So kopiert Österreichs jüngster Bürgermeister sein Idol Sebastian Kurz

In Österreich sind junge, männliche Politiker auf dem Vormarsch. Sie sind ambitioniert, konservativ und der erste Knopf ihrer Hemden ist geöffnet. Severin Mair ist erst 25 Jahre alt und einer von ihnen. Was macht den Reiz dieser Jungpolitiker aus?

Jüngster Bügermeister Österreichs

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ist sein großes Vorbild. © ze.tt

Er strahlt in die Kamera. Rotes Poloshirt, breites Grinsen. Hinter ihm sitzen Senior*innen in den Reihen des Busses auf dem Weg zur Landesausstellung. Manche lächeln, andere scheinen verdattert zu sein. So ganz verstehen sie nicht, was ihr Anfang 20-jähriger Bürgermeister da macht. Auf Severin Mairs Instagram-Account sind einige Selfies zu finden, mal im Politiker-Outfit, mal in Tracht, mal auf der Baustelle. Dazu Hashtags wie #frischerwind, #jungepolitik oder #saubermachen.

Seine Bilder erinnern an einen anderen Account. Auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz beherrscht es, sich zu inszenieren: mal lachend, mal ernst, mal staatsmännisch am Telefon, mal im Trachtenjanker, mal nachdenkend aus dem Fenster guckend, am liebsten aber zwischen Kindern, Hunden und Senior*innen. Auch unter seinen Bildern steht #anpacken, #instapolitics, #EsistZeit und #Aufbruch.

Foto: Screenshot Instagram, oben Severin Mair, unten Sebastian Kurz

Generation Insta-Politiker

Es sind die Instagram-Accounts zweier Politiker, die sich nicht nur in ihrer Vermarktung ähneln. Sebastian Kurz ist Europas jüngster Regierungschef, Severin Mair Österreichs jüngster Bürgermeister einer Stadt. Beide gehören der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) – ähnlich der CDU – an. Sie gehören zu einer neuen Art von Politikern. Sie sind männlich, extrem jung und wollen die Politik verändern. Die Hashtags, die sie zu ihren Bildern auf Instagram klatschen, zeigen, wie sie wahrgenommen werden wollen: Wir packen an, bringen neuen Wind in die Politik und räumen auf.

Auf die neuen Gesichter lässt sich so gut wie alles projizieren. Ihre tatsächliche Politik gerät dadurch oft mal in den Hintergrund. Und so steht Sebastian Kurz mit seinem angeblich neuen Stil und seiner Jugendlichkeit im Vordergrund, seine Koalition mit der rechten Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) wird für einige Österreicher nebensächlich.

Was macht den Reiz dieser jungen Politiker aus?

Severin Mair ist 25 Jahre alt und so etwas wie eine Sebastian-Kurz-Kopie. Er war erst 21 Jahre alt, als seine Partei ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Zu dieser Zeit schob Mair Nachtschichten und stopfte Essiggurken in Einmachgläser, studierte Rechtswissenschaften in Linz und lebte bei seinen Eltern zu Hause.

Parallel dazu gewann Sebastian Kurz auf Bundesebene an Bedeutung. Mit 24 wurde Kurz Staatssekretär für Integration, mit 27 Außenminister und mit 30 Parteichef. Der mittlerweile 31-Jährige arbeitete sich von der Jungen ÖVP nach ganz oben in das Amt des Bundeskanzlers. Die Methode Sebastian Kurz müsse doch auch regional funktionieren, dachte sich vermutlich die ÖVP in Eferding, einer 4.000 Einwohner*innen-Gemeinde in Oberösterreich. Es ist heute schwer zu rekonstruieren, ob Kalkül oder die Verzweiflung der Volkspartei die Entscheidung antrieb, mit einem neuen Kandidaten, einem Anfang 20-jährigen Studenten in die Wahl zu gehen. Doch es funktionierte: Severin Mair wurde Bürgermeister.

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Eine Kirche, ein Schloss, ein Parkplatz, Kaffeehäuser und Essiggurken, sehr viel mehr gibt es nicht. Eferding kennt man nicht, außer man kommt von dort. Und trotzdem war von diesem kleinen Ort plötzlich sehr oft die Rede in den Medien. Alle feierten den jüngsten Bürgermeister Österreichs, den „Sebastian Kurz vom Land“. „Die ersten Tage läutete mein Telefon ununterbrochen, jeder wollte Interviews. Das war schon ungewohnt“, sagt er heute dazu. Mittlerweile ist er seit über zwei Jahren im Amt, und es gibt Gerüchte, dass die Partei Großes mit ihm plant. 2021 wird in Oberösterreich wieder der Landtag gewählt. Die Partei braucht auf Landesebene dringend neue, junge Gesichter, um mit der rechten FPÖ konkurrieren zu können. Es wäre denkbar, dass Severin Mair eine wichtige Rolle bekommt.

Foto: Screenshot Instagram, oben Severin Mair, unten Sebastian Kurz

Der perfekte Schwiegersohn

Der Bürgermeister von Eferding ist charismatisch und hat ein ansteckendes Lächeln. Severin Mair sitzt in seinem Büro am Stadtplatz. Er trägt ein weißes Hemd, eng, keine Krawatte, den ersten Knopf geöffnet. Sein jugendliches Aussehen passen nicht recht zum altmodischen Büro rund um ihn herum: Die Wände sind mit Furnierholz getafelt, die Polsterbezüge bunt gesprenkelt, über der Tür hängt ein Kreuz.

Mair strahlt eine sympathische Schüchternheit aus, die vermutlich mit seinem Alter zusammenhängt, ihn aber sehr nahbar macht. Platt ausgedrückt entspricht Severin Mair dem Klischee des perfekten Schwiegersohns, der sachlich argumentiert, hart arbeitet und in seiner Freizeit vor allem Sport treibt. Geht er mal länger aus oder trifft er gar eine Frau, wird das am nächsten Tag im Wirtshaus besprochen. Das Leben eines normalen jungen Mannes kann er nicht mehr leben. Während andere Anfang 20-Jährige einen Erasmus machen und ihre Wochenenden auf Partys verbringen, lebt er ein durch und durch kontrolliertes Leben. Es verwundert nicht, dass der Kandidat die Bewohner*innen bei den zahlreichen Hausbesuchen im Wahlkampf von sich überzeugen konnte. Ihm kauft man den frischen Wind, die junge Politik schnell ab.

Während seine Freunde feiern gehen, macht Severin Mair zu Beginn in seinem Amt sehr viele Überstunden. Heute erzählt er von Rechnungen, Gemeinderatssitzungen und Ortsumfahrungen. Der Kleinstadtmief und die ständige Beobachtung scheinen der Preis für seine Karriere zu sein. Es ist ein untypisches Leben für einen so jungen Mann, aber genau mit dieser Strategie hatte auch der Bundeskanzler Erfolg: Ehrgeiz, Kontrolle und Inszenierung. Manchmal wünscht er sich schon, einfach durch den Ort gehen zu können, ohne dass ihn jede*r kennt. Trifft er sich mit einer Frau, dann in einer anderen Stadt.

Mair nimmt sich offiziell der Bereiche Jugend, Sport, Familie und Kultur an. Die besonders wichtigen Bereiche wie Finanzen, Schule und Bildung, Raumordnung, Stadtentwicklung, Hochbau sowie Grund und Liegenschaften betreut hingegen sein um einiges älterer Parteikollege und Vizebürgermeister Richter Egolf. Für Severin Mair ist es nicht einfach, sich im Ort und auch in der eigenen Partei zu behaupten.

Foto: Screenshot Instagram, unten Severin Mair, oben Sebastian Kurz

Das große Vorbild Sebastian Kurz

Seit jeher ist Sebastian Kurz für Severin Mair das große Vorbild. „Er hat mir lange vor der Wahl seine Entwicklung geschildert. Dieses Gespräch beeinflusste meine Entscheidung, Spitzenkandidat zu werden“, sagt er in einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

2013 trifft er den damaligen Staatssekretär für Integration im Wahlkampf zum ersten Mal persönlich. Zwei Jahre später besucht ihn der inzwischen zum Außenminister ernannte Sebastian Kurz in seinem Büro in Eferding. Während dieser Jahre verwandelte sich Sebastian Kurz vom bürgerlich-provokativen Jungpolitiker zum ernsthaften Staatsmann, zu „Prinz Eisenherz“, wie es in seiner Biografie Sebastian Kurz. Österreichs neues Wunderkind? heißt. Sebastian Kurz wusste, dass die Wahlen in Österreich nur mit einem Schritt nach rechts zu gewinnen sind. Darum positioniert er sich gegen Merkels Willkommenskultur, gegen das „Wir schaffen das“ – und schließt die Balkanroute.

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Befragt man Severin Mair dazu, ist er auf Parteilinie: Man müsse der aktuellen rechtskonservativen Regierung erst mal eine Chance geben, bevor man sie verurteile:

Die Zusammenarbeit mit der ultrarechten FPÖ? Die einzige Chance zu regieren.

Nationalsozialistische Meldungen aus der Regierung? Seien zu verurteilen, aber nicht jede Meldung über einen FPÖ-Politiker dürfe der Regierung vorgeworfen werden.

Gegen die Ehe für alle sein? Stimmt er zu. Die bisherige gesetzliche Regelung, die eingetragene Partnerschaft, reiche aus.

Severin Mair spricht ähnlich wie Sebastian Kurz. Unterschiedliche Meinungen seien der Beweis für „gelebte Demokratie.“ Es ist der Jar­gon der jungen Konservativen: Leistung, Eigenverantwortung, Familie und Sicherheit sind die Keywords. Wenn ihn etwas ärgert, lächelt er es weg. Vertraute von Sebastian Kurz gaben an, dass er niemals laut werden würde. Höchstens sehr still. Auch bei Severin Mair kann man sich das gut vorstellen.

Foto: Screenshot Instagram, oben Severin Mair, darunter Sebastian Kurz

Die konservative Rebellion

Der vermutlich größte Unterschied zu Sebastian Kurz liegt in der Familie. Severin Mairs Vater ist Politiker der Grünen und trat auch bei der Bürgermeister-Wahl gegen ihn an, unterlag aber seinem Sohn. Nun sitzt er ihm im Gemeinderat gegenüber. Seine Mutter verbrachte einige Jahre als Entwicklungshelferin in Brasilien und arbeitet als leitende Angestellte in einer sozialen Organisation. Dass Severin Mair als junger Mensch ausgerechnet für die vor zwei Jahren noch sehr verstaubte Volkspartei antrat, mag erst mal verwunderlich klingen, besonders in Bezug auf seine politisch eher linke Familie. Aber für Severin Mair bedeutete erwachsen werden, dagegen zu rebellieren, entgegenzusteuern und konservativ zu werden. Wollte er sich an den Standpunkten seines Vaters reiben, wusste er wie: „Mir war schon in der Jugend klar: Bei gewissen Themen geht Papa von null auf hundert“, bei Themen wie dem Bedingungslosen Grundeinkommen, Wirtschaftspolitik oder gegenderte Sprache.

Fälschlicherweise stellen Medien Sebastian Kurz immer wieder als Wiener Schnösel dar. Er wuchs in Wien auf, seine Eltern stammen aber vom Land. Sie mussten sich ihre Existenz mit viel Ehrgeiz aufbauen, beide sind heute noch berufstätig, obwohl sie längst in Rente gehen könnten. Sie setzen sich aber für keine linke Politik wie Mairs Eltern ein. Sebastian Kurz‘ Meinung war immer wichtig, er wurde von Beginn an wie ein Erwachsener behandelt. Darum musste er auch nie mit seiner Familie brechen oder rebellieren – wie es in seiner Biografie heißt.

Der Charme der Jungen

Das Phänomen der Jungpolitiker*innen ist ein verführerisches. Der Wiener Jugendforscher Philipp Ikrath beschrieb Sebastian Kurz‘ Anziehungskraft in einem Interview mit ze.tt so: „Die Menschen gehen davon aus, dass junge Politiker*innen ihre Probleme besser verstehen und lösen können. Man darf nicht unterschätzen, was das für ein großer Effekt ist. (…) Das Alter und alles, was da mitschwingt, beeinflusst die Wähler*innen enorm.“ In ihren legeren Hemden, den hochgekrempelten Ärmeln und mit ihrer betont lockeren Art symbolisieren sie Bewegung, wollen frischen Wind in die verstaubte Politik bringen. Wie wenig jugendlich und zutiefst konservativ ihre Politik ist, wird dabei schnell übersehen.

Wie es in Zukunft bei Severin Mair weitergehen soll, dazu lässt er sich nicht in die Karten schauen. Erst mal wolle er einen guten Job als Bürgermeister machen und sein Studium endlich abschließen, sagt er und grinst. Damit wäre er seinem Vorbild schon einen Schritt voraus. Denn auch Sebastian Kurz studierte Rechtswissenschaften, schloss sein Studium aber nie ab.

Unsere Autorin stammt wie Severin aus Eferding und besuchte auf dem Gymnasium die Parallelklasse des heute jüngsten Bürgermeisters von Österreich. Er war ihr damals suspekt, da er mit dem Bus aus der Stadt und nicht wie sie aus dem Dorf kam.


Anmerkung der Redaktion: Es gibt in der burgenländischen 391-Einwohner-Gemeinde Mühlgraben seit Oktober 2017 einen noch jüngeren Bürgermeister, den 20-jährigen Fabio Halb. Severin Mair ist der jüngste Bürgermeister einer österreichischen Stadt. Deshalb ist er in diesem Bericht portraitiert worden.