So treuherzig sehen Hunde aus, die vor Berliner Läden warten

Jeden Tag trifft unsere Praktikantin auf Hunde vor Supermärkten, Apotheken oder Dönerbuden. Dabei stellt sie fest: Trotz des schnelllebigen Alltags in der Großstadt bleiben Hunde während sie warten seelenruhig.

In meiner Kindheit haben meine Familie und ich samstagabends vor dem Fernseher gesessen und die ZDF-Serie Unser Charly geschaut. Als ich drei Jahre alt war, bekamen wir einen Mischlingswelpen und benannten ihn nach dem Affen Charly aus der Serie, weil er unsere Familie genauso vervollständigt hat. Er war ein Schäferhund, ein kleiner Münsterländer Mix mit weichen Schlappohren und braun-schwarzem Fell. Als er älter war, ist er einmal weggelaufen und hat meine Geschwister und mich schlaflos und voller Sorge zu Hause gelassen. Irgendwann mitten in der Nacht hat es an der Tür gekratzt und er war zurück.

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Danach riss er immer wieder aus, kam aber trotz seiner Abenteuerreisen immer wieder zu uns zurück. Einmal bekam er sogar Knochen von einer Metzgerin, als er bei ihr Halt machte. Im Nachhinein kann ich über sein Weglaufen positiv sprechen, weil ihm und auch anderen zum Glück nichts passiert ist. Er hat die Freiheit einfach geliebt.

Charly wurde 16 Jahre alt

Wenn ich jetzt sage, er war der Beste, fühlt sich das für mich immer noch wie eine Untertreibung an. Ich erinnere mich daran, dass ich nach der Schule, noch bevor ich irgendetwas anderes tat, mit ihm über die Feldwege lief. Das gab mir dasselbe Gefühl, das andere Menschen wahrscheinlich beim Yoga oder Meditieren haben. Wenn ich mich neben ihn setzte, legte er seinen Kopf auf meinen Schoß und ich hörte fast auf zu atmen, damit er ihn ja nie mehr wegnahm.

Er liebte Schweineohren und Leberwurstbrote, weshalb ich oft kleine Leckereien unter Blumentöpfen versteckte oder sie im Garten verteilte, die er dann selbst suchen sollte. Manchmal drehte ich auch Putzeimer um und legte einen Besenstiel darauf. Dann sprang er darüber.

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Als ich im Januar 2015 18 Jahre alt wurde, war er selbst schon 15 und mir wurde klar, dass seine Stärke nicht mehr lange ausreichen würde. Er wurde langsam schwächer und müder. Mein Bruder und ich kauften uns einen Golden Retriever/Labrador-Welpen, die unserem Charly eine beachtliche Zeit lang neue Lebensenergie schenken konnte. Irgendwann reichte aber leider auch ihr aufgewecktes Wesen nicht mehr und er begann, des Lebens müde zu werden. Kurz darauf, im September 2016, starb er.

Mein Hund war perfekt für mich

Viele behaupten wohl, ihr Hund sei der Beste, Schlauste und Tollste und wahrscheinlich liegt damit keine*r von ihnen falsch. Denn Charly war perfekt für mich, so wie es andere Hunde wohl auch für andere Menschen sind.

Zurzeit lebe ich in Berlin und weil meine junge Hündin, die wir 2015 aufnahmen, gerade in meiner Heimat ist, fehlt sie in meinem Leben. Also beobachte ich Hunde von anderen Menschen auf den Straßen. Am besten kann ich sie mir anschauen, wenn sie irgendwo auf ihre Besitzer*innen warten. Am liebsten würde ich diese Hunde jedes Mal knuddeln, weil sie so süß sind und den Passant*innen ihre Treue ihren Besitzer*innen gegenüber beweisen.

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Sie sitzen genau dort, wo sie abgesetzt wurden, sind ganz still und warten einfach. Meistens schauen sie in das Geschäft rein und lassen sich nicht durch die hektischen Straßen ablenken. Manche Hunde bemerken mich und die Aufmerksamkeit, die ich ihnen schenke, und wedeln mit dem Schwanz. Aber keiner von ihnen bellt mich an oder jault nach seinem Herrchen oder Frauchen.

Der Hund ist das einzige Wesen auf Erden, das dich mehr liebt als sich selbst.“ – Josh Billings, US-amerikanischer Comedian aus dem 19. Jahrhundert

Wer jetzt sagt „Die können ja nicht anders, wenn sie angebunden werden“, sollte sich manche Fotos genauer anschauen, denn nicht alle Hunde sind angeleint.

Dass manchen Hunden erlaubt werden kann, ohne Leine vor dem Laden auf seine*n Besitzer*in zu warten, lässt sich nur durch eins erklären: Der Fokus des Hundes liegt nicht auf dem Weglaufen, sondern allein auf seinem*r Besitzer*in und darauf, dass er*sie zurückkommt.

Hundecoach Frank Rosenbaum erklärte mir, warum Hunde so treu sind. Warum ein Hund nicht wegläuft, obwohl er könnte, hat drei Gründe.

1. Training

Der Hund ist ein Rudeltier und kann lernen, sich von einem Ort nicht zu entfernen, wenn es ihm aufgetragen wird.

2. Beziehung

Die Beziehung zwischen dem Hund und seinem*r Besitzer*in ist ausschlaggebend. Wenn die erwartete Person nach dem Einkaufen wiederkommt, erfährt der Hund jedes Mal nach dem Warten ein positives Gefühl und Freude.

3. Alter und Charakter

Ist der Hund von Natur aus eher quirlig und aufgeregt, ist es schwerer, ihm beizubringen, auch ohne Leine vor dem Markt auf einen zu warten. Ist der Hund schon etwas älter und ruhiger, kann es einfacher sein, ihn ebenso entspannt vor einem Laden vorzufinden.

„Wer das Vertrauen des Hundes gewinnt, wird mit Treue belohnt“, meint Rosenbaum. Das stimmt.