So schadet übertriebene Männlichkeit der Fankultur im Fußball

Unser Autor war selbst Ultra und sang sexistische Lieder in der Kurve. Dann setzte ein Umdenken bei ihm ein. Heute plädiert er für mehr Feminismus im Stadion.

„Wir sind hier beim Fußball", hieß es, als unser Autor Kritik am Sexismus in seiner Fangruppe äußerte.

„Wir sind hier beim Fußball", hieß es, als unser Autor Kritik am Sexismus in seiner Fangruppe äußerte. Foto: © Frank Rumpenhorst/dpa

Ich war 17, als ich zum ersten Mal mit zwei Freunden ins Stadion meines späteren Lieblingsvereins ging. Meine Freunde waren bei den Ultras, die als zahlenmäßig größte Jugendkultur in Deutschland gelten. Weil es ein Testspiel war, organisierten sie aber keine Stimmung, wie zum Beispiel mit Choreografien oder Männern an Megafonen, die die Lieder anstimmen. Die Mannschaft wurde trotzdem durch ein paar Fangesänge unterstützt. Ich konnte mich ziemlich ungezwungen entfalten, beteiligte mich an der Unterstützung der Mannschaft. Das Gemeinschaftsgefühl begeisterte mich. Also wollte ich öfter ins Stadion, auch zu Spielen, bei denen es um Punkte und damit Auf- oder Abstieg meines Vereins ging. Und so wurde ich ein Ultra. Bei welchem Verein und welcher Gruppe, möchte ich allerdings für mich behalten.

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Vielen Ultras geht es darum, sich kritisch mit dem Verein und den Entwicklungen im Fußball zu beschäftigen. Welcher Sponsor ist gerade da? Geht es um Fußball oder nur noch um Geld? Gibt es Stadionverbote in der eigenen Gruppe? Warum dürfen wir keine Pyrotechnik zünden? Wie kommen wir zum nächsten Auswärtsspiel? Manche prügeln sich auch mit anderen Ultras, klauen ihnen Fankleidung und präsentieren sie beim nächsten Aufeinandertreffen im Stadion. Viele finden die Unterstützung im Stadion wichtig. Die eine Definition von Ultra gibt es nicht, das machen alle für sich selbst aus. Was Ultras aber definitiv nicht sind: Hooligans.

Ich tat also, was ich für Ultra hielt und fuhr dem Verein hinterher, tief in den Osten Deutschlands oder um die Ecke zum Lokalrivalen. Ich dachte mir Spruchbänder und Choreografien aus, lernte viele Menschen aus der Ultragruppe kennen und wurde irgendwann selbst Mitglied. Später organisierte ich das Kurvenheft in unserem Block, das die Fanszene über Aktivitäten der Gruppe und die Spiele informierte. Mit 21 hatte ich mich in der Hierarchie, also der Rangordnung, hochgearbeitet und Einfluss auf viele Entscheidungen. Was ich dabei lernte: Aggression, Lautstärke, Penetranz, keine Schwäche zeigen, sich möglichst männlich zu verhalten, halfen mir, mich durchzusetzen. Andere Männer hatten es noch einfacher. Einige gingen ins Fitnessstudio, machten Kampfsport, prügelten sich mit anderen Ultragruppen und waren in kürzester Zeit akzeptiert.

Betrunkene Männer

Frauen hatten es dagegen schwer, sich zu beweisen. In Deutschland nehmen die meisten Ultragruppen keine Frauen auf, weil sie glauben, Frauen hätten beim Fußball nichts verloren oder würden das Gruppengefüge stören. Sie werden sexualisiert, also nur als Mittel zur sexuellen Befriedigung gesehen.

Erst mit 23 setzte ich mich wirklich intensiv mit solch diskriminierenden Haltungen im Stadion auseinander. Einige Fans gründeten dazu eine Gruppe, um auf Ausgrenzungen aufmerksam zu machen. Sie rüttelten mich wach, mir fiel auf, dass nicht nur die anderen in meiner Ultragruppe, sondern auch ich Frauen sexistisch behandelte. In unseren Räumen wurden lautstark Lieder über das Sexualleben einiger Frauen gesungen – in ihrem Beisein. Im Gruppenleben waren Wörter wie Fotze, Schlampe, Schwuchtel alltäglich, um Menschen abzuwerten. Obwohl uns das Sexualleben von Frauen, die Mitglied in unserer Gruppe waren, nichts anging, war es monatelang Thema in diversen Gesprächen. Ich grenzte Frauen aus, von denen ich glaubte, sie seien keine Ultras. Viele Frauen gehen nur in die Kurve, um sich an Typen ranzumachen, dachte ich. Das sahen fast alle in meiner Gruppe so. Viele der Frauen gingen allerdings viel länger zu unserem Verein als ich, taten mehr als die meisten Männer für die Gruppe. Trotzdem hatte ich mehr Macht und Anerkennung als sie, weil ich ein Mann war.

Männlichkeit im Stadion ist wie überall anders auch: unglaublich penetrant.“ – Fußballfan Emma

Emma* kennt diese Situationen. Sie ist 25, geht seit fünf Jahren zu Fußballspielen. Sie hat Spaß daran, Fußball zu schauen. Hopping ist eines ihrer Hobbys. Das heißt, sie schaut sich Stadien und die Stimmung von Fanszenen verschiedener Vereine an. Bei ihrem eigenen Verein engagiert sie sich auch, feuert die Mannschaft an. In einer Gruppe ist sie nicht. Lust hätte sie darauf schon. Doch Männlichkeit und Sexismus legen ihr Steine in den Weg.

„Männlichkeit im Stadion ist wie überall anders auch: unglaublich penetrant“, sagt sie. Wenn Emma zu Auswärtsspielen fahren will, fragt sie sich, ob das überhaupt möglich ist: „Zu einem Spiel in großen Männergruppen zu fahren, die nicht nüchtern sind, ist oftmals leider nicht ungefährlich für Frauen“, erklärt sie. „Einmal war ich mit einem Kollegen im Stadion. Er war gerade auf Toilette. Plötzlich kam ein betrunkener Mann zu mir, umarmte mich, wollte mich küssen und ließ mich nicht mehr los“, schildert sie. „Als mein Kollege zurückkam, wollte der Mann Streit mit ihm anfangen, weil er dachte der Kollege sei mein fester Freund.“

Das Nestbeschmutzer*innen-Image

Meistens wird sie also nicht als eigenständige Person wahrgenommen, die aus Interesse an ihrem Verein, Support, den Fanszenen oder dem Sport zum Fußball geht. Ihr wird beim Fußball oft nur eine Existenz zugesprochen als Die-Freundin-Von. Als sie zum Auswärtsspiel fuhr, sprach ein Fan sie nur mit dem Nachnamen eines Freundes an. Dass sie bei ihrem Vornamen angesprochen werden will, ignorierte er. „Als wir später in einer Kneipe waren, haben alle angestoßen, nur halt nicht mit mir. Selbst ein alkoholfreies Bier war mehr wert, als mit mir anzustoßen“, sagt Emma.

Wenn Gesänge angestimmt werden, in denen die Gegner als Fotze abgewertet werden, ist Emmas erster Gedanke: „Die bedrohen mich und alle Frauen, die gerade hier stehen.“ Werden Männer darauf angesprochen, behaupten sie, eine Frau, die gerade vielleicht sogar neben ihnen steht, wäre gar nicht damit gemeint. Emma nervt das. „Die Männlichkeit wird als das Eigene, also positiv dargestellt. Weiblichkeit als das Andere und somit negativ behaftet“, erklärt sie. Das hört nicht bei den eigenen Frauen auf, das zeigen Emmas Erfahrungen. „Fakt ist, dass sie Frauen aktiv und sexistisch beleidigen und das in anderen Situation auch wieder so tun würden, weil sie sich selbst über sie erheben“, sagt sie.

Wir sind hier beim Fußball.“ – Reaktion, als Dennis den Sexismus in seiner Gruppe ansprach

Dass ich mich zu meiner Zeit als Ultra mit dem Thema auseinandergesetzt habe, habe ich Frauen wie Emma zu verdanken. Sie machten mich auf Sexismus aufmerksam. Ich begann in der Gruppe die inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen, erfolglos. Auf Treffen diskutieren wir oft über Transparente. Manche waren sexistisch, reduzierten Frauen genau auf das Bild der Freundin-Von, die zu Hause in der Küche steht, während der Mann zum Fußball geht. „Übertreib mal nicht“ oder „Wir sind hier beim Fußball“, hieß es, wenn daran Kritik geübt wurde.

Diskussionen über die Aufnahme von Frauen in die Gruppe wurden selten ernsthaft geführt, meistens sogar mit frauenfeindlichen Beleidigungen wie „die Fotze“ abgewiegelt. Als wir eine neue Ultragruppe gründeten, beschäftigten wir uns mit Männlichkeit und Sexismus im Fußball. Die Initiative Fussballfans gegen Homophobie lässt seit vielen Jahren ein violettes Transparent mit dem Namen durch deutsche Stadien wandern. Als wir es bei uns in der Kurve zeigten, bekamen wir Stress. Männer, die sich durch solche Statements in ihrer Freiheit attackiert fühlten, andere als Schwuchtel zu bezeichnen, drohten uns Gewalt an. Wir galten als Nestbeschmutzer*innen.

Der sexistische Alltag

Ein Mann, der sich hinterfragt hat und wissenschaftlich mit Sexismus und Homophobie beschäftigt, ist der Soziologe und freie Referent Jan Tölva. Wie dominant Männlichkeit im Fußball ist, zeigt er mit einfachen Beispielen. „Wir nennen Frauenfußball Frauenfußball und Männerfußball einfach Fußball“, sagt er. Das ist so, weil die Gesellschaft patriarchal aufgebaut ist. „In ihr haben Männer den Großteil der Macht. In unserer Gesellschaft gibt es eine klare Hierarchie in der männlich immer über nicht-männlich steht“, sagt er. Fußball sei im Vergleich mit anderen Teilen der Gesellschaft noch mehr durch Männer geprägt. Immerhin: Das Stadionpublikum besteht zu rund einem Drittel aus Frauen, Tendenz klar steigend.

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Viele Betroffene haben Jan berichtet, was auch Emma sagt. „Für viele Frauen oder Minderheiten ist das Problem, dass sie sich in der Fankurve nicht willkommen fühlen und teilweise sogar Angst um ihre eigene körperliche Gesundheit haben.“ Fans, die neu in der Fankurve sind, fällt es oft schwer herauszufinden, was unreflektierte Gewohnheit ist und was tatsächliche Gewaltbereitschaft ausdrückt. Die Grenzen sind fließend. „Beleidigen die Menschen um mich herum einen Spieler oder die gegnerischen Fans gerade als Schwuchteln, weil sie wirklich glauben sie seien schwul oder weil sie glauben schwul sein wäre schlecht?“ Für die Betroffenen spielt diese Frage keine Rolle. Unabhängig von der Intention, grenzt das Wort homosexuelle Männer aus.

„Sie tragen mit ihrem Verhalten dazu bei, für Betroffene Angsträume zu schaffen“, sagt der Soziologe. Eine negative Erfahrung beim ersten Stadionbesuch kann schon dazu führen, dass viele nie wieder hingehen. Was vielen Männer im Stadion nicht klar ist, ist auch, dass Frauen es in der Gesellschaft merklich schwerer haben. Sie machen den überwiegenden Teil der Betroffenen von sexualisierter Gewalt aus, Diskriminierung gehört zu ihrem Alltag.

Den Alltag hinter sich lassen

Obwohl sie aus denselben Gründen zum Fußball gehen wie die Männer: um Spaß mit Freund*innen zu haben und neunzig Minuten aus dem Alltag auszubrechen. Doch sie erleben im Stadion denselben sexistischen Alltag. Ob sexualisierte Übergriffe oder sexistische Beleidigungen. „Dann ist das Stadion eben kein Ort, an dem sie einfach nur Spaß haben oder mal vom Alltag abschalten können“, sagt Jan.

In Fanszenen ist es ein Problem, dass Frauen die soziale Konsequenz tragen müssen, wenn sie eine romantische Beziehung innerhalb der Fanszene führen: „Es ist eine Art ungeschriebene Regel, dass der Mann in der Szene bleibt und die Frau im Zweifelsfall die Kurve verlässt. Ganz egal, wie wichtig ihr der Verein oder die Fangruppe ist.“

Ich würde mir wünschen, dass manche Männer nicht das Gefühl hätten, dass ihnen was weggenommen wird, wenn Frauen dabei sind.“ – Antje Grabenhorst vom Netzwerk Frauen im Fußball

Was wir gegen solche Missstände unternehmen können? Meiner Erfahrung nach hilft es weiter, dass wir Männer an unserem eigenen Verhalten arbeiten. Auch wenn meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema vor fünf Jahren begann, gibt es noch genug Situationen, in denen ich mich sexistisch verhalte. Zum Beispiel, wenn ich laut werde, falls mir die Argumente ausgehen oder Frauen beim Sprechen unterbreche. Seit drei Jahren gehe ich nicht mehr ins Stadion. Über mein eigenes Verhalten nachzudenken und mich stärker auf die Gesellschaft fernab vom Fußball zu konzentrieren, hat mich aus der Ultraszene herausgeführt. Mit dem Abstand zur Fankultur reflektierte ich auch meine eigene Rolle, die ich damals einnahm. Heute helfen mir vor allem meine Freund*innen an mir zu arbeiten.

Eine Frau, die sich gegen Sexismus im Stadion seit Jahren engagiert und auch mit Männern arbeitet, ist Antje Grabenhorst vom Netzwerk Frauen im Fußball, kurz F_in. Sie ist Fan von Werder Bremen. „Ich finde es toll, zu singen und auszurasten und will auch 90 Minuten mal den Alltag hinter mir lassen“, sagt sie, wenn sie über die Fankurve spricht. Mit Freund*innen unterwegs zu sein, Spaß zu haben und auch die berühmten Emotionen, die der Fußball auslöst, tragen sie seit Jahren immer wieder zurück ins Stadion. Viel Zeit verbringt sie in Zügen, manchmal bei einer Auswärtsfahrt, aber vor allem wenn sie mit ihrem Vortrag Schwule, Fotzen – Sexismus, Homophobie und Selbstermächtigung im Fußball?! auf Tour ist.

Die Selbstverständlichkeit Fußballfan zu sein

Sie ermutigt Frauen, sich in der Kurve sichtbar zu machen, Räume zu nehmen. „Sich auf den Zaun stellen bei einem Torjubel oder in der ersten Reihe zu laufen bei einem Marsch zum Stadion, muss man sich erst trauen und dann einfach mal machen“, sagt sie. Dass das nicht so einfach ist, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Die Hierarchien und klaren Rollenvorstellungen machen es in manchen Fanszenen oft gar nicht möglich, dass Frauen sich das rausnehmen können“, erklärt Antje. Damit sich mehr Frauen zutrauen, beim Fußball aus den Normen auszubrechen, braucht es Vorbilder, die vorangehen. „Es ist wichtig, sich Freundinnen und Freunde zu suchen, mit denen nicht alles diskutiert werden muss, wo man sich wohlfühlt und die einen auch supporten“, sagt sie.

Dabei spielt Feminismus eine wichtige Rolle: „Ich würde mir wünschen, dass manche Männer nicht das Gefühl hätten, dass ihnen was weggenommen wird, wenn Frauen dabei sind.“ Das Gegenteil sei der Fall. „Es wäre perfekt, wenn es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Frauen auch Fußballfans sind und es niemandem mehr auffällt. Davon wird die Kurve bunter und diverser“, sagt Antje. Es geht ihr auch darum, zu zeigen, dass Männlichkeit, wie sie derzeit im Fußball definiert ist auch für Männer anstrengend sein kann. „Es gibt mehr als nur den pöbelnden, saufenden, breiten Fußballtypen, sondern auch zurückhaltende oder (Anm. d. Red.: angeblich) schwache Männer, die sich nicht erst beweisen wollen, um akzeptiert zu werden“, erklärt sie.

Auch Emma sieht im Feminismus die Möglichkeit, dass die Ausgrenzung, die sie und andere erfahren, irgendwann verschwinden könnte. „Im besten Fall wird in den Kurven, Stadien und Gruppen feministisch gestritten. Das könnte so aussehen, wie es auch schon passiert: dass Frauen sich selbstorganisiert mit dem Thema Fußball und Ultrasein auseinandersetzen“, sagt sie. Würde sie mit einem Fingerschnips etwas ändern können, dann, dass mehr Frauen nur mit dem Finger schnipsen müssten, damit sich etwas ändert. Außerdem sagt sie: „Ich fände extrem schön, wenn Frauen aus Spaß ins Stadion gehen könnten, einfach weil sie Lust darauf haben. Dafür müssen Männer sich kritisch mit ihrer gesamtgesellschaftlichen Rolle, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Stadions auseinander setzen.“

*Name geändert