So lebt ein solidarischer Hof bei Hamburg die Zukunft der Landwirtschaft vor

Jeden Monat Geld bezahlen, auch wenn man wenig oder gar keine Lebensmittel dafür bekommt – Das machen Mitglieder von solidarischen Landwirtschaften. Warum?

Der große Offenstall für Rinder ist fast leer, nur zwei Kühe stecken ihre Köpfe durch das Fressgitter und kauen gemächlich das frisch geschnittene Gras. Im Winter sind alle Tiere im Stall, aber nun sind die meisten Rinder bereits auf der Sommerweide, ein paar hundert Meter vom Hof entfernt. Es riecht nach Mist und Diesel. Einer der Trecker kommt vom Feld und der alte VW Pritschenwagen fährt vom Hof.

Der Kattendorfer Hof, in der Nähe von Hamburg, ist Teil einer „Fingerübung für die Agrarwende“, sagt Mathias von Mirbach, Gründer der sogenannten Solidarischen Landwirtschaft (Solawi).

Hier geht es nicht um die Preise der Produkte – hier geht es um das gegenseitige Vertrauen

Mathias von Mirbach

245 solidarische Landwirtschaften in Deutschland

Solidarische Landwirtschaften gibt es weltweit. In den 1980er Jahren entstanden die ersten drei in Deutschland. In den vergangenen Jahren stieg das Interesse der Verbraucher*innen nach Transparenz und Nachhaltigkeit, wodurch immer mehr Höfe auf eine solidarische Bewirtschaftung umstellen. Mittlerweile gibt es 245 Solidarische Landwirtschaften in Deutschland. Die produzierten Lebensmittel werden nicht auf dem freien Markt vertrieben, sondern direkt an die Mitglieder des Hofes verkauft. Sie zahlen jeden Monat einen festen Betrag und erhalten dafür einen Anteil der Ernte. „Im Winter zahlen die Mitglieder drauf, im Sommer wir“, sagt Mirbach. Die Erträge sind nicht zuverlässig planbar, es gibt mal kaum Gemüse und manchmal auch ein Kilo Tomaten in der Woche.

Seit über 20 Jahren wirtschaftet der Kattendorfer Hof solidarisch und das Interesse wächst. Vor acht Jahren hat Mirbach zusammen mit anderen das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gegründet. Damals waren es 14 Betriebe in Deutschland – heute sind es 245 Höfe. Mirbach sieht die Solawis als Teil zukünftiger Landwirtschaft, denn sie setzten den für ihn zentralen Aspekt der Agrarwende um: „Der Handel sollte kostendeckend arbeiten, nicht gewinnorientiert.“

Der kleine Hofladen ist voll, einige Kund*innen aus der Umgebung bepacken ihre Fahrradtaschen mit frischem Spinat, Äpfeln und Salat. So, wie die meisten Solawis, ist auch der Kattendorfer Hof ein Demeter Betrieb. Hier wird auf eine biologisch-dynamische Kreiswirtschaft geachtet. Die Tierhaltung und der Gemüseanbau profitieren voneinander. Das eine ohne das andere wäre für Mirbach nicht denkbar. Auf chemische Pestizide wie Glyphosat wird verzichtet und die Bodenqualität wird gefördert.

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Foto: Autorin

In Kattendorf werden über 400 Hektar bewirtschaftet: Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Schweine und Rinder. Aus der Milch der Kühe werden in der Hofkäserei verschiedene Milchprodukte hergestellt und das Fleisch der Tiere wird vor Ort verarbeitet. Ein Ernteanteil kostet momentan 198 Euro im Monat, dafür bekommt man im Durchschnitt pro Woche 1,5-3,5 Kilogramm Gemüse, 700 Gramm Fleisch und 7,5 Liter Milchprodukte. Die Produkte liefert der Hof an verschiedene Abholstationen in der Region, die Verteilung vor Ort übernehmen die Mitglieder selbst. Wer wie viel entnimmt, wird nicht kontrolliert, jede*r wiegt den Anteil selbst ab.

Wetter als große Herausforderung

Ende Mai kommen auf dem Kattendorfer Hof die letzten Tomatenpflanzen in die Erde, die Säue bekommen Ferkel und die Erdbeerblüten lassen auf eine gute Ernte hoffen. Es ist kalt und viel zu trocken. Darunter leidet die Gemüseernte und wenig Ernte sorgt für unzufriedene Mitglieder. In den vergangenen Jahren haben die Wetterextreme stark zugenommen, das spürt die Landwirtschaft besonders. Auf dem Kattendorfer Hof sind mehr Gewächshäuser geplant, da beispielsweise Tomaten in den vergangenen Jahren draußen nicht gut gewachsen sind. Die Unberechenbarkeit des Wetters und vor allem die anhaltende Trockenheit erfordern ein Umdenken und große Flexibilität. Genau da liegt für Jutta Wendler der Sinn einer Solidarischen Landwirtschaft: „Das Risiko wird auf viele Schultern verteilt.“ Sie ist heute auf dem Hof, um sich über das Konzept zu informieren und überlegt das Angebot der Solawi für einen Monat zu testen. In ihrer Nachbarschaft gründet sich gerade eine neue Abholgemeinschaft. Mirbach führt sie und eine Gruppe weiterer Interessent*innen durch die Ställe, erklärt die Viehhaltung, zeigt die Gewächshäuser und die Felder.

Das Risiko wird auf viele Schultern verteilt

Jutta Wendler

Die Kommunikation mit den Mitgliedern ist für den Hof ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft lebt vom gegenseitigen Vertrauen und Transparenz. Jedes Jahr werden die Finanzen des Hofes für die Mitglieder offengelegt und der Beitrag für einen Ernteanteil neu berechnet. An Infotagen können Interessierte den Hof kennenlernen und sehen wie ihre Lebensmittel wachsen. Das schafft Verständnis für die Situation der Landwirt*innen. Es entsteht das Gefühl, dass man sich zusammen um die Erzeugung der Lebensmittel kümmert und nicht anonym konsumiert.

Mehrmals im Monat finden Informations – und Mitmachtage statt und auch die Abholstationen sind untereinander vernetzt. Es gibt Treffen der einzelnen Stationen, Vernetzungstreffen zwischen den Stationen und auch überregionale Treffen, um andere Solawis kennenzulernen.

Weg vom Druck des Marktes

Solidarische Landwirtschaften möchten den Einfluss der globalen Märkte auf die regionale Landwirtschaft verringern. Sie arbeiten sozial, gerecht und umweltverträglich. Auch achten sie auf kurze Transportwege und den direkten Kontakt zwischen Produzent*innen und Konsument*innen. So soll die Landwirtschaft wieder ein sichtbarer Teil der Gesellschaft werden und wirtschaftliche Risiken verteilen sich auf die gesamte Versorgungsgemeinschaft.

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Foto: Autorin

Konventionelle landwirtschaftliche Betriebe stehen unter dem Druck der wirtschaftlichen Bedingungen den Marktes. Kleine Betriebe können diesem Druck nicht immer standhalten und müssen aufgeben. Bei solidarisch geführten Höfen bekommen die Erzeuger*innen Planungs- und Existenzsicherheit. Die Verbraucher*innen bekommen im Gegenzug regionales, frisches und nachhaltig angebaute Nahrungsmittel.

Dadurch leisten sie einen Beitrag zum Klimaschutz, da sie weniger CO2 verursachen. In Deutschland trägt, laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, die Ernährung einen genau so großen Anteil an den klimarelevanten Emissionen pro Person, wie die Mobilität. 45 Prozent der durch die Ernährung produzierten Treibhausgase entstehen bei der Erzeugung der Lebensmittel, ein großer Teil dabei durch den Transport und die Lagerung. Ökologische, regionale Lebensmittel mit kurzen Transportwegen und ohne Zwischenhändler*innen sind also die klimafreundlichste Wahl bei Lebensmitteln.

All das bietet der Kattendorfer Hof und zeigt damit, wie Landwirtschaft auch sein kann – solidarisch und ökologisch. „Die Verbindung zwischen dem Hof und den Menschen ist völlig anders“, sagt Mirbach. Er sei davon überzeugt, dass das gegenseitige Vertrauen und die gemeinsam getragene Verantwortung für die eigene Ernährung und die Umwelt ein zukunftsfähiges Konzept ist.