So sagst du deinem*deiner Partner*in, dass du alleine verreisen willst

Solo-Urlaub statt Zweisamkeit am Pool? Alleine verreisen gilt unter Menschen in Beziehungen als verpönt – zu Unrecht. Wie du mit deinem*deiner Partner*in konstruktiv darüber sprechen kannst.

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Wer alleine verreisen möchte, sollte das seinem*seiner Partner*in mit genügend Vorlauf und in einem guten Moment erzählen. Foto: Anastasia Shuraeva / Pexels | CC0

„Schatz, ich möchte ohne dich in den Urlaub“ – dieser Satz gehört wohl zu den heikelsten, die man in einer Beziehung so sagen kann. Einmal ausgesprochen, kriechen Zweifel, Fragen und Ängste durch den haarfeinen Riss, der sich nach diesen Worten plötzlich durch das Ideal der glücklichen Zweisamkeit zieht.

Dabei würde jede*r Fünfte gern mal ohne Partner*in Urlaub machen; der Großteil davon aufgrund von mehr möglicher Spontanität und Flexibilität. Aber warum ist dann alleine verreisen in Beziehungen eigentlich oft so ein Problem? Und vor allem: Wie bringst du diesen Wunsch deinem*deiner Partner*in bei, ohne eine handfeste Krise heraufzubeschwören?

Unsicherheit und mangelndes Vertrauen

Der Hauptgrund dafür, dass sich ein*e Partner*in damit schwertut, wenn der*die andere alleine verreisen will, ist in den meisten Fällen Unsicherheit in verschiedensten Variationen.

„Verlustängste sind nicht von der Hand zu weisen. Lernt er oder sie im Urlaub möglicherweise jemanden kennen, geht fremd oder verlässt mich sogar?“, erklärt die Münchener Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer. „Ebenso spielt die Unsicherheit, dass der oder die andere womöglich ohne mich mehr Spaß hat, eine Rolle.“

Auch die Angst vor Kontrollverlust ist ein Grund für eine ablehnende Reaktion – wie soll man auch erfahren, was woanders passiert, wenn man selbst nicht dabei ist? Je weniger Vertrauen in die Beziehung besteht – begründet oder unbegründet – desto schrecklicher also die Vorstellung, dass der*die Partner*in alleine in den Urlaub fährt, dort weiß der Teufel was anstellt und auch noch eine tolle Zeit hat. „Dabei ist die Phantasie, was alles im Urlaub passieren könnte, oft viel größer, als das, was wirklich passiert“, sagt Sigrid Sonnenholzer.

Allerdings hängt das natürlich stark von dem*der Partner*in, den bisher gemachten Erfahrungen und dem Beziehungsmodell ab. „Besteht kein Vertrauen in der Beziehung, vergrößert sich bei der Frage nach getrenntem Urlaub das Misstrauen“, erläutert die Lifecoachin und Kommunikationstrainerin Jessica Wahl. „Auch, wenn eine*r mehr verliebt ist, als der*die andere, wird das Ungleichgewicht verstärkt.“ Und wenn grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen von Beziehung bestünden, würden die Differenzen in diesem Moment besonders sichtbar.

Gesellschaftlich besteht die Vorstellung, dass eine intakte Beziehung immer zusammen in den Urlaub fährt. Somit kann der soziale Druck die Beziehung stark belasten.

Jessica Wahl

Dazu kommt allerdings auch noch die weit verbreitete Annahme, dass glückliche Paare selbstverständlich gemeinsam verreisen müssen – vollkommen egal, ob sie in Sachen Urlaub übereinstimmen und es gut für beide ist oder nicht, wie Jessica Wahl erklärt: „Gesellschaftlich besteht die Vorstellung, dass eine intakte Beziehung immer zusammen in den Urlaub fährt. Somit kann der soziale Druck die Beziehung stark belasten.“ Das wirft dann gern mal Fragen auf wie „Huch, getrennter Urlaub? Was ist denn bei euch los – alles in Ordnung?“

Dabei kann alleine verreisen der Liebe sogar ausgesprochen gut tun. „Wenn es in einer Beziehung zum Beispiel sehr angespannt ist, kann ein wenig Abstand gut sein“, sagt Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer. „Außerdem dann, wenn die Urlaubsbedürfnisse sehr unterschiedlich sind.“ Berge, Meer, Action, chillen – das Übliche. In solchen Fällen könne es sinnvoll sein, den Urlaub getrennt zu verbringen. Und sich anschließend erholt, zufrieden und entspannt wieder zu begegnen.

Der richtige Zeitpunkt und der beste Weg

In jeder gesunden und stabilen Beziehung werden sensible und wichtige Themen wie alleine verreisen gemeinsam besprochen und Kompromisse gefunden. Und zwar respektvoll. Das heißt auch: rechtzeitig und vor allem vor einer Entscheidung.

„Bitte nicht in der letzten Minute, um sich Ärger zu ersparen“, meint Sigrid Sonnenholzer. Wenn du es deinem*deiner Partner*in aus Angst vor einer ablehnenden Reaktion quasi erst am Tag des bereits gebuchten Fluges sagst und ihn*sie damit vor vollendete Tatsachen stellst, bekommst du wahrscheinlich ordentlich auf die Mütze – und zwar zu Recht.

Klüger und konstruktiver ist es, dir in Ruhe vorher Gedanken über den richtigen Zeitpunkt zu machen. Kommunikationstrainerin Jessica Wahl erklärt, welche Aspekte und Argumente wichtig sind: „Eine entspannte Atmosphäre, in der sich beide der Zuneigung und Liebe des*der Partner*in sicher sind – nach einem guten Essen, nach gutem Sex.“

Zudem sei es entscheidend, dich in deine*n Partner*in hineinzuversetzen und zu erkennen, woher eventuelle Ängste kommen und wie du Sicherheit und Vertrauen geben kannst. Allgemein gesagt: „Hilf deinem*deiner Partner*in, deine Beweggründe und Motivation zu verstehen“, rät Jessica Wahl. „Argumentiere so, dass getrennter Urlaub nicht die Beziehung in Frage stellt, sondern für die persönliche Entwicklung wichtig ist. Besprecht offen, was eure Beziehung wirklich ausmacht“, sagt die Lifecoachin. „Wahrscheinlich sind das nicht die zwei Wochen Urlaub, sondern etwas ganz anderes.“ All das hilft dabei, gemeinsam eine Perspektive zu gewinnen.

Denn je besser er*sie versteht, warum genau du alleine verreisen möchtest und dass das nichts mit dem Zustand eurer Beziehung zu tun hat, desto entspannter für alle Beteiligten. Oder wie Paartherapeutin Sonnenholzer sagt: „Nicht das Gefühl entstehen lassen, dass es ausschließlich darum geht, ihn oder sie nicht dabei haben zu wollen.“

Sinnvolle Argumente und Kompromisse

Eventuell hast du ja deinem*deiner besten Freund*in schon vor Ewigkeiten einen gemeinsamen Trip versprochen und möchtest es endlich einlösen – und das ist vollkommen legitim und okay.

Doch es gibt noch weitere Argumente, die laut Kommunikationstrainerin Wahl in so einem Gespräch hilfreich sein können: Alleine verreisen festigt und belebt die Beziehung, wenn beide neue Impulse aus dem Urlaub mitbringen, loslassen erhöht außerdem die Sehnsucht und Freude aufeinander, Urlaub ohne einander kann bereichern und inspirieren, Freiheit und Vertrauen gehören zu den Grundfesten einer erfüllten Liebe.

Falls dein*e Partner*in tendenziell offen ist für den Gedanken an getrennten Urlaub, sich jedoch noch nicht hundertprozentig damit wohlfühlt, sind Kompromisse angesagt. „Zum Beispiel die halbe Urlaubszeit alleine, die andere Hälfte gemeinsam reisen“, sagt Jessica Wahl. Denn in einer guten Beziehung bekämen laut Lifecoachin beide gleichberechtigt die Möglichkeit, sich zu entfalten – egal, ob beim Roadtrip oder Yoga-Retreat, im Reiturlaub oder auf der Motorradtour.

Zusätzlich können klare Regeln und Absprachen dabei helfen, Sicherheit und Vertrauen herzustellen – und für mehr Gelassenheit sorgen, sagt Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer und gibt folgende Beispiele: „Kein Fremdküssen, kein Fremdgehen und beispielsweise täglich feste Anrufe oder Nachrichten. Am besten fragt man den Partner oder die Partnerin, was er oder sie braucht, um vertrauen zu können und ein gutes Gefühl zu haben.“

Und auch ganz wichtig beim alleine Verreisen: „Die Informationen oder Fotos sollten nicht über die sozialen Medien laufen, sondern zuerst direkt über den Partner oder die Partnerin“, sagt Sonnenholzer. Sonst kann sich der*die andere nämlich aus deinem Leben ausgeschlossen fühlen, obwohl ihr euch doch eigentlich am nächsten steht. Und das kann verdammt wehtun.

Stabile Liebe kann das

Letztendlich ist es ausschlaggebend, wie sehr ihr einander vertraut, was für eine Basis ihr über die Zeit in eurer Beziehung aufgebaut habt und welches Beziehungsmodell ihr lebt. Wenn ihr eure eigenen Bedürfnisse erkennt, artikuliert und gegenseitig respektiert, wenn ihr euch genug liebt, um einander Freiraum zu geben und dieses Vertrauen auch wertschätzend behandelt, dann ist alleine verreisen mitnichten ein Zeichen für bröckelnde Liebe – sondern genau das Gegenteil.