Diese Fotos zeigen, wie besonders die Trinkhallen im Ruhrgebiet sind

Kioske sind Oasen des Individualismus in der uniformierten Supermarktwelt. Der Bildband Treffpunkt Trinkhalle zeigt einige der schönsten Exemplare im Pott.

München hat seine kastanienbaumbewaldeten Biergärten, Berlin das sagenumwobene Berghain, Hamburg die Ufer der Elbe – und der Ruhrpott seine Trinkhallen. Buden, wie man die Trinkhallen auch nennt, sind ein Biotop für sich. Hier kommen Center Shocks und Pils, BILD-Zeitung und Soleier, Filterkaffee und Eis am Stiel zusammen. Obendrauf gibt’s den besten Klatsch und Tratsch aus der Nachbar*innenschaft. Denn Trinkhallen sind viel mehr als eine reine Verkaufsstelle für Konsumartikel – sie sind häufig das kommunikative und emotionale Zentrum eines Stadtviertels.

Die beiden Westfalen Reinaldo Coddou H. und Jan-Henrik Gruszecki haben den Kiosken des Ruhrgebiets einen Bildband gewidmet. Treffpunkt Trinkhalle heißt er und versammelt rund 200 Fotografien. Entstanden ist ein gedrucktes Denkmal für die Budenkultur im Ruhrpott.

Ursprünglich sollten die Buden den Alkoholismus bekämpfen

Die Geschichte der Trinkhallen ist eng mit der der Industrialisierung verknüpft. Die ersten Buden wurden Mitte des 19. Jahrhunderts als sogenannte Seltersbuden in Industriehochburgen wie Düsseldorf oder Aachen errichtet. Sie sollten den Arbeiter*innen Mineralwasser verkaufen und damit den damals weit verbreiteten Alkoholkonsum bekämpfen.

Dietmar Osses ist Historiker und Leiter des Industriemuseums Zeche Hannover. Er schreibt in seinem Aufsatz zur Geschichte der Trinkhallen im Ruhrgebiet (PDF): „Tatsächlich war es noch zu Beginn der Industrialisierung in der Arbeiterschaft weit verbreitet, während der Pausen Branntwein oder Bier zu trinken. Manche Fabrikanten und Zechenbesitzer zahlten sogar einen Teil des Lohns in Alkohol aus. Dieser Alkoholkonsum ging auf die traditionellen Ernährungsweisen vor allem der ländlichen Bevölkerung zurück, für die lange Zeit der Alkoholkonsum einen wichtigen Teil der Kalorienzufuhr garantierte“.

Ende des 19. Jahrhunderts waren die Trinkhallen bereits überall: in den Wohnvierteln der Arbeiter*innen, an Bahnhöfen, an den Toren der Zechen. Neben Tee, Kaffee und Wasser gab es bald auch kleine Mahlzeiten, wie Heringe, Essiggurken oder Soleier. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte ab den 1950er/60er-Jahren die Demokratisierung des Genuss ein: „Mit wachsendem Wohlstand änderte sich auch das Warenangebot der Kioske: Neben einer großen Auswahl an Zeitschriften machten nun Zigaretten und Süßigkeiten einen Großteil des Angebots aus“, schreibt Osses.

Eine Oase der Nonkonformität

Seit den 80er-Jahren schrumpft die im Ruhrgebiet angesiedelte Schwerindustrie – und mit ihr auch die Kundschaft der Buden. Heute konkurrieren sie zudem mit Tankstellen und Supermärkten, die immer längere Öffnungszeiten haben. Olaf Roik vom Handelsverband Deutschland sagt, dass in den letzten zehn Jahren rund 2.000 Trinkhallen geschlossen hätten. Im Ruhrgebiet gibt es Schätzungen zufolge noch etwa 18.000 – mehr, als in allen anderen Gebieten Deutschlands.

Heute sind die Trinkhallen Oasen der Nonkonformität. Während in den Supermarktketten alles militärisch gleich aussieht, protzen die Buden mit Individualismus: Hier malen die Besitzer*innen ihre Hinweisschilder noch selbst, bereiten kleine Snacks zu und schmücken ihren Verkaufsstand mit Deko. Das Chaos, dass man als Käufer*in häufig hinter der Glasscheibe erspäht, ist eine beruhigende Abwechslung im Vergleich zu den luftigen Supermarktfluren.


Der Bildband Treffpunkt Trinkhalle ist im Verlag Edition Panorama erschienen.