So sagst du deinem Boss die Meinung, ohne den Job zu verlieren

Feedback funktioniert in beide Richtungen. Zumindest theoretisch. Wie es gelingt, dem*der Chef*in im Job diplomatisch die Meinung zu sagen.

Natürlich gibt es Wege, auch seine*n Chef*in zu kritisieren, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen.

Natürlich gibt es Wege, auch seine*n Chef*in zu kritisieren, ohne einen Streit vom Zaun zu brechen. Foto: rawpixel/Unsplash | CC0

Einmal dem*der Chef*in so richtig schmetternd den Marsch zu blasen – diese Vorstellung dürfte so alt sein wie Arbeit selbst. Aber muss ja nicht der filmreife Rant im HB-Männchen-Style sein, an dessen Ende du theatralisch die Tür hinter dir zudonnerst. Mit etwas Geschick und Diplomatie lässt sich durchaus auch bei Vorgesetzten angemessene Kritik anbringen. So schaffst du es, deinem Boss im Job die Meinung zu sagen, ohne hinterher arbeitslos zu sein.

Beachte die Umstände

Jemandem in einem gehetzten Moment einen Blumenkohl ans Ohr zu quatschen oder eine*n Vorgesetzte*n vor versammelter Mannschaft zu kritisieren – das geht mit ziemlicher Sicherheit nach hinten los. So sieht es auch Karriereberaterin und Coachin Nadine Pfeiffer: „Man sollte seine Vorgesetzten auf dem richtigen Fuß erwischen und nicht Montagmorgens oder in einer Situation, in der er oder sie stressbedingt schon am Limit ist.“ Einen Termin mit ihm*ihr zu machen, ist da schlauer.

Weitere wichtige Faustregel: Lob öffentlich, Kritik immer unter vier Augen. Das gilt für alle Angestellten und Kolleg*innen, für Chef*innen aber noch mal mehr. Denn sie haben mitunter mehr Druck, als es den Anschein hat, und müssen zudem Souveränität wahren. Und je weniger selbstsicher ein*e Vorgesetzte*r ist und je höher der Druck im Job, desto fragiler das Ego und desto weniger gut wird er*sie auf öffentliche Kritik reagieren.

Achte auf die Worte

„Das ist doch immer die gleiche Scheiße hier in diesem Drecksladen!“ – damit kommt logischerweise niemand weit. Also nicht direkt die verbale Brechstange rausholen und verallgemeinernd rumpöbeln. Stattdessen lieber ich-Botschaften formulieren, Fragen stellen, spezifische Punkte ansprechen und sachlich bleiben. Die Expertin rät außerdem: „Immer darauf achten, dem Gegenüber das Gefühl zu geben, dass man seine Sicht auf das Thema versteht und in der Argumentation berücksichtigt hat. So löst man am wenigsten Widerstände aus.“

Wer mit dem*der Chef*in spricht, ist außerdem oft nervös und aufgeregt. Eine Notiz mit Stichpunkten hilft, die wichtigsten Aspekte und Formulierungen im Auge zu behalten und nichts zu vergessen, egal ob auf Karteikarten, im Smartphone, in einem Schreibblock oder auf die Handfläche geschrieben.

Verkaufe eine Idee

Die Kritik nach Möglichkeit mit einem konstruktiven Lösungsvorschlag verknüpfen. Bedenke: Jede*r Chef*in hat selbst eine*n Chef*in und Aufgaben, Vorgaben, Stress und Druck im Job. Wenn es dir gelingt, mit konkreten Beispielen zu belegen, inwieweit zum Beispiel mehr Zeit im Homeoffice oder besser strukturierte Meetings direkt auf die Performance deines*deiner Vorgesetzten abstrahlen und ihn*sie wiederum bei den eigenen Vorgesetzten glänzen lässt, hast du schon halb gewonnen. Und es ist okay, deinem*deiner Chef*in zu kommunizieren, was du brauchst, um deinen Job optimal machen zu können. Das ist nämlich sehr in seinem*ihrem Interesse.

Also zum Beispiel: Die Baustelle draußen ist wahnsinnig laut, die Konzentration sinkt rapide, damit auch die Produktivität. Lösung: Aufgaben so umplanen, dass ein oder zwei Tage Homeoffice für konzentrierte Abläufe möglich sind. Performance steigt wieder. Du glücklich, Chef*in glücklich. Bäm.

Nicht im Job ausrasten

Auch, wenn dich ein Thema wahnsinnig wütend macht und der*die Chef*in stur und uneinsichtig ist: Cool bleiben ist das oberste Gebot. Wer im Eifer des Gefechts unschöne Dinge sagt, könnte das später bereuen. Worte lassen sich nun mal nicht zurücknehmen, selbstverständlich auch nicht im Job. Lieber tief ein- und ausatmen und das Gespräch auf einen anderen Zeitpunkt verschieben.

„Nur so konfrontativ wie notwendig sein. Dabei aber auch vermitteln, warum die Kritik für einen selbst subjektiv wichtig ist“, sagt auch Nadine Pfeiffer. „So schafft man mehr Verständnis für die eigene Sicht und findet wahrscheinlich mehr Gehör.“ Bei ernsteren Themen und in verfahreneren Situationen empfiehlt es sich übrigens sehr, eine Begleitung mitzunehmen. In größeren Unternehmen gibt es dafür den Betriebsrat.

So nicht!

Der häufigste Fehler dabei, Vorgesetzten im Job die Meinung zu sagen, ist laut Karriereberaterin Pfeiffer tatsächlich mangelndes Einfühlungsvermögen: „Üblicherweise haften viele Leute ausschließlich an ihrer Sicht auf die Situation und vernachlässigen die andere Perspektive. Die andere Person macht oft erstmal dicht. So entwickelt sich schnell eine Situation, in der es mindestens einen Verlierer geben wird.“

Und das bist im Zweifel leider du. Gerade bei Chef*innen vermutet man ja manchmal, dass sie besser, schlauer, weiser und tougher sind. Aber letztlich sind Vorgesetzte auch nur Menschen, die respektiert und wahrgenommen werden wollen.

Deine Meinung zählt

Schlussendlich hängt die Form der Kritik stark von der Unternehmenskultur, der aktuellen Situation und der Persönlichkeit deines*deiner Vorgesetzten ab. Manche sind lockerer und kritikfähiger und fordern das vielleicht sogar öffentlich ein, andere fühlen sich schnell in ihrer Position bedroht.

Aber mit freundlichem, respektvollem Umgang, der Auswahl einer angemessenen Gesprächssituation, Verständnis für die Position deines*deiner Vorgesetzten, sachlichen Formulierungen, guten Argumenten und konstruktiven Vorschlägen fährst du grundsätzlich schon mal ziemlich gut. Nicht vergessen: Deine Meinung, deine Erfahrungen im Job können wertvolle Beiträge für das Unternehmen darstellen. Vielleicht hilft ein aus Kritik entstandener Verbesserungsvorschlag deinerseits ja dabei, eine Innovation im Job anzuschieben. Oder ihr macht halt weiter das mit den Fähnchen.