So tickt die jüngste deutsche Abgeordnete im Europäischen Parlament

Delara Burkhardt ist eine von 96 deutschen Abgeordneten im Europaparlament. Um ihre Generation dorthin zu holen, will sie sich auch von Schulklassen beraten lassen.

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Irgendwann entschied Delara, dass es ihr nicht mehr reicht, "von der Seitenlinie zu pöbeln." Foto: © Bernd Marzi

Als am 26. Mai die Europawahlen zu Ende gehen, ist Delara Burkhardt den ganzen Tag lang unterwegs. Kaum gibt es die ersten Hochrechnungen, kommentiert sie die Sitzverteilung im Radiointerview: 16 Abgeordnete ihrer Partei, der SPD, haben es ins Europäische Parlament geschafft – eine davon ist sie selbst.

Abends stößt sie mit Familie, Freund*innen und ihrem Wahlkampfteam darauf an. Bei Delara herrscht Gefühlschaos, wie sie heute erzählt: „Ich hatte nur das historisch schlechte Wahlergebnis der SPD im Kopf, gleichzeitig gratulierten mir alle zu meinem Einzug ins Parlament.“ Am nächsten Tag sei ihr klar geworden, dass sie genau deshalb kandidiert habe: „Ich will ja gerade dafür sorgen, dass wir aus diesem Tief herauskommen.“

Für Veränderungen muss man kämpfen

Mit fünfzehn trat Delara in die SPD ein, um sich für längeres Lernen und damit gegen das achtjährige Gymnasium (G8) einzusetzen: Als in Schleswig-Holstein das Turbo-Abitur in acht Jahren eingeführt wurde, war sie Teil der Protestbewegung. Aus der Entscheidung der damals schwarz-gelben Landesregierung zog sie ihre eigenen Schlüsse: „In unserer Demokratie muss man in Parteien gehen, damit sich in Parlamenten etwas tut“, sagt sie heute.

Bei den Jusos, der Jugendorganisation der SPD, kämpfte sie für den Atomausstieg, wurde stellvertretende Bundesvorsitzende und war bei Bildungsprojekten im Nahen Osten, auf dem Balkan und in Nordafrika dabei. Gleichzeitig machte sie Abitur und studierte danach Politik und Sozialökonomie in Kiel und Hamburg. Um in einer Kommunikationsagentur zu arbeiten, blieb sie anschließend in Hamburg. Der Job gefiel ihr, muss vorerst aber Platz machen. In Brüssel und Straßburg will sie in den nächsten fünf Jahren europäische Politik verändern.

Delara zählt zu den Politiker*innen, die ihre eigene Partei auch mal scharf kritisieren. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, das sind für sie die Grundwerte der SPD. Delara bezeichnet sie als ihren politischen Kompass. Sie fordert, dass die SPD sich in ihrer Politik konsequenter an diesen Grundwerten orientiert: Entscheidungen wie die der SPD im Bundestag, die Verschärfung im Asylrecht zuzulassen, die Delara nur Hau-ab-Gesetz nennt, machen sie wütend. Sie kämpft für legale Seenotrettung, für mehr Klimaschutz durch einen Preis auf Kohlendioxid und gegen Waffenexporte in Krisenregionen.

Praktische Unterstützung von Schulklassen

Im Europäischen Parlament lag das Durchschnittsalter der Abgeordneten vor der Wahl bei 55 Jahren. Delara ist 26 Jahre alt – also nicht einmal halb so alt. Damit ist sie die jüngste deutsche Abgeordnete, wird aber europaweit noch unterboten: Die Dänin Kira Marie Peter-Hansen ist seit den vergangenen Wahlen mit 21 Jahren die jüngste EU-Abgeordnete aller Zeiten.

Zuerst auf das Alter angesprochen zu werden, kann nerven. „Das ist so ein Stempel, den man aufgedrückt bekommt“, sagt Delara. „Dass ich als politische Person unabhängig von meinem Alter hier bin, wird dann schnell vergessen.“ Im Wahlkampf war sie in Schulen genauso wie in Senior*innenresidenzen: Das Gefühl, bei Veranstaltungen mit jungen Menschen vorgeschickt zu werden, hatte sie nie. „Politische Forderungen allein sind nicht jung“, sagt sie. „Jung sein ist eine Lebensperspektive, die in unseren Parlamenten schlecht vertreten ist. Junge Menschen sind zwar unterschiedlich, aber haben gemeinsame Interessen. Dazu gehört der Klimaschutz. Deshalb will ich ihre Perspektive einbringen.“

Ich wollte zeigen, dass man es auch anders machen kann, wenn man selbst in einem Parlament sitzt.

Delara Burkhardt

Als Abgeordnete möchte sie ansprechbar sein – auch für die, die noch zu jung sind, um sie zu wählen. Ein Schüler habe ihr einmal gesagt, dass er beim Thema Europa immer nur Klugscheißerwissen höre, aber nie erfahre, was das mit seinem Leben zu tun hat. In den nächsten Jahren will sie sich unter anderem von Schulklassen in aktuellen Entscheidungen beraten lassen: So sollen Schüler*innen die EU nicht nur in Planspielen, sondern gleich in der Praxis kennenlernen.

Mehr als nur für oder gegen Europa

Europa möchte sie insgesamt in den Mittelpunkt rücken: „In der deutschen Öffentlichkeit findet das Europäische Parlament kaum statt“, sagt sie. „Um das zu ändern, müssen die Parteien sich europaweit vernetzen, das Europaparlament muss in den Medien auftauchen.“ Sie will präsent sein, um Europa auch in ihre Heimat, nach Schleswig-Holstein, zu holen: „Man muss nicht auf jedes Projekt zeigen, das mit EU-Geldern gefördert wird, sondern Europa als politischen Ort, in dem wir unsere Stimme erheben und mitbestimmen müssen, sichtbar machen.“

Ihre Motivation, zu kandidieren, war wieder einmal, Politik anders zu machen. „Die Europawahl wurde auf die Frage reduziert, ob wir für oder gegen Europa sind“, sagt sie, „dabei haben die pro-europäischen Parteien ganz unterschiedliche Ansichten. Es geht darum, welches Europa wir wollen. Gerade weil Rechtspopulist*innen in Europa immer stärker werden.“ Als die SPD nach den Bundestagswahlen 2017 den Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU zustimmte, entschied Delara, dass es ihr nicht mehr reichte, „von der Seitenlinie zu pöbeln“, wie sie sagt. Sie fasste den Entschluss, Verantwortung zu übernehmen: „Ich wollte zeigen, dass man es auch anders machen kann, wenn man selbst in einem Parlament sitzt.“

Bevor sie in Brüssel für Veränderungen kämpfen kann, muss sie organisieren. Zuvor war sie Studentin und Arbeitnehmerin, jetzt ist sie Abgeordnete und Arbeitgeberin: Was zuvor ein Ehrenamt war, ist jetzt ihr Job. Eine Wohnung in Brüssel besorgen, ein Team aus Mitarbeiter*innen zusammenstellen, Büros in Schleswig-Holstein einrichten – die Liste mit Sachen, die sie erledigen muss, ist lang. Bisher konnte sie zwei Menschen in Brüssel und zwei in Kiel für ihr Team gewinnen; weitere Stellen muss sie aber noch besetzen. In den letzten Monaten haben sie Hunderte Bewerbungen von Menschen erreicht, die Lust haben, in ihrem Team zu arbeiten. Zeit, ihnen allen zu antworten, hatte sie bisher noch nicht.

Während ihrer Zeit im Parlament wird sie jede Woche zwischen einem der beiden Sitze des Europäischen Parlaments in Brüssel und Straßburg sowie ihrer Heimat Schleswig-Holstein pendeln, um ihre Arbeit auch den Menschen zugänglich zu machen, die sie gewählt haben, und mit Organisationen, Gewerkschaften und Betrieben in ihrer Heimat zusammenzuarbeiten. Anfang Juni setzte sie sich im Bahnhof in Kiel in den Zug und fuhr zum ersten Mal seit der Wahl nach Brüssel. Mit gepackten Koffern lief sie erstmals durch den Abgeordneteneingang ins Europäische Parlament. „Das war ein verrückter Tag“, sagt sie. „Da hab ich schon viel Verantwortung für das gespürt, was ich da reißen will.“