So reagieren Taxifahrer in Berlin, wenn eine Dragqueen zu ihnen ins Auto steigt

Als Dragqueen ist es in Berlin unmöglich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, ohne angepöbelt zu werden, schreibt unsere Autorin. Aber auch Taxifahren ist nicht immer leicht. Ein Kommentar

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Als Dragqueen mit dem Taxi durch Berlin zu fahren ist immer ein Erlebnis. Foto: Marc Kleen / Unsplash | CC0

Die Beziehung zwischen Damenimitatorinnen und Taxifahrern ist äußerst komplex. Das Wort Taxifahrer habe ich übrigens bewusst nicht gegendert, denn 98 Prozent der Taxifahrer*innen, die ich erwische, sind männlich, und mit den restlichen zwei Prozent komme ich hervorragend aus. Ich möchte also ausschließlich den Mann hinterm Steuer eines Fahrdienstes beleuchten.

Leider bist du hier in der Stadt als Mann in Frauenkleidern auf Taxis angewiesen. So traurig es ist, aber ich setze mich (insbesondere an Wochenenden) keinesfalls aufgefummelt in ein öffentliches Verkehrsmittel. Das habe ich früher hier und da mal gemacht. Aber niemals alleine und man braucht ein dickes Fell. Üble homophobe Beschimpfungen wie „Drecksschwuchtel“ oder „perverser Aidskranker“ stehen da leider immer auf der Tagesordnung. Ich habe einige Kolleginnen, die eiskalt Bahn fahren, egal zu welcher Tageszeit. Davor ziehe ich meinen Hut. Ich setze mich dem nicht mehr aus. In Stöckeln also fix ins Taxi zu steigen und sich bequem bis ans Ziel chauffieren zu lassen, ist wunderbar.

Nun ist die Situation, in die man sich dann begibt, eine ganz besondere. Auf dreieinhalb Quadratmetern sitzt man sich doch sehr stark auf der Pelle. Das kann oft anonym, gelegentlich lustig, manchmal eklig oder einfach nur unerträglich feindselig sein. Alles ist möglich, alles habe ich schon mal erlebt. Der Transvestit an sich hat die Zauberkraft, in Taxifahrern extreme Gefühlswelten abzurufen.

Der wortkarge Taxifahrer

Wortkarge Fahrten sind die Regel. Ich steige ein und je nach Fahrdienst weiß der Fahrer schon, wo es hingeht, oder ich teile es ihm eben mit. Dann wird kein weiteres Wort geredet. Ich scrolle mich durch Instagram, viele Fahrer telefonieren leise vor sich hin. Oft in einer Sprache, die ich nicht beherrsche. Ankunft, zahlen, lächeln, tschüss. Prozessoptimiert. So liebe ich es. Ich bin in Berlin geboren, wir mögen es hier anonym. Ich wohne seit sieben Jahren in meiner Wohnung, ich habe nie mehr Kontakt zu Nachbar*innen als „Hallo“. Gott sei Dank! Ich möchte nicht mehr. Wenn ich meine Wohnung verlasse und merke, dass mein Nachbar unter mir an seiner Tür rumschlüsselt … da warte ich, bis der weg ist. Ich weiß, das ist total soziophob. Trotzdem.

Der redselige Taxifahrer

Zurück ins Taxi. Da gibt es noch die freundlichen Taxifahrer. Die redseligen. Das kann tatsächlich kurzweilig sein. Da wird sich dann interessiert nach meinem Beruf erkundigt. Oft kommt sowas wie: „Na, ick hab ja schon oft so’ne wie sie jefahrn, wissen se? Ick find dit mega, dit is Berlin, schön bunt, so musset sein – ick wünsch allet Jute!“ Das ist wunderbar, und davon nehme ich viel Positives mit nach Hause und erfreue mich meines Berufs. Und dann gibt es noch die, die genau wissen: Du kannst jetzt nicht weg! Die Typen mit Lebensgeschichte, die dann ungefragt runterreferiert wird. Da reicht einmal zwischendurch ein resigniertes „Hmm“ und du hast ihn bis Ende der Fahrt an der Backe. Ich schalte dann auf Durchzug, das kann ich gut.

Der feindselige Taxifahrer

Eine ganz andere Sorte Taxifahrer sind solche, da merkst du schon beim Einsteigen, dass du unerwünscht bist. Und damit meine ich nicht unerwünscht im Taxi an sich (okay, das auch), sondern generell unerwünscht. In der Lebenswelt des Fahrers. Eisige Kälte kraucht dann vom Vordersitz über die Mittelkonsole auf deinen Rücksitz. Bei Harry Potter wäre jetzt ein Dementor ums Eck gekommen. Ein Gefühl von Verachtung und nackter Angst macht sich im Wagen breit. Schrank-Homophobie.

Da ich aber zahlende Kundin bin, herrscht frostiges Schweigen im Fahrgastraum. Den Blick immer starr aufs Honorar. Der Fahrer versucht dann meistens krampfhaft, so auffällig wie möglich nicht in den Rückspiegel zu gucken – kein Kontakt zu keiner Zeit! Sobald ich ausgestiegen bin, wird ganz schnell vergessen, dass ich abnormale Hexe in sein Leben getreten bin. Wahrscheinlich wischt er meinen Sitz mit Sagrotan ab, wichst aber nach Feierabend nochmal schnell auf eine Transenfantasie.

Natürlich gab es hier und da ein paar sehr unangenehme Situationen. Manchmal sind wir zu dritt und steigen ins Taxi – drei aufgespulte Transvestiten, das kann anstrengend sein. Da wurde einer mal laut und brüllte, dass er unseren Schwulenscheiß nicht hören wolle, und wenn wir nicht das Maul halten, er uns rausschmeiße. Wir sind dann liebend gerne freiwillig ausgestiegen und haben ihm zum Abschied ein paar Luftküsse zugeworfen und noch ’ne ordentliche Ladung Billigparfum ins Taxi gesprüht. Oder ein anderer fing an, in der Stadt mit Tempo 100 seine Aggression zu kompensieren. Da hatte ich wirklich Angst!

Der balzende Taxifahrer

Fantasie ist das Stichwort für den vierten Typ von Taxifahrer, das absolute Gegenteil zum Schrank-Homophoben: den balzenden Taxifahrer. Hier wird so auffällig wie möglich in den Rückspiegel geguckt, die Augen leuchten begeistert und ein bisschen geil. Das Gespräch beginnt belanglos, wechselt aber ziemlich schnell in den übergriffigen Bereich. Ob ich ein Mann oder eine Frau sei, ob meine Titten echt seien, dass mein Gesicht sehr schön sei, und und und. Ich finde das äußerst amüsant, ich fühlte mich noch nie wirklich belästigt. Früher, als Jungtunte, war das Gang und Gäbe. Da hätte ich den Preis für die Taxifahrt oft in Naturalien begleichen können, das sei hier mal festgehalten. Ob ich das wirklich gemacht habe, bleibt aber mein Geheimnis. Mittlerweile passiert das aber nicht mehr, ich denke, ich strahle zu viel Autorität aus.

Oder eben gar kein Taxifahrer

Tatsächlich ist es mir schon öfters passiert, dass ich am späteren Abend an einer Hauptstraße nach einem Taxi Ausschau hielt – und keines anhielt. Das geht dann wie folgt: Taxifahrer sieht mich winken, verlangsamt, checkt dann erst, welches Geschlecht ich tatsächlich besitze und beschleunigt demonstrativ, um mich nicht mitzunehmen. Einmal schrie einer aus dem Fenster „Scheißtranse“. Naja. Arschloch. Tatsächlich wohne ich seit einigen Jahren in direkter Nachbarschaft der Kurfürstenstraße. Seitdem bestelle ich immer das Taxi vorher. Da hält eigentlich gar kein Taxifahrer mehr an.

Alles in allem kann ich zusammenfassen: Taxifahren in Berlin ist ein immerwährendes Blind Date. Alles kann passieren, aber nicht alles kann man erzählen. Gute Fahrt.

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