So sehen Deutschlands berüchtigtste Knäste aus der Luft aus

Wie unterscheiden sich Deutschlands bekannteste Gefängnisse beim Blick von oben? Gefängnisarchitektin Andrea Seelich erklärt, wie Bauweise und Art des Strafvollzugs zusammenhängen. 

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Eines der bestgeplanten Gefängnisse Deutschlands, wie Architektin Andrea Seelich sagt: die Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Foto: © Google Earth Pro

Ein Gefängnis ist dafür da, die Allgemeinheit vor Täter*innen schützen. In § 2 des Strafvollzugsgesetzes steht aber auch, dass Gefangene „künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten führen“ sollen.

Ob jemand im Gefängnis resozialisiert wird, hängt auch davon ab, wie es gestaltet ist. Grundsätzlich muss ein Gefängnis zunächst sicherstellen, dass die Inhaftierten nicht fliehen. Dafür ist eine Mauer nötig. „Sie verhindert nicht nur die Flucht, sondern schützt auch Insassen vor Blicken von außen“, sagt Andrea Seelich. Die 50-jährige Architektin und Kriminologin hat europaweit mehr als 140 Gefängnisse besucht und war an der Planung von rund 50 Knästen selbst beteiligt.

Was innerhalb der Gefängnismauern steht – oder ob es überhaupt welche braucht – ist jedoch stark vom Zeitgeist und dem Zweck abhängig. Das lässt sich gut an den bekanntesten Gefängnissen Deutschlands sehen. Wir zeigen eine Auswahl. Vier von ihnen stammen aus der Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts. Es sind Berlin-Moabit, Hamburg-Fuhlsbüttel, München-Stadelheim und Bautzen.

Stuttgart-Stammheim und Berlin-Hohenschönhausen sind wesentlich jünger und wurden in den 1960er-Jahren fertiggestellt. Um die Unterschiede in der Bauweise und Vollzugsart zu illustrieren, haben wir nach Rücksprache mit Architektin Seelich noch Bielefeld und Oldenburg hinzugefügt.

Mustergefängnis Oldenburg

Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ist eines der Lieblingsgefängnisse von Andrea Seelich. „Der Anstaltsleiter hat zehn Jahre lang überlegt, bevor gebaut wurde“, sagt sie zu ze.tt. „Man sieht schon von außen, dass es durchdacht ist.“ Die Zufahrt zum Gefängnis ist geschwungen und befindet sich in einer verkehrsberuhigten Zone, mit einer zur Hauptstrasse hin vorverlagerten Allee. „Das ist nicht der aggressive, martialische Bau, bei dem man sofort sieht, dass es ein Knast ist und der abschreckt“, sagt die Architektin.

Aus Sicherheitsgründen hat ein Gefängnis idealerweise auch nur einen Eingang, durch den alle Waren und Menschen ins Gebäude kommen und es auch wieder verlassen. Auch Oldenburg ist so organisiert. Außerdem gibt es hier eine klare Trennung zwischen Wohngebäuden und dem Rest, der zu einem Gefängnis gehört: Werkstätten, Lagerhallen, Wirschaftsgebäude. „Das macht den Wohnbereich ruhiger“, sagt sie. Zudem verfüge die Anlage über Spazierhöfe und eine Sportanlage.

Architektur-Import aus den USA

Gefängnisse wie die in Moabit und Hamburg sind im Pennsylvanischen Stil errichtet. Man erkennt sie an der sternförmige Bauweise, die ein Import aus den USA ist. „Zwischen 1880 und 1920 wurden in ganz Europa Gefängnisse in diesem Stil errichtet“, sagt Seelich. Sie gehen zurück auf Überlegungen der religiösen Gruppe der Quäker*innen. Sie hatten sich vor allem im US-Bundesstaat Pennsylvania für eine Reform der Strafjustiz eingesetzt. Kerngedanke war eine strenge Isolation, eine Besinnung auf Gott und Sühne für die begangenen Taten. Essentiell war zudem der Besuch der Gefangenen durch Gläubige. Sie sollten den Inhaftierten ein Vorbild sein. Außerdem sollte die Anlage möglichst funktional errichtet sein. Vom Zentralbau des Sterns aus waren alle Zellen in kurzer Zeit erreichbar.

Beten alleine reicht nicht für die Resozialisierung.

Gefängnisarchitektin Andrea Seelich

Modernere Gefängnisse, wie das in Oldenburg, sind in einem anderen Stil erbaut. „Heute einen Sternentrakt zu bauen, ergibt wenig Sinn“, sagt Seelich. Es sei mittlerweile unerwünscht, Einbahnstraßen in Gefängnissen zu entwerfen. „Die Justizbeamt*innen sind heute viel näher dran an Insassen und verbringen mehr Zeit mit ihnen“, sagt sie. „Außerdem hat man erkannt, dass Beten allein nicht für Resozialisierung reicht.“

Heute gehen viele Gefangene tagsüber gemeinsam in Werkstätten der Gefängnisse arbeiten, sie treiben zusammen Sport, werden therapeutisch behandelt oder betätigen sich künstlerisch. Gefängnissen wie Oldenburg sieht man diese Veränderungen im Vollzugsalltag auch aus der Luft an.  Im Gegenzug wird beim Stasi-Untersuchungsgefängnis klar, dass Gefangene keine Chance auf eine Partie Fußball im Freien hatten.

Gefängnis ohne Mauern

Eine Besonderheit ist der Knast ohne Mauern, der sogenannte offene Vollzug. Oft steht er am Ende einer Haftstrafe und soll die Gefangenen auf ein Leben in Freiheit vorbereiten. Im offenen Vollzug verlässt die*der Gefangene morgens die Haftanstalt und geht zur Arbeit und kehrt abends wieder zurück in Haft. Auch Freizeitbeschäftigungen oder Besuche sind erlaubt. „Aber die Anstalt weiß über jede meiner Minuten Bescheid, es gibt unankündigte Kontrollen, wenn ich mich nicht daran halte, werde ich verwarnt oder komme zurück in den geschlossenen Vollzug“, sagt Seelich. Europas größte Anstalt dieser Art befindet sich  in Bielefeld. Aus der Luft erkannt man nicht sofort, dass es sich um ein Gefängnis handelt.

Diese Art des Vollzugs sei psychisch sehr anstrengend, sagt Seelich. Eigenverantwortung zu lernen und eine Abkehr von der kriminellen Denkweise seien große psychische Herausforderungen. „Selbst mit professioneller Hilfe schafft das nicht jede*r“, sagt Seelich.  Die Entscheidung, wann jemand in den offenen Vollzug kommt, liegt beim Personal der Gefängnisse. Gefangene müssen sich dafür bewerben. Niemand kann gegen seinen Willen zum offenen Vollzug oder zur Resozialisierung gezwungen werden. Doch Seelich ist überzeugt: „Für die Senkung der Rückfallquote ist das die beste Lösung, seit es Freiheitsentzug als Strafe gibt.“