So ist es, in einer Wagenburg aufzuwachsen

Radjas Eltern haben sich für ein unkonventionelles Leben entschieden und ihre Tochter in einem Bauwagen in der Natur erzogen. So unterschiedlich wie die Bewohner*innen waren auch die Dinge, die Radja dort von klein auf lernte.

So ist es in einer Wagenburg aufzuwachsen

In der Wagenburg hat Radja viel über den bewussten Umgang mit Ressourcen gelernt. Foto: Maciej Staszkiewicz

Manchmal fühlt sich Radja eingesperrt hinter den dicken Wänden ihrer Altbauwohnung in Tübingen, die sie von der Natur abschneiden. Hier wohnt die 28-Jährige mit zwei Mitbewohner*innen. Doch die ersten zwölf Jahre ihres Lebens hat Radja nicht in einer Wohnung, sondern in einem Bauwagen verbracht.

Geboren ist sie in Hamburg. Dort schloß sich die junge Familie der Karawane 93 an, einem bunten Wandertheater, das durch Deutschland zog und das Gauklermärchen von Michael Ende abwechselnd mit einem Varieté aufführte. Die Gruppe wollte damit alternative Lebensräume schaffen. Als Radja drei Jahre alt war, machte die Karawane Stopp in Tübingen. In der dortigen Wagenburg ließen sich Radjas Eltern mit ihrem kleinen Bruder und ihr nieder.

Alle Bewohner*innen wohnten hier in Bau- oder Wohnwagen. Radja teilte sich mit ihrer Mutter und ihrem Bruder einen Wagen. Fließendes Wasser gab es nicht. An einer nahegelegenen Quelle füllten sie Wasserkanister auf. „Um beim Spülen Wasser zu sparen, durften wir nach dem Essen die Teller abschlecken“, erzählt Radja schmunzelnd. Als Kind sei es toll gewesen, hier aufzuwachsen. Die Wagenburg liegt idyllisch am Waldrand. Ein kleiner Bach schlängelt sich durch die verwunschene Natur, die moosbewachsenen Bäume ragen weit in den Himmel hoch und von einer nahegelegenen Lichtung hat man einen tollen Ausblick über die ganze Stadt. „Wir waren sechs Kinder, alle so in etwa im gleichen Alter und sind gemeinsam durch den Wald gezogen und haben die Natur erkundet“, sagt Radja. Sie habe eine Lieblingshöhle gehabt, in der sie mit den anderen Kindern Feuer machte und die ihr als Rückzugsort diente.

Die unterschiedlichen Bewohner*innen brachten den Kindern vieles bei

Radja hatte von klein auf ein diverses Umfeld. Es gab Punks, die mit ausgestrecktem Stinkefinger tanzten, Eltern von anderen Wagenburgkindern mit Laissez-faire-Einstellung und eine Trans* Frau, die von Heinz* zu Alexandra* wurde. Einige betätigten sich künstlerisch, schnitzten Skulpturen oder machten Musik. So unterschiedlich wie die Mitglieder der Gemeinschaft waren, so unterschiedlich waren die Dinge, die sie den Kindern beibrachten: Von Schach spielen über Löffel schnitzen bis hin zum Voltigieren auf den Gemeinschaftspferden. Für Radja musste das eine oder andere Mal auch Kuh Halla ihren Rücken für Turnübungen zur Verfügung stellen.

So ist es in einer Wagenburg aufzuwachsen

Am meisten Leidenschaft hegte Radja aber fürs Tanzen. Egal welche Bühne sich auftat, sie tanzte: Auf dem Bett ihrer Mutter, sobald jemand den Wagen betrat, oder auf der großen Bühne des jährlichen Wagenburgevents Kulturtage. Sie stand gerne im Mittelpunkt. Genauso wichtig wie das Tanzen war und ist ihr die Naturverbundenheit. „Seit ich klein war, haben wir den Wechsel der Jahreszeiten gefeiert, viel Zeit in der Natur verbracht und heilende Kräuter gesammelt“, erzählt Radja. So habe ihre Mutter ihr ein Gefühl für die Natur vermittelt.

Auch über den Umgang mit Ressourcen werde man sich in der Wagenburg bewusst: Hackt man kein Holz, kann man nicht heizen; holt man kein Wasser, ist keins da. Radja hatte viel Freiheit als Kind. Sie hatte Zeit zum Spielen und konnte lernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Auch im Winter sei es schön gewesen: Im Wagen war es dank des kleinen Holzofens schön warm und die Familie war auf engem Raum beieinander. Wenn von anderen Kindern mal ein blöder Spruch über den Lebensstil fiel, nahm sich Radjas Mutter viel Zeit, um mit ihr und ihrem Bruder zu sprechen. Beide Elternteile boten ihnen einen Safespace im Trubel der Gemeinschaft. Aber Radja mag es, wenn viel los ist. „Bis heute schlafe ich besser, wenn es laut ist“, sagt sie.

„So viele Menschen und gleichzeitig so wenig Zusammenhalt hat mich teilweise aus der Bahn geworfen“

Radja war zwölf Jahre alt, als sie und ihr Bruder mit der Mutter in eine Wohnung nahe der Wagenburg zogen. Im Teeniealter sei es für sie in Ordnung gewesen, in einer Wohnung zu leben. „Ich war eine Tussi, trug Miss Sixty-Hosen und war die erste in der Klasse, die sich schminkte. Ich wollte mich einfach in verschiedene Richtungen ausprobieren“, sagt Radja. Nach der Schule zog sie nach Berlin, um Tanz und Körperarbeit zu studieren. Sich in der großen Stadt zurechtzufinden, war nicht immer leicht: „So viele Menschen und gleichzeitig so wenig Zusammenhalt hat mich teilweise aus der Bahn geworfen“, sagt sie. Vor etwa drei Jahren kam sie in die Heimat nach Tübingen zurück.

Heute gibt Radja Workshops in freiem Tanzen, möchte ihre Naturverbundenheit, die sich für sie auch im Körpereinklang spiegelt, an die Teilnehmer*innen weitergeben. Außerdem hat sie Auftritte als darstellende Künstlerin und schreibt Gedichte. Von klein auf durfte sie tun, was ihr Spaß machte. Sie hat aber auch gelernt, dabei immer im Einklang mit ihrem Umfeld, zu dem Mensch, Tier und Natur gehören, zu handeln. Bald würde sie gerne zurück in einen Wagen ziehen. „Wenn ich mal Kinder bekomme, möchte ich unbedingt, dass sie naturverbunden aufwachsen – vielleicht schließe ich mich dann einem Wanderzirkus an“, sagt sie.

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden geändert.