So sehen eure Wohnzimmertische am Tag nach der Party aus

Niemand erzählt die Geschichte deines betrunkenen Partyabends so gut wie dein Tisch. Giorgio Guerrini hält die Überreste des Abends von oben fest.

Du schlägst die Augen auf, reibst dir den Schlaf aus dem Gesicht. Auf deinen Schädel schlägt ein imaginärer heißer Hammer im Takt deines Pulses. In deinem Mund herrscht Trockenzeit. Was ist gestern noch mal passiert? Auf der Suche nach Antworten schlurfst du ins Wohnzimmer – und da steht er. Der Zeuge deines vornächtlichen Gelages. Dein Wohnzimmertisch. Unerbitterlich zeigt er dir das, was du vergessen hattest. Er ist es, auf dem die Beweise lasten. Auf dem das Übriggebliebene erahnen lässt, wie der vergangene Abend abgelaufen ist.

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Du siehst Spuckschlücke in Bierflaschen, überquellende Aschenbecher und klebrige Flecken von verschütteten Flüssigkeiten. Womöglich sieht du ausgepresste Limettenhälften, Kronkorken, verlorene Strohhalme und Schmutzarten, die du auf den ersten Blick nicht definieren kannst. Das lässt dich erinnern. Du hattest Freund*innen eingeladen. Ein nettes Zusammenkommen sollte es werden. Plaudern, sich gegenseitig up to date bringen, gemeinsam anstoßen. Doch dann brachten deine Freund*innen ihre Freund*innen mit, die wiederum Alkohol mitbrachten. Mit zunehmender Menge Alkohol nahm auch die Lust zu, den Abend aufzuplustern. Und nun stehst du mit brennenden Gliedern vor den Resten, die diese Geschichte nacherzählen.

Tische stehen im Zentrum

Giorgio Guerrini hat bereits viele Tische gesehen. Als Verkäufer für eine IT-Firma reist der 33 Jahre alte Italiener um die Welt. In den USA und im Mittleren Osten ist er schon gewesen, auch in China und Japan verkauft er seine Produkte und macht so zahlreiche Bekanntschaften. Manchmal wird er zum Essen eingeladen, macht weitere Bekanntschaften, trifft sich auch mal mit jemanden in der Freizeit. Die Zeit vergeht, die Bekanntschaften wandeln sich zu Freundschaften, aus den Geschäftsessen wird gemeinsames Kochen, Fernsehabende, Partys. Und dann fiel es ihm irgendwann auf.

Egal, in welchem Land oder Kulturkreis Guerrini sich gerade bewegte: Wer sich Gäste einlädt, verbringt die meiste Zeit mit ihnen um einen Tisch. Es sind diese Tische, die über Gewohnheiten und Traditionen hinweg als gemeinsamer Nenner dienen. Der Tisch steht im Zentrum des heimeligen Zusammenkommens. Die Party, das Abendessen oder die Kaffeepause – als wahrer Host der Gäste trägt und erträgt er schweigend alle Lasten. Er ist Stütze und Ablage, ein Ruhepol in lebhaften Zeiten. Guerrini fand, diesen Leistungen gebührt Beachtung.

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Also begann er, sie zu fotografieren. Seit Anfang 2017 postet er unter dem Projektnamen Unusual Tables regelmäßig Fotos von Tischoberflächen. Aus der Vogelperspektive. Denn nur aus einer Perspektive, die um einen Tisch Sitzende nicht haben, erkennt man alle Details. Oft würde er die Fotos selbst näherzoomen und Dinge entdecken, von denen er am entsprechenden Abend nichts mitbekommen hatte. Guerrini will seine Geschichten verbreiten. Oder zumindest eine Vorstellung davon, denn was sich an diesen Abenden zugetragen hat, enthüllt er nicht. Vielmehr sollen Betrachtende versuchen, sich selbst eine Geschichte anhand der Gegenstände auf dem Tisch auszudenken. Aus Gründen der Diskretion. Weil nicht jede Geschichte harmlos genug ist, um erzählt zu werden.