So streitest du dich in deiner Beziehung ohne Drama

Es müssen keine Teller fliegen: Eine Studie hat untersucht, wie glückliche Paare Konflikte klären. Und eine Expertin beschreibt, wie wir besser streiten.

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Es muss nicht alles im Streit enden. Foto: Arif Riyanto / Unsplash | CC0

Glühende Tränen der Wut, Gebrüll, giftige Worte und garstige Sprüche – das muss nicht sein. Streit in der Beziehung geht auch anders. Wissenschaftler*innen der University of Tennessee haben unlängst in einer Studie untersucht, wie glückliche Paare mit Streit in der Beziehung umgehen.

Glückliche Paare streiten auch – nur nicht über alles

Dazu haben die Forscher*innen unterschiedlich alte Paare ausgesucht, die sich selbst als sehr glücklich verheiratet beschreiben, und ihr Streitverhalten untersucht. Ergebnis: Einerseits streiten fast alle Paare um die gleichen Themen: Kinder, Geld, Schwiegereltern, Intimität, Kommunikation, Haushalt. Andererseits konzentrieren sich glückliche Paare dabei aber in erster Linie auf Lösbares.

„Glückliche Paare neigen zu einem lösungsorientierten Angang an Konflikte, und das zeigt sich sogar in den Themen, die sie sich für Diskussionen aussuchen“, sagt die leitende Studienautorin Amy Rauer. Sie wählen demnach Probleme aus, die sie gemeinsam leicht lösen können und meiden instinktiv Themen, die sehr schmerzhaft, verletzend oder langwierig zu klären sind.

Das könnte laut Rauer einen Teil ihres Eheglücks ausmachen. „Wer sich auf die immer wiederkehrenden, schwierigeren Probleme fokussiert, kann damit das Vertrauen des Partners in die Beziehung untergraben“, so Rauer.

Klar, dass es nichts bringt, immer wieder über den gleichen Mist zu zanken, der so richtig an die Substanz geht. Aber gar nicht über tief sitzende Sorgen und Kümmernisse zu sprechen und sie unter den Teppich zu kehren – das kann’s ja auf Dauer auch nicht sein. Fragen wir doch mal eine Expertin, die sich jeden Tag beruflich damit befasst.

Keine Angst vor komplexen Konflikten

„Die große Kunst der Problemlösung besteht darin, zu erkennen, welche Probleme kann ich selbst lösen, welche die andere Person und welche liegen außerhalb unserer Lösungskompetenz“, erklärt die Berliner Paarberaterin Anna Holfeld.

Das heißt also: Nicht unter den Teppich kehren, sondern analysieren und kategorisieren. Die Sache mit dem Müll rausbringen lässt sich deutlich leichter klären als die Frage: Warum haben wir eigentlich seit zwei Jahren keinen Sex mehr und bleibt das jetzt so?

Doch auch komplexe Schwierigkeiten können und sollten Paare angehen. „Bei heikleren Themen, also scheinbar unlösbaren Konflikten, kann man allein oder mit Hilfe versuchen, Teilprobleme zu lösen oder sich zumindest darauf zu einigen, keine Lösung zu finden“, sagt Anna Holfeld. „Wenn das im Dialog geschieht, in Kontakt mit sich selbst und der anderen Person, dann erkennen beide leichter, wo eine Lösung möglich ist.“

Nicht reden ist also definitiv keine Lösung. Auch sehr unangenehme Probleme können und sollten zumindest von beiden (an)erkannt werden. Ein lapidares „“Das täuscht! Ist doch alles supi, Schatzmausengelchen“ schadet der Beziehung.

Diese Tipps helfen bei Streit in der Beziehung

Erstens ist es wichtig, bei Streit in der Beziehung nicht nur auf das Verhalten des*der andere*n zu gucken, sondern bei sich selbst zu beginnen. Was trage ich eigentlich zur Situation bei? „Es ist viel einfacher, den Finger auf die andere Person zu richten. Wirklich Verantwortung für den Konflikt und das eigene Verhalten zu übernehmen, das fällt vielen Streitenden schwer“, sagt Anna Holfeld.

Ohne Selbstreflexion geht es laut Paarberaterin nicht: „Von mir selbst zu sprechen, mich für meine Fehler zu entschuldigen, wieder offen für die andere Person zu sein – das kann erst dann gelingen und damit den Streit in der Beziehung verändern.“

Außerdem wichtig: das wann und wo. Wer sich im Supermarkt oder auf dem Sprung zur Arbeit zofft, hat von Anfang an schlechte Chancen auf eine vernünftige Lösung. Besser: ein gutes Setting aussuchen. Dazu gehören laut Holfeld die Fragen: Befinden sich beide auf Augenhöhe und können sich gut sehen? Können sie sich hören oder ist es zu laut? Sind ungewollte Zuhörer*innen in der Nähe? Haben beide Zeit für einen Streit?

Wer sich richtig Zeit dafür nimmt und nicht zwischen Tür und Angel anzickt, hebt Streit in der Beziehung damit auf das nächste Level. „Sich vorher überlegen, was genau das eigene Motiv ist, was man erreichen will, was man nicht bereit ist zu geben und was man investieren möchte“, rät Anna Holfeld. Anders gesagt: Mit dem*der Partner*in in Ruhe über klärungsbedürftige Probleme sprechen, bevor sie zu emotional aufgeladenen, schwelenden Streitthemen werden.

Und wenn von den Streitenden eine*r dazu neigt, mehr Raum und Zeit zu beanspruchen, kann auch der Timer im Handy helfen: „Zum Beispiel viermal fünf Minuten Sprechzeit einstellen; jede Person ist fünf Minuten lang ungestört dran, dann wird gewechselt“, rät Anna Holfeld.

In der Kommunikation ist logischerweise auch das Wie entscheidend. Statt „Immer machst du“ oder „Nie sagst du“ lieber von sich selbst und den eigenen Gefühlen sprechen. „Richtige Ich-Sätze beinhalten eine Beobachtung, ein Gefühl, ein Bedürfnis, vielleicht eine Bitte. Ein Satz wie ‚Ich finde, dass du …‘ ist kein Ich-Satz. Besser: Mir geht es gerade nicht gut, ich erlebe dich als unruhig und mich interessiert, was dich beschäftigt“, so die Paarberaterin.

Grundsätzlich gilt: Nie unter die Gürtellinie gehen und nichts sagen, was du für immer bereuen könntest, weil du dich selbst verletzt fühlst. Dann lieber kurz an die frische Luft gehen und durchatmen. Das sagt auch Anna Holfeld: „Im Streit ruhig, überlegt, empathisch, freundlich und respektvoll bleiben – das ist schon die halbe Miete.“

Es geht nur gemeinsam

Also, nicht mit dem Finger fuchtelnd auf den*die andere*n zeigen, sondern bei sich selbst anfangen; echte Ich-Botschaften statt garstiger Vorwürfe; sachlich und respektvoll bleiben; Zeit und Raum für den Konflikt in Ruhe auswählen und überlegen, ob irgendwo professionelle Hilfe nötig wäre. Dann wird aus Streit in der Beziehung kein tränenreiches Drama. Doch eins ist dabei trotzdem klar: All das funktioniert nur dann, wenn beide gleichermaßen offen und bereit sind, an der Beziehung zu arbeiten.