So leben die Besetzer*innen des Hambacher Forsts

Seit sechs Jahren ist der Hambacher Forst besetzt, um ihn vor der Rodung zu schützen. Fotograf Tim Wagner war vor Ort und berichtet von seinen Eindrücken.

Autor und Fotograf Tim Wagner verbrachte vergangenen Herbst drei Monate im Hambacher Forst, ein seit sechs Jahren besetztes Waldstück vor dem Tagebau Hambach in Nordrhein-Westfalen. Im August 2018 sollte der Wald geräumt werden und einer Erweiterung des Braunkohletagebaus weichen. Die Besetzer*innen und andere Protestierende verhinderten das vorläufig. Es entstand eine bundesweite Bewegung. Wagner gesellte sich zu den Aktivist*innen in den Wald und bekam so einen intimen Einblick in ihr Leben vor Ort. Er beschreibt seine fotografische Annäherung als „bewusst wohlwollend“ und zeigt Aktivist*innen so, wie sie sich selbst gerne sehen.

„Carpe Noctem“ steht im September 2018 auf dem großen weißen Banner geschrieben, welches von einem Haus gut 30 Meter hoch in der Krone des Baumes herabhängt. Carpe Noctem – Nutze die Nacht, angelehnt an die Ode des römischen Dichters Horaz, ist ein treffendes Motto für diesen Ort. Denn wer hier lebt, lebt in die Nacht, mit der ständigen Bedrohung, dass das eigene Zuhause am nächsten Tag nicht mehr existieren könnte.

Der Hambacher Forst oder der Hambi, wie ihn die Aktivist*innen liebevoll nennen, ist ein kleines besetztes Waldstück vor dem Tagebau Hambach im rheinischen Braunkohlerevier. In dem verbliebenen Stück Wald haben Aktivist*innen Dutzende Baumhäuser errichtet und verschiedene kleine Siedlungen angelegt. Solange sie im Wald leben und auf den Bäumen schlafen, können diese nicht gefällt und keine Vorbereitungen für die Rodung getroffen werden. Ihr Ziel ist es, so die Abbaggerung des Waldes und damit die Erweiterung des Braunkohletagebaus zu verhindern.

Der Wald verbirgt die Aktivitäten und Vorhaben der Aktivist*innen. Er ist ihr Anliegen, ihr Lebensraum, ihr Experiment für eine bessere Gesellschaft. Es ist eine Enklave für all jene, welche mit einer Lebensweise brechen wollen, die auf der Ausbeutung dieses Planeten beruht, und die nach Alternativen und Zuflucht suchen. Einige Anwohnende aus den umliegenden Dörfern unterstützen den Protest. Sie bringen alles Notwendige zum Leben: Essen, vor allem Wasser, Süßigkeiten und im Winter warme Kleidung, außerdem Handys und hin und wieder bieten sie eine warme Dusche an. Sie vermitteln, dokumentieren und haben eigene Aktionsformen. Sie sind untrennbarer Teil dieses Ortes und die Besetzung wäre ohne sie so nicht möglich.

Wer einmal im Wald angekommen ist, verlässt ihn nie wieder ganz

Der Wald wird Teil der eigenen Lebensgeschichte. Es ist eine Erfahrung, irgendwo zwischen Jugendfreizeit, Anarchie und Kommunismus. Manche bleiben für Jahre, sie leben hier, ihre Freund*innen leben hier, es ist ihr Zuhause geworden. Andere kommen für Tage oder Wochen und viele kehren immer wieder zurück. Der Widerstand ist breit gefächert und reicht von militant bis bürgerlich. Es gibt weder Organisationsstruktur noch einen bindenden politischen Konsens. Kein abendliches Plenum, keine gemeinsame Entscheidungsfindung oder einheitliche Agenda. Wer hier spricht, spricht nur für sich. Wer Menschen für gemeinsame Aktionen sucht, die*der findet sie und schließt sich vorübergehend zusammen.

Im Wald selbst ist es meist ruhig. Nur das Schlagen der Hämmer hallt durch die Baumwipfel. Es ist ein andauerndes Geräusch, welches von fleißigen Menschen zeugt, die beständig Plattform für Plattform den Wald erobern. Die Siedlungen und Baumhäuser tragen Namen. Sie heißen unter anderem Lorien, Oaktown, Gallien, Endor oder Nest, Paradies, Orca, Chillum. Auch die Menschen im Wald haben neue Waldnamen. Sie sind, wie die Namen der Siedlungen und Häuser, oft verknüpft mit witzigen Anekdoten, Idealen oder Wünschen, die sich „draußen“ nicht realisieren lassen. Angesprochen wird sich ohne Pronomen. Es gibt nicht sie oder ihn, es gibt nur Mensch. Unter den Bäumen laufen wie selbstverständlich die meisten vermummt durch den Wald. Manche sehen sich bei dieser Praxis des Verbergens des Gesichts in der Tradition der Zapatistas aus Mexiko, andere tun es aus politischem Pragmatismus, um sich vor möglicher Strafverfolgung zu schützen.

Viele grüßen freundlich und am Ende kennen sich doch irgendwie alle. Oder zumindest kennen sie diejenige Person, die sie im Wald gerne sein möchte. Der Wald hat auch eine eigene Zeitrechnung: die Hambach-Zeit. Denn wer von einem Ende zum anderen geht, trifft auf viele vermummte, aber bekannte Gesichter, und so können auch schon mal einige Stunden vergehen, bis eine Verabredung eingehalten wird.

Freiheit und Gefangenschaft liegen dicht beieinander

An wenigen Orten kann man sich gleichzeitig so frei und doch so gefangen fühlen. Die Freiheit, das eigene Leben unabhängig von sozialen oder ökonomischen Zwängen der normalen Gesellschaft zu gestalten: frei von Arbeit, frei von Stereotypen und Geschlechternormen, frei von den alltäglichen Zumutungen des Kapitalismus. Und dafür als Teil von etwas Größerem. Dem Kampf für ein sehr altes Waldstück und gegen die Lebensweise von wenigen Reichen. Aber gleichzeitig herrscht ein Gefühl des Gefangenseins, im Kampf für den Wald und im dauerhaften Stress, sich zu verbergen. Gefangen durchaus auch im direktem Sinne durch die Polizei bei einer möglichen Räumung.

Eine Räumung wurde zum ersten Mal im September 2018 im gesamten Wald vollzogen. Dafür wurden Bäume gefällt und Barrikaden geräumt. Menschen wurden weggetragen, Kontrollen durchgeführt und der Wald gesperrt. Anschließend fuhren großen Hebebühnen an die Baumhäuser und jeder einzelne Mensch wurde aus den Bäumen gepflückt. Das SEK kam zum Einsatz. Manche Aktivist*innen saßen sehr hoch und drohten ihre Seile zu kappen. Andere hatten sich in an Bäume gefesselt. Es war für alle Beteiligten eine sehr kräftezehrende und mental belastende Situation. Als die Bäume geräumt waren, wurden die Seile der Baumhäuser gekappt und Holzerntemaschinen holten mit ihren Greifarmen die Reste vom Baum.

Aus den einst wenigen Hundert Linken, die vor sechs Jahren begannen, das Waldstück zu besetzen, wurde so im Herbst 2018 eine bundesweite Bewegung. Nach den Castortransporten und Ende-Gelände-Aktionen vielleicht die größte, radikalste Umweltbewegung in Deutschland. Im Anschluss an die Räumung kamen am 5. Oktober 2018 Zehntausende Menschen zu einer Großdemo. Vorerst stoppte eine Klage der NGO Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Rodung des Waldes, und während die Baumhäuser im Wald wieder neu aufgebaut wurden, entstand 2019 mit Fridays For Future eine neue und junge Umweltbewegung.

Trotz des Kohlekompromisses im Januar 2019 möchte der Energieversorgungskonzern RWE weiterhin den Hambacher Forst abbaggern. Einen neuen Namen für das Areal haben sie schon gefunden. Sie nennen den Aussichtspunkt und den Blick über das größte von Menschen geschaffene Loch der Welt: Terra Nova, Neue Erde.