So sieht Urban Gardening in einem palästinensischen Geflüchtetencamp aus

In Dachgärten bauen Frauen im größten palästinensischen Geflüchtetencamp im Libanon biologisches Obst und Gemüse an.

Das Geflüchtetencamp Ain al-Hilweh befindet sich südlich der libanesischen Stadt Saida. Es sind nur wenige Hundert Meter vom palmengesäumten Mittelmeerstrand bis zum Eingang des Camps. Mauern und Stacheldraht umzäunen Ain al-Hilweh, die libanesische Armee kontrolliert die Eingänge. Das Camp existiert seit 1948 – dem Jahr des israelischen Unabhängigkeitskriegs, der aus palästinensischer Sicht mit der Nakba endete, der Flucht und Vertreibung von etwa 700.000 Palästinenser*innen aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina.

Viele von ihnen flohen in den Libanon, in dem es bis heute zwölf palästinensische Geflüchtetencamps gibt. Ain al-Hilweh ist das größte von ihnen, zwischen 60.000 und 100.000 Menschen wohnen hier – teilweise seit mehreren Generationen. ZEIT-Kollegin Andrea Böhm bezeichnet das Camp als „Labyrinth aus mehrstöckigen, hastig errichteten Häusern und handtuchbreiten Gassen, in denen nach jedem Regen das Wasser bis zu den Waden steht“. Am Rande des Camps wohnen diejenigen, die sich keine feste Behausung leisten können, in Zelten.

Urban Gardening im Libanon

Die Frauenkooperative der Aktivist*innen- und Freiwilligengruppe Nashet hat im August 2018 zusammen mit der NGO medico international mit dem Bau von Gärten begonnen. Genutzt werden dafür die wenigen freien Flächen, die es in Ain al-Hilweh gibt: die Dächer. Durch ein Zelt, das als Gewächshaus genutzt wird, können die Frauen der Kooperative in drei Jahreszeiten biologisches Obst und Gemüse anbauen. Mit der Ernte versorgen die Frauen ihre Familien. So sparen sie Geld, das sie sonst auf dem Markt ausgeben müssten. Ernten die Gärtnerinnen mehr, als sie benötigen, können sie die Überschüsse mit Unterstützung der Frauenkooperative Zewedetna auf Märkten außerhalb des Lagers verkaufen.

„Die Kooperative unterstützt Frauen dabei, sich unabhängig zu organisieren und ermutigt sie, sich zu emanzipieren“, schreibt medico international auf der Homepage des Projekts. „Die Dachgärten bedeuten für viele von ihnen einen ersten Schritt in die Selbstständigkeit und ökonomische Unabhängigkeit.“ Nashet und medico international stellen pro Dachgarten eine Stahlkonstruktion, Nylonnetz, Plastikrohre, falls benötigt Bewässerungstechnik, Bioerde und -dünger, Setzlinge sowie Training, Beratung und Begleitung zur Verfügung.

Die 42-jährige Hanan Hajaj ist Mitglied von Nashet und Dachgartenbesitzerin. Es gebe ihr Seelenfrieden, dort zu sein, sagt sie. „Die drückende Stimmung des Lagers ist dann sehr weit weg.“ Auch Um Ammer hat ein Gewächshaus auf dem Dach. „Über die Paprika, die ich in meinem Haus verteilt habe, anstelle sie zu kaufen, habe ich viel Geld gespart“, sagt sie. Inzwischen könne sie das ganze Haus beliefern. Das Projekt verspricht pro Jahr eine Ernte zwischen 1.000 und 3.000 Kilogramm Obst und Gemüse, je nach Größe des Gewächshauses.

Zehn solcher Dachgärten gibt es inzwischen – die Nachfrage danach ist aber deutlich höher. Über 100 Bewerbungen für einen Dachgarten liegen Nashet und medico international derzeit vor. Einen Dachgarten kann bekommen, wer Zugang zu einem Dach hat und bereit ist, eng mit der Frauenkooperative Nashet zusammenzuarbeiten. Laut Angaben von medico international kostet ein kompletter Dachgarten 1.000 Euro – inklusive Biosamen, Biodünger, Bewässerungssystem und Wassertank. Mithilfe von Spenden sollen 2020 50 neue Dachgärten entstehen.

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