das Kältezelt in Friedrichshain, in dem auch Hunde erlaubt sind. Das Kältezelt der Berliner Stadtmission bietet 120 Schlafplätze für Obdachlose sowie eine Mahlzeit abends und morgens an. Durch einen barrierefreien Zugang kann auch Sašo hier mit seinem Hund übernachten. Also stellte sich Gabriel in seiner zweiten Nacht in Berlin in die lange Schlange des Kältezeltes und schaffte es, einen warmen Schlafplatz zu ergattern. „Bis ich das erste Mal schlafen konnte, waren 48 Stunden um“, sagt er. „Die erste Nacht und der erste Eindruck waren echt schön. Es ist dort wirklich sehr nett hergerichtet. Das ist wie eine andere Welt. Man ist plötzlich im Warmen und weiß, man hat auf jeden Fall einen sicheren Schlafplatz.“

Kurz nach seiner Ankunft in Berlin hat Gabriel einen Account auf der Social-Media-Plattform Instagram angelegt. Ursprünglich wollte er unter dem Namen berlin.war auf Instagram anderen Obdachlosen mit Hunden helfen und ihnen Tipps geben. Inzwischen hat es sich zu einer Art Tagebuch entwickelt. Gabriel berichtet unter anderem von schönen Erlebnissen mit Fremden, aber auch von den alltäglichen Schwierigkeiten auf der Straße, von den Problemen im Kältezelt und mit anderen Obdachlosen.

Inzwischen haben Sašo und Gabriel feste Schlafplätze in der Unterkunft, da sie mit den Sozialarbeitern kooperieren und bereit sind, sich regelmäßig mit ihnen zu treffen. Dennoch gibt es laut Gabriel auch viel an dem Kältezelt in Berlin Friedrichshain zu kritisieren. „Auf dem Boden der Toiletten und in den Duschen liegen überall Fäkalien. Die Leute waschen sich auch alle nicht die Hände und fassen dann morgens beim Frühstück alles an, um zu gucken was auf den Brötchen drauf ist. Ich muss nachts öfters jemanden aus unseren Zimmern schmeißen, weil die versuchen, etwas zu klauen“, sagt er. Zudem stören ihn häufig auch betrunkene Obdachlose, die nachts in der Unterkunft weiter trinken und lautstark randalieren. Oftmals werden laut Gabriel auch erteilte Hausverbote nicht eingehalten und die Störenfriede dürfen dennoch weiter ins Zelt.

Auf dem Boden der Toiletten und in den Duschen liegen überall Fäkalien. Die Leute waschen sich auch alle nicht die Hände und fassen dann morgens beim Frühstück alles an.

Gabriel

Ortrud Wohlwend, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission, sagt dazu: „Leider hören wir aus allen Einrichtungen, dass sich die Gäste gegenseitig beklauen. Deshalb raten wir immer, die Wertsachen abzugeben oder alles auch nachts an sich zu tragen. Die Bäder sehen nach einer Zeit alles andere als schön aus. Aber bei so vielen Gästen und teils sehr betrunkenen, ist es auch schwer, Ordnung zu halten. Wir haben keine Reinigung in der Nacht, allerdings probieren unsere Mitarbeiterinnen, auch nachts immer wieder für Sauberkeit zu sorgen.“

„Ich würde lieber ins Gefängnis als in die Obdachlosenunterkunft“
Vor ein paar Wochen ist sein elektrischer Rollstuhl kaputtgegangen. Da er durch den Schlaganfall nur eine Hand bewegen kann, ist die Fortbewegung für ihn in seinem Ersatzrollstuhl oft mühselig, erzählt Sašo. Foto: ze.tt / Jessica Heyer

Eine andere Einrichtung zu finden ist für die beiden durch die Hunde und Sašos Rollstuhl schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. „Ich würde lieber ins Gefängnis, als in die Obdachlosenunterkunft“, sagt Gabriel. Doch sein Hund hindert ihn daran. Er weiß nicht, wer sich in dieser Zeit um Timon kümmern könnte und müsste seinen treuen Begleiter weggeben. Gabriel kennt auch Obdachlose, die sich absichtlich mehrmals beim Schwarzfahren erwischen lassen, um ins Gefängnis zu kommen. „Wenn ich den Hund nicht hätte, würde ich sofort Scheiße bauen“, sagt auch Sašo. Beide waren schon mal im Gefängnis, Gabriel für einen Tag und Sašo für drei Monate.

Der Alltag im Rollstuhl ist für Sašo oft anstrengend

Morgens um acht Uhr müssen die Obdachlosen das Kältezelt verlassen. Gabriel und Sašo zieht es meistens zunächst ins Einkaufszentrum nebenan. Hier gibt es eine Bäckerei, welche die Obdachlosen duldet und wo sie in Ruhe morgens einen Kaffee trinken können. Sašo geht danach oft unter die nahe gelegene S-Bahn–Brücke, um zu betteln. Wenn Sašo jedoch weiter wegwill, muss Gabriel ihn schieben. Vor ein paar Wochen ist sein elektrischer Rollstuhl kaputtgegangen. Da er durch den Schlaganfall nur eine Hand bewegen kann, ist die Fortbewegung für ihn in seinem Ersatzrollstuhl oft mühselig. Oftmals hält er sich deswegen nur unter der Brücke oder im Ring Center auf, wenn die Security ihn nicht vertreibt. „Das Ring Center ist mein Gefängnis“, sagt Sašo über das Einkaufszentrum.

Das Ring Center ist mein Gefängnis.

Sašo

Gabriel geht tagsüber oft Flaschen sammeln sowie zu Terminen bei Tierärzt*innen oder Organisationen, die ihm helfen wollen, eine Wohnung zu bekommen. Um die Menschen auf das Thema Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen, macht Gabriel Fotocollagen von Obdachlosen und Graffitimotiven in Berlin. Diese verteilt er dann an die Passant*innen im Ring Center. Hier trifft er abends auch wieder auf Sašo, denn dieser würde es ohne Gabriel nicht zum Kältezelt schaffen, da der Weg dahin einen leichten Anstieg hat.

Auch Susanne Gerull, Armutsforscherin und Professorin für soziale Arbeit, weiß um die Schwierigkeiten von Obdachlosen im Rollstuhl. „Barrierefreie Unterkünfte gibt es so gut wie gar nicht in Berlin. Die klassischen zentralen Notübernachtungen oder auch die Kältehilfeeinrichtungen sind zum größten Teil überhaupt nicht barrierefrei ausgerichtet. Es gibt natürlich die Möglichkeit, aber es ist schwierig. Die Zahl der möglichen Bettplätze ist dadurch nochmal extrem eingeschränkt“, sagt Gerull. Gabriel und Sašo sind nur zwei von Tausenden von Obdachlosen in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, jedoch sollen bis Ende 2019 Zählungen durchgeführt werden. Susanne Gerull hat gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe ein Konzept zur Zählung erarbeitet. „Für Berlin existieren Schätzungen über die Zahlen der Obdachlosen zwischen 2.000- 50.000“, sagt sie. Laut dem Sozialbericht 2017 vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg ist zudem jede*r Sechste in Berlin statistisch gesehen von Armut bedroht.

„Ich würde lieber ins Gefängnis als in die Obdachlosenunterkunft“
Morgens um acht Uhr müssen die Obdachlosen das Kältezelt verlassen. Gabriel und Sašo zieht es meistens zunächst ins Einkaufszentrum nebenan. Foto: ze.tt / Jessica Heyer

„Du wirst immer nur von einer Organisation zur nächsten geschickt“

Auf die Frage, was er von seinem alten Leben am meisten vermisst, muss Sašo lange überlegen. „Ich vermisse es, gesund zu sein.“ Dann weint er. Vieles fällt Sašo in seinem Alltag schwerer als anderen Menschen. Vor ein paar Wochen hat er vom Arzt ein Rezept für einen neuen elektrischen Rollstuhl bekommen. Gestern sollte dieser eigentlich da sein. Als er bei der sozialen Einrichtung anruft, wird Sašo nur vertröstet. Die zuständige Sozialarbeiterin sei gerade nicht da, aber sie wird ihn in einer Viertelstunde zurückrufen. Doch der Anruf kommt nicht. Auch Gabriel fühlt sich oft im Stich gelassen von den Organisationen. Neulich hatte er einen Termin bei einer Tierärztin, die sich, durch Spenden finanziert, um die Hunde der Obdachlosen kümmert. Die Leiterin einer sozialen Stiftung hat ihm versprochen, dass bei diesem Termin auch ein Sozialarbeiter anwesend sein würde. Er könnte ihm in ein paar Wochen eine Wohnung besorgen, versprach sie ihm.

Doch als Gabriel bei der Tierärztin ankommt, ist die Stiftungsleiterin krank und niemand weiß etwas von einem Termin mit dem Sozialarbeiter. „Das finde ich sehr enttäuschend. Ich habe da sehr viel draufgesetzt. Du wirst immer nur von einer Organisation zur nächsten geschickt. Doch meistens können sie dir nicht helfen. Manchmal liegt es an der Finanzierung und manchmal an der Zuständigkeit. Du erzählst immer wieder deine Geschichte und dann passiert letztendlich gar nichts. Ich kann verstehen, dass die meisten darauf keine Lust mehr haben.“

Dennoch: Aufgeben möchte Gabriel nicht. Er träumt davon, später mit seinem Hund in einer eigenen Wohnung zu leben. Zwar ist er sich noch nicht ganz sicher, was er dann beruflich machen möchte, doch eins weiß er ganz sicher: Er will mit Obdachlosen arbeiten und ihnen helfen, von der Straße zu kommen.

*Name geändert


Du brauchst auch Hilfe?

Die Berliner Stadtmission betreibt einen Kältebus und bietet Möglichkeiten zur Notübernachtung in der ganzen Stadt, wo Obdachlose warme Mahlzeiten und medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können. Der Berliner Kältebus ist unter der Nummer (0178) 523 58-38 erreichbar und fährt zwischen dem 1. November und 31. März von 21.00 Uhr abends bis 3.00 Uhr morgens.

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